»Unendlich viele Aromakombinationen«

René Wolf hat gerade mit dem Gin „Hafencity Zanzibar Fusion“ eine Goldmedaille bei den Craft Spirit Berlin Awards in Deutschland gewonnen. Worauf es bei der Destillerie ankommt und was ihn dazu bewogen hat, sich ausgerechnet mit einem Konkurrenten zum Wettbewerb anzumelden

Herr Wolf, Sie haben mit dem Dry Gin „Hafencity ­Zanzibar Fusion“ eine Goldmedaille bei den Craft Spirit Berlin Awards 2022 gewonnen. Wie kam es zu der Idee, sich ausgerechnet mit Ihrem Konkurrenten Hamburg-Zanzibar zusammenzutun und bei diesem Wettbewerb einen Gin einzureichen? Wir kennen uns schon seit ein paar Jahren, sind beide sehr kleine, unabhängige Manufakturen, ticken in vielen Dingen ähnlich und ergänzen uns an anderen Stellen. Dann hatten wir die etwas schräge Idee, unsere beiden Gins „Hamburg-Zanzibar“ und „20457 Hafencity“ miteinander zu vermählen. Also das Beste aus beiden Welten zu nehmen – Kaffirlimettenblätter und Kurkuma. Und das passte so megagut zusammen, dass wir daraus eine neue Rezeptur entwickelt haben. Wir experimentierten ein bisschen rum, und so ist der Hafencity Zanzibar Fu-sion entstanden. Das mit dem Wettbewerb – übrigens der größte und international wichtigste für handgemachte Spirituosen – war dann auch so eine spontane Idee. Ich hatte gerade meine neuen Spirituosen für den Wettbewerb verpackt, und im Karton war noch Platz. 
Foto oben: HafenCity-Gin-Kreateur René Wolf: „Wenn ich einen Gin kreiere, ist das ein bisschen so wie beim Blumenstraußbinden. Ich habe die große Blume Wacholder in der Mitte und überlege dann, welche Blumen man drumherum steckt.“ © Hanna Boerm

Das ist Ihr erstes gemeinsames Projekt. Folgen noch weitere? Ja, unbedingt. Wir haben einfach Spaß, uns gemeinsam auf die Suche nach den spannendsten Pflanzen und Aromen zu machen, neue Wege zu gehen und dabei kommerzielle Aspekte außer Acht zu lassen. Das Ganze ist eine Art Versuchslabor, in dem wir uns kreativ austoben und Erfahrungen teilen können. Wir haben es „The Liquid Plants Project“ getauft. Ideen für neue Destillate haben wir einige, welches es als nächstes in die Flasche schafft, wissen wir noch nicht. Lassen wir uns überraschen. Es werden, so viel sei schon mal verraten, nicht nur Gins sein. 

René Wolf Geschäftsführer „20457 Hafencity Gin“ im April 2022 im Sandtorhafen HafenCity Hamburg. © Matthias Schinck
René Wolf Geschäftsführer „20457 Hafencity Gin“ im April 2022 im Sandtorhafen HafenCity Hamburg. © Matthias Schinck

„Der Gintrinker liebt gute Gerüche und gute Geschmäcker“, heißt es bei dem selbst ernannten „Ginfluencer“ Maximilian Mende. Ist es so einfach, und was unterscheidet ihn oder sie von den Biertrinkern und Biertrinkerinnen? Das Tolle am Gin ist ja, dass da unendlich viele Aromakombinationen möglich sind. Wenn ich einen Gin kreiere, ist das ein bisschen so wie beim Blumenstraußbinden. Ich habe die große Blume Wacholder in der Mitte und überlege dann, welche Blumen man drumherum steckt. Welche gut zusammenpassen. So habe ich zum Beispiel damals beim Hafencity Gin über 150 verschiedene Botanicals aus aller Welt destilliert und in über 80 Rezepturen kombiniert, bis ich dann endlich die perfekte Rezeptur für einen exotischen, zitrusfrischen, leicht würzigen Gin hatte, in dem sich die Aromen nach und nach aufbauen. Beim Hobenköök Gin habe ich dagegen nur wenige lokale Pflanzen wie Rhabarber, Gurke und Waldmeister benutzt und einen komplett konträren Gin erschaffen, der geschmacklich eher Richtung Garten oder Vierlande geht. Für die Gintrinker ist das doch eine tolle Sache, die vielen unterschiedlichen Aromen zu riechen und zu schmecken. Beim Bier muss man wahrscheinlich unterscheiden. Ich habe so das Gefühl, dass sich die großen Biermarken im Laufe der Jahre geschmacklich angeglichen haben. Anders sieht das beim Craftbeer aus, da haben wir in Hamburg ja ganz viel tolle kleine Brauereien. Da finde ich es spannend, wie unterschiedlich die Biere etwa durch die Kombination von verschiedenen Hopfensorten schmecken. Von daher sind die Gintrinker und zumindest die Craftbeer-Trinker vielleicht nicht so unterschiedlich.

