„Die HafenCity ist ein spannender Tango“

Falko Droßmann, Chef vom Bezirksamt Hamburg-Mitte: „Ich erlaube niemandem, mir meine positive Grundeinstellung zu vermiesen.“ © Thomas Hampel

Falko Droßmann, Chef vom Bezirksamt Hamburg-Mitte, über Gerechtigkeit, Spaß und Stadtteil-Kultur – im Gespräch mit HCZ-Redakteur Wolfgang Timpe

Gute Laune kann entwaffnend sein. „Gran Canaria, 14 Tage, all inkl.“, das ist mein erster längerer Urlaub seit drei Jahren, strahlt Falko Droßmann. Und dazu macht er die Siegerpose von Usain Bolt. Der Bezirksamtschef von Hamburg-Mitte und junger Bewohner der HafenCity, stellte sich kurz vor Abflug gen Spanien den Fragen von HafenCity Zeitung-Redakteur Wolfgang Timpe. „Es brennt nicht überall, aber wir könnten so viel besser sein“, sagt der 45-Jährige. Verzweifelt ist er nur darüber, dass der Tag lediglich 24 Stunden hat. Sonst lässt er sich seinen Optimismus nicht nehmen. Ein Gespräch über die wachsende HafenCity, neue Nachbarschaften und persönliche Ziele. 

Herr Droßmann, was zeichnet die 19 Stadtteile von Hamburg-Mitte aus?
Im Bezirk Hamburg-Mitte wird ein großer Teil des Hamburger Wohlstands und Vermögens von 46.560 IHK- und Handwerkskammer-Betrieben erwirtschaftet. Die gesamte Innenstadt, das Industriegebiet Billbrook, die großen Unternehmen in Wilhelmsburg wie Aurubis oder Airbus in Finkenwerder: Das alles ist Hamburg-Mitte. Und zugleich haben wir in Mitte den mit Abstand ärmsten Teil der Bevölkerung in Hamburg. Darüber müssen wir in unserer Stadt mal diskutieren. In einigen unserer 19 Stadtteile wird die Situation immer herausfordernder. Da müssen wir etwas tun. Auch deshalb ist es so wichtig, dass sich die Menschen an Wahlen beteiligen, wie jetzt am 26. Mai bei den Wahlen zur Bezirksversammlung und den Europa-Wahlen.

Wo gibt es den dringendsten Handlungsbedarf?
In der HafenCity.

Warum?
Weil die HafenCity ein Stadtteil ist, der erst lernt, Stadtteil zu werden. Am Anfang waren es wenige Bewohner, die einen großen Pioniergeist hatten und eigentlich auf Baustellen gelebt haben. Durch immer mehr Wohnbevölkerung wird die HafenCity immer mehr zu einem normalen Stadtteil. Und alle müssen schnell lernen, damit umzugehen.

Inwiefern?
Wie ist es zum Beispiel mit Entsorgung etwa Recyclingcontainern oder Nahversorgung in der HafenCity. Oder wie ist es mit bürgerlicher Partizipation. Die HafenCity ist immer noch ein sogenanntes Vorbehaltsgebiet, wo die HafenCity Hamburg GmbH Eigentümer ist.

Das heißt, dass Bürgerbeteiligung nur eingeschränkt vorgesehen ist.
Das ist in der Gründung der HafenCity so festgelegt worden. Erst einige Teile sind in die Zuständigkeit des Bezirks übergegangen. Und die Grenzen, wann sind private Eigentümer, wann der Bezirk oder die HafenCity Hamburg GmbH für welche Themen zuständig, sind für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Oder wie wollen wir mit der sozialen Infrastruktur umgehen? Insofern ist die HafenCity unter den 19 Stadtteilen von Hamburg-Mitte derzeit die größte Herausforderung.

