Weiterbauen, umnutzen oder ganz neu denken?

Stadtplanung. Bei einer Dialogveranstaltung des Netzwerks HafenCity e.V. stritten vier Bürgerschaftsabgeordnete über die Zukunft des Elbtowers. Einen Abriss wünschte sich niemand – beim Einsatz von Steuergeld gingen die Meinungen jedoch weit auseinander

Licht und Schatten liegen in der HafenCity nur gut drei Kilometer voneinander entfernt. Im Westen steht die Elbphilharmonie, die trotz zwischenzeitlichem Baustopp und immenser Kostensteigerungen im Laufe der Zeit zum Wahrzeichen avancierte. Im Osten ragt seit drei Jahren ein 100 Meter hoher Rohbau in den Himmel. Ob dem Elbtower eine ähnliche Wendung gelingt, war Anfang Oktober Thema in der Kantine der Campusschule HafenCity. Rund 40 Gäste waren zur Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Weiter geht’s« des Netzwerk HafenCity e. V. erschienen.
Foto oben: Bei den Themen streitbar – und kommunikativ mit der Stadtteil-Öffentlichkeit HafenCity. Die vier Podiumsteilnehmer:innen und Bürgerschaftsabgeordneten vor der Campusschule HafenCity im Lohsepark (v.l.): Arne Platzbecker, SPD, Lena Zagst, Grüne, Dr. Anke Frieling, CDU, und Marco Hosemann, Linke. © Sebastian Vollmert

Moderator Wolfgang Timpe von der HafenCity Zeitung eröffnete den Abend mit zwei Zitaten. Architekt Volkwin Marg habe gesagt: „An den Elbbrücken steht nur ein Betonskelett, das erlaubt viele Dinge, nur bitte keinen Abriss.“ Und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur vom „Hamburger Abendblatt“, empfehle: „Augen zu und durch. Baut das Gebäude fertig. Wenn es steht, werden die heutigen Vorbehalte verfliegen.“  Einige Stimmen der Stadtgesellschaft befürworten hingegen einen Abriss.

HCZ-Chefredakteur Wolfgang Timpe (l.) moderierte auf dem Podium die
Dialogveranstaltung mit Bürgerschafts­abgeordneten
(v. l.): Arne Platzbecker, SPD, Lena Zagst, Grüne,
Dr. Anke Frieling, CDU, und Marco Hosemann, Linke. © Sebastian Vollmert

Auf dem Podium diskutierten Arne Platzbecker (SPD), Wahlkreisabgeordneter für Hamburg-Mitte und Tourismussprecher, Lena Zagst (Grüne), parlamentarische Geschäftsführerin und ebenfalls Wahlkreisabgeordnete für Mitte, Dr. Anke Frieling, Sprecherin für Stadtentwicklung in der CDU, sowie ­Marco Hosemann, Fachsprecher für Stadtentwicklung der Linken.

Zur Einordnung: Die Baustelle ruht seit Oktober 2023, nachdem die Signa-Gruppe von René Benko ihre Rechnungen nicht mehr beglich. Seit Dezember 2024 verhandelt ein Konsortium um den Hamburger Projektentwickler Dieter Becken mit dem Insolvenzverwalter über den Erwerb. Der Senat stellte im Oktober 2025 ein Modell vor, nach dem die Stadt rund 46.000 Quadratmeter für das geplante Naturkundemuseum erwirbt – schlüsselfertig und für höchstens 595 Millionen Euro. Das entspricht knapp 13.000 Euro pro Quadratmeter. Einen eigenen Neubau bezifferte der Senat auf 824 Millionen Euro. Der Turm soll nur noch 199 statt der ursprünglich vorgesehenen 245 Meter hoch werden. Das letzte Wort hat die Bürgerschaft; eine finale Entscheidung steht weiterhin aus.

Auf die Eingangsfrage, ob er nach dem Motto „Augen zu und durch“ handeln würde, antwortete Arne Platzbecker, das liege derzeit beim Konsortium und nicht bei der Politik: „Wenn ich einen Wunsch hätte, wäre es, ihn so fertigzustellen, wie der Architekt es geplant hatte.“ Auch die Elbphilharmonie hätten viele abreißen wollen, heute kämen ihretwegen die Menschen nach Hamburg. Das Museum im Turm sei sehr teuer, alle anderen Varianten jedoch noch kostenintensiver. „Wollen wir das? Ich denke, ja.“

Lena Zagst zeigte sich offen, aber zurückhaltender: „Ich habe die Idee damals für ein bisschen Quatsch gehalten.“ Nun stehe das Tragwerk aber da. Ein Teilkauf könne dem Naturkundemuseum einen Standort mit echter Strahlkraft verschaffen; ausschließen dürfe man derzeit keine Option. 595 Millionen Euro seien zwar „eine unfassbare Summe Geld“, ein Neubau an anderer Stelle könne jedoch noch teurer ausfallen.

Deutlichen Widerspruch gab es von der Opposition. „Es ist ein privates Projekt und soll auch privat bleiben“, betonte Anke Frieling. Ein Naturkundemuseum wäre „eine total tolle Sache für Hamburg, aber nicht an dieser Stelle“. Zwölf Etagen in einem Büroturm seien eine „suboptimale Museumslösung“, zudem trage die Stadt als Teil­eigentümerin dauerhaft Unterhaltskosten mit. Dass die öffentliche Hand einspringen solle, wo sich am Markt niemand finde, bezeichnete Frieling als „sehr fishy“.

