»Strukturwandel radikaler umsetzen«

Für Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, hat Hamburg Zukunft, wenn man den Hafenentwicklungsplan dynamisch erneuert, viel radikaler auf den Strukturwandel reagieret und die Innenstadt neu erfindet
Plus Satzanfänge … vervollständigt von Henning Vöpel

Herr Vöpel, haben Sie sich zu Beginn der Pandemie vorstellen können, dass wir ein Jahr später nicht wesentlich weiter sind in der Bekämpfung der Corona-Krise als vor einem Jahr? Offen gestanden nicht. Meine Erwartung war, dass wir Ende letzten Jahres einigermaßen durch sein würden. Es sah ja eine Zeit lang im Sommer 2020 auch ganz gut aus. Inzwischen kann man, glaube ich, davon ausgehen, dass wir alle im Jahr 2021 geimpft sein werden und das Leben dann langsam wieder hochfahren wird. 
Foto oben: HWWI-Direktor Prof. Henning Vöpel: „Um Krisen bewältigen zu können – und die werden eher zunehmen – brauchen wir weniger Routine, sondern mehr Agilität.“ © Thomas Hampel

Wie nachhaltig wird die Corona-Krise die Hamburger Wirtschaft treffen? Relativ stark, weil diese Pandemie insbesondere Branchen hart trifft, die mit Dienstleistung zu tun haben, wie die Kultur, die Eventbranche und der Tourismus. Und diese Sektoren haben in Hamburg einen großen Anteil an der Gesamtwirtschaftsleistung. Die werden auch län­ger brauchen, um sich zu erholen; ich bin aber zugleich auch ganz optimistisch, dass diesen Branchen das in weiten Teilen wieder gelingen wird. Andere Bereiche wie die Innenstadt mit dem Einzelhandel waren schon vor der Corona-Pandemie strukturell in der Krise und das hat sich jetzt noch beschleunigt. Für sie wird es kein Zurück mehr geben in die Vor-Corona-Zeit. Die Innenstadt und der Einzelhandel müssen sich mit der Frage befassen, welche Modelle nach Corona noch funktionieren werden. Und auch die Stadt braucht eine neue Idee davon, wie es nach Corona mit der City weitergehen kann. 

Henning Vöpel auf der Dachterrasse des DigitalCampus Hammerbrooklyn über Chinas Staats-Dumpingpreise: „Das ist nicht schlimm. Der Handel und die Offenheit im Handel haben traditionell Hamburg immer Wohlstand gebracht. Handel bedeutet, gemeinsam wirtschaftliche Vorteile zu realisieren durch Spezialisierung, Toleranz und Wandel.“ © Thomas Hampel
Henning Vöpel auf der Dachterrasse des DigitalCampus Hammerbrooklyn über Chinas Staats-Dumpingpreise: „Das ist nicht schlimm. Der Handel und die Offenheit im Handel haben traditionell Hamburg immer Wohlstand gebracht. Handel bedeutet, gemeinsam wirtschaftliche Vorteile zu realisieren durch Spezialisierung, Toleranz und Wandel.“ © Thomas Hampel

Die Gastronomie erwirtschaftet duetschlandweit rund sieben Milliarden Euro Umsatz und schafft über sieben Millionen Arbeitsplätze. Wird das nach Corona wieder erreicht werden oder muss man sich, wie Analysten prophezeien auf „halbierte Umsätze“ einstellen? Das glaube ich nicht. In dem Moment, wo Begegnung wieder möglich ist, werden es die Menschen auch wieder wollen. Bei aller technologischen Entwicklung ist es über Jahrhunderte hinweg eine gesellschaftliche Konstante, dass man sich abends trifft und austauscht. Das kommt wieder. Natürlich werden durch die Pandemie auch Gewohnheiten in Frage gestellt und es braucht definitiv neue Ideen, um die Nachfrage bei den Leuten wieder auszulösen, denn viele haben sich vom Ausgehen entwöhnt und zu Hause in einem neuen Alltagsleben eingerichtet. 