Präziser schnitt: Falko Großmann im feinen Zwirn von HafenCity-Maßschneider Jo  Freiherr alias Dipl.-Ing. Olaf Grotkopp. ©Wolfgang Timpe
Präziser Schnitt: Falko Großmann im feinen Zwirn von HafenCity-Maßschneider Jo Freyherr alias Dipl.-Ing. Olaf Grotkopp. ©Wolfgang Timpe

ZUR PERSON …
Falko Droßmann, 45, wurde am 11. Dezember 1973 in Wipperfürth bei Köln geboren und ging mit 17 Jahren zur Polizei in Nordrhein-Westfalen und holte sein Fachabitur nach. Er studierte an der Universität der Bundeswehr in Hamburg Geschichtswissen-schaften, schloss mit Magister Artium ab und wurde Berufs-offizier. Droßmann ist seit 2001 in der SPD und wurde  2011 Chef der SPD-Bezirksfraktion in Mitte. Seit dem 25. Februar 2016 ist er Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte und seit 1. Oktober 2017, dem Tag der Einführung der Ehe für alle, mit seinem Partner verheiratet.

Etwa auf dem Baufeld 83b, wo neben dem künftigen Sportsdome in den nächsten zwei Jahren im Baakenhafen ein Projekt entsteht, wo alle Wohnformen wie Eigentum, Miete, geförderter Wohnungsbau, inklusives Wohnen und Baugemeinschaften sowie Gewerbe vorkommen und auf relativ engem Raum zusammenleben werden. Gerade diese Wohn- und Gewerbevielfalt fordern und fördern soziales Miteinander. 
Richtig. Das wird ein eigenständiger sozialer Lebensraum, quasi eine kleine City in der HafenCity. Und das aktuell aufregende Thema für die Menschen ist auch die Bebauung des Lohseparks mit dem neuen Schulcampus. Da ist neu, dass Menschen plötzlich teilhaben wollen an solchen Entscheidungen in der HafenCity. Und das ist für alle eine anspruchsvolle Aufgabe.

Vor allem für die Profis in der Stadtentwicklungsbehörde. Beim jüngsten HafenCity Forum, das der Bezirk zur Bürgerbeteiligung ins Leben gerufen hat, prallten die Meinungen bei den Fragen weiterer Wohnbau im Lohsepark oder öffentliche Nutzung wie etwa Sportflächen unversöhnlich aufeinander. Sind Sie als Bezirksamtschef hier als Moderator gefordert? 
Ja, dort ist das so. Wir als Bezirk haben die Schulbehörde, den Landesschulrat wie die BSW, die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen gebeten, dort ihre Planungen und Sicht der Dinge vorzutragen. Das ist neu, das gab es bisher in der HafenCity nicht. Die bezirklichen Planer bei uns im Bezirksamt, die ja auch viel größere Projekte etwa in Wilhelmsburg und anderen Stadtteilen planen, sind hier nicht gefragt. Insofern ist es Aufgabe des Bezirks, auch von mir, hier zu moderieren und vor allem: Transparenz zu ermöglichen. Warum entscheiden sich Schulbehörde oder Stadtentwicklung für bestimmte Planungen. Obwohl wir als Bezirk da keine Zuständigkeit haben, fühle ich mich dafür zuständig, diesen Prozess zu begleiten und mit zu beeinflussen – für die Menschen, die dort leben.

Müssen Sie menschliche, fürsorgliche Qualitäten als Bezirksamtschef haben?
Ich muss vor allem Mehrheiten haben. Mitunter muss ich sehr schnell Entscheidungen treffen und mich für Priorisierungen im Bezirk entscheiden. Und dafür brauche ich Mehrheiten in der Bezirksversammlung. Aber ja, gerade in Hamburg-Mitte gehört der gesellschaftliche Ausgleich zu den wichtigsten Herausforderungen, die auch den Großteil meines Berufsalltags ausfüllen.

Satzanfänge Falko Droßmann

Meine Stärke … ist, dass ich niemandem erlaube, mir meine positive Grundeinstellung zu vermiesen.
Mein Lieblingsplatz in der HafenCity … meine Couch.
Ich könnte gut verzichten auf … Besprechungen, die über eine Stunde dauern.
Urlaub mache ich … viel zu selten.
Eine Schwäche von mir … ist die Zigarette.
Glück bedeutet … glücklich zu sein.
Falko Droßmann in drei Worten … Rock’n’Roll.
Verzweifelt bin ich … sehr oft und ich arbeite hart daran, das nicht mehr zu sein.
Total abschalten kann ich … nie
Die Ehe für alle ist … eine Selbstverständlichkeit und war lange überfällig.

