»Wir alle müssen Gas geben!«

Innenstadt. Wie geht’s nach sechs Monaten? Mit Mimi Sewalski, der neuen Geschäftsführerin des City Management Hamburg, haben wir über die Zukunft von City und HafenCity gesprochen – und darüber, wie die neue Mitte Hamburgs zusammenwachsen kann

„Tutto bene“, Alles in Ordnung, strahlen die knallroten Designbuchstaben dezent vom schneeweißen T-Shirt zum lässig-modischen, braunen Business-Pantsuit. Mit klaren Botschaften hat sie kein Thema. Und nach wenigen Sätzen wird deutlich, dass geduldiges Laufenlassen nicht so ihr Ding ist. Feuer entfachen, Menschen begeistern, Kompromisse zimmern: Das ist die lebendige Arbeitsphilosophie der studierten Soziologin, Coachin und Organisationsentwicklerin. Mimi Sewalski ist seit sechs Monaten neue Geschäftsführerin des City Management Hamburg. Das Marketing- und Netzwerk-Herz der Innenstadt geht mit ihr im Amt neuerdings steil. Sewalski hat kurzerhand das City Management auf Social Media, auf dem B2B-Kanal LinkedIn und auf dem B2C-Kanal Instagram sichtbar gemacht. Sie soll frischen Wind im Unternehmen erzeugen und die Quartiere Innenstadt und HafenCity mittelfristig konstruktiv zur Neuen Mitte verknüpfen. Rückwärts gucken findet Mimi Sewals­ki eher fad, sie schaut lieber nach vorne und schmiedet in den Hamburg-Netzwerken neue Macher:innen-Allianzen.
Foto oben: Hamburgs neue City Management-Geschäftsführerin Mimi Sewalski: „Rückwärts gucken findet Mimi Sewals­ki eher fad, sie schaut lieber nach vorne und schmiedet in den Hamburg-Netzwerken neue Macher:innen-Allianzen.“ © Catrin-Anja Eichinger

Frau Sewalski, lassen Sie uns das Gespräch mit Ihrer Omi und deren Leitsatz beginnen: „Jede Tür, die sich schließt, öffnet auch wieder eine neue!“ Wie fühlt sich Ihr immer noch junger Job als Geschäftsführerin des City Management Hamburg nach den ersten sechs Monaten an? Es wird mit jedem Monat besser. Ich merke, dass ich in den Tritt komme und dass es immer spannender wird. Ich habe inzwischen schon einen guten Überblick und viele spannende Menschen kennengelernt, die sich in der Innenstadt engagieren. Und die ersten Sachen packen wir auch demnächst an. 

Was war bislang Ihre schönste Überraschung? Die wunderschöne Tradition der Märchenschiffe in der Adventszeit. Die Eröffnung und das Plätzchenbacken für die Kinder mit dem Ersten Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher und dem Künstler Rolf Zuckowski, dessen Fan ich schon seit den 80er-Jahren bin, auf den Alsterschiffen „Sielbek“ und „Saselbek“ war ein tolles Erlebnis. Wir werden Weihnachten 2026 unsere fünf Theaterschiff-Angebote wieder anbieten – mit den beiden kostenlosen Traum- und den Theaterschiffen. Einerseits wollen wir bei der Auswahl der Stücke aktuell bleiben, und natürlich sind wir auch wieder engagiert dabei, Sponsoren für dieses beliebte Angebot zu finden, das deutschlandweit einzigartig und auch kostenintensiv ist. Wir freuen uns über jede Art von Unterstützung bei diesem großen Innenstadtprojekt für alle Hamburger:innen. 

Offenbar haben Sie keine Berührungsängste, Partner und Sponsoren zu besorgen? Als Start-up-Mitgründerin habe ich viele Investoren-Pitches hinter mir und auch erfolgreich abgeschlossen, und das gehört für mich einfach zum Business dazu. Ich begreife das City Management unter anderem auch als ein Unternehmen, das schauen muss, wie es zukunftsfähig bleiben kann und noch erfolgreicher wird. 

