»Biodiversität in Städten im Aufwind«

Nachgefragt Landschaftsarchitektin Prof. Antje Stokman über Flora, Fauna und Biotope in urbanen Räumen

Ach, das Leben und der Beruf können einen doch oftmals befreit anlachen. Nicht nur, dass Landschaftsarchitektin Prof. Antje Stokman von Berufs wegen sich um Natur und Stadt, also lebenswerte Dinge und urbane Räume kümmern darf, sondern sie ist soeben auch Vollzeit auf den Lehrstuhl Landschaftsarchitektur der HafenCity Universität (HCU) berufen worden. Sie freut sich ganz unverblümt, weil sie sich so jetzt noch stärker um ihre Lebens-idee von bürger- und nachbarschaftlichem Engagement für Flora, Fauna und Biotope in urbanen Stadträumen kümmern und ihre Kompetenz einbringen kann. Lesen Sie mal:

Frau Stokman, was ist eigentlich Biodiversität? Biodiversität bezeichnet in erster Linie die biologische Vielfalt von Tieren, Pflanzen, Mikroorganismen und Böden, halt alles, was natürlich ist. In zweiter Linie stellt Biodiversität auch die Frage, was die Leistungen sind, die durch das Zusammenwirken all dieser natürlichen Faktoren entstehen, wie saubere Luft, Kühlung oder Wasserkreislauf. So meint Biodiversität einerseits, dass man die natürliche Vielfalt schützen muss, und andererseits definiert Biodiversität auch, worauf wir im Zusammenleben in der Stadt angewiesen sind: Wir brauchen saubere Luft und vielfältiges Stadtgrün. Biodiversität hält auch den Nutzen für die Menschen fest, der immer stärker von den Bewohnerinnen gewollt wird. 
Foto oben: Prof. Dipl.-Ing. Antje Stokman, Lehrstuhlinhaberin für Architektur und Landschaft an der HafenCity Universität Hamburg und hinzugezogene Expertin für Biodiversität im Workshop „Steigerung der Biodiversität in der HafenCity“: „Die Lust auf wilde Blumenwiesen, Schilf im Winter oder Flächen zum Selbergärtnern ist nachvollziehbar.“ © Catrin-Anja Eichinger

Das „Grüne Band“ für Hamburg: „Spannend daran ist, dass man nicht vereinzelt denkt, sondern in stärkeren Verbindungen und Zusammenhängen, und dass Grün Vorrang vor Verkehr hat. Apropos Verbindungen. In Rotterdam entwickeln sie zurzeit ein Projekt, bei dem biodiverse Dächer über Brücken miteinander verbunden werden und so eine Art grüne Dachlandschaft entsteht. Biodiversität heißt auch, neu und frei zu denken und auszuprobieren.“ © Catrin-Anja Eichinger
Das „Grüne Band“ für Hamburg: „Spannend daran ist, dass man nicht vereinzelt denkt, sondern in stärkeren Verbindungen und Zusammenhängen, und dass Grün Vorrang vor Verkehr hat. Apropos Verbindungen. In Rotterdam entwickeln sie zurzeit ein Projekt, bei dem biodiverse Dächer über Brücken miteinander verbunden werden und so eine Art grüne Dachlandschaft entsteht. Biodiversität heißt auch, neu und frei zu denken und auszuprobieren.“ © Catrin-Anja Eichinger

Bezeichnet Biodiversität etwas, was wir verloren haben und erst wieder neu herstellen müssen? Global gesehen haben wir es einerseits mit einem dramatischen Verlust an Biodiversität zu tun, etwa durch Rodungen riesiger Flächen von Regenwäldern. Andererseits bekommt das Thema Biodiversität in den Städten gerade Aufwind, weil Städte zu immer wichtigeren Refugien für Biodiversität werden. Sie haben sogar das Potenzial, sehr hohe Biodiversität durch so vielfältige unterschiedliche Lebensräume für unterschiedlichste Tier und Pflanzenarten an sehr kleinteiligen Orten wie ein Mosaik zu erzeugen – gerade wie Hamburg und Berlin in Verbindung zum Wasser. Diese Städte können artenreiche Ökosysteme bieten wie kaum ein Nationalpark in Deutschland. Zurzeit ist Hamburg mit zwei vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Naturschutzgroßprojekten für mehr artenreiche Stadtnatur und Naturerleben in urbanen Gewässern und Parks ein Hotspot für das Thema urbaner Biodiversität.

