„Kennst Du eins, kennst Du keins“

Pierdrei-Gesellschafter Kai Hollmann über
Nachbarschaft, Eckkneipenkultur und überhitzte Hotelmärkte
Von Wolfgang Timpe

Herr Hollmann, Sie sind als Gesellschafter beim neuen HafenCity-Hotel Pierdrei dabei. Warum? Erst wollten die Familien Aust und Braun nur meinen Rat als Hotelier und dann wuchs schnell die gemeinsame Leidenschaft für das Projekt und nun bin ich als Gesellschafter dabei.

Was reizt Sie daran? Dass das Pierdrei eine Einzelstory ist. Mich interessiert überhaupt nicht, immer das Gleiche zu machen. Wie auch bei allen anderen 20 Hotels, bei denen wir mitmachen gilt auch hier beim Pierdrei mein Wahlspruch: „Kennst Du eins, kennst Du keins“. Jedes Haus muss seine eigene Story und eine eigene Richtung bei der Ausstattung und dem Konzept haben.

Foto oben: „In fünf Sommern wird die HafenCity richtig klasse sein.“ ©Thomas Hampel

Gibt es so viel radikale Individualität im Hotelbusiness? Ich gebe zu, dass es immer schwerer wird. Einerseits werden wir mit unseren Hotelkonzepten immer öfter kopiert und müssen selbst immer einfallsreicher werden. Das bekommen wir hin, doch es ist mühsamer geworden. Andererseits gehen die Entwicklungen in der Hotellerie so rasant schnell, dass man manchmal verblüfft ist, wie viel Zeit von der Idee zur Umsetzung und Eröffnung vergeht. Mit der Gestaltung des offenen Küchenbereichs von Kitchens Restaurant und den markanten grünen Fliesen dort haben wir uns vor vier Jahren befasst und vor drei Jahren final entschieden und bestellt. Was in den vergangenen vier Jahren in der Hotellerie sich entwickelt hat ist atemberaubend. 

VITA
Kai Hollmann ist mit Prof. Norbert Aust (u.a. „Schmidts Tivoli“) und der Familie der Brüder Braun („Miniatur Wunderland“) Gesellschafter des neuen Pierdrei Hotels in der HafenCity. Der 69-Jährige eröffnete 2003 das erste 25hours-Hotel in Hamburg-Bahrenfeld und ist inzwischen mit seiner Fortune Hotels Service GmbH an 20 Häusern verschiedener Hotelmarken wie 25hours, Gastwerk und The George oder dem Hostel Superbude beteiligt. 

In Hamburg entstehen rund 20 neue Hotels in den nächsten Jahren. Das ist der Wahnsinn. In allen großen deutschen Städten werden momentan Hotels gebaut. Das ist zurzeit ein Boommarkt. Und nicht nur Hamburg wird viele neue Hotels in den kommenden Jahren bekommen, sondern auch Stuttgart, Frankfurt am Main, Düsseldorf, München und Berlin. Wir bekommen hunderte neue Hotels in Deutschland und es wird immer schwieriger, den Gästen etwas Besonderes zu bieten. Wir sind erfolgreich, haben eine besonders positive Resonanz und finden auch schön, dass einige von unseren Ideen kopiert werden. Die Herausforderungen, das Unverwechselbare zu bieten, nehmen in rasantem Tempo zu. 

„Die Herausforderungen, das Unverwechselbare zu bieten, nehmen in rasantem Tempo zu“: Sebastian Drechsler (li.) und Gerrit Braun (re.) vom Miniaturwunderland sowie Hotelerfinder (25hours) und Investor Kai Hollmann im Kitchens-Restaurant. Foto: Thomas hampel
„Die Herausforderungen, das Unverwechselbare zu bieten,
nehmen in rasantem Tempo zu“: Sebastian Drechsler (li.) und Gerrit Braun (re.) vom Miniaturwunderland sowie Hotelerfinder (25hours) und Investor Kai Hollmann
im Kitchens-Restaurant. Foto: Thomas Hampel

