»Auch mal Müllschlucker sein«

Vorschau. Singer-Songwriter Johannes Oerding tritt am 22. April 2023 in der Barclays Arena auf. HCZ-Autorin Dagmar Leischow traf den Kultbarden zum Telefoninterview

Einen Termin bei Johannes Oerding zu bekommen, ist gar nicht so leicht. Er ist ständig unterwegs, darum muss das Interview schlussendlich telefonisch stattfinden. Hinter dem Musiker liegen 44 Open-Air-Shows und eine Staffel „Sing meinen Song“, zwischendurch hat er an seinem neuen Album „Plan A“ gearbeitet. Die meisten Lieder hat er wieder im Strandgut Ressort in St. Peter Ording geschrieben. „Das hat sich so eingebürgert“, sagt er. „Ich werde dort toll betreut und muss mich nicht ums Bettenmachen kümmern.“
Foto oben: Singer-Songwriter Johannes Oerding: „Ich habe mich in meinem eigenen Mikrokosmos umgesehen. Deshalb ist eher Zwischenmenschliches auf der Platte gelandet.“ © Thomas Leidig

Ein weiteres Plus: Der 40-Jährige kann jeden Tag mindestens ein-, zweimal am Wasser spazieren gehen oder auch joggen: „Der Strand ist breit genug, um den vielen Menschen auszuweichen. Er ist für mich ein Ort des Alleinseins.“ Bittet nie jemand den Wahlhamburger um sein Selfie? „Das passiert natürlich schon. Aber mittlerweile habe ich Methoden entwickelt, wie man mich nicht erkennt – einfach den Hut nicht aufsetzen zum Beispiel!“

Der gebürtige Münsteraner ist halt mittlerweile ziemlich ausgebufft, ein erfahrener Künstler. Sein Debütalbum „Erste Wahl“ erschien 2009, sein letzter Langspieler „Konturen“ stand an der Spitze der deutschen Charts. Aus der Vogelperspektive betrachtete Johannes Oerding seinerzeit vor allem das große Ganze. Diesmal nun, sagt er, habe er das Brennglas herausgeholt: „Ich habe mich in meinem eigenen Mikrokosmos umgesehen. Deshalb ist eher Zwischenmenschliches auf der Platte gelandet.“

Neues Johannes-Oerding-Album „Plan A“. © Columbia
Neues Johannes-Oerding-Album „Plan A“. © Columbia

So entstand mit „Ecke Schmilinsky“ ein Stück, mit dem er sich an die erste Begegnung mit seiner Partnerin, der Moderatorin und Sängerin Ina Müller, erinnert: „Mit 40 schaut man auch gern mal zurück.“ Das macht Johannes Oerding immer wieder. In „Schnee von gestern“ wird er nostalgisch und taucht in seine Jugend ab. Jedenfalls für ein paar Momente. Das getragene „Eins-zu-eins-Gespräch“ hat Johannes Oerding seinem Vater gewidmet: „Die Idee lag schon länger in meiner Schublade. Weil jeder Songschreiber des Öfteren über seine Familie nachdenkt: Woher komme ich eigentlich? Warum bin ich so, wie ich bin?“

Von daher sind die Texte tendenziell grüblerisch, teilweise durchzogen von Melancholie und Wehmut. Neben den Balladen gibt es dennoch einige euphorische Uptempo-Nummern. Die Musik ist zwar im Pop verwurzelt, zwischendurch schmuggelt sich aber ein bisschen Country, Blues, Gospel und Disco rein. „Stärker“, ein deutsch-türkisches Duett mit der ehemaligen „The Voice“-Kandidatin Zeynep Avci, handelt von einer Trennung, die man sich leichter vorgestellt hat, als sie am Ende ist. Dieses Stück sei nicht auf seine eigene Beziehung gemünzt, versichert der Sänger: „Doch in meinem Umfeld kam das Thema häufiger auf.“

Der Titelsong „Plan A“ präsentiert sich durchaus ausgelassen. Johannes Oerding singt: „Denn die Idee von Plan B ist, dass Plan A funktioniert.“ Das klingt so, als hätte es für ihn nie einen Plan B gegeben. Dabei hat er doch zunächst in den Niederlanden Wirtschaft studiert. „Das war nur ein Verlegenheitsstudium, um meine Eltern zu beruhigen“, sagt er. „Ich dachte, Musiker wäre gar kein richtiger Beruf. Aber eigentlich war ich mit dem Kopf schon irgendwo auf der Bühne.“ Wenn er heute auf diese Phase zurückblickt, wird ihm klar: „Unterbewusst und später auch bewusst wusste ich immer: Musik war mein Plan A. Also habe ich alles dafür getan, dass ich keinen Plan B mehr brauchen würde.“

Das hat funktioniert. Trotzdem herrscht bei Johannes Oerding nicht jeden Tag eitel Sonnenschein. „Ich jammere über Erschöpfung und dieses oder jenes“, gesteht er. „So belaste ich die Menschen um mich herum oft mit meinem Ballast.“ Das, hat er in dem Lied „Porzellan“ erkannt, könne allerdings kein Dauerzustand sein: „Hin und wieder muss ich auch mal für andere der emotionale Müllschlucker sein. Nach dem Motto: Jetzt ist deine Zeit. Du erzählst mir etwas, und ich höre einfach zu.“

Daraus kann eine stabile Partnerschaft werden – wie in „Bis der Himmel uns bestellt“. Wobei die Grenzen zwischen Liebe und Freundschaft in diesem Lied fließend zu sein scheinen. Beim Schreiben, erzählt Johannes Oerding, habe er sich dieses Szenario vorgestellt: „Zwei 60-jährige Männer mit tätowierten Oberarmen sitzen irgendwo zusammen in der Kneipe und sehen sich an. ,Weißt du was, Jürgen?‘ sagt der eine. ,Wir sind jetzt schon so lange Kumpel. Ich liebe dich.‘“ Dagmar Leischow

INFO

Johannes Oerding tritt am Samstag, 22. April 2023, 20 Uhr, in der Barclays Arena auf.. Tickets unter www.kj.de und Informationen unter johannesoerding.de