»Statt Ente süß-sauer scharfe Opposition«

Interview.Die neue Co-Fraktionschefin Heike Sudmann von Die Linke in der neu gewählten Hamburgischen Bürgerschaft über Nasenringe des Senats und erfolgreichen Widerstand

Neben der CDU um Dennis Thering, die immer noch Rest-Chancen zur Regierungsbeteiligung hat, ist die Hamburger Partei Die Linke einer der Gewinner der jüngsten Bürgerschaftswahl. Doch was macht man mit einem gefeierten Sieg, der doch nur wieder auf die Besserwisser-Bänke der Opposition führt? Wir haben Heike Sudmann, neue Co-Fraktionschefin der Linken, zur Zukunftsarbeit im Parlament befragt.
Foto oben: Heike Sudmann, Co-Fraktionschefin Die Linke in der Bürgerschaft, auf dem Baakenhöft: „Egal, wer mit Geld wedelt, der Senat ist schnell bereit, Wünsche zu erfüllen.“ © Catrin-Anja Eichinger

Frau Sudmann, der überraschende Erfolg der Linken bei der Bundestagswahl hat sich mit 11,2 Prozent und 15 Sitzen in der neuen Bürgerschaft fortgesetzt. Und Sie persönlich haben den Wahlkreis 3 Hamburg-Altona mit 20.079 Stimmen Vorsprung vor dem Verkehrs- und Mobilitätswendesenator Anjes Tjarks gewonnen. Kommen Sie eigentlich aus dem Feiern noch heraus? Ja. unsere Wahlparty war schon super. Dass so viele Hamburger:innen Die Linke wichtig finden und ihr vertrauen, ist ein tolles Gefühl, das uns lange tragen wird. Das verpflichtet uns aber auch, weiterhin gut und engagiert zu arbeiten. 

Heike Sudmann zur Oppositionsrolle in der Bürgerschaft: „Ich bezweifle, dass der Regierungsalltag für Rot-Grün immer süß ist. Dass unsere Opposition wirkt, konnten wir jüngst bei dem „Mietenmelder“ sehen. Den hat der Senat einrichten müssen, weil er aufgrund der „Mietwucher-App“ der Linken sich mit zig Hundert Meldungen über Wuchermieten konfrontiert sah. Also, statt Ente süß-sauer scharfe Opposition.“ © Catrin-Anja Eichinger

Die Linke war in ­Hamburg immer schon relativ erfolgreicher als im Bund – weil man als Opposition konsequente Aufklärungs­arbeit wie zum Beispiel im Cum-Ex-Untersuchungsausschuss versucht hat oder Sie sich als Stadtentwicklungsexpertin in der wachsenden HafenCity engagierten. Warum wurden Sie persönlich und Ihre Partei jedoch diesmal für Ihre Dauerparole „Nehmt den Reichen das Geld weg“ erstmals auch spürbar belohnt? Weil Die Linke glaubwürdig ist und nicht nach unten tritt. Unser Steuerkonzept entlastet Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen sehr stark, damit diese endlich wieder genug Geld für ein gutes Leben haben. Belastet werden die hohen Einkommen und Vermögen. Doch Sie können beruhigt sein, denn die Reichen bleiben immer noch reich, werden aber gerechter besteuert. 

Wer ist wirklich verantwortlich? Sie in Altona und Ihr Parteikollege David Stoop in Hamburg-Mitte oder die populäre „Silberlocke“ Gregor Gysi, der der Linken jede Menge Volksstimmen beschert hat? Die Wahlerfolge der Linken sind ein echtes Gemeinschaftswerk. Von den vielen Parteiaktiven vor Ort, die an zigtausend Haustüren geklingelt, zugehört und auch konkret bei Problemen geholfen haben. Von den Menschen, die Die Linke gut finden und Nachbarinnen und Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen sowie Freundinnen und Freunde überzeugt haben, uns zu wählen. Und natürlich haben auch unsere guten Kandidatinnen und Kandidaten – mit und ohne Silberlocken im Haar – ebenso wie die konsequente Arbeit in den Bezirksversammlungen und in der Bürgerschaft zu dem Erfolg beigetragen. 

Siege schmecken süß, aber realpolitisch folgt wieder saurer Oppositions­alltag. Was fangen Sie mit Ihrer neuen Stärke ohne Regierungsbeteiligung an? Sind Sie nicht bei allem persönlichen Erfolg doch nur eine „Lame Duck“, eine lahme Ente? Ich bezweifle, dass der Regierungsalltag für Rot-Grün immer süß ist. Dass unsere Opposition wirkt, konnten wir jüngst bei dem „Mietenmelder“ sehen. Den hat der Senat einrichten müssen, weil er aufgrund der „Mietwucher-App“ der Linken sich mit zig Hundert Meldungen über Wuchermieten konfrontiert sah. Also, statt Ente süß-sauer scharfe Opposition.