Sie sagen, dass die Stadt und die Branchen neue Konzepte brauchen. Wo wird sich was verändern? Die Krise hat uns flexibler in der Nutzung von Dienstleistungen gemacht. Sie lassen sich viel stärker, als wir das bisher für möglich gehalten hätten, in unser Leben einflechten. Wohnen, Leben, Mobilität können wir mit unserer Arbeit verbinden, indem wir neue Formen der Interaktion nutzen. Das kann zum Beispiel unseren Wochenrhythmus verändern: Vielleicht müssen wir künftig nicht mehr sofort am Montag ins Büro und können deshalb den Sonntagabend ganz anders gestalten als wir das heute tun. Die Pandemie verändert unsere Lebensgewohnheiten und provoziert neues eigenes Verhalten.

Es ist klar, dass mit den heute aufgewendeten finanziellen Mitteln deutlich mehr passieren muss, als bestehende Strukturen zu schützen. Nach einem Jahr Pandemie muss man leider feststellen, dass die Finanzierung des zukunftsorientierten Struktur­wandels ausgeblieben ist.« Prof. Henning Vöpel, Direktor der Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts HWWI

Reichen die derzeitigen Hilfen des Staates für Unternehmen in Not? Das ist schwer zu sagen. Die Hilfen sind umfänglich, sie sind aber nicht immer zielgenau. Es sind nicht immer die erreicht worden, die besonders in Not geraten sind. Aber weil die Pandemie eine unverschuldete Krise ist, haben wir als Gesellschaft die Verpflichtung, vor allem diejenigen zu stützen, die in gutem Glauben darauf vertraut haben, dass der Staat in einer solchen Situation hilft. Deshalb ist es richtig, massiv zu unterstützen. Man muss aber differenzieren zwischen Geschäftsmodellen, die auch nach der Pandemie funktionieren werden und solchen, die unabwendbar vom Strukturwandel erfasst werden. Wir sehen, dass die Pandemie immer stärker mit den strukturellen Veränderungen zusammenwirkt. Da muss gut überlegt werden, ob wir wirklich alte Strukturen mit aktuellen Fördergeldern noch verteidigen wollen. 

Viele sind wütend, weil Milliarden Euro in Großunternehmen wie Tui oder Lufthansa investiert werden, bei den Soloselbstständigen und Klein-Unternehmen aber vieles nur schleppend und viel zu wenig ankommt. Darf man als Soloselbstständiger oder Kleinunternehmer neidisch auf die Großen sein? Ja. Das ist ein absolut nachvollziehbares Gefühl, wenn man sieht, dass Großkonzerne direkt und unbürokratisch umfangreiche Hilfe erfahren, während sie bei anderen klein ausfällt oder auch oftmals nicht ankommt. Die Tausende kleiner Unternehmen sind administrativ einfach viel schwerer für Finanz- und Steueradministration zu erreichen. Und die Enttäuschung und die Wut sind durchaus gerechtfertigt, denn es geht ja nicht darum, Strukturen und Unternehmen zu schützen, sondern Menschen und vor allem die kleinen Mittelständler und Selbstständigen zu unterstützen, die von der Pandemie betroffen sind. Und gerade das tägliche Leben in Städten ist deutlich stärker von vielen kleinen Dienstleistungen geprägt als von Tui oder Lufthansa. Deshalb müssen wir die Kleinen stützen, damit das Leben in der Stadt nach der Krise wieder lebenswert werden kann. 

Vita Prof. Dr. Henning Vöpel ist Direktor und Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Der 48-jährige gebürtige Hamburger ist in Schleswig-Holstein im Ort Büchen aufgewachsen, sein Vater war Landwirt und der Hof seit 1640 im Familienbesitz – seine Mutter ist Hamburgerin. Vöpel studierte Volkswirtschaftslehre in Hamburg und hat promoviert. Nach Auslandsaufenthalten in San Francisco und Boston wurde er 2010 als Professor an die HSBA, die Hamburg School of Business Administration, eine Hamburger Privat-Universität berufen. Henning Vöpel lebt seit zwölf Jahren mit seiner Frau zusammen und die beiden haben eine 18-jährige Tochter, die im Sommer 2020 ihr Abitur gebaut hat.

Was war der größte Fehler und was die beste Entschei­dung in der
Pandemie?
Die beste Entscheidung war, am Anfang der Pandemie, als niemand wusste, welche Gefahr von ihr ausgeht, sehr schnell gehandelt zu haben – epidemiologisch wie auch wirtschaftlich. Der größte Fehler lag auch am Anfang, als man es versäumt hat, intelligente und vorausschauende Konzepte zu entwerfen für den Fall, dass die Krise länger dauert – für die Schulen und Kitas, die Gesundheitsämter, die Organisation der Masken, Impfungen etc. Das ist aus heutiger Sicht schwer verständlich und enttäuschend. Wir erleben gerade eine schwere Krise der politischen Exekutive und der administrativen Institutionen. 

