Rothenburgsort: Neue Potenziale

HafenCity-Nachbar Rothenburgsort will mit moderner Wohn- und Arbeitsqualität wachsen
Plus: Interview mit Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit über Rothenburgsort

Stellen Sie sich vor, Sie fahren per Rad oder Auto über die Elbbrücken Richtung City und erblicken rechts, wo bislang Brache und Asphalt zu sehen sind, eine schicke, einladend wirkende Brücke. Sie führt übers Wasser hinüber zum grünen Gebiet, das Sie vielleicht noch nicht kennen: den Elbpark Entenwerder. Die Brücke hat einen leichten Schwung, ist 135 Meter lang und überspannt den Elbarm auf zwei Stützen stehend. Sie macht Lust aufs Drübergehen, denn sie hat viel Platz für Fußgänger und Radfahrer. Autoverkehr ist tabu. 
Foto oben: Neue Nähe: Die Fahrrad- und Fußgängerbrücke wird künftig die HafenCity und Rothenburgsort direkt mit dem Entenwerder-Park verbinden.© HafenCity Hamburg GmbH | SMP

Das ist keine Vision. Spätestens in drei Jahren wird es diese Brücke geben, die die HafenCity mit Rothenburgsort verbinden wird. Das Bauwerk ist Teil des Stadtentwicklungsprojekts „Stadteingang Elbbrücken“, das die Gegend rund um die Elbbrücken meint, zu der Teile der östlichen HafenCity ebenso gehören wie Flächen Rothenburgsorts und der Veddel. Bereits seit Mitte Dezember fahren die Buslinien 130 und 119 vom S- und U-Bahnhof Elbbrücken rüber nach Rothenburgsort und sorgen für mehr Nachbarschaft. Doch der Stadtraum, den sie durchqueren, ist weiterhin unwirtlich. Kein Wunder, dass noch immer viele Hamburger Rothenburgsort eher als Vorbeifahrstadtteil wahrnehmen. 

Was die Menschen verpassen! Die Wasserkunst auf Kaltehofe und das Café Entenwerder 1 am Elbpark sind heute Hotspots in jedem Stadtführer. Wo in Hamburg außer auf dem Michel spielt regelmäßig ein Blechbläser vom Kirchturm? Die evangelische Kirchengemeinde St. Thomas hat nicht nur den ehrenamtlichen Musiker engagiert, der freitagabends Posaune durchs Turmfenster bläst, sondern auch ein reges Gemeindeleben. Es gibt wenig schöne Häuser im Viertel, schließlich wurde Rothenburgsort im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Doch umso engagierter sind die Mitglieder des Stadtteilrates und anderer Gruppen, die sich streitbar in die Politik einbringen. 

Die Initiative „Hamburgs wilder Osten“ organisiert im Sommer den Elbbadetag und erkämpfte sich die Oberhafenconnection, den tollen Radweg von den Deichtorhallen nach Osten. Auch zum Stadtteil gehören ein Wanderpaddlerverein, Werften, Hausboote mit Gewerbe und wenn auch keine In-Kneipe, so doch ein paar nette Lokale im Zentrum, dazu der Brandshof westlich der Elbbrücken mit der Oldtimer-Tankstelle und dem PEM-Theater.

Derzeit entstehen an jeder Ecke neue Baustellen. Südlich der S-Bahngleise rund um die Marckmannstraße, wo in den vergangenen Jahren ein Biotop aus Ateliers, Galerien, einer Kaffeerösterei und Kunsthandwerkstätten entstanden ist, werden Gewerberäume abgerissen und Wohnungen gebaut. Die Mundhalle gehört dazu, in der Kunsthandwerker arbeiteten. Sie haben eine neue temporäre Wirkungsstätte im Kreuzfahrtterminal Grasbrook gefunden. Ein Grund, warum Rothenburgsort trotz Citynähe keine Luxuslage bietet, wird sich vorerst nicht ändern lassen: die Belastung durch Schadstoff- und Lärmemissionen. Deswegen hat die zuständige Billebogen Entwicklungsgesellschaft mbH & Co. KG (BBEG), eine Tochter der HafenCity GmbH, die Aufgabe, den Stadteingang Elbbrücken vornehmlich als gewerblich geprägten Stadtraum zu entwickeln. 2022 soll die Umgestaltung des Autobahnkleeblattes starten. Die Planung: kleinteilige Gewerbebauten anstelle der überdimensionierten Autobahnzubringer. 

