„Wir alle können positiv sein“

Ein Corona-Gespräch mit Internist und Hausarzt Christoph Richter von Ärzte am Kaiserkai in der HafenCity

Herr Richter, wie bewerten Sie als Internist und Hausarzt aus der HafenCity die Coronavirus-Situation ganz generell und in Ihrer Praxis bei den Ärzten am Kaiserkai? Wir haben bei unseren Patienten in der Praxis bislang drei positiv getestete Corona-Patienten, die zum Glück noch frei von schwerwiegenden Folgeerkrankungen wie Lungenentzündungen sind, die für die Patienten lebensbedrohlich sind. Die Patienten befinden sich in häuslicher Quarantäne.

Foto oben: Für Internist Christoph Richter sind die Corona-Maßnahmen der Politik richtig: „Nur so kann man einen großen Peak mit nachfolgenden Lungenentzündungen vermeiden.“ © Wolfgang Timpe

Wie wurde die Infizierung festgestellt? Die Patienten haben sich bei uns gemeldet, wir machen dann eine gründliche telefonische Anamnese und informieren sie über die Hotline 116117, die inzwischen besser erreichbar, oder schicken sie zu einem Labor, wo Selbsttests möglich sind. 

Der Hausarzt und Internist Christoph Richter studierte Medizin in Hamburg und arbeitet seit 28 Jahren in ­Norderstedt und seit 10 Jahren in der HafenCity mit ­Ärzte am Kaiserkai als niedergelassener Arzt. Er liebt Sport und Kultur, besonders Konzerte in der Elbphilharmonie, und seine zwei Lieblingsbücher sind „Arnes Nachlass“ von Siegfried Lenz  und „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara.  © Wolfgang Timpe
Der Hausarzt und Internist Christoph Richter studierte Medizin in Hamburg
und arbeitet seit 28 Jahren in ­Norderstedt und seit 10 Jahren in der HafenCity mit ­
Ärzte am Kaiserkai als niedergelassener Arzt. Er liebt Sport und Kultur,
besonders Konzerte in der Elbphilharmonie, und seine zwei Lieblingsbücher sind
„Arnes Nachlass“ von Siegfried Lenz und „Ein wenig Leben“ von
Hanya Yanagihara. © Wolfgang Timpe

Wie hat die Corona-Pandemie Ihren Praxisalltag verändert, sind Sie eine Telefonpraxis geworden? Ja, weitestgehend. Wir müssen davon ausgehen, dass wir heute alle positiv sein können. Die Ansteckung kann schon vor dem Auftauchen erster Symptome geschehen, bevor ein Patient die typischen Symptome zeigt. Auch deshalb haben wir bei uns in der Praxis die Devise, möglichst wenig Patientenkontakte zu haben. Jeder Kontakt kann für den Patienten wie auch Arzt oder Personal eine Infektion auslösen. Von daher konzentrieren wir uns ganz intensiv auf die telefonische Befragung. Wenn eine klinische Untersuchung notwendig sein sollte, dann führen wir sie unter Schutzbedingungen durch. 

Wann es einen Impfstoff geben wird, bleibt völlig offen. Angekündigt ist er für Anfang 2021. Das ist eine große Hoffnung.“

Christoph Richter, Internist und Hausarzt, Ärzte am Kaiserkai, HafenCity

Dass wir alle infiziert sein können, kann bei Menschen Angst auslösen. Dafür habe ich Verständnis. Da wir unsere Patienten gut kennen, kann ich auf Grund der Vorerkrankungen entscheiden, wie ich auf den Patienten reagiere. Wir wissen ja, dass auch jüngere und mittlere Corona-Patienten nicht frei von schweren Komplikationen sein können, aber in der Regel doch milde Verläufe haben. Ich weise sowohl positiv getestete wie auch nicht getestete Risikopatienten auf eine ganz strikte Quarantäne hin. Immer wieder bekommen wir zu hören, „mir wird schon nichts zustoßen“ oder etwa „ich lasse mir das Einkaufen auf dem Markt nicht nehmen“ – und das von 70- und 80-jährigen Risikopatienten. Die müssen Kontakte vermeiden. 