Marco Hosemann kam aus anderen Gründen zum selben Ergebnis: „Kein Cent Steuergeld in den Elbtower, das war das große Versprechen.“ Daran müsse man sich halten, erst recht in Zeiten massiver Kürzungen im Sozialbereich. Dass der Turm die wirtschaftlichste Option sei, habe der Senat nicht belegt. Nach der Akteneinsicht habe er den Eindruck gewonnen, es sei „ein Stück weit schöngerechnet“ worden. Einen Rückbau lehnte er aus ökologischen Erwägungen ab.

Unterschiedlich bewertet wurden die Setzungen an den Bahnanlagen der Station Elbbrücken. Hosemann sieht darin ein erhebliches Risiko; Frieling und Zagst verwiesen auf Gutachter, wonach sich die Werte im üblichen Rahmen bewegten. Beim Zeitplan mahnten alle Beteiligten zur Sorgfalt. „Verhandelt es sauber zu Ende“, forderte Frieling. Dass man Investor Becken auf einmal nicht mehr traue, sei für sie inzwischen „schon Teil der Exitstrategie“. 

Was geschieht, wenn die Verhandlungen scheitern? Dann könnte das Areal an die Stadt zurückfallen. Kostenlos wäre das allerdings nicht: Nach Platzbeckers Lesart des Vertrags müsste die Stadt den Kaufpreis weitgehend erstatten. Iris N. aus dem Publikum, Architektin und Galeristin aus der HafenCity, wollte wissen, warum die Stadt nicht gleich das gesamte Gebäude übernimmt. Dann wären Kosten und Risiko noch deutlich höher, entgegnete Zagst. Hosemann würde den Rückfall bevorzugen und die Bürgerinnen und Bürger über die künftige Nutzung mitentscheiden lassen.

Eine konkrete Idee brachte Britta Peters aus Lok-
stedt mit, die im Publikum Flyer verteilte. Sie ist Initiatorin von »Tower to the People«, einer Initiative, die den Rohbau als genossenschaftlichen »Next Economy Hub« für Kreislaufwirtschaft weiternutzen möchte. Das Bauwerk müsse nicht 200 Meter hoch werden, könne die jetzige Höhe behalten und solle eine einfachere Fassade erhalten, weil die geschwungene Glasfront das Vorhaben extrem verteuere. Das Modell sei durchgerechnet, mehrere Hamburger Unternehmen seien interessiert, darunter Otto, Tchibo und Holcim. 

Die Einsicht in die Projektdaten habe der Insolvenzverwalter mit Verweis auf die exklusiven Gespräche mit Becken vorerst abgelehnt. Zagst bekundete Interesse und wollte mehr über das Konzept erfahren. Auch Platzbecker reagierte angetan: „Es ist ja alles offen, und dann halte ich das, was Sie machen, für eine super Idee.“ Unklar blieb, wer die zahlreichen Büroflächen im Turm nutzen soll. „Das weiß ich auch nicht“, räumte Platzbecker ein. Das sei Sache der Investoren; Wohnungen seien dort leider nicht realisierbar. 

Im letzten Teil des Abends ging es um den Alltag im Quartier. Philipp H. wohnt seit einem halben Jahr am Dalmannkai und erlebt dort „Zustände wie früher am Jungfernstieg mit den getunten Autos“. Störend sei weniger das Tempo als der Lärm bis nach Mitternacht. Blitzer am Kaiserkai habe er schon vor drei Jahren gefordert, sagte Platz­becker. Hosemann verwies darauf, dass der Bund die Anordnung von Tempo 30 inzwischen erleichtert habe: „Wo es einen Willen gibt, da gibt es auch einen Weg.“

Als aus dem Publikum nach Tempo 30 gefragt wurde, gab es Zustimmung von allen Seiten: Alle vier Podiumsmitglieder unterstützen die weitere Umsetzung von Tempo 30 auf den Bezirksstraßen, die das Bezirksamt Hamburg-Mitte auch plant. Hosemann wünschte sich am liebsten flächendeckend Tempo 30 im gesamten Stadtgebiet. Platzbecker versprach, das Anliegen mitzunehmen. Anders als in anderen Stadtteilen, wo man eher verhindern wolle, schätze er das Engagement vor Ort: „Sie nerven uns ja weiter, das ist ja das Schöne an der HafenCity und an den Leuten, die hier leben. Das liebe ich. Sie wollen gestalten.“ 

Peter P. aus dem Baakenhafen vermisst Grünstrukturen vor seiner Haustür: „Es gibt Kräne, aber keine Bäume.“ Marianne Wellershoff, Vorsitzende des Netzwerks HafenCity, erinnerte an die 30 Maßnahmen aus dem Dialogverfahren für mehr Grün. Die Stadtentwicklungsbehörde habe diese positiv bewertet, doch keine Fraktion habe sie in die Ausschüsse eingebracht oder finanziell abgesichert – „eine wahnsinnig bittere Erfahrung“. Platzbecker räumte ein, sein Antrag sei an der fehlenden Finanzierung gescheitert. Zum Dokumentationszentrum Hannoverscher Bahnhof, nach dem Beatrix B. sich erkundigte, erklärte Platzbecker, die steuerlichen Fragen des Schenkungsvertrags seien wohl geklärt, sodass gebaut werden könne.

Zum Abschluss bat Timpe um einen Ausblick auf das Jahr 2032: Was sehen Sie, wenn Sie über die Elbbrücken fahren? Einen fertiggestellten Turm versprach niemand. „Ich glaube an die HafenCity-Bewohner:innen“, sagte Hosemann. Und Platzbecker erklärte: „Ich glaube an einen wilden Ort der kulturellen Vielfalt.“ Ob das Betongerüst an den Elbbrücken einmal ein solcher Ort wird, bleibt vorerst offen. Lutz Metterhausen

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Mehr Informationen zu Stadtplanung, Verkehr, Veranstaltungen und grüne HafenCity unter: netzwerk-hafencity.de

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