Kennenlernen, feiern, erhalten

Welterbe-Fest. 2022 feiert die UNESCO Welterbe-Konvention ihr 50-jähriges Jubiläum. Das Motto des deutschen Welterbe-Tages, „Erbe erhalten – Zukunft gestalten“, -befeuert das Welterbe Speicherstadt und Kontorhausviertel samt Chilehaus

An wenigen Plätzen der Welt liegen Denkmale von außergewöhnlichem universellem Wert so unmittelbar in der Nachbarschaft eines modernen innerstädtischen Entwicklungsgebiets, wie es bei der Speicherstadt und der HafenCity der Fall ist. Beide Viertel bilden ein Ganzes und erzählen so die Geschichte des Aufstiegs Hamburgs zum Welthafen und dessen partieller Metamorphose in eine Waterfront-City des 21. Jahrhunderts. 
Foto oben: Welterbe Speicherstadt mit dem Wasserschloss – für Touristen und Hamburger:innen immer ein Hingucker und ein Ruhepol zum Einkehren, indoor und outdoor.© Thomas Hampel

Welterbe Speicherstadt mit dem Wasserschloss – für Touristen und Hamburger:innen immer ein Hingucker und ein Ruhepol zum Einkehren, indoor und outdoor. © Thomas Hampel

Im Kontorhausviertel herrscht seit dem Bau in den 1920er-Jahren durchgehender Bürobetrieb, die Speicherstadt aus dem 19. Jahrhundert hat sich von einem monofunktionalen Lagerort zu einem Ort der Kultur und Dienstleistung entwickelt und bildet das städtebauliche Scharnier zur Innenstadt. Hier erzählt Hamburg außerordentlich einprägsam seine Geschichte der vergangenen mehr als 150 Jahre, die man zum Welterbe-Fest auf den Führungen der IG KulturQuartier durchstreifen kann. Die Gegenseitigkeit der beiden Orte und ihrer Themen spiegeln auch die Herausforderungen und die Komplexität ihrer Erhaltung. 

Die 1.154 von der UNESCO aufgelisteten Welterbestätten sind das gemeinsame Erbe der Menschheit, sie zu bewahren ist eine essenzielle Aufgabe. Dennoch sind sie zunehmenden Infragestellungen und Risiken ausgesetzt: Dem Klimawandel, dem urbanen Entwicklungsdruck, der stetig zunehmenden Bevölkerungsdichte und dem immer noch ansteigenden Ressourcenverbrauch. 

BERND PAULOWITZ Der Welterbe-Koordinator Bernd Paulowitz beim letzten Welterbe-Festtag 2019. © Thomas Hampel

Diese Themen beschäftigen uns auch in Hamburg, und gemeinsam mit Ihnen wollen wir einer nachhaltigen wirtschaftlichen Nutzung und Erhaltung der außergewöhnlichen historischen Orte am 5. Juni nachgehen. So bieten wir kostenlose historische Streifzüge, die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen des Welterbes zu werfen und Informationen aus erster Hand zu erhalten. Von St. Katharinen und dem Chilehaus aus lässt sich der urbane Raum mitsamt seinen Veränderungen neu entdecken. Das Programm ist vielfältig und bietet für alle Alters- und Interessengruppen etwas: Führungen zur „Spitzenarchitektur“, zur urbanen Entwicklung, Führungen für Kinder oder auch ein Spaziergang mit dem Welterbe-Koordinator. 

Die IG KulturQuartier bietet bei den Speicherstadt-Erkundungen kurze Vorstellungen der zehn beteiligten Häuser. Dazu gehören das Miniatur-Wunderland, das Automuseum Prototyp, das Speicherstadtmuseum, das Internationale Maritime Museum, das Kesselhaus, Spicy’s Gewürzmuseum und das Zollmuseum. In diesem Jahr wird bei den Touren durch die westliche Speicherstadt ein seltener Einblick hinter massive Backsteinmauern geboten: Mit einer Stippvisite kann man das Restaurierungsatelier von Insa Silberkuhl am Sandtorkai besuchen (siehe auch Infokasten oben). 