Mimi Sewalski: „Olympia würde Hamburg guttun und uns im Wettbewerb mit Berlin und München eine neue und auch internationale Sichtbarkeit verschaffen. Außerdem finde ich plausibel, dass die Olympia-Investitionen in die Infrastruktur und die Barrierefreiheit Hamburg für die Zukunft fit machen würden, was die Stadt allein in dem Umfang kaum leisten kann.“ © Catrin-Anja Eichinger

Und warum sollten Hamburger Unternehmer:innen zum Beispiel in die Märchenschiffe investieren? Es ist ein emotionales Projekt und für Kinder quasi kostenlos. Nur die Backschiffkarten werden dieses Jahr 4,50 Euro kosten, wobei die Kinder dafür auch Hut, Schürze, Backförmchen und Plätzchen bekommen. Alle anderen Angebote sind kostenlos. Und es ist ein Hamburger Traditionsprojekt, das die Binnenalster so toll belebt. Sie ist ein Juwel der Innenstadt und könnte noch viel öfter bespielt werden. Spätestens wenn Sie die strahlenden Augen der Kinder erleben, sind Sie Fan von unseren Märchenschiffen. 

Sie haben selbst keine Kinder? Nein, ich habe einige Patenkinder und: Ich liebe Kinder. Doch ich habe mich dazu entschlossen, selbst keine zu bekommen. 

Was war die härteste Erkenntnis in Ihren ersten sechs Monaten? Die härteste Erkenntnis war definitiv, dass es nicht an Ideen in der Hamburger Innenstadt sowie der Neuen Mitte Hamburgs von der Alster bis zur Elbe mangelt. Es gibt viele Stakeholder, Interessierte und Initiativen, die sich für die Weiterentwicklung der Innenstadt engagieren, aber manchmal scheitert es an der Umsetzung. 

Warum? Da bin ich noch nicht ganz dahintergekommen. Ich kam auch mit einigen neuen Ideen und stellte fest, dass es manche schon gab, sie aber nicht realisiert wurden. Das wollen wir jetzt mit dem City Management und unseren Partnern mal angehen und versuchen zu ändern. 

Das City Management Hamburg hat sich 1999 gegründet, um die Innenstadt attraktiver und sichtbarer zu machen, kümmert sich als Marketing- und Kommunikationspartner hauptsächlich um die klassische Innenstadt und deren Stakeholder aus Händlern, Grundeigentümern und temporären Kulturanbietern rund um Binnenalster, Jungfernstieg, Alter und Neuer Wall sowie Mönckebergstraße. Die City ist zuletzt vor allem durch den wachsenden Onlinehandel und die damit verbundene Krise im stationären Einzelhandel und durch diverse Leerstände gebeutelt. Wie fällt Ihre aktuelle Analyse aus? Wenn wir die heutige Innenstadt mit der vor 25 Jahren vergleichen, hat sich Wesentliches geändert: Die Gesellschaft hat sich viel stärker pluralisiert. Als Soziologin schaue ich auch immer aus verschiedenen Perspektiven auf die Innenstadt. Früher hatten wir als City Management eine eindeutige Zielgruppe fürs Marketing, die wir direkt ansprechen konnten: die Familien. Wir machten Radiowerbung, erreichten damit die Haushalte in und um Hamburg, und dann kamen Vater, Mutter, Kinder zum Einkaufen in die Stadt, gingen ins klassische Kaufhaus, wo sie vieles an einem Ort vorfanden. Das eine Kind bekam zum Beispiel Schuhe, das andere eine Jacke, und Spielzeug wurde auch noch im Kaufhaus besorgt. Das ist Geschichte und hat sich gesellschaftlich grundlegend geändert.
Heute müssen wir mit dem City Management in der Innenstadt unterschiedlichste Zielgruppen mit individueller Ansprache erreichen. Und gerade junge Menschen kommen in die City, um auch was zu erleben, um zum Beispiel einen Club zu besuchen und nicht nur zielorientiert einzukaufen. Wieder andere kommen durch Social-Media-Angebote auf TikTok, Instagram oder Facebook ganz gezielt in die Läden, um bestimmte einzelne Produkte zu kaufen oder das Einkaufserlebnis auf Social Media zu posten. Am Alten Wall beispielsweise sieht man lange Schlangen vor einem neuen Matcha-Café oder einem Bowl-Laden, da diese gerade auf TiktTok und Instagram hip sind. Oder Menschen besuchen ihren Innenstadt-Arzt oder kommen ganz klassisch als Touristen zu uns und lassen sich treiben, flanieren durch unsere City mit ihren attraktiven historischen Kaufmannshäusern. Wenn wir als Innenstadt noch attraktiver werden wollen, müssen wir für alle größeren Zielgruppen Angebote haben, eine attraktive Aufenthaltsqualität der Innenstadtplätze bieten und unterschiedlichste Lebensstile ansprechen. Auf diese Veränderungen muss man nachhaltig reagieren. Das gelingt nicht mit einer Maßnahme, sondern vielen kleinen Schritten, die wir als City Management gerne mit anstoßen oder für die Umsetzung unseren Einfluss geltend machen. 