Das heißt, dass Sie zurzeit mit den rot-grünen Fraktionen im Kerngeschäft in der Bezirksversammlung zu Recht kommen müssen.
Ja. Wobei große Teile des Kerngeschäfts in der Verwaltung des Bezirks betrifft nicht die Bezirksversammlung. Wann stelle ich wofür wie viele Menschen ein. Dafür bin ich per Gesetz zuständig. Im Bereich Personal und Organisation hat die Bezirksversammlung keinen Einfluss.

Das macht ja auch Sinn. Wenn man etwa vielfältigste Einzel-Interessen immer ihr Recht bekommen würden, wie etwa der Eltern im jüngsten HafenCity Forum zum Schulcampus Lohsepark – von den Platzansprüchen fürs einzelne Kind, Schulhof ebenerdig oder auf dem Dach, Klimaanlage ja oder nein – würde die Schule nie gebaut, weil man es nie allen Recht machen kann.
Das ist richtig. Und deshalb muss man da auch noch diskutieren über die Wohnbau- und Schulthemen Lohsepark. Was schnell vergessen wird: Bei dieser Schule geht es um eine Gemeinschaftseinrichtung und ich finde toll, dass Menschen anfangen mitzudiskutieren. Ich begrüße das absolut. Wichtig ist, dass man am Ende einen Kompromiss findet, mit dem alle gleich schlecht oder gleich gut leben können.

Sie haben mal gesagt, dass der Bezirk Hamburg-Mitte Rock’n’Roll ist. Was ist denn dann die HafenCity? 
Die HafenCity ist ein spannender Tango (lacht). Tango ist ein sehr enger Tanz und die Menschen in der HafenCity leben auch baulich sehr nah miteinander. Es ist immer ein wenig Spannung mit dabei, weil zum Beispiel am Wochenende einmal halb Schleswig-Holstein in die HafenCity einfällt und man hat tolle Möglichkeiten, essen zu gehen. Man merkt deutlich, dass es kein über Jahrhunderte gewachsenes Quartier, sondern ein geplanter Stadtteil ist. Und deshalb hat die HafenCity immer auch etwas von einer Choreografie.

Der Bezirk Mitte mit seinen 19 Stadtteilen reicht von Billbrook im Osten bis nach Finkenwerder im Westen und von St. Georg/St. Pauli im Norden und Wilhelmsburg/Veddel im Süden: ruppige Gewerbegebiete und bürgerliche Grünoasen an der Elbe, bunte Szeneviertel und kleinbürgerliches Arbeiterquartier mit Migrationsprofil. Wie können Sie als Bezirkschef so unterschiedliche Menschen und Mentalitäten vertreten? 
Ich tue mein Bestes. Es gibt selten die eine richtige Lösung. Wir müssen mit meinen Mitarbeitern schauen: Welche Lösung gibt es für welche Nachbarschaft. Unsere Sozialräume sind so unterschiedlich in Mitte wie in keinem anderen Bezirk. Natürlich ist es spannend, wenn ich von einer Veranstaltung in Mümmelmannsberg direkt zu einer Veranstaltung nach Finkenwerder oder ins Karolinenviertel fahre. Wichtig ist, das Sender-Empfänger-Prinzip zu beachten. Mit einer Verwaltungssprache, die die Menschen vor Ort nicht verstehen, bekommen wir keine Lösungen hin. Und ich möchte den Menschen gerecht werden.

Seit kurzem wohnen Sie in der HafenCity Am Kaiserkai. Was hat Sie in Hamburgs wachsenden Stadtteil gelockt? 
Nach sieben Jahren habe ich dort vor einem halben Jahr endlich in einer Wohnungsbaugenossenschaft eine Wohnung bekommen. Meine Einschränkung war: Ich möchte in Hamburg-Mitte wohnen. Wir haben sie angeboten bekommen, angesehen und genommen. 

Wie fühlen Sie sich?
Die HafenCity ist komplett anders als Billstedt oder St. Georg, wo ich vorher gewohnt habe. Und noch einmal komplett anders als Horn, wo ich davor gelebt habe. Wir müssen noch lernen, mit der Nähe zurecht zu kommen. Wir haben große Fenster und mussten lernen, abends und am Wochenende die Jalousien herunter zu machen, weil einem sonst halb Niedersachsen in die Wohnung guckt. Ansonsten fühlen mein Mann und ich uns sehr wohl und bereuen die Entscheidung nicht.