Sie waren mit dem 25hours Hotel an der Überseeallee das erste Hotel in der HafenCity. Wie fällt nach sieben Jahren ihre Bilanz in der HafenCity aus? Die HafenCity wird jetzt langsam gut und man merkt es. Es ist einfach ein riesiger neuer Stadtteil, mit dessen Entwicklung man erst vor 15 Jahren begonnen hat. In fünf Sommern ist die HafenCity richtig klasse. Es stehen noch wichtige Projekte wie die Fertigstellung des südlichen Überseequartiers an, das für die Infrastrukturentwicklung der HafenCity enorm wichtig ist und sich durch die Finanzkrise 2009 enorm verzögert hat. Und auch der Baumboom führt zu großen Verzögerungen, da die Manpower für einzelne Baustellen wie auch bei uns nicht so vorhanden ist, wie sich jeder Developer und Projektentwickler das wünscht. Auch wir haben mit dem Pierdrei fast zwei Jahre länger gebraucht als geplant. Das ist einfach der Zahn der Zeit. 

Was muss man als Bauherr mitbringen? Viel Ausdauer und manchmal schmerzvolle Geduld. Aber noch einmal: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass in fünf Sommern die HafenCity der schönste Stadtteil Hamburgs sein wird. 

Warum? Weil die HafenCity von allem etwas hat und der lebendigste Stadtteil sein wird. Früher gab es klare Cluster: Arbeiten, Einkaufen, Wohnen. Und in der HafenCity haben Sie alles zusammen und ergänzt um Kultur – und es kommt sogar noch ein weiteres großes Kino ins Quartier.. Bei uns im Pierdrei wird es die Hafenbühne mit ihren 100 Plätzen geben, auf der von Musik und Lesungen über Comedy bis zu Live-Fußballspielen viel Unterschiedliches geboten wird. 

„In fünf Sommern wird die HafenCity richtig klasse sein.“ 

Pierdrei-Hotel-Gesellschafter Kai Hollmann

Macht Ihnen das Überseequartier Angst? Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Es wird für die HafenCity ein ganz entscheidender Baustein sein, weil es alle Cluster vereinigt und neben der Besonderheit Kreuzfahrtterminal nun inzwischen auch viele Wohnungen dort geplant sind. Die HafenCity wird den gesamten Mix eines Quartiers bieten. Das Karoviertel, die Schanze oder St. Georg sind doch die Stadtteile, die deswegen so beliebt sind. Und in der HafenCity kommt noch das Neue und Moderne hinzu, was hier gelebt wird.

Müssen Sie sich zum Beispiel im 25hours konzeptionell neu aufstellen, wenn das südliche Überseequartier auch mit neuen Hotels kommen wird? Nein. Konkurrenz gehört immer mit zum Geschäft. Allerdings haben wir den schon erwähnten Bauboom, der einen Hotel-Neubau-Boom mit verstärkt. Der wird nicht nur  durch die Hotelgesellschaften und Developer, also die Immobilienseite, geprägt, gesteuert und beschleunigt. Wir müssen aufpassen, dass wir da nicht überdrehen. Auch, weil dieses Wachstum an Hotelkapazitäten in allen Magic-5-Destinationen in Deutschland stattfindet – in Berlin, Frankfurt am Main, München, Köln, Düsseldorf und Hamburg. Überall werden sehr viele Hotels eröffnet, so dass es künftig für die mittelständische Hotellerie schwer werden kann. 

Wie kann man gegensteuern? Indem zum Beispiel Städte wie Kopenhagen, Amsterdam oder Barcelona genau überlegen, wo in ihren Städten das richtige Hotelkonzept hinpasst. Hamburg muss sich da auch noch mehr Gedanken machen. 