Sie haben im Mai 2020 zusammen mit dem früheren Ersten Bürgermeister Klaus von Dohnanyi mehr als nur ein Konjunkturprogramm, sondern einen radikalen Strukturwandel der deutschen Wirtschaft nach der Corona-Krise gefordert. Warum? Uns war klar, dass dieser Schock eine Welt trifft, die schon vor Corona von großen Umbrüchen gekennzeichnet war. Mit der Krise öffnet sich jetzt seit Monaten ein Fenster für radikalere Veränderungen – bei der Digitalisierung, aber vor allem auch bei der Klimakrise. Es muss jetzt zügig und konsequent gehandelt werden, wenn unsere Städte und die Wirtschaft in den kommenden 20 Jahren klimaneutral werden sollen. Deshalb ist klar, dass mit den heute aufgewendeten finanziellen Mitteln deutlich mehr passieren muss, als bestehende Strukturen zu schützen. Nach einem Jahr Pandemie muss man leider feststellen, dass die Finanzierung dieses zukunftsorientierten Strukturwandels ausgeblieben ist. Das schätzt Klaus von Dohnanyi nicht anders als ich ein. 

Henning Vöpel über Strategie: „Hamburg tritt bescheiden und leise auf und andere Bundesländer sind strategischer und offensiver beim Anwerben von Kapital und Köpfen unterwegs. Eine Stadt, die nicht über Kapital und Köpfe verfügt, wird nicht prosperieren.“ © Thomas Hampel
Henning Vöpel über Strategie: „Hamburg tritt bescheiden und leise auf und andere Bundesländer sind strategischer und offensiver beim Anwerben von Kapital und Köpfen unterwegs. Eine Stadt, die nicht über Kapital und Köpfe verfügt, wird nicht prosperieren.“ © Thomas Hampel

Bremst Corona den ökologischen und technischen Strukturwandel aus? Ja, aber nur vorübergehend, denn tatsächlich wird er beschleunigt. Deshalb werden gerade die Investitionen in den industriellen und digitalen Wandel nicht weit genug vorangetrieben. Nach der Krise, wenn sich der Nebel lichtet, wird deutlich werden, wer in der Krise bereits angefangen hat, sich auf die Zukunft einzustellen, und wer untätig war. München zum Beispiel hat jetzt eine Milliarde Euro Standortinvestition von Apple angezogen, in Berlin und Brandenburg baut Tesla zukunftsfähige E-Autos und schafft Tausende von Arbeitsplätzen. Hamburg darf gerade jetzt an Investitionen und an Tempo nicht nachlassen und muss die technischen, ökologischen und standortpolitischen Entwicklungen massiv vorantreiben, um selbst nicht ausgebremst zu werden. 

Setzt die Hamburger Wirtschaftspolitik zu stark auf Dienstleistungen und vernachlässigt dynamische Industrieentwicklungen? Ja, das ist meine Befürchtung, die ich seit vielen Jahren nicht immer zur Freude der Wirtschaft äußere. Aber von vielen wird diese Sorge geteilt. Die Fundamente unseres Wohlstands in der Stadt werden brüchiger. Und es ist gut, das rechtzeitig zu erkennen, denn desto mehr Zeit hat man zu handeln, bevor die Politik etwas für alternativlos erklärt. Denn das ist das Eingeständnis, dass man zu spät angefangen hat, die Dinge zu verändern. Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sich mit den Erfahrungen der Krise vorzustellen, wie die Zukunft aussehen kann und muss, und entsprechende Maßnahmen zu treffen. 