Was hat sich verändert mit Ihrem Blick auf Hamburgs jüngsten Stadtteil, seitdem Sie hier wohnen? 
Nichts. Ich kenne die HafenCity, auch, weil ich 14 Jahre Mitglied der Bezirksversammlung war und damals als Fraktionsvorsitzender das Forum HafenCity eingeführt habe. Das war ein Versuch, Bewohnerinnen und Bewohner seitens des Bezirks zu organisieren. Ein kleiner Schritt Richtung normaler Stadtteil, den jetzt das neue HafenCity Forum weiter verfolgen wird. Manches bekommt man erst mit, wenn man dort lebt.

Was?
Ich habe mich an die Stadtreinigung gewandt, wann denn endlich mal ordentliche Entsorgungseinrichtungen kommen werden.

Die Frage, warum es keine Glascontainer gibt, brennt allen unter den Nägeln.
Zu Recht. Ich bekomme lange und epische Erklärungen, warum das alles nicht geht. Die Alternative ist, dass alle ihr Glas in den Hausmüll entsorgen, weil man von niemandem erwarten kann, bis zum Cityhof zu latschen, um es zu entsorgen. Das geht nicht. Da müssen wir darüber sprechen.

An Wochenenden urlauben Sie in Ihrem Schrebergarten an der Bille. Hat der Großstadtpolitiker Falko Droßmann einen grünen Daumen?
Er versucht immer wieder, den grünen Daumen zu entwickeln. (lacht) Ich ziehe zum Beispiel selber gerne Pflanzen, das klappt auch einigermaßen, aber dann kümmere ich mich wieder nicht genügend darum, und dann gehen sie alle ein. Wir versuchen es immer wieder mal, doch es wird nie Hamburgs schönster Kleingarten werden.

Ist die Kleingartenidylle auch eine Reminiszenz an Ihre Heimat, an Wipperfürth im Bergischen Land, rund 30 Kilometer von Wuppertal entfernt, südlich des Ruhrgebiets? 
Um Gottes willen, mit dem Ruhrgebiet haben wir nix zu tun, und Wipperfürth ist auch nicht 30 Kilometer südlich von Wuppertal, sondern 40 Kilometer östlich von Köln entfernt. In der Selbstwahrnehmung gibt es einfach den Köln-Bezug. Wir waren in Wipperfürth auch Teil des Erzbistums Köln. Ich bin Historiker, da muss man korrekt sein. Aber ja, ich komme ursprünglich aus der Landwirtschaft. Und ja, manchmal habe ich auch ein wenig Heimweh nach den riesigen Wäldern und der Wupper, die durch die Hügel zieht, oder nach den alten Fachwerk-Dörfern. 

Dann sind Sie Romantiker?
Ich bin kein Geisteswissenschaftler, sondern Historiker. Und Historiker müssen Romantiker sein, das geht nicht anders.

Warum?
Weil Historiker über das Schicksal von Menschen sprechen, weil es um Freude und Leid von Menschen geht.

Apropos Menschen. Was macht eigentlich ein Bezirksamt außer Gesetze durchführen und auf deren Einhaltung achten? 
Unser Kerngeschäft ist, die öffentliche Verwaltung darzustellen. Die Bezirksämter setzen den Willen des Gesetzgebers um. Fachbehörden sind für strategische Aufgaben zuständig. Der Senat entscheidet, dass Spielplätze gebaut werden und der Bezirk entscheidet mit der Bezirksversammlung wo.

Sind sie der verlängerte Arm der Rathauspolitik?  
Es gibt Dienstleistungen und Tätigkeiten, wo kein Ermessensspielraum ist. Ein Bundespersonalausweis ist ein Bundespersonalausweis. Zugleich gibt es große Herausforderungen, wo der Senat den Rahmen setzt und wir gucken müssen, wie passt es innerhalb dieses Rahmens für Hamburg-Mitte am besten. 