Es wird Zeit, sich kennenzulernen. Auf dieser Seite werden wir Ihnen künftig Menschen und Projekte aus Rothenburgsort, kurz: RBO, vorstellen und über die Stadtentwicklungen berichten, die Rothenburgsort und die HafenCity betreffen. Katrin Wienefeld 

INFO Informationen zum Stadteingang Elbbrücken finden Sie unter www.billebogen.de

Carola Veit und ihr Wahlkreis Rothenburgsort: „Politik muss neue Ideen so kommunizieren, dass die Bürgerinnen und Bürger Lust haben, sie gemeinsam zu entwickeln.“ © Thomas Hampel
Carola Veit und ihr Wahlkreis Rothenburgsort: „Politik muss neue Ideen so kommunizieren, dass die Bürgerinnen und Bürger Lust haben, sie gemeinsam zu entwickeln.“ © Thomas Hampel

„Behutsam entwickeln“

Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit im Gespräch über Rothenburgsort

Frau Veit, seit 15 Jahren sind sie politisch in Rothenburgsort aktiv, ihr Abgeordnetenbüro liegt zentral beim Marktplatz. Wie oft sind sie im Stadtteil unterwegs?  Ich bin mindestens einmal wöchentlich vor Ort im Büro, das normalerweise auch fast täglich besetzt ist. Und ich fahre sehr oft mit dem Fahrrad durch den Stadtteil und kaufe viel dort ein. 

Rothenburgsort liegt im Fokus der Stadtplaner. Was bedeutet es für Sie als Abgeordnete eines lange vernachlässigten Stadtteils, auf dem nun Begehrlichkeiten liegen? Ich sehe mich als politische Anwältin von Rothenburgsort, auch in Richtung derjenigen, die solche Begehrlichkeiten zeigen. Wobei ich die Stadtentwicklungsbewegungen grundsätzlich positiv sehe. Hier kommen viele Interessen zusammen, Stichworte sind der Elbtower, das Branntweinmonopol oder die Planungen rund um die Elbbrücken mit dem Autobahnkleeblatt. Diese Themen werden ja nicht angefasst mit dem Ziel, Rothenburgsort schöner zu machen oder zu entlasten, sondern da sind übergeordnete Überlegungen der Auslöser. Meine Aufgabe ist es, darauf hinweisen, dass dabei immer auch ein Stadtteil mit seinen Bewohner*innen zu berücksichtigen ist, der durchaus eigene Ideen hat.

Was ist das Besondere an Rothenburgsort? Wir haben eine sehr besondere Lage. Innenstadtnah ganz zentral zwischen großen Verkehrsachsen, den Elbbrücken, den Bahnlinien, und wir haben zusammen mit Billbrook das zweitgrößte Industriegebiet Hamburgs nach dem Hafen. Diese Nähe spielt eine wichtige Rolle, wenn es um Emissionen geht oder Beschränkungen, etwa, weil in der Nähe von sogenannten Störfallbetrieben keine Wohnungen gebaut werden dürfen. Im Süden beschränkt uns die Peute mit dem Kupferhersteller Aurubis und ähnlichen Restriktionen. Das alles sind Dinge, an denen man erst mal wenig ändern kann. Die Bebauungspläne sind teils sehr alt, es gibt für manche Ecken sogar noch Durchführungspläne oder Hafenbezug, so wie am Haken bei Entenwerder. Das muss behutsam neu entwickelt werden. Man kann sagen, das ist quasi wie in einem „Stadtentwicklungslabor“, weil so viele Faktoren zusammenkommen.

Sind Stadtentwicklungsprojekte wie „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ eine Chance oder verliert der Stadtteil die Identität? Warum sollte er seine Identität verlieren? Dieses Konzept der Stadtentwicklung ist für mich eher so etwas wie ein Anspruch gegenüber dem Rest der Stadt, denn uns steht hier auch etwas an positiver Entwicklung zu. Wir müssen in Rothenburgsort eine gute Mischung hinbekommen von Altem und Neuem für die Menschen, die Wohnungen und den gesamten Stadtteil. Stadtplanungen bringen ja immer auch Unruhe in einen Stadtteil, der durch viel Lärm und Verkehr vorbelastet ist. Man muss stets im Blick haben, was den Menschen vor Ort gleichzeitig zugemutet werden kann. Ich wünsche mir, dass es eine abgestimmte übergeordnete Planung gibt und Projekte so realisiert werden, dass die Anwohner nicht mehr als nötig beeinträchtigt werden. Und Politik muss neue Ideen so kommunizieren, dass die Bürgerinnen und Bürger Lust haben, sie gemeinsam zu entwickeln. 

Was braucht es, damit die beiden Stadtteile HafenCity und Rothenburgsort gute Nachbarn werden können? Es ist zweifelsohne eine Herausforderung, weil das Zusammenwachsen von Stadtteilen wirklich ein Jahrhundertprojekt ist. Und eine Riesenchance. Vor allem, wenn der neue „Schulcampus“ da ist. Wir haben uns immer eine weiterführende Schule für Rothenburgsort gewünscht, doch das gibt der Stadtteil mit seinen nur 9000 Bewohnerinnnen und Bewohnern nicht her. Mit dem Schulcampus werden die Karten für die Kinder neu gemischt, egal, was sie zuvor für eine Schulempfehlung bekommen haben. Der Campus, der Gymnasium und Stadtteilschule vereint, bietet eine Schulform mit hoher Durchlässigkeit an. Ich freue mich sehr darauf. Seit diesem Winter haben wir mit der Buslinie 119 auch eine direkte Anbindung zu den Elbbrücken. Das ist ein starkes Symbol dafür, dass wir einander näherkommen.
Das Gespräch führte Katrin Wienefeld

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