Der Einzelhandel beklagt, dass die sogenannte Frequenz, die Besucherzahlen, durchaus zufriedenstellend ist, der Umsatz aber fehle. Was kann man tun? Man muss akzeptieren, dass Menschen nicht wegen der einen großen Marke für Bekleidung zum Beispiel in die City kommen. Der Onlinehandel hat das komplett geändert, die Anbieter haben inzwischen selbst Apps, schicken regelmäßig ei­gene digitale Newsletter an ihre registrierten Kunden und sorgen mit Sales, regelmäßigen Sonderverkäufen, für Extraabsatz. So hat der jüngste Black Friday der Innenstadt fast so viel Umsatz beschert wie einzelne Tage im Weihnachtsgeschäft. Das zeigt die Veränderungen, auf die wir als City Management auch neu reagieren müssen. 

An welche Lösung denken Sie? Es gibt nicht das eine Zauberkonzept. Das Shoppengehen bleibt das Kerngeschäft für den Handel, der für gute aktuelle Produkte und gezielte Käuferansprache sorgen muss. Aber darüber hinaus wird es immer wichtiger, dass wir alle – Stadt, Grundeigentümer, Handel, Stakeholder aus Kultur und Gesellschaft sowie wir als City Management – Erlebnisräume schaffen. Wir alle müssen Gas geben und noch stärker zusammenarbeiten, um für die Menschen unsere City attraktiv zu machen, dann werden die Läden auch gut besucht und machen den gewünschten Umsatz.   

Mimi Sewalski: „Das Vernetzen von Gastronomie, Kultur und Handel ist für mich ein ganz großes Anliegen. Wir können als City Management noch viel mehr Community-Feeling schaffen.“ © Catrin-Anja Eichinger

Senat und Stadtentwicklungsbehörde sowie Innenstadtakteure, Grundeigentümer und Business Improvement Districts (BIDs) haben die Neugestaltung von Cityplätzen wie St. Jacobi- oder Burchardplatz oder wichtige Laufwege wie zum Beispiel die Kleine ­Johannisstraße auf den Weg gebracht – durch Verkehrsberuhigung, neue Bäume, öffentliche Sitzgelegenheiten, Kioske und Außengastronomie. Es kommen neue Orte mit Aufenthaltsqualität. Reicht das? Für mich hängen Aufenthaltsqualität und Zukunftsfähigkeit stark zusammen, wenn es um eine attraktive Innenstadt geht. Die Umweltbehörde BUKEA hat dokumentiert, dass sich gerade die Innenstadt im Sommer enorm aufheizt, da sie von wahnsinnig viel Stein und auch neuen Pflasterflächen der neu gestalteten Plätze geprägt ist. Das gilt auch für die HafenCity, die sich im Sommer laut BUKEA-Studie am stärksten aufheizt, da die vielen Wasserflächen nicht kühlen, sondern die Hitze des Tages speichern und nachts abgeben. Umso wichtiger sind grüne Aufenthaltsbereiche, die Kühle spenden und an denen sich die Menschen wohlfühlen. So entwickelt aktuell der Alte Wall mit seinen historischen Gebäuden und den neu gepflanzten Bäumen schon fast mediterranes Flair. Plätze sollten nicht nur Aufenthaltsqualität, sondern auch soziale Teilhabe ermöglichen, sodass gerade auch ältere Menschen sich ausruhen und entspannen können und einen Ort haben, wo sie einfach sitzen und schauen können. 

Das City Management Hamburg hat 850 Mitglieder. Wie wollen Sie sich um die alle kümmern? Das sind nicht nur direkte, sondern auch indirekte Mitglieder wie Unternehmen oder Organisationen. Meistens tausche ich mich mit einzelnen Mitgliedern aus, die ganz konkrete Wünsche, Fragen oder Probleme haben, oder treffe mich mit Vertretern von Stadtreinigung, Polizei oder dem Bezirk Hamburg-Mitte, um Prozesse rund um Bauarbeiten oder Sauberkeit in der Innenstadt zu besprechen. Mit vielen hat das schon die letzten Monate geklappt, auch wenn noch einige auf meiner To-do-Liste stehen. Außerdem wurde mir vieles erleichtert, weil mich meine Vorgängerin Brigitte Allkemper gut in unsere City-Management-Themen eingearbeitet hat. Sie hat mir alles toll übergeben.   

