»Egal, ich bereue nichts!«

Jubiläums-Interview Der Club-20457-Gründer Antonio „Toni“ Fabrizi über Pandemie-Irrsinn, Beziehungsstatus und Rosa als Trendfarbe

Zehn Jahre zurück in der HafenCity? Kaum noch vorstellbar, wie es damals hier aussah und was sich in dieser Zeit alles verändert hat oder geschaffen wurde. Einer, der von Anfang an dabei sein wollte und es bis heute ist, heißt Antonio „Toni“ Fabrizi. Am Samstag, 16. Juli, feiert sein Club 20457 sein 10-jähriges Bestehen. Und wir, die Anwohner:innen, After-Work-Junkies und Clubgäste aus Hamburg und der Welt wollen das mit dem leidenschaftlichen Gastgeber und italienischen Lebensoptimisten Toni feiern. Er hat durchgehalten, sein Club hat trotz mancher ungerechtfertigter Corona-Glühwein-Denunziation von Nachbarn überlebt. Und seit dem Wegfall der Hamburger Corona-Auflagen sind manche Abende an der Theke des Club 20457 wieder wie vor der Pandemie – vor und hinter der Theke.
Foto oben: Toni Fabrizi, seit zehn Jahren leidenschaftlicher Gastgeber in der HafenCity: „Ich kann fantastisch singen – mit zehn Jägermeister intus.“ © Catrin-Anja Eichinger

Toni und Henry am Überseeboulevard mit kleinen Enthüllungen zum Zehnjährigen im Club 20457: „Kerry Fay wird uns unterstützen wie auch Stefan von der Gruppe voXXclub. Ich kann versichern: Einfach kommen. Es wird ein Knaller.“ © Catrin-Anja Eichinger

Toni, hinter uns allen liegt eine irre Achterbahnfahrt an Pandemie-Erfahrungen. Wie siehst du diese bleierne Zeit seit März 2020? Erstens freue ich mich natürlich, wieder mit euch zu quatschen, denn im März vor zwei Jahren saßen wir zusammen, und Melli hat gerade die gleiche Hygieneflasche wie vor zwei Jahren entdeckt, die bald abläuft. Das, finde ich, ist ein schönes Symbol, dass die ganze Corona-Geschichte ausläuft und so einen grippeähnlichen Status erhält. Während dieser zwei Jahre haben wir uns oftmals nicht mehr vorstellen können, wie es ist, unbeschwert und distanzlos aufeinander zuzugehen, uns zu umarmen, grundsätzlich Nähe zu erleben. Ich stelle gerade fest, dass es immer noch ein paar Tage braucht, um alles wieder so zu empfinden, als ob es das Normalste der Welt sei.

Warum mag er den Club-Begriff „Wohnzimmer der HafenCity“ nicht? „Einerseits bin ich stolz darauf, lebendiger Teil der HafenCity zu sein. Andererseits fand ich den Club 20457 immer auch als Schmelztigel toll, weil viele unterschiedlichste Leute aus ganz Hamburg und dem Umland in die Osakaallee 8 gekommen sind. Es ist doch scheißegal, wer sie sind und woher sie kommen.“ © Catrin-Anja Eichinger

Aber umarmen geht schon wieder? Ich finde schon. Doch die zwei Jahre waren lang, und jeder Selbstständige kann ein Lied davon singen, dass es noch nicht vorbei ist, sondern erst beginnt: Mietstundungen und Hilfen zurückzahlen, ach, was soll’s, aber die Altlasten der zwei Jahre sind nicht einfach wegzustecken.

Der Club 20457 war ja auch in den Lockdowns teil­weise wochenlang ­geschlossen … Das muss ich jetzt korrigieren. In den zwei Jahren habe ich nie wirklich die Füße stillgehalten. Als der Club zugemacht wurde, habe ich im Bistro Toni mittags Geschäft gemacht, habe eine Eismaschine angeschafft, und während der Pandemie ist unser Podcast „Thekengeflüster“ entstanden. Außerdem habe ich den „Club 20457 Gin“ herausgebracht. Also, ich will nicht jammern, ich habe immer Umsatz gemacht und deshalb auch manche Finanzhilfe nicht bekommen. Egal, ich bereue nichts.

