Wohnungsbau. Endlich! Am 30. Mai erfolgte der Spatenstich für bezahlbaren Wohnraum, Krearivflächen und ein Hotel für das »Projekt ›Kiezkante‹«, dem ehemaligen Paloma-Viertel. Die SAGA und die Quantum Immobilien AG setzen das langwierige Kaugummi-Projekt mit vielen Investoren- und Konzeptwechseln jetzt endlich um
Der Spatenstich kommt spät, sehr spät. Zwölf Jahre nach dem Abriss der Esso-Häuser beginnt am Spielbudenplatz ein neues Kapitel. Die Häuser mussten 2024 über Nacht wegen Einsturzgefahr geräumt werden. Politik und Investoren sprechen nun von einem Signal. Auf der Straße stehen Demonstrierende und sprechen von einem Wort-Bruch.
Foto/Visualisierung oben: Frontalansicht des neuen »Kiezkante«-Quartiers mit Wohnen, Kita, Gewerbe und Hotel. © Planer: Wohnen, Kita, Gewerbe – Büro Schenk Fleischhaker Architekten | Planer: Hotel & Kultur – Architekten SKAI
Was geschah: Das Areal der ehemaligen „Esso-Häuser“ steht seit vielen Jahren im Fokus der Stadtentwicklung. Nach dem Erwerb des Grundstücks im Jahr 2009 durch die Bayerische Hausbau wurden unter Beteiligung der Öffentlichkeit Planungen für eine Neubebauung als „Paloma-Viertel“ entwickelt. Öffentliche Veranstaltungen und Beteiligungsformate ermöglichten es Anwohnerinnen und Anwohnern, ihre Perspektiven in den Planungsprozess einzubringen. Eine bauliche Umsetzung erfolgte in den folgenden Jahren jedoch nicht. Im Jahr 2024 wurde das Grundstück an die SAGA Unternehmensgruppe und die Quantum Immobilien AG veräußert, die das Projekt nun gemeinsam weiterentwickeln und realisieren.

„Wir beginnen und starten“, sagt Quantum Vorstand Frank Gerhard Schmidt. Der Satz klingt schlicht. Er ist zugleich das Versprechen nach Jahren des Stillstands. Das Projekt, lange als „Paloma-Viertel“ bekannt, heißt nun „Kiezkante“. Der neue Name soll Nähe zeigen. Ob das gelingt, ist umstritten. Hamburgs Finanzsenator Dr. Andreas Dressel betont den gemeinsamen Kraftakt. „Wir kriegen gemeinsam Sachen hin, auch wenn sie zwischendurch mal auf einem schwierigen Weg waren.“ Die Liste der Schwierigkeiten ist lang. Baupreise steigen, Zinsen steigen und Projekte geraten ins Stocken. Auch dieses. Zwischenzeitlich galt es als wirtschaftlich nicht umsetzbar – auch wegen dezidierter Anwohner:innen und Nachbarschafts-Nutzungswünsche.
Die Stadt reagierte. Sie verhandelte neu. Sie reduzierte Ansprüche. Dressel spricht offen von „eigenen Lehren“: „Vielleicht manchmal ein bisschen weniger Schischi, damit auch Sachen in die Umsetzung kommen.“ Es ist ein Satz, der viel über den Kurswechsel sagt. Weg von Visionen, hin zu Machbarkeit. Stadtentwicklungssenatorin Karin Pein sieht das Projekt als Spiegel der Zeit. „Wir haben eine Zeit in der die Immobilienwirtschaft vor geopolitischen Krisen und auch danach steht.“ Viele Wünsche aus der Bürgerbeteiligung seien schlicht zu teuer geworden. Einige Ideen verschwinden. Andere bleiben. „Wir konnten viel retten, aber auch nicht alles.“