Sie sind Expertin für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr. Aber die SPD in Gestalt der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen zieht doch zum Beispiel in der HafenCity oder beim neuen Stadtteil Grasbrook ihr eigenes Programm durch – und hört im Zweifel nicht auf Sie und Ihre Partei? Wer nicht hören will, muss fühlen. Die vielen Proteste in der HafenCity, die Aktionen des Netzwerks HafenCity e. V. und auch unsere parlamentarische Unterstützung haben die Behörden schon mehrfach zum Einlenken und Umdenken gebracht. Aber es ist ein zäher Prozess, der von den Betroffenen viel Durchhaltevermögen erfordert.

Auch bei der ­geschenkten Kühne-Oper auf dem Baakenhöft und mit dem Naturkundemuseum im womöglich zu Ende gebauten Elbtower macht der wahrscheinlich wieder rot-grüne Senat, was er für richtig hält. Ist das nicht auf Dauer zermürbend? Nicht zermürbend, aber ich bin immer wieder bass erstaunt, wie der Senat sich in Stadtentwicklungsfragen von Investoren am Nasenring durch die Manege ziehen lässt. Egal, wer mit Geld wedelt, der Senat ist schnell bereit, Wünsche zu erfüllen. Damit schafft der Senat nicht nur für mich immer wieder neuen Ansporn, sich gegen diese Politik zu wehren.

Was sind Ihre persönlichen Ziele für die kommenden fünf Jahre in Hamburg-Mitte und in der HafenCity? In den ärmeren Stadtteilen soll es endlich eine gute Gesundheitsversorgung geben. Dafür wollen wir städtische Gesundheitszentren ohne Aufnahmestopp errichten, mit Haus- und Kinderärztinnen und Kinderärzten sowie mit sozialer und psychologischer Beratung. Mehr Unterstützung brauchen auch die Schulen und die Jugendlichen in diesen Stadtteilen, ebenso die Senior:innen. Die HafenCity braucht mehr Grün, mehr Frischluftzonen, mehr Treffmöglichkeiten für die Bewohner:innen und weniger Verkehrsbelastung. Öffentliche Gelder in den Elbtower zu stecken verbietet sich ebenso, wie nun ein Opern-Denkmal für Herrn Kühne zu errichten. 

Sie leben in Altona und engagieren sich stadtentwicklungspolitisch in der HafenCity. Was haben die beiden Quartiere gemeinsam, und was unterscheidet sie? Stadtentwicklungspolitisch engagiere ich mich in der gesamten Stadt. Die HafenCity als junger und noch nicht ausgewachsener Stadtteil hat keine jahrzehnte- oder jahrhundertelang gewachsenen Strukturen. Das ist anders bei der Schiller-Oper oder den Esso-Häusern auf St. Pauli, beim Holstenareal oder der Verlegung des Bahnhofs in Altona. Gemeinsam ist den Stadtteilen, dass sie engagierte Einwohner:innen haben, die eine echte Beteiligung bei der Entwicklung ihrer Stadtteile fordern. 

Ihre hartnäckige Corona-Erkrankung 2022 hätte Sie fast am Weitermachen im Politikgeschäft gehindert. Nun sind Sie wieder gesund. Welche Narben und Erkenntnisse hat diese schwere Zeit bei Ihnen hinterlassen? Ich hatte Glück, weil bei mir nach mehreren Monaten die alte Kraft wiederkam. Von heute auf morgen schlapp zu werden, ohne was dagegen tun zu können, war heftig. Auch wenn ich wieder viel Arbeit wegschaffen kann, bleibt so was wie Demut. Und die Erkenntnis, dass viele Erkrankungen den Menschen nicht anzusehen sind und sich deshalb Kommentare zum Zustand anderer und auch wohlgemeinte Ratschläge verbieten. 

Was muss passieren, damit Sie in Zukunft ­sagen können: „Ich arbeite erfolgreich“? Erfolgreich war ich und werde ich sein, wenn ich mit meiner Arbeit Menschen oder Initiativen so unterstützen kann, dass sich ihr Leben verbessert oder sie ihre Anliegen umsetzen können. Beim Mietenmelder oder bei unserer langjährigen Forderung nach mehr günstigen Wohnungen sehe ich, wie steter Tropfen den harten Senatsstein höhlt. Und das ist gut so. Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

Nachrichten von der Hamburger Stadtküste

Abonnieren Sie unseren monatlichen Newsletter!

Das könnte Ihnen auch gefallen

»Ein Haus für alle Hamburger«

Innenstadt. Eine Machbarkeitsstudie zeigt: Das Ex-Signa-Gebäude am Gerhart-Hauptmann-Platz 50 eignet sich für das »Haus der