René Wolf (50), in Lübeck geboren, ist Geschäftsführer der Gin-Destillerie „Spirit of Hafencity“. Als Artdirector arbeitete er unter anderem für Kunden wie Kind, „stern“, FKP Scorpio und Edding. Mit Freundin und Kind lebt er seit zehn Jahren in der HafenCity. Er entwickelte in anderthalb Jahren aus über 150 Destillaten den fein ausgewogenen Charakter des „20457 Hafencity Gin“, der so alt ist wie sein Sohn.

Sie kennen Ihre ­Kundinnen und Kunden wahrscheinlich besser als manch große Destillerie. Kennen Sie bei einer limitierten Auflage von 260 Flaschen alle persönlich? Also die Händler und Gastronomen, die meine Destillate verkaufen oder ausschenken, kenne ich fast alle persönlich und beliefere sie in Hamburg und Umgebung auch selbst. Das Zwischenmenschliche ist neben dem Kreieren von leckeren Dingen das Wichtigste an der ganzen Sache für mich. Die Kunden, die meine Spirituosen dann trinken, kenne ich natürlich nicht alle, aber ich hoffe, dass die alle genauso nett sind wie meine Händler und Barkeeper. Unseren Fusion Gin gibt es aber aufgrund der sehr kleinen Auflage nur in unseren Onlineshops oder bei uns vor Ort. Da lerne ich dann auch einige Kunden persönlich kennen.

Fördern Sie eigentlich den Alkoholis­mus, indem Sie wohlschmeckende Aromen mit Alkohol versetzen? Ich sage mal so: Wenn man schon Alkohol trinkt, sollte man etwas Feines zu sich nehmen und es genießen. 

Wie läuft es mit Ihrem Klassiker 20457 Hafen­city Gin, können Sie vom Absatz leben? Natürlich bewege ich mich mit einem Gin, der 20457 Hafen-city Gin heißt, hauptsächlich im Mikrokosmos und Haifischbecken HafenCity. Und da sind die letzten zwei Jahre die Besucherzahlen ja überschaubar gewesen, und auch die Anwohner hatten nicht allzu viele Anlässe, eine Buddel Gin zu Freunden mitzunehmen. Aber ich will nicht meckern, es lief trotzdem gut. Es haben zum Beispiel auch viele in der HafenCity und im Umfeld ansässige Firmen ihren Mitarbeitern und Kunden den Gin zu Weihnachten oder anderen Anlässen geschenkt und mit ihrem eigenen Branding versehen. Das finde ich ganz großartig. Aber zum Leben reicht der Hafen-city Gin allein noch nicht. 

„Ich habe aus dem Hobby eine Berufung gemacht.“ René Wolf

Wie ist Ihr miterfundener Klassiker „Club 20457“ HafenCity Gin eigentlich auf die Welt gekommen? Als ich vor zwölf Jahren in -unsere Baugemeinschaft Hafenliebe in die HafenCity gezogen bin, gab es hier kaum was außer Baustellen. Geschäfte und Gastro kamen und gingen. Und so dachte ich irgendwann mal, es wäre doch cool, wenn es etwas Besonderes gäbe, das aus der HafenCity kommt und von dem wir hier alle was haben. Und so habe ich aus dem Hobby eine Berufung gemacht. Einen Gin zu kreieren, den die Anwohner genießen und ihren Freunden als Mitbringsel aus der HafenCity schenken. Den die Einzelhändler, Hotels, Gastronomen gerne ihren Gästen und Kunden anbieten, verkaufen und ausschenken und eine kleine Geschichte zu erzählen haben. Nach der dann auch die Touristen fragen: Was ist denn das da für eine Flasche mit den rot-weißen Dreiecken? Und der uns hier in der HafenCity auch irgendwie verbindet. Und so freue ich mich auch, dass er hier so gut angenommen und supported wird. Und mittlerweile finde ich auch, dass wir in der HafenCity ein richtig tolles Angebot an Bars, Cafés und Restaurants haben, zum Beipiel die jüngeren und großartigen Locations wie das Pan Con Tomate, das Foodlab, den Lieger Caesar oder das neue Fleetschlösschen.

Ihr Aperitif Maritivo ist eine coole Aperol-Variante für Prosecco, Weißwein oder pur auf Eis. Verkaufen Sie inzwischen davon mehr als 20457 Gin? Oh, da muss ich mal kurz nachzählen. Sicher weiß ich nur, dass der Maritivo auch mit Tonic oder Soda schmeckt wie auch mit Crémant, Cava, Winzersekt oder Champagner. Ich bin selbst gespannt, womit der sich noch so kombinieren lässt. Entstanden ist der Maritivo während der Lockdowns. Ein norddeutscher Aperitif, nicht so süß, kräuterig und bitter, sondern zitrusfrisch, leicht herb und facettenreich. Mit einer tiefen Sehnsucht nach Urlaub, Meer und Sonne. Hach, der Sommer in der HafenCity kann kommen. Die Fragen stellten Matthias Schinck und Wolfgang Timpe

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