Das tägliche Leben in Städten ist deutlich stärker von vielen kleinen Dienstleistungen geprägt als etwa Tui oder Lufthansa. Deshalb müssen wir die Kleinen stützen, damit das Leben in der Stadt nach der Krise wieder lebenswert werden kann.«
Prof. Henning Vöpel

Liegen Sie als HWWI-Direktor dem Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher in den Ohren? Den Eindruck habe ich nicht und das ist auch nicht nötig. Peter Tschentscher ist jemand, der hinhört. Dennoch glaube ich, dass es gut wäre, den Strukturwandel radikaler zu interpretieren und umzusetzen. Die Umwälzungen sind sehr grundlegend. Es reicht nicht, Dinge ins Schaufenster zu stellen, wie ich es nenne, und zu sagen: Das haben wir doch schon. Die Dinge müssen konsequenter angegangen werden. Darin liegt die Chance, schneller zu sein als andere und eine gute Wettbewerbsfähigkeit zu erzielen. Diesen Quantensprung in der Entwicklung vermisse ich in Hamburg tatsächlich. 

Hat Hamburg ein zu kleines Karo? In Berlin hat der Unternehmer Windhorst vor sieben Jahren 160 Millionen Euro in ein Start-Up gesteckt und es jetzt mit 500 Millionen Euro verkauft. Das sind 212,5 Prozent Rendite vor Kosten und Steuern. Die Politik lobt sich und die kreative Start-Up-Szene, aber große Business-Deals gehen an Hamburg vorbei. Warum? Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen pflegen wir in Hamburg gern ein gewisses Understatement und ich finde es gut und sympathisch, dass die Hamburger nicht so viel Aufhebens um Dinge machen. Aber wir leiden auch darunter, dass wir dieses, wie Sie es nennen, kleine Karo als eine Schwäche haben. Und in einem Strukturwandel, wie wir ihn gerade erleben, ist es wichtig, nicht unterkritisch zu bleiben, sondern die größeren Weichen zu stellen, Prozesse konsequent und radikal in Gang zu setzen. Dafür muss man in größeren Veränderungen und in längeren Zeithorizonten denken, als wir das hier in Hamburg im Moment tun. Wenn man zu wenig tut, verlängert man nur die alten Pfade, verlässt sie aber nicht. Das müssen wir aber: Wir müssen heute reagieren, wenn wir wollen, dass die Stadt in zehn Jahren anders dasteht. 

Seit Sommer 2020 haben wir die Behörde für Verkehr und Mobilitätswende von Senator Anjes Tjarks. Finden Sie den Imperativ im Behördennamen zielführend? Ich finde es gut, weil es ungewöhnlich ist. Wir werden gerade in der Verwaltung lernen müssen, nicht nur in Routinen und maximaler Verlässlichkeit zu denken. Um Krisen bewältigen zu können – und die werden eher zunehmen – brauchen wir weniger Routine, sondern mehr Agilität. Deshalb finde ich es nicht nur mutig, sondern richtig, Veränderung zu einem Ziel von Verwaltungsarbeit zu machen. Im Gegenteil. Ich würde mir wünschen, dass es nicht allein auf die Mobilität beschränkt bliebe.

Das HWWI kann hilfreich sein als Thinktank, der die Stadt in schwerer See und in Zeiten großer Umbrüche begleitet und manchmal durch unangenehme Wahr­heiten Impulse setzt. Die Welt verstehen, um die Zukunft zu gestalten. Darum bemühen wir uns.«
Prof. Henning Vöpel

Ich nenne Ihnen drei Persönlichkeiten der Hamburger Wirtschaft, damit Sie sie bitte einordnen. Erstens Gunther Bonz, Generalbevollmächtigter der Containerterminal- und Logistik. Ich schätze sehr, dass er die Dinge auf den Punkt benennt und eine klare, kritische Einschätzung zur Entwicklung des Hamburger Hafens hat. Umgekehrt vertritt er natürlich ganz bestimmte kommerzielle Interessen.

Was halten Sie vom aktuell diskutierten Zusammenschluss von Eurogate und HHLA, der Hamburger Hafen und Logistik AG? Ich glaube, dass eine Fusion der richtige Schritt wäre, weil sich im Hafen große Linien verschieben. Dass die HHLA sich beispielsweise in Triest beteiligt, stärkt zwar nicht unbedingt den Hamburger Hafen, weil ihm dadurch möglicherweise Ladung verloren geht. Aber man darf die Augen vor den Veränderungen im Handel und im internationalen Wettbewerb nicht verschließen. Ein Zusammenschluss wäre sicherlich eine gute norddeutsche Kooperation. Dennoch: Oft sind die angenommenen Synergie- und Effizienzpotenziale viel geringer, als sich die Beteiligten erhoffen. 