Zum Beispiel?
Mein wichtigstes Thema ist das Soziale in unserem Bezirk. Wir geben zum Beispiel unglaublich viel Geld für soziale Infrastruktur aus, aber wir geben es nicht besonders klug aus. Wir könnten das deutlich besser machen. Ich sage nicht, dass wir mehr oder weniger Geld brauchen, sondern wir müssen mal die Konzepte der 60er und 70er Jahre hinter uns lassen, die Einzelbetrachtung vergessen und die Sozialräume betrachten. Was braucht ein Stadtteil eigentlich? Diese Frage haben wir in Horn gestellt. Es geht doch nicht darum, welche Fachbehörde aus dem Senat wie viel in einen Stadtteil abgibt, sondern was vor Ort ankommt. Wir haben die Menschen dort nicht gefragt, was HABT ihr für eine Infrastruktur wie Mütterberatung, Spielhäuser, Häuser der Jugend, alles was wir so haben, sondern was für eine BRAUCHT ihr. Das war ein riesiges Beteiligungsverfahren mit den Bewohnerinnen und Bewohnern und es kann jetzt passieren, dass wir fünf Einrichtungen schließen und zwei neue aufmachen, wo wir generationsübergreifend arbeiten, was man in den 60er Jahren nicht getan hat. Wir wollen kultur- und religionssensibel arbeiten, wo wir den Sport als soziale Arbeit verstehen. Das sind heute fachlich alles unterschiedliche Finanztöpfe und wir wollen das jetzt mal als einen Sozialraum sehen, der gezielt gefördert werden soll.

Sind Sie als Historiker mutiger als ein klassischer Verwaltungsjurist?
Das kann sein. Mal so, mal so. Manchmal entscheide ich mich gegen den juristischen Rat und es ist erfolgreich, manchmal auch umgekehrt.

Also doch mutiger?
Der Jurist weiß, was alles schief gehen kann. Mein Job ist es mit Menschen zu arbeiten und sie zu führen. Ich war schließlich 20 Jahre lang Soldat, wovon ich heute profitiere. Immer habe ich mit Menschen gearbeitet, habe sie anzuleiten und zu führen gelernt.

Ihr Beruf als Oberstleutnant der Luftwaffe ruht während ihrer berufspolitischen Arbeit. Ist eine Rückkehr zur Bundeswehr denkbar?
Na klar. Ich möchte nie abhängig von einer politischen Tätigkeit sein. Jetzt bin ich auf sechs Jahre ernannter Zeitbeamter. Weiß ich denn, ob ich nach der Bezirksversammlungswahl abgewählt werde? Nicht falsch verstehen: Ich bin nicht amtsmüde, aber ich arbeite rund 80 Stunden die Woche und habe nur ein Wochenende frei im Monat. Und ich werde mich fragen, und das auch mit meinem Mann besprechen, ob ich das noch einmal machen will. Oder ob ich mich vielleicht auf spannende Jobs bei der Luftwaffe wie zum Beispiel die UN in New York bewerbe. Die Ausbildung habe ich ja. Nur: das ist nicht willkürlich: Ich habe tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier im Bezirksamt, deren Arbeitsbedingungen auch verbessert gehören. Also: Es ist noch viel zu tun hier und ich habe Lust darauf. Aber was nach meiner jetzigen Amtszeit passiert, ist kein Selbstläufer.

Gibt es für Sie in der Welt einen Stadtteil, den Sie vorbildlich finden? 
Nein, das ist eher ein Konglomerat. Graz hat zum Beispiel die Sozialraum-Budgetierung eingeführt, von der ich ein großer Fan bin. Eben man guckt nicht, was kommt rein, sondern was kommt an. In Kanada haben sie es geschafft, die Armutsrate um 20 Prozent zu senken, ohne die Gelder zu erhöhen. Nur dadurch, dass sie das Geld klüger und vernetzter in den Nachbarschaften und vor Ort ausgegeben haben. Solche Ideen suche ich mir auch zusammen und lade Referenten ins Bezirksamt ein, die über ihre Projekte berichten. Hamburg-Mitte ist so unterschiedlich, weshalb ich so unterschiedliche Mechanismen und Lösungen vor Ort brauche.