Sie sind gebürtige Fränkin aus Ansbach, haben jedoch die letzten 18 Jahre schon in Hamburg gelebt und das Online-Unternehmen Avocadostore in der Altstadt mitgegründet und geführt. Wie kommen Sie mit den Gepflogenheiten Hamburger Kaufleute bislang zurecht, die gerne mal „hintenherum“ Projekte verhindern oder ihre Interessen via Netzwerk durchsetzen? Dass ich aus Franken komme, ist da nicht so relevant. Erst einmal sind es alles Menschen, und ich glaube ganz stark an das Thema Kommunikation, schließlich bin ich ausgebildete Coachin und habe auch in dieser Funktion und als Organisationsentwicklerin gearbeitet. Das hilft mir in Situationen, in denen Kommunikation negative Emotionen oder inhaltliche Hürden überwinden muss, alles immer wieder auf die Sachebene zurückzuholen und so auch vielleicht die Lösung von Problemen ein wenig zu beschleunigen. Okay, das klappt mal mehr, mal weniger, das gebe ich zu, aber es ist ein stetiger Weg. Es ist die Kunst, Kommunikation durch verschiedene Perspektivwechsel immer wieder zu ermöglichen und sich gemeinsam zu fragen: Worum geht es hier eigentlich? Was ist unser gemeinsames Ziel? Und da bin ich nach einem halben Jahr ganz optimistisch dabei.  

Was möchten Sie unbedingt als Erstes zeitnah ändern? Ganz neu ist, dass ich nun auch auf LinkedIn als City Managerin Einblicke geben werde. Das City Management ist ja eigentlich ein B2B-Business durch unsere Mitglieder und Mitgliedsunternehmen. Das passt gut zu LinkedIn. Da die Wirkung unserer Arbeit aber B2C sichtbar ist, ist das City Management Hamburg auch auf Instagram vertreten.  

Inwiefern? Weil ich festgestellt habe, dass zum Beispiel viele Innenstadtbesucherinnen und -besucher nicht wissen, dass wir an verkaufsoffenen Sonntagen aufwendige und tolle Programme organisieren, und wo sie stattfinden und wie man teilhaben kann. Da ist die Kommunikation über Instagram schnell und direkt. So haben wir zuletzt die Themen Integration und Inklusion oder auch Olympische und Paralympische Spiele umgesetzt. Das City Management möchte für mehr Sichtbarkeit aller Aktivitäten in der Innenstadt sorgen. Wir wollen zeigen, wie viel in der City los ist und wie viele Menschen sich – auch ehrenamtlich – hier engagieren. Dieses Vernetzen von Gastronomie, Kultur und Handel, das ist für mich ein ganz großes Anliegen. Wir können als City Management noch viel mehr Community-Feeling schaffen. 

Sind Sie ein digitaler Nerd? Nerd würde ich nicht sagen, aber ich habe natürlich im E-Commerce gearbeitet und war dort auch zeitweise für die Softwareentwicklung des Marktplatzes zuständig und habe zu Beginn auch als „Product-Owner“ und „Scrum-Master“ das Entwicklungsteam geleitet. Die Kundensicht und die „Customer Journey“ waren sehr wichtig für unser Geschäftsmodell. Ein Nerd bin ich nicht, aber in jedem Fall bin ich digitalaffin.  

Sie waren vor dem jetzigen Job als City Managerin Geschäftsführerin der Onlineplattform Avocadostore, eines Marktplatzes für „Eco Fashion und Green Lifestyle“. Was haben nachhaltige Mode und grüner Lebensstil mit der Zukunft der Innenstadt zu tun? Das ist ein spannender Aspekt. Im Avocadostore ging es neben der Nachhaltigkeit der Produkte auch darum, dass man aktuelle Trends aufgreift. Es wird auch für die klassische Innenstadt immer wichtiger, was für nachhaltige und gesellschaftliche Trends sich entwickeln. Der Handel braucht Produkte, die man haben will – und die entsprechenden Stores, die das dazugehörende Lebensgefühl auch ausdrücken. Da sind wir als Innenstadt schon auf einem ganz anderen Level als vor 15 Jahren. Für eine attraktive Innenstadt muss man immer up to date und in Bewegung bleiben. 