Was sagen Sie zur HHLA-Vorstandsvorsitzenden Angela Titzrath? Eine kluge Frau, die all das gut managt und ein gutes Gespür dafür hat, was nötig ist, um das Geschäft kurzfristig zu stabilisieren. Aber sie weiß auch, was es braucht, um langfristig erfolgreich zu sein: Digitalisierung, Automatisierung, Beteiligungsmanagement erneuern und strategische Handlungsfelder sehen und womöglich auch die Gefahr, dass Hamburg an die Peripherie gedrängt wird, weil China als der große Gewinner und die USA zumindest gestärkt aus der Krise hervorgehen werden. Europa ist nicht der Kontinent, der schnell die Zukunft gewinnen wird und das betrifft leider auch Hamburg. Frau Titzrath hat ein gutes Gespür für diese Veränderungen, zaubern wird auch sie natürlich nicht können.

Und drittens Jens ­Meier, CEO der HPA, der Hamburg Port Authority, die den Hafen managt und Eigentümer der meisten Flächen ist? Ich schätze ihn als Person außerordentlich. Von der HPA würde ich mir jedoch wünschen, dass sie mit den Strukturthemen deutlich offensiver umginge und sie klarer benennen würde – damit sich etwas zum Neuen bewegen würde. Ich nehme dagegen manchmal eine gewisse Verteidigungshaltung wahr, aber das eher aus der Ferne.

Fehlt dem Hafen ein Zukunftskonzept? Der alte Hafenentwicklungsplan sieht einen enormen Flächenbedarf vor. Den gibt es schon in der Gegenwart nicht mehr und die Prognosen, die man in der Phase der maximalen Globalisierung gemacht hat, müssen stark revidiert werden. Jetzt müsste man eine neue Strategie erarbeiten, die deutlich mehr Dynamik bei der Stadtentwicklung und aus dem Hafen heraus zulässt, indem sie vom alten Plan ablässt.

Wer muss damit anfangen? Aus meiner Sicht kann übergeordnete Richtungsentscheidungen eigentlich nur die Politik treffen, weil die Hafenunternehmer natürlich zuerst ihre eigenen Interessen vertreten. Keiner wird sagen: Lasst uns den Hafen für die Stadt neu denken. Aber die große Chance liegt genau darin, den Hafen mit seinem Flächenpotenzial in die übergeordnete Transformation der Stadt zu integrieren.

Ist das die Aufgabe der Wirtschaftsbehörde oder des ErstenBürgermeisters? Ich sehe es als Aufgabe des Bürgermeisters, von dem man zu Recht eine Vorstellungskraft und Richtlinienkompetenz für die Zukunft erwartet. Dann aber müssen die Dinge auch umgesetzt werden. Und da habe ich die große Befürchtung, nicht nur in Hamburg übrigens, dass dieses Ausmaß an Transformation in den Routinestrukturen von Verwaltung nicht möglich ist. Hafenentwicklung darf nicht nur ein Thema für die Wirtschaftsbehörde sein, sondern muss es ebenso für die Stadtentwicklungs- und die Umweltbehörde sein. Es gibt viele Querschnittsthemen, die man nur ressortübergreifend lösen kann. Diese Strukturen müssen geschaffen werden. Solche Experimentierfelder zu haben, halte ich für wichtig – leider ist es nicht unbedingt die Mentalität dieser Stadt, Labor- und Modellstadt sein zu wollen. 

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann ist ein Fan grüner Wasserstoff-Technologie. Auf Steinwerder will er eine große industrielle Wasserstoffanlage bauen lassen. Hat das Zukunft? Ich glaube ja. Die OECD hat Norddeutschland ja attestiert, bei grünem Wasserstoff Weltmarkt-Führerschaft entwickeln zu können. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, sich nicht allein auf die Erzeugung und Durchleitung von grünem Wasserstoff zu fokussieren, sondern selbst für industrielle Anwendungen zu sorgen, also Technologien zu entwickeln – zum Beispiel für saubere Antriebstechnologien bei Schiffen oder Flugzeugen. 

Welches sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Eckpunkte für einen neuen Masterplan Hafen? Ein wichtiger Punkt ist das Flächenmanagement und die damit verbundene Frage: Wo müssen Flächen jetzt freigegeben werden, um die Entwicklung der Stadt nicht zu behindern? Ein zweiter Punkt ist die Suche nach attraktiven Technologien, die wichtig wären für die Stadt. Und ein dritter Bereich ist die Wertschöpfung, also die Frage, wie wir Einkommen und Beschäftigung sichern und vor allem neu schaffen können.