Inwiefern?
Die afrikanische Community in Billstedt tickt komplett anders als der Heimatverein in Finkenwerder. Die Grundbedürfnisse sind dieselben, aber wir wollen allen die gleichen Chancen bieten. Und deshalb gibt es nicht bei uns und in der Welt den einen Vorbildstadtteil, sondern für mich gibt es bestimmte Quartiere, die Vorbild für unterschiedliche Quartiere in Mitte sein könnten. Und gerade diese Vielfalt macht uns aus, das ist doch spannend.

Noch einmal HafenCity. Wie finden Sie, dass der Strandkai neben dem Marco Polo Tower bebaut wird?  
Das finde ich total toll, obwohl ich dann vom Kaiserkai aus die Schiffe nicht mehr sehen werde. Und bin auch ein wenig stolz, dass wir dort genossenschaftlichen Wohnungsbau hinbekommen haben. Das gibt es in keiner anderen Stadt, dass man in einer solchen Lage, direkt am Fluss, genossenschaftlichen Wohnungsbau hinbekommt. 

Die Pioniere der ersten Jahre hofften auf einen grünen Naherholungspark an der Elbe. Falsche Träume?
Nein. Doch wir haben so viele Grünanlagen in der HafenCity, bei denen es nicht nur um die reine Größe geht, sondern auch um die Qualität, die die Parkanlagen haben. Mit qualitativen Grünflächen ist die HafenCity gesegnet – und vor allem auch mit einer kilometerlangen Uferpromenade entlang der Elbe. Die HafenCity-Bewohner, die sagen, wir wollen keine neuen Nachbarn haben, sind in der absoluten Minderheit.

Was stört Sie als Bezirkschef für 19 Stadtteile mit über 300.000 Einwohnern am stärksten? 
Dass ich nur 24 Stunden Zeit habe am Tag. Es gibt so viel zu tun, dass man oft das Gefühl hat, es reicht noch nicht. Es brennt nicht überall, aber wir könnten so viel besser sein. Bürgerversammlungen, Unternehmen vor Ort und Institutionen: Wenn wir uns öfter zusammensetzen würden, ach, es gibt noch viele tolle Aufgaben.

Woher kommt ihr angstfreies Regieren? Sie stehen zum Nicht-Schaffen in manchen Dingen, was andere Politiker zu verbergen suchen.
Der Fisch stinkt immer vom Kopf her. Angstfrei heißt ja nicht, dass ich blind ins Verderben renne. Ich überlege mir sehr genau, in welche Prozesse wir gehen. Und ich weiß, welche Begabungen wir in der Bürgerinnen- und Bürgergesellschaft und in den Nachbarschaften und in Unternehmen haben. Deswegen machen wir immer wieder Wirtschaftskonferenzen mit 40 bis 60 Unternehmen, um gemeinsam zu überlegen, was wie besser gehen könnte, oder wo man gemeinsam investieren kann. Da ist der Bezirk Initiator und Moderator.

Was heißt investieren?
In Hamburg-Mitte habe ich 38 Cent pro Quadratmeter Grünfläche im Jahr – so wie jeder andere Bezirk – den ich ausgeben kann. Warum können Unternehmen nicht Patenschaften für Grünflächen in ihrer Nähe übernehmen, statt den Bezirk zu mahnen, es besser zu organisieren. Dafür kann ich Geld geben. Oder ich finanziere einer Bürgerinitiative am Hansaplatz in St. Georg einen Schlauchwagen, weil sie ihr Quartier selbst pflegen wollen. Und das, ohne sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Solche nachbarschaftlichen Paten- und Partnerschaften strebe ich an. Da müssen wir alle erwachsener und besser werden.

In Ihrem Amtsbüro steht hinter Ihnen ein Bild von Helmut Schmidt und vor Ihnen ein Bild von Johannes Rau. Disziplin und Herzenswärme. Was verbinden Sie mit den beiden?
Ich sitze zwischen Ihnen (lacht). 

Da kann man herunterfallen.
Das stimmt. Helmut Schmidt hat viel geraucht und das tue ich leider auch. Wie er Organisationssysteme grundsätzlich in Frage gestellt hat, fasziniert mich. Er hat das Funktionieren öffentlicher Verwaltung nie einfach hingenommen. Und Johannes Rau hat den Mut gehabt, sich vor Tausenden von Bergleuten zu stellen und ihnen zu sagen, dass ihre Zechen geschlossen werden und er diese Entscheidung gefällt hat. Und bekam am Ende für die Klarheit und ehrliche Erläuterung sogar Beifall von den Kumpeln.