Innenstadt-Managerin Mimi Sewalski: „Gerade junge Menschen kommen in die City, um auch was zu erleben, um zum Beispiel einen Club zu besuchen und nicht nur zielorientiert einzukaufen. Wieder andere kommen durch Social-Media-Angebote auf TikTok, Instagram oder Facebook ganz gezielt in die Läden, um bestimmte einzelne Produkte zu kaufen oder das Einkaufserlebnis auf Social Media zu posten.“ © Catrin-Anja Eichinger

Inwiefern? Momentan gibt es bei jungen Leuten um die 30 den Trend, wieder offline zu sein. Das ist jetzt paradox, weil wir ja gerade darüber sprachen, dass ich digitalaffin bin. Tatsächlich treffen sich aktuell immer mehr junge Menschen zum Beispiel bei lässiger Musik zum Stricken oder Puzzeln. Jeder Trend provoziert häufig auch einen Gegentrend. Nach der starken digitalen Phase zeichnet sich ein wenig Müdigkeit bei Social Media ab. Wir könnten da als Innenstadt günstige Zwischennutzungen anbieten, um neu sich bildenden Communitys Events mit coolem DJ oder was auch immer anzubieten. Viele junge Menschen legen parallel zum Digitalhype wieder mehr Wert auf persönliche Begegnungen. Analoges vernetzen, sich live und persönlich neu kennenlernen und vernetzen sind durchaus wieder angesagt. Warum soll die City bei Bedarf da nicht Räume für eine temporäre Erlebniskultur zur Verfügung stellen? Das Thema ist wichtig. So wie die Gesellschaft sich weiterentwickelt und verändert, muss sich auch die City verändern und entsprechende Angebote machen. 

Muss das City Management 2.0 die Innenstadtakteure stärker führen? Nein, das glaube ich nicht und habe ich so auch noch nicht wahrgenommen. Wir sind eher als Inspiration für Neues, als Ideengeber und möglicher Unterstützer bei Umsetzungen gefragt. 

Bei der Durchsetzung von Ideen ist doch Führung unerlässlich, oder? Mit Führen habe ich kein Problem, aber nicht klassisch top-down. Das bin ich nicht. Ich möchte lieber mit Ideen überzeugen und Menschen begeistern und mitreißen. Ich hoffe, dass mir das gelingt. 

Die Innenstadt-Kaufleute und -Grundeigentümer gelten eher gerne mal als sperrig. Das kann ich aufgrund der ersten sechs Monate nicht bestätigen. Im Gegenteil, ich nehme ein generelles Verständnis bei allen Beteiligten wahr, dass man sich verändern und auch Neues wagen muss. Dazu wird sicher auch die Zusammenarbeit mit dem neuen Innenstadtkoordinator Dr. Julian Petrin beitragen. Mir scheint wichtig, dass man bei Projekten klar definiert, was das Ziel ist: Will man ein gesellschaftliches oder kulturelles Erlebnis schaffen? Soll es um Spaß gehen? Oder soll die Aktion gezielt den Handel und den Umsatz pushen? Wenn die Ziele klar sind, können eigentlich alle in dieselbe Richtung laufen, und man sucht dann gemeinsam den besten Weg. 

Sie haben als Geschäftsführerin des Avocadostores mit 60 Mitarbeiter:innen und bis zu 70 Millionen Euro Jahresumsatz rund 14 Jahre nachhaltig Erfahrung sammeln können. Vor Ihrem Dienstantritt zur aktuellen Aufgabe als City Managerin haben Sie gesagt: „Ich bin Expertin für den Wandel.“ Bestärkt Sie das erste ­halbe Jahr in Ihrem kämpferischen Mut? Ja, tatsächlich. Viele Menschen, die die City prägen und mitgestalten, gehen gerne ins Gespräch und sind auch interessiert am Wandel. Ein Problem haben wir alle: Die eine Lösung liegt nicht auf dem Tisch. Wir müssen jetzt mutig sein und Sachen probieren. Und wir können auch mit Maßnahmen oder Projekten scheitern. Das gehört dazu und unterscheidet sich nicht wesentlich davon, ein Unternehmen kaufmännisch zu führen. Auch ein Kaufmann muss, um up to date zu bleiben, manchmal Risiken eingehen und etwas wagen. Das kenne ich aus meiner Geschäftsführertätigkeit. Die Idee für das Produkt oder für das Projekt muss halt sitzen. Man macht einen Businessplan, kalkuliert Risiken und baut ein bisschen Puffer mit ein. Und dann wird es schon gut gehen. Dieser Mut, neue Dinge anzugehen, ist für alle und besonders für Kaufleute herausfordernd. Es ist auch ein Wandel im Kopf. 

Haben Sie denn neben den Kaufleuten schon weitere wichtige Sparringspartner ausgemacht? Das sind sicher die Grundeigentümer und die Immobilienwirtschaft der Innenstadt wie auch die Innenstadtbeauftragte der Hamburger Wirtschaft der Handelskammer, aber auch Gastronomen, Kulturschaffende oder auch einzigartige Ladengeschäfte, die es so nur hier gibt. 