Das heißt: Politik und Wirtschaft müssen sich mehr um Ansiedlung von Unternehmen, Technologien, Industrien kümmern. Passiert das professionell genug? Das kann ich nicht umfassend bewerten. Es wird viel getan, ich schätze die Arbeit der handelnden Personen enorm. Ich höre aber auch, dass Hamburg vergleichsweise bescheiden und leise auftritt und andere Bundesländer strategischer und offensiver beim Anwerben von Kapital und Köpfen unterwegs sind. Und eine Stadt, die nicht über Kapital und Köpfe verfügt, wird nicht prosperieren.

Kann die Science City Bahrenfeld da helfen? Das ist ein tolles Projekt, kommt aber aus meiner Sicht mindestens sieben Jahre zu spät. Jetzt entstehen gerade neue internationale Netzwerke, die auf neue Ziele ausgerichtet sind wie Klimaneutralität, Digitalisierung. Jetzt ist das Zeitfenster für die nächsten zehn Jahre geöffnet, jetzt muss man dabei sein.

Versetzen Sie sich in die Rolle des Ersten Bürgermeisters. Wie kann man dieses „Zu-Spät-Sein“ aufholen? Was würden Sie tun? Ich würde radikaler und signifikanter agieren und jetzt viel mehr Geld in die Hand nehmen, um Flächen frei zu machen, Unternehmen anzusiedeln, Steuervorteile für Start-ups schaffen. 

China wird als Weltmacht immer stärker. Sieben der zehn größten Häfen der Welt liegen in Asien, Hamburg ist noch hinter Rotterdam auf dem 11. Platz. China entwickelt die neue Seidenstraße ohne Hamburg und bewirbt sich jetzt auch noch um die Schlickausbaggerung der Elbe. Wird Hamburg wirtschaftlich eine Kolonie Chinas? Wir werden keine Kolonie werden, aber die Machtverhältnisse drehen sich global um und wir müssen zusehen, dass wir handlungsfähig bleiben, unsere Werte und Interessen zu schützen.

Aber die chinesischen Staatskonzerne bieten immer bessere Preise … … ja, aber das ist nicht schlimm. Der Handel und die Offenheit im Handel haben traditionell Hamburg immer Wohlstand gebracht. Handel bedeutet, gemeinsam wirtschaftliche Vorteile zu realisieren durch Spezialisierung, Toleranz und Handel. 

Sie sind Mitbegründer des Hammerbrooklyn.DigitalCampus, eine Initiative, die Hammerbrook zum Ort der digitalen Transformation und Innovation machen soll. Warum sind Sie dabei? Weil ich es für wichtig halte, diese Themen mit voranzutreiben und nicht nur darüber zu reden. Man kann nicht anderen Untätigkeit vorwerfen, wenn man selbst den Versuch nicht unternimmt. 

Warum braucht Hamburg das WeltWirtschaftsInstitut HWWI? Eine weltwirtschaftlich verflochtene, offene Stadt wie Hamburg braucht ein Institut, das sich mit den großen Veränderungen in der Welt beschäftigt. Und zwar nicht abstrakt, sondern konkret mit den Auswirkungen u.a. auf Norddeutschland. Das HWWI kann hilfreich sein als Thinktank, der die Stadt in schwerer See und in Zeiten großer Umbrüche begleitet und manchmal auch durch unangenehme Wahrheiten Impulse setzt. Die Welt verstehen, um die Zukunft zu gestalten – darum bemühen wir uns.

Wie sind Sie finanziert? Wir sind privatwirtschaftlich, Gesellschafter ist die Handelskammer. Das macht fünf bis zehn Prozent aus, den Rest müssen wir selbst verdienen, zum Beispiel über europäische Forschungsprogramme, Aufträge von Ministerien, Verbänden und Unternehmen. Wir arbeiten zudem sehr stark interdisziplinär und international. 

