Covid-19 kontern

HafenCity und Hamburg gehen in Zeiten des Coronavirus’ in Quarantäne und erleben eventuell bald sogar eine Ausgangssperre. Wie stellen sich Gastronomie, Hotellerie und Gewerbe der Covid-19-Pandemie-Herausforderung vor Ort. Eine Stippvisite in der HafenCity

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal zu einer Online-Bude entwickle“, lacht Prime Time fitness-Geschäftsführer Nils Kuprat vom Überseeboulevard in der HafenCity mit Galgenhumor über die ab heute wirksame Schließung aller Fitnesscenter in Hamburg nach dem jüngsten Covid-19-Behördenerlass. „Obwohl wir zu haben,“ so Manager Kuprat, „halten wir den Kontakt zu unseren Mitgliedern aufrecht und erstellen für sie gerade individuelle Trainingspläne und -videos für Zuhause. Wir helfen allen mit dem, was wir können, und haben vom Toilettenpapier bis zu Hanteln schon einiges zum fortführenden Training zuhause geliefert.“
Foto oben: „Wir ziehen alle an einem Strang“, sagt Hoteldirektorin Jennifer Schönau vom Ameron Hamburg Hotel Speicherstadt. © Wolfgang Timpe

Auch HafenCity-Chef Prof. Jürgen Bruns-Berentelg, regelmäßiger Zirkeltraining- und Fitness-Anhänger, hat sich von Prime Time fitness-Mitarbeiter Merlin Brinkmann heute Hantelausrüstung und individuelle Trainingspläne mit auf den Heimweg geben lassen. Prime-Time-Chef Kuprat: „Wir werden das gemeinsam durchstehen und mein Team freut sich sehr über den Zuspruch, den wir von Anwohnern und unseren arbeitenden Mitgliedern erfahren.“

Prime Time fitness-Mitglied Prof. Bruns-Berentelg (li.) bekommt von Personal Trainer Merlin Brinkmann einen individuellen Trainingsplan und Hanteln für Zuhause. © Wolfgang Timpe
Prime Time fitness-Mitglied Prof. Bruns-Berentelg (re.) bekommt
von Personal Trainer Merlin Brinkmann einen individuellen Trainingsplan
und Hanteln für Zuhause. © Privat

Was vergangenen Donnerstag zwar schon real und doch irgendwie noch für den einzelnen weiter weg schien, hat nach den Regierungsbeschlüssen zur Verlangsamung der Coronavirus-Ausbreitung am Freitag und übers Wochenende dramatisch Fahrt aufgenommen. Fast jeder scheint inzwischen die notwendigen Hygienevorsichtsmaßnahmen wahrzunehmen und das rabiate Wegfallen von sozialen Kontakten durch das Absetzen aller öffentlichen Veranstaltungen und Schließung fast aller Locations ernst zu nehmen. Auch die HafenCity-Unternehmen aus Gastronomie, Hotellerie und Gewerbe sehen sich gewaltigen, ja existenziellen Covid-19-Pandemie-Herausforderungen gegenüber.

„Wir werden das gemeinsam durchstehen und mein Team freut sich sehr über den Zuspruch, den wir von Anwohnern und unseren arbeitenden Mitgliedern erfahren“, sagt Prime Time fitness-Chef Nils Kuprat. © Privat
„Wir werden das gemeinsam durchstehen und mein Team freut sich
sehr über den Zuspruch, den wir von Anwohnern und unseren arbeitenden Mitgliedern erfahren“, sagt Prime Time fitness-Chef Nils Kuprat. © Privat

So verzeichnet das auf u.a. auf Tagungen spezialisierte Hotel Holiday Inn an der Überseeallee gegenüber der HafenCity Universität einen Auslastungsrückgang von 80 Prozent vor dem Ausbruch des Coronavirus’ auf heute zirka 20 Prozent. „Die Situation ist außerirdisch in Hamburg wie noch nie“, stöhnt Mustabashira Malik, Leiterin Sales im Holiday Inn.