Sollen die Städte wählerischer werden? Genau schauen, wo wer hingeht. Am Pierdrei-Standort hat man eben keine Bettenburg, sondern ein Vollhotel mit Gatronomie, Bar und Kultur gewollt. Und wir betreiben nicht ein 200-Zimmer-Haus mit 30 Mitarbeitern, sondern wir haben 200 Zimmer und 80 bis 120 Mitarbeiter je nach Konzept, weil wir das gesamte Programm bespielen. Und dadurch sind wir mit unseren Konzepten auch für unsere Nachbarn und die Hamburger interessant. Im Pierdrei haben wir die Hafenbühne. Wir schaffen immer Facilities auch für die Menschen, die nicht bei uns übernachten. Die sind uns genauso wichtig wie die Hotelgäste. Das Thema Neighbourhood, Nachbarschaft, spielen wir überall erfolgreich. In der Gastronomie unserer Häuser haben wie mehr externe als Hotelgäste. Dadurch wissen wir, dass unsere Gastronomiekonzepte funktionieren. 

Was heißt für Sie als Unternehmer Wachstum? In jedem Fall nicht, ständig neue Häuser zu eröffnen. Wir begreifen das Pierdrei als Besucherhaus, das Menschelnde soll im Vordergrund stehen. Ursprünglich hatten wir mal 120 Zimmer angedacht. Aber da die Logis auch das Vollangebot mit tragen muss, kamen wir nicht umhin, die Bettenzahl zu erhöhen. Den Kompromiss mussten wir kaufmännisch machen, um das Pierdrei zu unseren Konditionen zu verwirklichen. Wir wollten später im Vollbetrieb nicht teurer als 105 Euro im Zimmerpreis werden und das auch länger mit langfristigen Verträgen durchhalten. Die Pierdrei-Story wollen wir 20 Jahre lang nachhaltig erzählen. So können wir faire Preise bieten. 

Wie viel Sterne strebt Ihr Haus an? Wir lassen es nicht klassifizieren, weil wir mit in einem Viersterne-Produkt preislich im Dreisterne-Bereich sein werden. Das war allen drei Gesellschaftern Prof. Aust, den Braun-Brüdern und mir extrem wichtig. An dem Konzept Besucherhaus wurde festgehalten. 

Heißt es deswegen Pierdrei? Den Arbeitstitel „Besucherhaus“ können sie international nicht verkaufen, weshalb wir uns für Pierdrei entschieden haben. Pier steht für die HafenCity, die Hafenstadt Hamburg, und die Drei steht für Aust, Braun, Hollmann. 

Macht der Hotelunternehmer Hollmann langfristige Pläne? Das längste sind Fünjahrespläne, die jeweils im Herbst mit Blick auf das folgende Jahr aktualisiert werden. Wir haben mit Partnern sehr langfristige Verträge und wir denken sehr langfristig. Unsere Familien sind im Pierdrei ja Gesellschafter und wir haben durchaus die Vision, dass in 15 Jahren die nächste Generation von allen Dreien das Hotel dann weiter betreibt. 

Wann sind Sie mit Pierdrei glücklich? Wenn die Menschen in der HafenCity, die Hotelgäste und die Hamburger unsere Angebote annehmen. Wenn mittags auf der windschattigen Outdoorfläche „Piazza“ mit den Mitarbeitern der umliegenden Firmen richtig Alarm sein wird und abends die 4.500 Bewohner der HafenCity wie die Gäste der 1.000 Zimmer in den Hotels der engeren HafenCity mit Ameron, 25Hours und Pierdrei unsere Abendangebote in Gastronomie und Hafenbühne annehmen. Die „Kitchens“-Bar wird auch keine Hotelpreise haben. Es wird zum Beispiel dort keinen Espresso für 3,50 Euro geben kleine Bierchen schon ab zwei Euro. In der Bar des Pierdrei wollen wir Eckkneipenpreise bieten. Das ist unsere Vision mit dem Pierdrei. Jedenfalls sind alle Voraussetzungen dafür geschaffen, dass wir die Story von unserem Besucherhaus Pierdrei erzählen können. Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

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