Und bei Widerstand? Wenn man zu oft gegen eine Wand gelaufen ist, muss man dann halt fragen: Was sind denn eure Ideen, was schlagt ihr vor? 

Am 31. Mai stimmen die Hamburger:innen über die Olympia-Bewerbung ab. Sind Sie dafür oder ­dagegen? Ich würde mich total freuen, wenn wir als City Management auch unseren Beitrag dazu leisten können. Olympia würde Hamburg guttun und uns im Wettbewerb mit Berlin und München eine neue und auch internationale Sichtbarkeit verschaffen. Außerdem finde ich plausibel, dass die Olympia-Investitionen in die Infrastruktur und die Barrierefreiheit Hamburg für die Zukunft fit machen würden, was Hamburg allein in dem Umfang kaum leisten kann. Ich war im Sommer 2024 in Paris und habe begeistert die positive Energie gespürt, die Olympia dort ausgelöst hat. Wir können im „Kleinen“ auch selbst mehr erreichen. Ich empfinde die Binnenalster als das Juwel der Innenstadt, dass ich am liebsten fortgesetzt bespielen würde. Alsterfontäne, Märchenschiffe oder Binnenalster Filmfest sind prima, aber da geht noch so viel mehr. Es wäre toll, wenn wir alle gemeinsam daran arbeiten: City Management, Hamburg Marketing, Hamburg Tourismus, der Tourismusverband, die BIDs und viele andere mehr. Gemeinsam müssen wir mit den City-Stakeholdern versuchen, neue Perlen der Innenstadt zu heben und die klassischen noch erfolgreicher und für alle sichtbarer zu machen. 

Mit der Elbphilharmonie, den Kulturangeboten des Überseequartiers, dem Port des Lumières, den Galerien und dem Internationalen Maritimen Museum sowie ab Ende dieses Jahres dem UBS Digital Art Museum, ab 2029 dem Naturkundemuseum und ab 2034 der neuen Kühne-Oper droht der City weiter kräftiger Kultur- und Event-Wettbewerb aus der HafenCity. Kämpfen Sie gegen Windmühlen? Das würde voraussetzen, dass sicbh die HafenCity gegen die Innenstadt positioniert. Das Ziel ist es jedoch gerade, die beiden Quartiere als Hamburgs Neue Mitte zusammenzubringen. Für mich lautet hingegen die Frage: Welche Standorte in der klassischen Innenstadt muss man stärken, damit da ein Zusammenspiel auf Augenhöhe entsteht? Ich bin kein Freund davon, zu sagen: „Oh, das passiert jetzt alles da drüben, und hier passiert nichts“, sondern es gibt auch für die City herausragende Planungen. Dazu gehört für mich unter anderem das neue „Haus der digitalen Welt“ am Gerhart-Hauptmann-Platz mit dem künftigen Sitz der Hamburger Zentralbibliothek. Mir ist auch wichtig, dass inzwischen die Planungen für die stadtplanerische Um- und Neugestaltung der sogenannten Dom­achse, des künftigen zentralen fußläufigen Verbindungsweges und der Fahrradverbindung zwischen Innenstadt und HafenCity und umgekehrt, auf den Weg gebracht ist. Für mich ist das gemeinsame Denken und Handeln von den Stakeholdern in der City und der HafenCity der einzige Schlüssel für eine neue lebendige Innenstadt von der Elbe bis zur Binnenalster, vom Westfield Hamburg-Überseequartier mit dem Cruise Center HafenCity für Kreuzfahrtgäste bis zu Mönckebergstraße, Jungfernstieg, Alter und Neuer Wall. 

Empfindet sie die City-Krise als besonderen Druck? Mimi Sewalski: „ Ich empfinde das nicht als Druck, sondern als Chance! Dabei setze ich vor allem auf Austausch, zum Beispiel mit den BIDs und anderen Entscheidern, damit man gemeinsam einzelne Projekte auf den Weg bringt. Um die klassischen Fragen wie Finanzierung, Effizienz und Kostenmanagement kommt man doch eh nicht herum. Da denke ich immer unternehmerisch.“ © Catrin-Anja Eichinger