„Ich erlebe den lokalen Zusammenhalt in der HafenCity nicht als kleinbürgerlich. Es ist hier manchmal wie ein Dorf und ich wollte nie in einem Dorf Arzt sein. Aber in der HafenCity merke ich doch, wie eine Kombination von lokaler Organisation bei gleichzeitiger Weltläufigkeit, Offenheit und gegenseitiger Unterstützung einen Raum für neue Ideen bilden kann. Dorf und Weltoffenheit ergänzen sich.“ © Wolfgang Timpe
„Ich erlebe den lokalen Zusammenhalt in der HafenCity
nicht als kleinbürgerlich. Es ist hier manchmal wie ein Dorf und
ich wollte nie in einem Dorf Arzt sein. Aber in der HafenCity
merke ich doch, wie eine Kombination von lokaler Organisation
bei gleichzeitiger Weltläufigkeit, Offenheit und gegenseitiger
Unterstützung einen Raum für neue Ideen bilden kann.
Dorf und Weltoffenheit ergänzen sich.“ © Wolfgang Timpe

Wer ist der klassische Risikopatient mit welchen Kennzeichen? Zuerst einmal das hohe Alter, die 80- bis 90-Jährigen, weil bei ihnen die Abwehrkräfte nicht mehr so stark sind. Bei Vorerkrankungen stehen die COPD, die chronische obstruktive Lungenerkrankung (Chronic Obstructive Pulmonary Disease), und das Asthma an allererster Stelle. Dann natürlich die Krebspatienten und auch jüngere Patienten mit immunsuppressiven Medikamenten, die bei Autoimmunerkrankungen oder Organtransplantationen angewendet werden und das körperliche Abwehrsystem schwächen. Aber auch bei rheumatoider Arthritis, chronischen Gelenkentzündungen. Weiter gehören natürlich alle Herzerkrankungen wie auch der Diabetis Mellitus, die Zuckerkrankheit, dazu. 

Das strategische Ziel der Verantwortlichen ist es, einen Tsunami in kleinen Wellen zu erreichen. Infektion baut virologisch gesehen eben auch Schutz für uns auf.“

Christoph Richter, Internist und Hausarzt, Ärzte am Kaiserkai, HafenCity

Wann wird es einen Impfstoff geben? Ich weiß es nicht, das bleibt vollig offen. Da muss auch ich mich auf die Virologen verlassen. Angekündigt ist er für Anfang 2021. Das ist eine große Hoffnung. 

Bleiben wir ein Quarantäne-Land, eine Quarantäne-HafenCity bis Ende dieses Jahres? Ich vermute, dass wir in zehn bis 14 Tagen einen Rückgang der Neuinfektionen sehen werden. Wenn ich mittags durch eine fast menschenleere Stadt spaziere, gewinne ich den guten Eindruck, dass die am 22. März von der Kanzlerin und der Regierung mit ihren medizinischen Beratern ausgerufenen Kontaktverbots- und Begegnungsregeln weitgehend eingehalten werden. Vielleicht kommt es nach dem 19. April, bis dahin gelten erst einmal alle getroffenen Einschränkungen, zu ersten leichten Lockerungen der Ausgehbeschränkungen. Man wird bis Ende des Jahres, meiner Meinung nach, in mehreren leichten Wellen die Einschränkungen lockern und wieder anziehen, um die Infektionsgeschwindigkeit zu dämpfen. Das strategische Ziel der Verantwortlichen ist es, einen Tsunami in kleinen Wellen zu erreichen. Das steckt für mich hinter den aktuellen Maßnahmen. Infektion baut virologisch gesehen eben auch den Schutz für uns auf. Wichtig ist, dass es geordnet und dass es so langsam wie irgend möglich passiert. 