Was bleibt, ist vor allem Wohnraum. 170 öffentlich geförderte Wohnungen sollen entstehen. Dazu eine Kita, Gewerbe und ein Hotel. Die städtische Wohnungsbaugruppe SAGA spricht von einem klaren Fokus: „Wir kümmern uns um bezahlbaren Wohnraum“, kündigt Vorstandstandssprecher Dr. Thomas Krebs beim Spatenstich an. Man werde „wieder mehr bauen. Die Krise sei einkalkuliert gewesen“.
Auch Kultur soll das neue Kiezkanten-Quartier mitprägen. In einem eigenen Kreativgebäude entstehen auf sieben Etagen Flächen für die Kreativwirtschaft. Zusätzlich wird im Erd- und Untergeschoss Raum für das „Molotow“ geschaffen. Allein dafür gibt die Stadt laut Finanzsenator Dressel fünf Millionen Euro. Die Flächen für stadtteilspezifische Club- und Kulturnutzungen werden von der Hamburg Kreativ Gesellschaft betrieben. Damit will der Senat eines der zentralen Versprechen aus dem langen Prozess halten. Kultursenator Dr. Carsten Brosda zur neuen »Kiezkante«: „Musik, Kultur und Kreativwirtschaft gehören zur DNA der Reeperbahn und St. Paulis. Es ist gut, dass dies nun mit Unterstützung der Hamburg Kreativ Gesellschaft auch fester Bestandteil der neu entstehenden ,Kiezkante’ wird. Unser Ziel ist es, dass hier ein neues Quartier entsteht, in dem auch Kultur und Kreativwirtschaft ein dauerhaftes Zuhause bekommen.“
Doch genau hier beginnt der Streit der Politik. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen Demonstrierende. Sie sprechen von einer „Mogelpackung“. Antonia Ivankovic von Die Linke: „Vom Kiez steckt da gar nichts mehr drin, sondern es sind vor allem Investoreninteressen.“ Der Vorwurf wiegt schwer. Er richtet sich gegen den gesamten Prozess, der sich eine umfassende Beteiligung der St. Pauli-Community auf die Fahnen geschrieben hatte. Der sogenannte „St. Pauli Code“ wurde gemeinsam entwickelt. Viele Ideen kamen direkt aus der Nachbarschaft. Nun fühlen sich einige ausgeschlossen. „Es gab keine Beteiligung mehr“, sagt Martinus Stehmeier von Die Linke. „Dieses Konzept wurde nicht mehr besprochen.“

Die Kritik geht ins Detail. Weniger Wohnraum als geplant. Höhere Mieten als erwartet. Mehr Hotelzimmer. Die Aktivisten bezweifeln, dass das Projekt den ursprünglichen Zielen gerecht wird. Besonders die soziale Mischung steht in Frage. Der umfangreiche Beteiligungsprozess war damals auch eine Reaktion auf das Entsetzen, dass solch ein Kiezsymbol wie das Paloma-Viertel abgerissen wurde.
Stadt und Senat halten heute dagegen. Senatorin Pein betont den Kern: „Wir haben hier 100 Prozent öffentlich geförderten Wohnraum.“ Auch Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer spricht von einem Erfolg. „Das ist ein Quartier aus St. Pauli für St. Pauli.“ Er verweist auf ein Erstbezugsrecht für Menschen aus dem Viertel. Doch selbst in der Politik ist klar, dass Kompromisse gemacht wurden. Dachlandschaften, offene Terrassen oder auch mal angedachte kulturelle Experimente – vieles fällt weg. Zu teuer, zu riskant. Die Priorität liegt jetzt auf Realisierung.

Der Konflikt zeigt unabhängig von der neuen Kiezkante ein größeres Problem: Bürgerbeteiligung weckt Erwartungen. Wenn diese später nicht erfüllt werden, entsteht Frust. Gleichzeitig stehen Projekte unter wirtschaftlichem Druck. Die Balance ist schwer. Senator Dressel formuliert es nüchtern: „Mit Wolkenkuckucksheimen kann man keinen Wohnungsbau realisieren.“ Der Satz klingt hart und trifft doch auch einen Kern der Debatte über wirklich bürgernahe Mitbestimmung und Beteiligung: Was ist möglich? Und was bleibt Wunsch und wird dann doch – irgendwie – zum Alibi?
Am Ende steht nun endlich ein Baustart. Bagger rollen und Zäune stehen. Der Stillstand ist vorbei. Für die einen ist das ein Erfolg. Für die anderen ein Verlust. Die Wahrheit liegt, wie so oft, dazwischen. Fakt ist, dass das Projekt nun endlich gebaut wird. Voraussichtlich steht die Kiezkante 2029. Jimmy Blum



