Das Sehen verändern

Foto oben: Vrham! – Virtual Reality & Arts Festival 2019, HafenCity, Oberhafenquartier. ©Wolfgang Timpe

In der HafenCity, im Oberhafen-Quartier, läuft Vrham!, das erste deutsche Festival für Virtual-Reality-Kunst – noch bis 15. Juni. Dagmar Leischow erforscht für uns mit VR-Brille neue Realitäten.

„Moin“, sagt Dr. Carsten Brosda. „Das bedeutet in Hamburg ein herzliches Willkommen.“ Der Senator für Kultur und Medien eröffnet das zweite VRHAM! im Oberhafenquartier. Beim ersten deutschen Festival für Virtual-Reality-Kunst können die Besucher bis zum 15. Juni sogenannte Experiences erkunden. Ganz entspannt geht das in der Magenta VR-Lounge. Dort fläzt man sich einfach in eine der Sitzecken, ein Kissen im Rücken. Und setzt sich ein Oculus Go, also eine Virtual-Reality-Brille plus Kopfhörer auf. Schon taucht man in eine andere Welt ein. Aaron Bradburys „Vestige“ nimmt einen mit auf eine Reise in Lisas Gedanken. Mal steht sie selbst in Lebensgröße da, mal ihr Verflossener Erik, der schließlich stirbt. Eine erschütternde Erfahrung.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „A free opened society experienced with digital technics ...“ Foto: Wolfgang Timpe
Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien,
eröffnet Vrham!: „A free opened society experienced with digital technics …“
Foto: Wolfgang Timpe

Noch intensiver ist so ein Erlebnis in der Vrexhibition, für die der künstlerische Leiter Ulrich Schrauth zwölf Experiences zum Thema „Dis:solution“, auf Deutsch: „Auf:Lösung“, ausgewählt hat. „Die Leute“, sagt er, „sollen neue Kunstformen entdecken, die das Sehen verändern.“ Wer sich ihnen widmen will, muss sich auf einem Tablet anmelden. Beim Eröffnungsabend sind die Wartezeiten teilweise bis zu einer Stunde lang, was die 200 Gäste gelassen nehmen. Eine SMS kündigt irgendwann den Start an. Man begibt sich in eine der Kabinen, wo einen ein Assistent kurz einweist. Zum Beispiel bei Sandra Paugams und Charles Ayats‘ „The Scream“. Hier erforscht der Besucher Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“ interaktiv. Mit dem gesamten Körper. Zunächst greift er mit seinen Händen hinein ins Gemälde und holt Farbe heraus, die er dann auf der Wand verteilt. Daraus entwickelt sich eine atemberaubende Landschaft. Später springen einem die Geistern von Munchs Ahnen quasi ins Gesicht. Obendrein lernt man einiges über den Künstler und sein Leben.

Vrham!-Chef Ulrich Schrauth: „Virtual Reality is the next step beyond the reality.“ Foto: Wolfgang Timpe
Vrham!-Chef Ulrich Schrauth:
„Virtual Reality is the next step beyond the reality.“
Foto: Wolfgang Timpe

In solchen Spielereien kann man sich glatt verlieren. Doch es steht noch eine Preisverleihung an. Die dreiköpfige Jury – repräsentiert durch die kanadische VR-Kuratorin Myriam Achard, Michel Reilhac, der dem Submarine Channel in Amsterdamm vorsteht, sowie Astrid Kahmke, künstlerische Leiterin des Bayerischen Filmzentrums – verleiht den mit 5000 Euro dotierten VRHAMMY-Award an Kelsey Boncato und Daniel Oldham. Die beiden Amerikaner haben für „Forest“ einen mystischen Raum kreiert. Ein Pfad aus seltenen Pflanzen führt den Betrachter in einen Wald, in dem er sich durch das Schwingen der Arme fortbewegt.

Nico Chibac wiederum löst mit „The Gate“ Raum und Zeit auf. Vom Urknall geht es bis in die Gegenwart. Durch Galaxien und andere astronomische Wunder. Dafür bekommt er den mit 2500 Euro dotierten Hamburg Emerging Artists Award. Danach wird bis weit nach Mitternacht gefeiert. Mit einem abwechslungsreichen Programm: Die Compagnie Voix & Omnipresenz vermischt virtuelles und reales Tanztheater. Die britische Band Miro Shot schickt das Publikum auf eine multimediale Musikreise – mal sieht man die Musiker, mal Landschaften oder Stadtsilhouetten. „Meet Juliet, Meet Romeo“ beschert den Zuschauern ein virtuelles Theatererlebnis. Wobei sie viel dichter an Shakespeares Helden dran sind als bei einer konventionellen Inszenierung auf einer Bühne. Etwa wenn sie den Maskenball besuchen, bei dem Romeo und Julia sich zum ersten Mal begegnen.

Sandra Paugams und Charles Ayats nach „The Scream“, „Der Schrei“ von Edvard Munch: Ins Gemälde hineingreifen und Farbe herausholen. Foto: Wolfgang Timpe
Sandra Paugams und Charles Ayats VR-Kunst nach „The Scream“,
„Der Schrei“ von Edvard Munch: Ins Gemälde hineingreifen und Farbe herausholen.
Foto: Wolfgang Timpe

Um Begegnungen geht es auch auf dem Rathausmarkt. Dort zeigt der renommierte spanische Illustrator Magoz im Rahmen des VRHAM! Festivals seine virtuellen Figuren oder Sketches. Wie man sich mit ihnen verbinden kann? Ohne viel Aufhebens: Vor Ort muss man lediglich den QR-Code mit seinem Smartphone scannen – schon taucht plötzlich ein Mann auf, der seinem Kopf hinterherläuft. Oder eben ein anderer Charakter. Täglich ist eine neue Illustration zu sehen. So bewegt sich die Veranstaltung über ihre eigenen Grenzen hinaus und wird in diesmal mit Sicherheit noch mehr als die 4000 Zuschauer erreichen, die es im vergangen Jahr zum VRHAM!-Debüt zog. Dagmar Leischow

Das VRHAM!-Festival läuft noch bis zum 15. Juni im Hamburger Oberhafenquartier. Weitere Informationen unter http://www.vrham.de

Spezielle Tipps der HafenCity Zeitung:
1. Die VR-Journalistin und Dokumentarfilmerin Gayatri Parameswaran hat mit „Home after War“ eine interaktive Experience erschaffen, die den Zuschauer mit in die bis vor kurzem vom IS kontrollierten irakische Stadt Fellujah nimmt. Erzählt wird die bewegende Geschichte eines Vaters. Er kehrt in seine alte Heimat zurück – geplagt von der Angst vor versteckten Sprengfallen in Häuser und Wohnungen.
2. Die Franzosen Michel Reilhac und Yoann Bourgeois haben aus dem Sisiphos-Mythos die Performance „Fugue VR“ erschaffen. Ein Tänzer begleitet jeweils fünf Gäste, die VR-Brillen tragen. Wenn sie schließlich selber tanzen, verschwimmen die Grenzen zwischen der realen und der virtuellen Welt.

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