Also sind Sie eine Mischung aus Moral und Verpflichtung?
Weiß ich nicht. Ich lasse die Empathie für menschliche Schicksale nicht außer Acht. Wir haben unglaublich viele, arme Familien in Hamburg-Mitte. Ich möchte Stadtteile und Menschen nicht gewichten, aber ich beachte schon, dass zum Beispiel in Billstedt-Horn über100.000 Menschen leben. Das sind unsere jüngsten Stadtteile, die 74,8 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund bei den unter 18-Jährigen haben. Bei allem Respekt, das ist nicht die HafenCity mit ihren vielen EU-Ausländern. Unsere Herausforderungen liegen in Kirchdorf-Süd und Wilhelmsburg, in Mümmelmannsberg und in Sonnenland in Billstedt. Und da muss ich mich auch kümmern. Und nicht nur da, wo Medien und Mehrheiten sind. Die City muss bei manchen Terminen auf mich verzichten.

Bezirk mal auf die Straße heruntergebrochen. Einer HafenCity-Bewohnerin hat ihr Amt vorgeschrieben, dass sie nur drei statt vier Blumentöpfe vor ihrem Ladengeschäft auf die Straße stellen darf. Muss der Bezirk Bremser sein? 
Nein. Wir können nachvollziehen, dass Menschen es sich schön machen oder auf ihr Geschäft aufmerksam machen wollen. Aber im Rechtsstaat gelten gleiche Regeln für alle. Das betrifft auch Produktpräsentationen im öffentlichen Raum, in der HafenCity, wenn etwa Hersteller ihre Autos oder Vergleichbares zeigen wollen. Da legen wir einen strengen Maßstab an. In der HafenCity flogen „Kundenstopper“, Hinweisschilder bei Wind durch die Luft und haben Menschen verletzt. Das stoppen wir zu Recht. Und wenn, wie im Portugiesenviertel eine Außenbewirtschaftung verursacht, dass Rollstuhlfahrer den Gehweg nicht mehr nutzen können, ändern wir das. Wir haben ein Hamburgisches Wegegesetz, und das setzen wir auch um. Es ist wichtig, dass wir das tun. Ansonsten sind wir willkürlich. Und das dürfen wir als Staat nie sein. 

Eine der letzten freien, noch nicht final durchgeplanten Flächen der HafenCity ist der östliche Rand des Lohse-Parks an den Bahngleisen. Freiflächen wie Skateranlagen oder Sport- und Bolzplätze sollen nach dem Willen der Stadtentwicklungsbehörde für ursprünglich nicht geplanten Wohnungsbau weichen. Wie schauen Sie auf den Konflikt?
Wir brauchen diese Schule für 1.500 Schüler. Das ist unstrittig. Und wir brauchen sie nicht nur für die HafenCity, sondern auch für den Nachbarschaftsstadtteil Rothenburgsort. Der Stadtteil soll jedoch auch einen echten Mehrwert durch das Gelände bekommen, weshalb die Sportanlagen öffentlich nutzbar sein müssen. Wir müssen uns in einer erwachsenen Stadt kreative Gedanken machen, nicht nur eigene Interessen verfolgen. Die HafenCity muss lernen, wie so ein Kommunikationsprozess stattfinden kann. Es gibt keine fertigen Rezepte, die alle glücklich machen.

Butter bei die Fische. Was kommt am Ende dabei heraus?
Es wird am Ende eine Schule  dort geben – mit einer Stadtteilnutzung im Erdgeschossbereich wie zum Beispiel auch einer öffentlichen Nutzung der schulischen Sportanlagen.

Wann bestimmen Sie als Bezirk mit, wo es wie in der HafenCity weitergeht?
Erst wenn die Bürgerschaft eine Gesetzesänderung macht, zuletzt gab es vor zwei Jahren das sechste Änderungsgesetz zur Zuständigkeit in der HafenCity. Erst dann wird es öffentlich gewidmeter Raum und dann sind wir auch verantwortlich.