Ganz ehrlich: Wenn ich eine Beziehung hätte, würde ich sie mit einer Frau führen. Doch ich bin überzeugter Single. Das soll es auch geben, und es ist eine Wohltat. Schließlich gibt es sehr viele unglückliche Menschen in vielen unglücklichen Beziehungen. Den Single-Status habe ich schon seit vielen Jahren, und ich lebe gerne auch alleine, weil ich auch meinen Alltag alleine haben möchte. Außerdem möchte ich gerne Highlights erleben. Und wenn ich Spaß haben will, dann hol ich mir den auch. © Catrin-Anja Eichinger

Auch nicht das Öffnen unter Corona-Beschränkungen, als du dir nicht nur Freunde gemacht hast? Natürlich, ich war der Blockwart vom Dienst, doch die Alternative dazu wäre mit vielen tausend Euro kostspielig gewesen. Und es geht und ging ja auch um Verantwortung. Und sehr viele sind gerne in den Club gekommen und haben es hingenommen, dass wir uns an die Regeln gehalten haben.

Tja, unser Dorf HafenCity kann auch kleinkariert sein. Ja, natürlich. Doch zuallererst möchte ich wirklich eine Liebeserklärung an meine Stammgäste machen. Es ist unfassbar, wie wahnsinnig viele Gutscheine in der Pandemie gekauft worden sind. An der Stelle eine große Bitte: Löst sie ein! Das ist mir ganz wichtig, gerade weil ich so viel authentische Solidarität erlebt habe.

Und die Nörgler? Klar, du bist im Zweifel der einzige Nüchterne im Raum und du achtest auf 1,50-Meter-Abstandsregeln und dass nur fünf Personen aus maximal zwei Haushalten am Tisch sitzen. Ich kann irgendwie verstehen, dass das Mist ist. Hallo, im Club 20457 wird gekuschelt, und man ist natürlich distanzlos – eigentlich. In der Pandemie jedoch bei mir nicht. Das führte dann in harten Corona-Regelzeiten auch zu Härten. Einige Wege haben sich getrennt.

Trio Infernale: Mitarbeiterin Melanie Wagner und HCZ-Chef­redakteur Wolfgang Timpe mit Club-20457-Gastgeber Toni (li.): „Wenn ich Spaß haben will, dann hol ich mir den auch.“ © Matthias Schinck

Das ist nicht deine Welt. Nein, da schlugen natürlich bei mir zwei Herzen in der Brust: Da freuen sich einerseits Menschen über die Nähe und Vertrautheit, die diesen Laden immer wieder ausgemacht haben. Und andererseits hat es mir dann auch gereicht, wenn jemand Bilder von Momenten geschossen hat und uns mit einer Beschwerde beim Ordnungsamt angezeigt hat – wie auch bei den Glühweintheken. Die Glühweinkontrolle hat jede Drogenrazzia in den Schatten gestellt, als neun (!) Ordnungshüter vom Ordnungsamt im Kreis vor mir standen und mich belehrten, dass ich als in NRW geborener Deutscher mit italienischem Pass eigentlich eine Aufenthaltsgenehmigung bräuchte. Lange Rede, gar kein Sinn. Waren wirkliche Stresszeiten und hat mich manchmal auch, sorry, emotional angekotzt. 

Wolltest du mal, morgens um zwei Uhr, wenn du vom Club über den Überseeboulevard nach Hause zum Grasbrookhafen gegangen bist, hinschmeißen? Nee, nee, nee. Ich bin das oft gefragt worden, aber während dieser ganzen zwei langen Jahre habe ich nie daran gedacht, hinzuschmeißen, meine Lust blieb mir immer erhalten. Dafür habe ich zu viele -Ideen umgesetzt. Ich war oftmals genervt und mache auch kein Geheimnis daraus, dass mir kurz vorm Lockdown auch noch eine Steuerprüfung an die Theke schwebte. Mein Problem war, dass ich rückwirkend für drei Jahre geschätzt wurde auf abenteuerliche Umsätze. Die Sache ist noch nicht vom Tisch, inzwischen sieht es ganz gut aus, aber zusätzlich zur Pandemie schlage ich mich seit zweieinhalb Jahren mit dem Finanzamt rum. Das braucht kein Mensch, und du hast es immer im Hinterkopf. Als ich damals nach viereinhalb Stunden Gespräch mit dem zuständigen Chef des Finanzamtes zurückgekommen bin, habe ich an der Theke gesagt: „Ganz ehrlich, Leute, schlimmer kann es nicht kommen.“ Und dann kam Corona.