„Ich halte die Maßnahmen der Politik für vollkommen richtig! Noch einmal: Nur so kann man die Infektionsgeschwindigkeit bremsen und einen großen Peak mit nachfolgenden Lungenentzündungen vermeiden, die intensivmedizinisch betreut werden müssen. © Wolfgang Timpe
„Ich halte die Maßnahmen der Politik für vollkommen richtig! Noch einmal:
Nur so kann man die Infektionsgeschwindigkeit bremsen und einen großen Peak mit nachfolgenden Lungenentzündungen vermeiden, die intensivmedizinisch
betreut werden müssen. © Wolfgang Timpe

Also anders als Italien? Exakt.

Finden Sie die Maßnahmen der Politik richtig? Vollkommen richtig! Noch einmal: Nur so kann man die Infektionsgeschwindigkeit bremsen und einen großen Peak mit nachfolgenden Lungenentzündungen vermeiden, die intensivmedizinisch betreut werden müssen. Der Höhepunkt der Infizierung muss bis Ende des Jahres über viele kleine Wellen gestreckt werden. Es wird immer wieder Verschärfungen und Lockerungen der Ausgehbeschränkungen geben. Das muss die Zeit bringen und ist in keinster Weise vorherzusagen. 

Sind wir als HafenCity, als Großstadtquartier, gefährdeter als Menschen auf dem Land? Ich denke schon. Wobei hier in der HafenCity relativ viel Platz ist, die sozialen Bedingungen gut sind und wir keine Hochhäuser mit extrem enger Bebauung haben. Obwohl die HafenCity ein junger Stadtteil ist, haben wir hier ein gutes soziales Netz, das die älteren Mitbürger gut unterstützt. Die HafenCity ist kein besonderes Corona-Risikogebiet. 

Was hat sich bei Ihnen neben dem Dauertelefondienst geändert? Wir müssen unsere Kontakte auf das Allernotwendigste reduzieren. Ich erlebe in den Telefongesprächen ein großes Verständnis bei den Patienten, dass eine Begegnung jedes Mal ein hohes Risiko bedeutet. Wir müssen den Kontakt zum Schutz der Patienten und zu unserem eigenen Schutz im Team beschränken. Wir müssen die besondere Situation nur ganz selten zwei- bis dreimal erklären, die Patienten sind bestens aufgeklärt.

Keine Aggressionen? Nein. Eine positive Überraschung für mich. Ich muss viel weniger als in „normalen“ Zeiten über alternative Möglichkeiten diskutieren. Alle sind sehr gefasst, sehr konzentriert und sehr überzeugt von den aktuellen Maßnahmen. 

Stimmt der Klischeesatz, dass man in der Not zusammenrückt? Eindeutig. Im Rahmen von Rezeptbestellungen bekommen wir viel Zustimmung und persönliche Zusätze, dass es schön sei, dass wir vor Ort für sie da sind. 

Und Ihre Mitarbeiterinnen sind alle an Bord? Ja, alle sind an Bord. Unsere wichtigste Devise ist Kontaktvermeidung. Wir haben leider bis heute keine ausreichenden Schutzkittel.

Wann haben Sie die bestellt? Vor vier bis sechs Wochen. Hinterher sind immer alle klüger, aber die Krise hilft uns, Versäumnisse schärfer zu sehen. Hoffentlich zieht man für die Zukunft wichtige Schlüsse aus der Covid-19-Krise. 

Was ist der größte Coronavirus-Fehler? Wir haben uns in der Fantasie das so nicht vorstellen können und deshalb mache ich auch keine Schuldzuweisungen. Wir kannten die Theorie, aber in der Praxis waren wir nicht vorbereitet. 

Zu striktes Personalmanagement? Das trifft auf niedergelassene Praxen eher nicht zu, aber auf die Krankenhäuser, wo in den vergangenen Wochen auf bewundernswerte Weise nachgerüstet und zusätzliche Pflegekräfte rekrutiert wurden. Sicher hat die Sparpolitik beim Pflegepersonal die prekäre Situation mit gefördert. 