Kann eine Stadt in einem wachsenden Quartier nicht Flächen, die heute von Menschen genutzt werden wie den Skatern und Kickern, einfach frei halten und sich frei entwickeln lassen?
Das hielte ich nicht für klug. Erstens gibt es am Ende sowieso immer wieder baurechtliche und nutzungstechnische Abstimmungen, wie wir es auch in Wilhelmsburg erlebt haben. Gilt die Baurechtsverordnung, gilt die Versammlungsstättenverordnung und so weiter. Zweitens handelt es sich um extrem komplexe Grundstücksverkäufe, wodurch wiederum Hochwasserschutz entsteht und finanziert wird. Das kann ein Bezirk einfach nicht. Auch deshalb bin ich der HafenCity Hamburg GmbH extrem dankbar, dass sie etwas Tolles geschaffen haben. Jetzt geht es darum, sich in die Prozesse einzubringen, und wenn sie dann öffentlich gewidmet sind, sie auch gut zu behandeln.

Apropos Rothenburgsort, ein direkter Nachbar der HafenCity. Was macht den Stadtteil für Sie aus?
Rothenburgsort ist ein wieder aufgebauter Stadtteil, der früher dreimal so viele Einwohner hatte, in dem mit Industrie- und Gewerbebetrieben direkt neben Wohnanlagen relativ viel Durcheinander ist, und der mit dem Entenwerder Park, direkt an der Elbe, einen der schönsten Parks Hamburgs hat.

Der mal einem professionellen Fußballliga-Platz weichen sollte …
… nein. Das Thema ist durch. Im Entenwerder Park wird es keine Sportanlage geben. Punkt, Aus, Ende. Rothenburgsort ist ein unglaublich liebenswerter, quirliger Stadtteil, in dem es noch bezahlbare Mieten und Eigentumswohnungen und Genossenschaften gibt.

Sind die HafenCity und Rothenburgsort gelebte Nachbarschaft?
Noch nicht. Es gibt viele Menschen in der HafenCity, die nicht wissen, wo Rothenburgsort ist. Aber wenn wir die Brücke vom Baakenhafen in den Entenwerder Park gebaut haben werden, wird sich das schlagartig ändern. Und dann merken auch die HafenCity-Bewohner, dass sie 100 Meter vor ihrer Haustür einen der schönsten Parks Hamburgs haben. 

Am 26. Mai wird eine neue Bezirksversammlung gewählt. Bei der letzten Bezirksversammlungswahl 2014 war die Wahlbeteiligung auf 31,1 Prozent gefallen und die SPD musste ein Minus von 10,4 Prozentpunkten hinnehmen. Wie wollen Sie als SPD-Mitglied und Bezirkschef die Hamburger für die Wahlen motivieren? 
Wir haben u.a. einen Flyer produziert, in dem wir deutlich machen, was der Bezirk eigentlich alles bewegt, und warum man so mit seiner Bezirkswahlstimme Einfluss auf den eigenen Stadtteil nimmt. Ich selbst biete zahlreiche Stadtteil-Rundgänge mit unterschiedlichen Kandidaten, nicht nur der SPD, an. Natürlich auch noch in der HafenCity. Ich wünsche mir einfach, dass sich viele an den Bezirkswahlen beteiligen und eine demokratische Partei wählen. Es gibt zu viele Entscheidungen, die die Menschen direkt vor Ort betreffen. Und deshalb ist es eine Bürgerinnen- und Bürgerpflicht, wählen zu gehen. Wenn die Bewohnerinnen und Bewohner unserer Quartiere gute Abgeordnete in die Bezirksversammlung und die Fraktionen bringen, dann gibt es gute Stadtteilpolitik, weil die sich dann durchsetzen werden.Sie haben ohne Rücksicht auf Geld und Moral drei Wünsche frei. Welche erfüllen Sie sich?
Erstens möchte ich, dass der Tag mehr Stunden hat. Zweitens wünsche ich mir, dass ich endlich mein Grüngartendach auf meine Laube bekomme, obwohl da offensichtlich nur Probleme existieren. Und drittens möchte ich, dass ich den Bootsführerschein bestehe, um auf der Bille um unser Wassergrundstück herum zu fahren. Vor der Prüfung habe ich echt Bammel (lacht). Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

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