Hast du in der Krise neue Seiten an dir entdeckt? Ich habe festgestellt, dass ich noch nie so bei mir war wie in den vergangenen Monaten. In den letzten zwei Jahren habe ich mich darauf verlassen, dass ich den Mut nicht verliere, nicht in Panikattacken verfalle. Man muss sich das für einen Selbstständigen mal vorstellen: Von hundert auf null gefallen, keine Einnahmen mehr – alle Kosten laufen aber weiter. Ja, ist halt so, sage ich mir. Mein Gott, wir leben in Deutschland, wo immer dieser Jammer-Wettbewerb läuft, wer denn schlimmer dran ist, und ich mir schlimmste Beschimpfungen gefallen lassen musste, dass ich den Club unter 2G- und 3G-Bedingungen geöffnet habe. Es ging einfach nur darum, jeweils meinen Weg zu finden. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben und, im Ernst, wenn es persönlich knallen sollte, gehe ich als Schafhirte nach Holland oder Schottland. 

Hast du ein neues Hobby entdeckt. Strickst du jetzt? Ich und stricken (prustet vor Lachen), na klar! Im Ernst: Die Rezeptur für den Club-20457-Gin und das Logo zu entwickeln hat extrem viel Spaß gemacht und war wichtig. Mein großes Ziel war, nicht unsichtbar, kein Pandemie-Opfer zu werden. Denn eins ist klar: Wer bist du eigentlich, wenn der Club 20457 schließt? Machen wir uns nichts vor: Viele kennen und mögen mich, doch die Person kennen sie ja nicht, es ist die Funktion, der Gast-geber im Club, den sie kennen. Wer bist du eigentlich, wenn du den Status nicht mehr hast, wenn du wirklich einfach einer von vielen bist? Ich glaube, ich könnte damit gut leben.

Du magst den populären Begriff „Wohnzimmer der HafenCity“ für deinen Club überhaupt nicht. Warum? Einerseits bin ich stolz darauf, lebendiger Teil der HafenCity zu sein. Andererseits fand ich den Club 20457 immer auch als Schmelztigel toll, weil viele unterschiedlichste Leute aus ganz Hamburg und dem Umland in die Osakaallee 8 gekommen sind. Es ist doch scheißegal, wer sie sind und woher sie kommen. Hauptsache, die Gäste fühlen sich wohl und haben eine gute Zeit. Ich habe das schon oft gesagt, aber das ist meine Leidenschaft für den Club 20457.

Du gehst jeden Tag einige Kilometer, unter anderem mit deinem Hund Henry, durch die HafenCity. Was fällt dir am Stadtbild, an der Architektur, an der Infrastruktur auf? Ich bin weiterhin Fan der HafenCity, und ich finde Baustellen einfach großartig. Eine Baustelle ist ein Symbol dafür, dass es weitergeht, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Und das Tolle ist: Du kannst dabei zugucken. Auch in der Pandemie herrschte kein Stillstand, es wurde weitergebaut, und jetzt kann man schon sehen, wie das Überseequartier wird. Man erkennt inzwischen, dass es eine Stadt in der Stadt ist, wie breit und hoch es wird. Ich bin Fan des Überseequartiers, für mich ist es nicht zu groß, zu breit, zu laut. Am Ende wird die HafenCity eine Metropole sein. 