„Die Situation mit dem Coronavirus ist außerirdisch in Hamburg wie noch nie“, diagnostiziert Sales Coordinatorin Mustabeschira Malik vom Holiday Inn HafenCity Hamburg. © Wolfgang Timpe
„Die Situation mit dem Coronavirus ist außerirdisch in Hamburg
wie noch nie“, diagnostiziert Sales Coordinatorin Mustabeschira Malik vom Holiday Inn HafenCity Hamburg. © Wolfgang Timpe

„Hotels und so auch wir mit unseren zahlreichen internationalen Gästen sind durch die Nähe von Menschen eine besonders sensible Coronavirus-Infektionsstelle und haben frühzeitig bei uns alle Hygienevorschriften und Distanzen zu Gästen und Tischabstände im Restaurant von uns aus übererfüllt“, betont die Managerin. Das Holiday-Inn-Team wie auch die Gäste ziehen mit, aber den Worst-Case-Fall einer Hotelschließung, falls es noch dramatisch schlimmer werden sollte, will und kann sie nicht ausschließen.

„Koch und Klempner können nun mal kein Homeoffice machen", lächeln Mutter Helga und Sohn Richard Rudolph die Krise mutig weg. © Wolfgang Timpe
„Koch und Klempner können nun mal kein Homeoffice machen”,
lächeln Mutter Helga und Sohn Richard Rudolph die Krise mutig weg.
© Wolfgang Timpe

Helga und Richard Rudolph vom Kult-Italiener Rudolph’s neben dem Spiegel an der Poggenmühle haben heute am Montag erst einmal tagesaktuell geschlossen, um ihr Restaurant blitzschnell auf die neuen Tisch-Restaurant-Verhältnisse mit 1,5 Meter Abstand ein- und die Küche vor allem blitzschnell auf das Außer-Haus-Geschäft für alle Mittagstisch-Stammkunden umzustellen. „Wir sind rund um die Uhr für unsere Kunden da, um auf aktuelle Wünsche und Bedürfnisse persönlich zu reagieren. Wenn Büroteams größere Mengen Pizzen bestellen, bekommen sie sie sogar frei Haus geliefert“, sagt Restaurant-Chefin Helga Rudolph. Das Telefon klingelt ununterbrochen, alle wollen wissen: „Kocht Ihr noch?“ Ab morgen werden Mutter und Sohn Richard mittags und abends wieder mit „einem kleinerem Team öffnen“. Einige nehmen Urlaub, für andere werden Kurzarbeit und fürs Unternehmen Kreditanfragen bei Haus- und KfW-Bank auf den Weg gebracht. Am liebsten würden beide ganz allein aus der Krise herauskommen, aber man wisse ja nicht, wie schlimm es noch kommt. Und Richard Rudolph ergänzt: „Uns ist das Wichtigste, dass wir niemanden entlassen müssen. Zwar bekommen Gastronomie und Hotellerie offenbar zinslose Kredite, aber die müssen wir ja auch wieder irgendwann zurückzahlen und haben trotzdem die riesigen Einnahmeverluste. Und da bislang keine Hotels und Restaurants behördlich geschlossen werden, können wir keine unserer Versicherungen in Anspruch nehmen. Das ist ganz bitter für uns“, stellt Richard Rudolph nüchtern fest. „Wir wollen keine Almosen“, betont er, „aber unsere Branche treffen alle Krisen immer besonders hart und nachhaltig. Wir sichern die Grundversorgung und bekommen keine Unterstützung.“ Doch aufgeben, gibt es nicht. „Koch und Klempner können nun mal kein Homeoffice machen”, lächeln Mutter und Sohn Rudolph die Krise um die Wette weg.