WELTERBE- RUNDGÄNGE der Interessen­- gemeinschaft KulturQuartier zum Welterbefest bieten vergnügliche Unterhaltung und fundiertes Wissen. © Thomas Hampel

Auch die Aufarbeitung der Hamburger Kolonialgeschichte wird zum Welterbefest angegangen: Sherlock F. spürt mit seinem „Beats, Rhymes and History“-Vermittlungskonzept in gereimter Form den historischen Verstrickungen zwischen der Kolonialpolitik des deutschen Kaiserreichs und den Warenströmen nach. Dabei entsteht ein auditives Erlebnis der Sonderklasse, bei dem sowohl Wissen vermittelt als auch zum Mitgrooven eingeladen wird. Auf dieser Basis soll zu einem Austausch zwischen den Teilnehmenden in der Tradition der bekannten Hip-Hop-Didaktik „Each one, teach one“ eingeladen werden. 

Auch in scheinbar bestens bekannter Umgebung gibt’s eben viel zu entdecken, vorausgesetzt, man hat jemanden zur Seite, der sich auskennt. Start der Führungen ist bei St. Katharinen und am Chilehaus. In St. Katharinen gibt es darüber hinaus die Fotoausstellung „See und Hafen“ zu sehen (sie auch Seite 36), in der vier Fotografen ihre Sicht auf die Schifffahrt und den Hafen zwischen 1984 und 2010 zeigen. Und ab 14 Uhr beginnt ein Jazz-Gottesdienst mit Nils Landgren und Pastor Frank Engelbrecht. Thomas Hampel & Bernd Paulowitz

INFO Alle Angebote zum Welterbe-Fest 2022 finden sich hier: ­https://welterbefest.hamburg/event-list/

Stippvisite bei der ­Restauratorin Insa Silberkuhl im ­Speicher M28

Seit fast vier Jahren beherbergt die historische Speicherstadt am Sandtorkai 27/28 den „Kreativspeicher“ der Hamburger Kreativ Gesellschaft. Hier arbeitet neben anderen Künstlern, Kreativen und Kulturschaffenden Insa Silberkuhl in ihrem Atelier für Konservierung und Restaurierung. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Erhaltung von Gemälden, Skulpturen und Tafelmalerei sowie von Exponaten der Moderne. 

Insa Silberkuhl in ihrem Atelier in Block M28. © Thomas Hampel

Restaurieren heißt recherchieren, um beispielsweise Beschädigungen von „normalen“ Alterungszuständen unterscheiden zu können, zu dokumentieren und zu erforschen, was Original, was Zutat oder sogar spätere Ergänzung ist. Das Arbeitsziel ist, sich sowohl dem Werk als auch dem Künstler respektvoll anzunähern und die Authentizität der Arbeit zu erhalten – nicht etwa, ein Kunstwerk „in neuem Glanz“ erstrahlen zu lassen. 

So wie die UNESCO die Welterbe-Konvention zum Schutz von Welterbe-Stätten initiiert hat, ist es der Anspruch und die Aufgabe von Restauratorinnen und Restauratoren, Kunst und Kulturgut zu schützen und zu bewahren. Dazu wurden ethische Berufsrichtlinien im „Code of Ethics“ zusammengestellt. 

Fragen zum Umgang mit der ­Vergänglichkeit von Kunst und die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Künstlern und Wissenschaftlern gehören zur Arbeit.

Um auch zukünftig der Erhaltung von Materialien und ihren Kombinationen gerecht zu werden, muss unbedingt der fachübergreifende Austausch und Wissenstransfer gefördert werden. Dazu gehören auch spannende Fragen zum Umgang mit der Vergänglichkeit von Kunst und die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Künstlern und Wissenschaftlern. 

Wie können und wollen wir Kunst und Kulturgut für zukünftige Generationen erhalten? Wie können wir mit Kunst im Alltag leben, ohne sie irreversibel zu schädigen? Und wie geht man mit Kunstwerken zweifelhafter oder ungeklärter Herkunft um? Diesen und vielen anderen Fragen können wir uns gemeinsam am deutschen Welterbe-Tag 2022, am 5. Juni, in der Speicherstadt stellen. 

Der sanierte Block M28 und das Restaurierungsatelier am Sandtorkai 27/28 sind dann unter anderem für die Speicherstadtrundgänge der IG KulturQuartier zugänglich, und Restauratorin Insa Silberkuhl stellt einige ihrer aktuellen Restaurierungsprojekte vor. Dabei lassen sich vielseitige Einblicke in zeitgemäße Konservierungs- und Restaurierungspraxis und zur kreativ-diversen Teilnutzung der Speicherstadt gewinnen – kommen Sie vorbei, fragen Sie sich und die Restauratorin, was Sie schon immer wissen wollten! Insa Silberkuhl

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