Wagen Sie doch mal einen Blick in die Zukunft des Jahres 2040, wenn Hamburg klimaneutral sein will: Wie sieht unsere Metropole dann aus? Was dominiert? Wissenschaft oder Hafen? Werden die Wohnungen noch bezahlbar sein? Und ist der Hafen 2040 klimaneutral, wie es im Koalitionsvertrag steht? Wir wissen sehr wenig über das Jahr 2040, eigentlich überhaupt nichts. Deshalb ist es wichtig, als Stadt Voraussetzungen für Veränderungen zu schaffen. Die drei, vier Jahre nach der Pandemie werden entscheidend werden. Aber wenn wir über 2040 nur nachdenken, aber nichts tun, brauchen wir über 2040 auch nicht nachdenken. Das Zeitfenster des Handelns beginnt sofort. Ich würde Zukunft nicht in Zielen oder Prozessen denken, sondern in Voraussetzungen und Vorstellungen: Wie groß ist die Veränderungsbereitschaft der Menschen? Welchen Sinn geben wir dem Wandel? Welche Infrastrukturen brauchen wir? Wie müssen wir heute die Handlungsfähigkeit für die Veränderungen von morgen schaffen?
Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

Satzanfänge vervollständigt von: Prof. Henning Vöpel

Prof. Henning Vöpel: „Politikpersönlichkeiten wie Robert Habeck und Annalena Baerbock sind wichtig, weil sie als Persönlichkeiten und vom Politikansatz her den demokratischen Wettbewerb bereichern. © HWWI
Prof. Henning Vöpel: „Politikpersönlichkeiten wie Robert Habeck und Annalena Baerbock sind wichtig, weil sie als Persönlichkeiten und vom Politikansatz her den demokratischen Wettbewerb bereichern. © HWWI

An der HafenCity gefällt mir … die Modernität, die sie ausstrahlt.

Ich wohne nicht in der HafenCity, weil … mir die Tradition von Stadtteilen sehr wichtig ist. Ich lebe in Harvestehude und liebe es, weil man sehr viel Lebensqualität in einem Radius von 15 Fuß-Minuten hat. 

Ich bin ein als Wirtschaftsrevoluzzer getarnter Traditionalist …was ich so noch nie gesehen habe, aber wahrscheinlich stimmt das. 

Das südliche Überseequartier finde ich … gut und wichtig. Solche Projekte müssen ihre eigene Charakteristik haben. Man braucht etwas Neues und nicht eine Variante des schon Bekannten. 

Sie sitzen mit dem HWWI in der Oberhafenstraße in Hammerbrook, weil … dort der Campus ist. Die Idee war, selbst Teil dieses neuen Ökosystems zu werden. Aber es ist auch richtig, in die Zwischenräume der Stadt zu gehen, weil dort Neues entsteht und nicht dort zu sein, wo die Stadt schon fertig ist.

Vorbilder sind für Sie …Menschen, die unabhängig sind und sich etwas trauen.

Politiker als Vorbilder … gibt es immer seltener. Ich bin Anfang der 80er Jahre politisiert worden. Da gab es noch große und unabhängige Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Helmut Schmidt, die noch nicht so glatt geschliffen waren wie die heutige Politiker-Generation. 

Sie sind Romantiker …weil das Leben nicht nur rational ist, sondern ganz wesentlich emotional und sinnlich ist. 

Die Bundestagswahl wird, wenn sich das Impfdesaster weiter fortsetzt, … zu einer Abstimmung über das politische Missmanagement der Krise. Ich hoffe, dass Corona keinen zu großen Einfluss auf die Radikalisierung von Wahlentscheidungen haben wird. Umgekehrt glaube ich, dass wir eine Erholung von großen Koalitionen durchaus gut vertragen könnten. 

Politikpersönlichkeiten wie Robert Habeck und Annalena Baerbock … sind wichtig, weil sie als Persönlichkeiten und vom Politikansatz her den demokratischen Wettbewerb bereichern. 

Die einflussreichen politischen Köpfe werden künftig …die Welt in ihrer Unsicherheit und Komplexität viel besser verstehen und große Entscheidungen treffen müssen. Wir werden es mit Krisen, aber auch neuen Technologien zu tun bekommen, die gleichermaßen utpisch wie dystopisch sein können. Verantwortung, Ernsthaftigkeit und Klugheit werden wieder stärker die Tugenden in der Politik sein müssen. 

HWWI-Direktor Henning Vöpel in drei Worten ist … neugierig, unabhängig und deshalb authentisch.

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