Wichtige Grundeigentümer-Vertreter:innen wie unter anderem Nicole C. Unger oder Geschäftsführer Dietmar Hamm vom Levantehaus beklagen seit Jahren, dass viel zu wenig passiere und noch nicht einmal eine ordentliche Beschilderung von der City zur HafenCity und umgekehrt existiere. Haben Sie Hoffnung? Immer! Klar, bei dem Thema gibt es noch ordentlich Luft nach oben. Doch das Vergangene ist vergangen. Mich interessiert viel mehr, nach vorne zu schauen und zu fragen: Warum ist es nicht besser gelaufen? Können wir die Ursachen dafür beseitigen, und wie bekommen wir das hin? Gab es gravierende Kommunikationsfehler? Oder lag es an fehlendem Geld? Fragen, nicht um Schuldige zu benennen, sondern um für neue Lösungen zu ringen, die dann auch umgesetzt werden. Im Übrigen habe ich in meinen ersten sechs Monaten leider doch schon öfter erlebt, das gute Ideen einfach am Geld gescheitert sind. Vielleicht muss man gemeinsam neue Prioritäten setzen, was vor allem für eine lebendige Innenstadt sorgt – auch nach der abendlichen Schließung der Geschäfte. Ich bin sicher, dass wir es neu angehen und besser machen können. Das motiviert doch – mich jedenfalls. 

„Don’t crack under pressure“, heißt es so schön martialisch im Englischen. Wie gehen Sie mit dem Erwartungsdruck an Sie als neue City Managerin um? Ich empfinde das nicht als Druck, sondern als Chance! Dabei setze ich vor allem auf Austausch, zum Beispiel mit den BIDs und anderen Entscheidern, damit man gemeinsam einzelne Projekte auf den Weg bringt. Um die klassischen Fragen wie Finanzierung, Effizienz und Kostenmanagement kommt man doch eh nicht herum. Da denke ich immer unternehmerisch. Wichtig ist für mich, dass die überwiegende Mehrheit von einer Idee begeistert ist und Lust darauf hat, sie gemeinsam zu verwirklichen. 

Wichtige Player aus der HafenCity wie das Westfield-Quartier oder Breuninger sind Mitglied bei Ihnen im City Management Hamburg. Die haben wie Sie das Interesse, das es einen regen Austausch zwischen den Besuchern in der HafenCity und der Innenstadt gibt, um erfolgreich zu sein. Wie wollen Sie denn die vielen Tausend Westfield-Besucher:innen oder die täglich 25.000 Menschen, die den Überseeboulevard nutzen, in die City locken? Das muss man abwarten, wie sich das entwickelt. Erstaunlicherweise hat die City relativ wenig Frequenzeinbußen nach Eröffnung des Westfield-Quartiers zu spüren bekommen. Ich habe den Eindruck, dass aktuell, speziell an Wochenenden, vorher Grundsatzentscheidungen getroffen werden: Gehen wir doch noch in die Innenstadt oder ins Westfield? Und da müssen die Innenstadtakteure mit Werbung wie mit klassischem Marketing und zeitgemäßer Social-Media-Kommunikation dafür sorgen, dass es gute Gründe gibt, doch noch in der City oder der HafenCity vorbeizuschauen. Sie müssen multimedial sichtbar sein und das Einzigartige und die Qualität ihrer Location, ihrer Produkte und ihres Einkaufserlebnisses kommunizieren. Da hat sich niemand zu verstecken. Die Innenstadt ist absolut wettbewerbsfähig und wird jetzt durch das Westfield-Quartier und die HafenCity neu gefordert. Diese Herausforderung sollte die City freudig annehmen. 

Wie finden Sie generell die HafenCity? Als ich 2008 nach Hamburg kam, sagte mir ein befreundeter Architekt: „Guck dir die HafenCity an, da entsteht etwas ganz Neues.“ Das habe ich getan, bin immer wieder dort, finde es gelungen und habe in meiner vorherigen Tätigkeit das Büro am Cremon hinter der Deichstraße gehabt. Gerade der Übergang von der Altstadt über die Speicherstadt in die HafenCity hat faszinierende abwechslungsreiche Facetten. Besonders in den warmen Sommermonaten lebt der Stadtteil von seinen vielen Wasserlagen. Das macht etwas mit einem, sorgt für positive Stimmungen und für eine eigene Art von Leichtigkeit. Man hat Lust, am Wasser zu flanieren. Aber mit der Innenstadt ergeht es mir auf andere Weise genauso. City und HafenCity sind zwei Welten, die sich wunderbar ergänzen! 

Sie haben 14 Jahre Erfahrung als Gründerin und Geschäftsführerin. Sind Frauen die besseren Führungskräfte? Ich glaube, ja, weil sie ihr Ego zurückstellen können und stärker auf die Sache gucken. Das gilt sicher nicht pauschal für alle Frauen und Männer. Doch Führungsstile verändern sich in unserer Generation hin zu bottom-up statt top-down. Und Aufgaben verantwortlich abzugeben, wirklich loszulassen, können Frauen eher. Im Idealfall hören Frauen besser zu, nehmen sich Zeit, ihr Gegenüber und die persönlichen Stärken kennenzulernen und diese dann richtig einzusetzen. 