Was bringt diese existenzielle Krise an neuen Erkenntnissen mit sich? Wir sitzen alle in einem Boot! Wir brauchen jeden jungen und gesunden Menschen, um die schnelle Ausbreitung der Infektion zu vermeiden, und das schafft zugleich ein Gemeinschaftsgefühl. Ich bin positiv überrascht, mit welcher Ruhe und innerer Gelassenheit die meisten, auch schwerkranke Patienten, sich dieser Situation fügen. Erstaunt bin ich auch darüber, dass es auch bei Menschen mit psychischen Erkrankungen nur wenige Krisensituationen in der Corona-Pandemie gibt. 

Auch keine hysterischen Reaktionen? Nein, das mag an der ausgewogenen Sozialstruktur in der HafenCity liegen. Die Herausforderungen werden an den sozialen Brennpunkten der Stadt oder auch in Familien mit vielen Kindern auf engem Raum wachsen. 

Wird sich die deutsche Gesellschaft nach der Corona-Zeit neu entwickeln? Ich hoffe, dass diese Krise nachwirkt und wir nicht relativ schnell wieder zum Alltäglichen übergehen. Man kann es mit dem Fasten vergleichen. Wir werden die Dinge, die wir vorher fast gedankenlos konsumieren und genießen konnten wie Begegnungen, Reisen, Konzert- oder Kinobesuche sowie gemeinsames Essengehen zumindest in der Anfangszeit als großes Geschenk und nicht mehr als Selbstverständlichkeit erleben. Als Arzt vermute ich, dass sich bei vielen ein stärkeres Bewusstsein für die Verletzbarkeit unseres Körpers einstellen wird und sich daraus ein verändertes Gesundheitsverhalten entwickeln könnte. 

Ist für Sie ein Kapitalismus mit menschlicherem Antlitz vorstellbar? Dass wir alles einer strikten Kostenminimierung unterwerfen wie etwa die Medikamentenproduktion in China oder die Abhängigkeit von billigsten Produktionsstandorten wird nach Corona sicher diskutiert werden. Meine Hoffnung ist das. 

Und wie ist die Zusammenarbeit mit medizinischen Partnern in der HafenCity? Die Zusammenarbeit mit unserer Apotheke ist zum Beispiel fantastisch. Ich war schon immer ein Gegner der bejubelten Internetapotheken. Wenn wir die Apotheken vor Ort im Stadtteil – auch als sozialen Kontaktpunkt – nicht hätten, würde es schlecht um uns stehen. Aus wirtschaftlichen Aspekten sind Internetapotheken interessant, aber aus medizinischen, sozialen und humanitären Erwägungen brauchen wir die Apotheke um die Ecke. 

Puscht die Krise eine neue Kultur der Nachbarschaft im Quartier und drängt zugleich die kosmopolitische Lust zu reisen und Fremdes zu entdecken zurück? Werden wir nach Corona kleinbürgerlicher? Ich erlebe den lokalen Zusammenhalt in der HafenCity nicht als kleinbürgerlich. Es ist hier manchmal wie ein Dorf und ich wollte nie in einem Dorf Arzt sein. Aber in der HafenCity merke ich doch, wie eine Kombination von lokaler Organisation bei gleichzeitiger Weltläufigkeit, Offenheit und gegenseitiger Unterstützung einen Raum für neue Ideen bilden kann. Dorf und Weltoffenheit ergänzen sich. 

Wann werden die Beschränkungen wieder vollkommen weg sein? Erst Anfang 2021? Das kann man nicht vorhersagen. Es wird immer wieder ein Stück „Freilauf“ geben und die jeweiligen Zahlen der Infektionen werden mitbestimmen, wie schnell und an welchen Stellen es auch wieder zu neuen Beschränkungen kommen kann. Die Zeiträume zwischen den wiedergewonnenen Freiheiten und wieder stärkeren Einschränkungen könnten eventuell zunehmend größer werden. Wir müssen flexibel bleiben. Corona wird uns sicher anderthalb Jahre beschäftigen. 
Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

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