Prof. Dipl.-Ing. Antje Stokman ist Landschaftsarchitektin. Die 48-Jährige hat an der HafenCity Universität Hamburg (HCU) den Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur inne. An der HCU leitet sie unter anderem auch den kooperativen Forschungsverbund LILAS, der die Transformation von grauen linearen Infrastrukturen zu blau-grünen und klimaangepassten Infrastrukturen erforscht.

Wie fördert man Biodiversität in der HafenCity?  In der Stadt gibt es ja ganz unterschiedliche Größen von Biotopen wie offizielle Naturschutzgebiete oder große Parkanlagen, während die HafenCity ja sehr kleinteilig strukturiert ist. Und auch haben HafenCity-Parkanlagen nicht die Dimension wie etwa der Stadtpark. Aber das Besondere an Parkanlagen in der HafenCity, wie zum Beispiel dem Lohsepark, ist, dass es dort auf relativ engem Raum eine hohe Vielzahl an Biotop-Typen gibt. So konnten wir auf dem Erkundungsrundgang im Rahmen des Dialogformats „Steigerung der Biodiversität in der HafenCity“ feststellen, dass es auf engstem Raum eine naturnahe Böschung mit Schilf und Erlen gibt, eine mit trockenheitsliebenden Pflanzen bewachsene Schotterzone, einen naturnahen Birkenhain entlang der Bahnstrecke und sogar eine eingezäunte Mini-Wildnis, die komplett sich selbst überlassen wird und nicht begehbar ist. Das alles sind kleinteilige Refugien für unterschiedliche Pflanzen und Tiere, die in anderen Teilen der HafenCity nicht vorkommen. Und mit diesen vielen kleinen biodiversen Inseln kann die HafenCity eine besondere Biodiversität fördern und entfalten. 

Wo gibt es das noch? Auch im Baakenpark gibt es eine solche Schilfzone, die ein kleines Biotop bildet. Bestimmte Tierarten können solche kleinteilig in der Stadt verstreuten Biotope als „Trittsteine“ nutzen, um durch die Stadt zu wandern. Es braucht in der Stadt natürliche Lebensräume, die vielfältige Funktionen für Flora und Fauna erfüllen. In der HafenCity geht es nicht darum, riesige Ökoflächen zu schaffen, sondern eher darum, viele punktuelle und vernetzte Strukturen zu bilden, die man – im Übrigen neben Initiativen und Vereinen auch durch ziviles Bürgerengagement – mit-entwickeln und betreuen kann. So wird die Stadt dann für Tiere und Pflanzen vielfältiger und durchlässiger.

Das Netzwerk HafenCity e.V. setzt unter anderem stark auf „wilde“ grüne ­Flächen, die nicht landschaftlich durchgeplant sind. Ein Modell? Angemessen ist daran, dass wir eine Vielfalt unterschiedlichster Biotope brauchen. Wir brauchen nicht nur mehr Lebensräume für Tiere und Pflanzen, sondern auch für unsere eigenen Erfahrungen. Es muss nicht immer der gemähte Rasen mit Bäumen und fixierten Spielgeräten sein. Die Lust auf wilde Blumenwiesen, Schilf im Winter oder Flächen zum Selbergärtnern ist nachvollziehbar. Gerade im westlichen Teil der HafenCity gibt es viele modellierte Rasenflächen, intensiv durchgestaltete Flächen und Parks. Eine tolle Ergänzung hierzu finde ich den durch die Nutzer:innen-Gemeinschaft des Oberhafens mitentwickelten Oberhafen-Garten mit seinen Blüh- und Aneignungsflächen und dem Projekt „Grau trifft Grün“ – das sollte sich jeder mal anschauen.