„Wir sitzen alle in einem Boot und werden alle miteinander von der gegenseitigen Unterstützung im Team getragen“, erzählt Jennifer Schönau, Direktorin im Hotel Ameron Hamburg Speicherstadt. © Wolfgang Timpe
„Wir sitzen alle in einem Boot und werden alle miteinander
von der gegenseitigen Unterstützung im Team getragen“, erzählt Jennifer Schönau, Direktorin im Hotel Ameron Hamburg Speicherstadt. © Wolfgang Timpe

Ihren Optimismus lässt sich auch Jennifer Schönau, Hoteldirektorin im Hotel Ameron Speicherstadt, nicht nehmen. „Wir sitzen alle in einem Boot“, betont die wie immer energiegeladene Ameron-Chefin, „und werden alle miteinander von der gegenseitigen Unterstützung im Team getragen.“ Sie arbeiten alle „mit Hochdruck an aktuellen Lösungen“, um den Covid-19-Buchungs- und Stornoeinbruch von „hervorragender Auslastung in den vergangenen Monaten“ auf 18 bis 25 Prozent hinunter aufzufangen. Das gehe von direkten operativen Entscheidungen wie dem Aussetzen des Mittagstischs bis zu neuen Öffnungszeiten im Restaurant „Cantinetta“. Doch wie gesagt, Pessimismus ist nicht ihr Dienstleistungsding. Und was hält die Ameron-Hotel-Welt in diesen Tagen zusammen? „Dass wir alle an einem Strang ziehen“, lächelt sie.

„Hotel ist wie eine kleine Familie und der tut es gut, dass das normale Leben weitergeht“ sagt Stefan Pallasch, Direktor im Pierdrei Hotel HafenCity Hamburg. Sein Krisenmotto: „Wir geben alles.“ © Wolfgang Timpe
„Hotel ist wie eine kleine Familie und der tut es gut, dass
das normale Leben weitergeht“ sagt Stefan Pallasch, Direktor im Pierdrei Hotel HafenCity Hamburg. Sein Krisenmotto: „Wir geben alles.“ © Wolfgang Timpe

Natürlich sind auch gegenüber, im vor gut einem halben Jahr eröffneten Pierdrei-Hotel, die derzeitige Buchungsstagnation und die Stornozahlen „massiv“, sagt Hoteldirektor Stefan Pallasch vom Pierdrei am Sandtorkai neben der Astor Film Lounge. Insgesamt habe man rund 35 Prozent Stornierungen zu verkraften und an Wochenenden gehe jetzt durch die Grenzschließungen die touristischen Übernachtungen von rund 100 Prozent auf etwa 30 Prozent zurück – wenn es nicht mittel- und langfristig noch schlimmer werde. Neben den Beantragungen von Kurzarbeit und den Kreditanfragen konzentriere man sich aber vor allem darauf, keine Mitarbeiter zu verlieren. „Unsere gut eingearbeiteten und hoch motivierten Mitarbeiter wollen wir unbedingt halten, um am Tag X sofort wieder voll durchstarten zu können,“ sagt der erfahrene, immer nach vorne schauende Hotelprofi. Pallasch findet aktuell auch gut, dass das Haus geöffnet ist und ja auch Gäste hat. „Das hält die Stimmung hoch“, sagt er. „Hotel ist wie eine kleine Familie und der tut es gut, dass das normale Leben weitergeht.“ Um den hygienischen Anforderungen außerordentlich nachzukommen, habe man zum Beispiel das Frühstücksbüffet auf à la carte umgestellt, um mögliche Infektionsmöglichkeiten drastisch einzudämmen. Es seien viele kleine Maßnahmen, die den Gästen und den Mitarbeitern ein Sicherheitsgefühl geben. Stefan Pallasch kann auch trotz der ernsten Lage lächelnd bekennen: „Wir geben alles.“ So sind sie halt, die kleinen und großen Helden der Dienstleistungsbranche in der HafenCity – und auch woanders. Wolfgang Timpe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.