Was ist Ihre wichtigste Eigenschaft? Die Fähigkeit, mich sehr schnell in andere Menschen und ihre Situationen hineinzuversetzen. Ich mag den Perspektivwechsel und bin ein empathischer Mensch. 

Auf welches Ereignis freuen Sie sich 2026? Ich freue mich schon sehr auf das Binnenalster Filmfest am Jungfernstieg. Ich habe selbst lange im Kino gearbeitet, mein Studium mit Arbeit im Kino finanziert und finde das ein wunderschönes Projekt – und kostenlos ist es obendrein auch noch. 

Sie arbeiten rund um die Uhr für die Mitglieder des City Management Hamburg. Wie entspannen Sie im ­Alltag? Mein Geheimnis ist regelmäßiges Unkrautjäten in meinem Schrebergarten – und Sport im Fitnesscenter sowie Joggen, Yoga und Pilates. Der Mix macht’s. 

Sind Frauen die besseren Führungskräfte? Mimi Sewalski: „Ich glaube, ja, weil sie ihr Ego zurückstellen können und stärker auf die Sache gucken. Das gilt sicher nicht pauschal für alle Frauen und Männer. Doch Führungsstile verändern sich in unserer Generation hin zu bottom-up statt top-down. Und Aufgaben verantwortlich abzugeben, wirklich loszulassen, können Frauen eher.“ © Catrin-Anja Eichinger

Welche Heldin der Geschichte wären Sie gerne? Die französische zweifache Nobelpreisträgerin in Physik und Chemie Marie Curie, die sich gegen alle Widerstände ihrer Zeit durchgesetzt hat, weil sie so neugierig und von sich und ihren Themen überzeugt war. Das fasziniert mich. 

Wo machen Sie Urlaub? Mindestens einmal im Jahr in Italien. Als Nächstes möchte ich auf die Liparischen Inseln im Tyrrhenischen Meer nördlich von Sizilien. Ansonsten reise ich gerne an Orte, wo ich noch nie war. Das kann weit weg sein, doch im Moment würde ich auch Polen gerne kennenlernen. 

Lesen Sie gerne? Buch oder Tablet? In jedem Fall wähle ich das Buch, ich habe sogar ein Abo! Von meinem Lieblingsbuchhändler bekomme ich einmal im Monat ein Buch zugeschickt, der kennt meine Interessen ganz gut, überrascht mich manchmal aber auch. Pro Woche lese ich in der Regel ein Buch, sowohl Sachbücher als auch Romane – gerne auch auf Englisch. 

Schauen Sie lineares Fernsehen, oder streamen Sie? Weder noch. Eigentlich schaue ich nur den „Tatort“ am Sonntag. 

Welches Zeitgeistphänomen würden Sie gerne sofort stoppen? Teure Drinks in Plastikbechern. 

Was ist für Sie die wichtigste Innovation der vergangenen Jahre? Leider die KI, obwohl sie ihre Schattenseiten hat, inhaltlich auch Unsinn produzieren kann und energieintensiv ist. Eigentlich ein nachhaltiges No-Go. Ich finde das Werkzeug beruflich jedoch wichtig und habe KI auch für mein Bewerbungsgespräch beim City Management und in Vorbereitung auf die Arbeit erfolgreich nutzen können. Grundsätzlich sind für mich jedoch medizinische Innovationen wie die Herzklappe oder neue Krebsheilmethoden die wahren Erfindungen, die uns Menschen guttun und Leiden lindern. 

Von welcher Erfindung träumen Sie? Dass ich etwas sehe, mit dem Auge blinzle und dann ein Foto entsteht, das ich ausdrucken kann. Ich würde gerne, gerade weil ich so viel in der Stadt unterwegs bin, flüchtige Momente festhalten – mit Menschen oder Licht und Objekten aus grafischen und ästhetischen Gründen. Deshalb fotografiere ich auch gerne. 

Was ist für Sie das schönste Objekt der Welt? Erstens der Bilderrahmen mit dem Porträt meiner Oma, den ich überall hin mitnehmen würde. Und zweitens, bitte lachen Sie nicht, ästhetisch die Form eines Eis. Jedes Mal, wenn ich ein Frühstücksei aufschlage, denke ich: „Was für ein Kunstwerk!“ Die Natur bringt die schönsten Dinge hervor. 
Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

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