Es gibt die Idee eines „grünen Bandes“ vom Hauptbahnhof über den Lohsepark und den Baakenhöft über die Elbe bis zum Grasbrook. Unrealistisch? Spannend daran ist, dass man nicht vereinzelt denkt, sondern in stärkeren Verbindungen und Zusammenhängen, und dass Grün Vorrang vor Verkehr hat. Apropos Verbindungen. In Rotterdam entwickeln sie zurzeit ein Projekt, bei dem biodiverse Dächer über Brücken miteinander verbunden werden und so eine Art grüne Dachlandschaft entsteht. Biodiversität heißt auch, neu und frei zu denken und auszuprobieren.

Was macht eine Land­schafts­architektin eigentlich in ihrer Freizeit? Hamburg ist eine sehr grüne und wasserreiche Stadt. Insofern verbringe ich in meiner Freizeit viel Zeit am und auf dem Wasser und beschäftige mich mit Gärtnerthemen wie zum Beispiel Nahrungsmittelanbau in den Vier- und Marschlanden. Außerdem bin ich in einem Hausbootverein, um das Leben auf dem Wasser weiterzuentwickeln. Das ist eine große Vision für mich, Hafen, Fleete und Flüsse nicht nur als Lebensraum für Menschen neu zu denken, sondern auch die Biodiversität in einer produktiven Stadt mit Industrie zu stärken, um das Produzieren von Dingen und das Erholen neu zu versöhnen. Insofern erkunde ich am Wochenende fleißig die Stadt, sei es mit dem Boot, Fahrrad oder zu Fuß – auch auf Dächern.

Wo und wie machen Sie Urlaub? Alles, was man mit Zug und Fahrrad erreichen kann, ohne zu fliegen – gerne im skandinavischen Raum, da wir in Hamburg und Kiel tolle Fährverbindungen nach Dänemark, Finnland und Schweden haben. Für mich ist Urlaub auch Outdoorleben mit Zelten. In Skandinavien bin ich Fan vom „Jedermannsrecht“. Man schaut, wie weit man zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommt, und kann sich da, wo man ist, einfach niederlassen und übernachten. Wild zelten sowie freier Natur- und Wasserzugang, einfach wunderbar.  

Was sind Ihre persönlichen Ziele? Persönlich wie auch beruflich kann ich meine Ziele gut mit der Arbeit und meinem Interesse an gemeinwohlorientierten Projekten verbinden, die ich mit voranbringen möchte. Ich bringe mich, auch in meiner Freizeit, viel in Initiativen und Vereine ein, um Orte zu schaffen, die nur durch bürgerschaftliches Engagement und Gemeinwohlorientierung machbar sind. Das finde ich auch an meiner Lehrtätigkeit an der HCU toll, dass ich mit den Studierenden auf nichts warten muss und nichts beantragen muss. Wir bringen uns einfach ein, um Hamburg als blaue und grüne Stadt weiter kräftig voranzubringen. 

Ist das kleinbürgerliches Ökoglück im Winkel? Überhaupt nicht. Ich stelle im Gegenteil fest, dass international ein großes Interesse an der grünen Wasserstadt Hamburg und seinen Projekten besteht. Da haben wir, auch für die Bundesregierung, hier in Hamburg und besonders mit der HafenCity international eine Vorreiterrolle für das Thema Stadt und Natur. Es ist auch mein fachliches Ziel, diese positive Entwicklung mit unserer persönlichen wie auch der HCU-Expertise und -Kompetenz zu verstärken. Die Fragen stellte Wolfgang Timpe

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