Wie wird das Westfield Hamburg-Überseequartier die HafenCity verändern? Wieso braucht es das Überseequartier für Veränderung? Jeden Tag ziehen Menschen in die HafenCity, und damit verändert sich was – und das ist gut so. Hier lebt doch jeder in seiner Bubble, ob die Ureinwohner vom Kaiserkai, aus der Shanghaiallee oder vom Lohsepark, am Dahlmannkai oder neuerdings – hallo, seit über einem Jahr! – im Baakenhafen. Ich finde die HafenCity schon verdammt bunt und vielfältiger als das Schanzenviertel. Das meine ich ernst. Wir haben hier weniger Müll, dafür ist es bunter. Da ist doch schon eine ganze Menge.

Zum zehnjährigen Jubiläum gönnt ihr euch im Team rosafarbene Hoodies. Richtet ihr euch im Club 20457 jetzt an die Fachschaft und ans queere Publikum? So ein Quatsch. Eine solche Frage kann eigentlich nur jemand aus Eppendorf oder Winterhude stellen (lacht). Hallo, wir sind in der HafenCity!

Eben. Warum also rosa? Ach, diese Schubladen sind krass. Erleben wir aber auch an der Theke. Wir haben für fast jedes Getränk ein eigenes Glas. Es gibt Menschen, die möchten nicht aus unseren Kelchen trinken, weil die ihnen zu weiblich sind, sie möchten gern ein klassisches Drink- oder Whiskyglas. Sollen sie doch gerne aus ihrem Phallussymbol trinken. Können wir auch.

Und was sagt der Italiener in dir dazu? Die neuen Hoodies sind einfach schön. Hallo, es ist nicht pink! Ich musste mir aber auch schon den Spruch anhören: „Wer am lautesten quietscht, muss am dringendsten geölt werden“ (alle lachen ohne Ende). Apropos Italiener. Viele Deutsche finden, dass Aperol Spritz ein Frauengetränk ist. In Italien trinken die größten Machos Gespritzten. Hier spricht man ja auch von Frauenbier und meint Radler. 

Noch mal. Warum rosa? Rosa ist so eine positive Farbe. Es gibt nichts Positiveres als diese lebensbejahende Farbe. Ja, sie polarisiert und ist ein Statement und erfordert auch ein wenig Mut. Ach, hört doch auf, es ist einfach eine geile auffallende Farbe. Und nach über zwei Jahren Tristesse und Pessimismus wird es Zeit, ein Symbol zu tragen, das einfach leuchtet – und zwar rosa!

Stichwort Statement. Alle im Quartier interessiert: Hat Toni eigentlich eine Beziehung? Ich liebe an erster Stelle mich selbst (lacht). Seid ihr verrückt, so eine persönliche, intime Frage zu stellen?

Ja. Ganz ehrlich: Wenn ich eine Beziehung hätte, würde ich sie mit einer Frau führen. Doch ich bin überzeugter Single. Das soll es auch geben, und es ist eine Wohltat. Schließlich gibt es sehr viele unglückliche Menschen in vielen unglücklichen Beziehungen. Den Single-Status habe ich schon seit vielen Jahren, und ich lebe gerne auch alleine, weil ich auch meinen Alltag alleine haben möchte. Außerdem möchte ich gerne Highlights erleben. Und wenn ich Spaß haben will, dann hol ich mir den auch. Den gibt es auch. Aber wie gesagt: Ich bin ein überzeugter Single.

Am 11. Juli wird der Club 20457 genau zehn ­Jahre alt. Gefeiert wird am Samstag, den 16. Juli, damit alle durchmachen können. Was hast du vor? Sorry, liebe HafenCity Zeitung, da müsst auch ihr euch überraschen lassen. 

Komm, wenigstens einen Hinweis. Also: Achtung! Es wird eine Überraschung geben, eine kleine Show-Einlage, in der ich und auch das Team eine Rolle spielen werden.  

Du spielst aber nicht Mundharmonika wie Pfarrer Frank Engelbrecht? Ich würde es sehr gerne, wenn ich es könnte. Dann würde ich jeden Tag auf einer Kiste auf der Straße stehen und Musik machen. Es gibt so Momente, in denen ich fantastisch singen kann – mit zehn Jägermeister intus. Kerry Fay wird uns auch unterstützen wie auch Stefan von der Gruppe voXXclub. Ich kann versichern: Einfach kommen. Es wird ein Knaller.
Das Gespräch führten Melanie Wagner und Wolfgang Timpe

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