Klar sagen, was falsch ist

7 FRAGEN AN … PROF. JÖRN WALTER*

über Blickachsen, Stilfragen, Baukultur und innovative Stadteplanung

*Prof. Jörn Walter ist deutscher Stadtplaner und war von 1999 bis 2017 Oberbaudirektor von Hamburg.

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In 25 Jahren BDA Hamburg Architektur Preis wurden 43 Auszeichnungen vergeben. Welche hätten Sie als früherer Oberbaudirektor angenommen und welches ist Ihr Lieblingsobjekt? Wahrscheinlich hätte ich persönlich rund 30 Asuzeichnungen ausgewählt. Beim Lieblingsobjekt gibt es nicht das eine Gebäude, was herausragt, aber doch einige gelungene, die zu den Glücksfällen gehören. Das ist natürlich nicht nur die Elbphilharmonie, sondern auch viele kleinere Gebäude. Als Städtebauer schaue ich natürlich auch auf die großen Zusammenhänge, ob Hamburg mit seinen Bauten weitergekommen ist. Dazu haben fast alle Beiträge, die vom BDA Hamburg ausgezeichnet wurden – auch die 2. und 3. Ränge – einen großen Anteil daran, dass Hamburgs Stadtbild insgesamt in den vergangenen 25 Jahren deutlich gewonnen hat. Hamburg ist städtebaulich reicher, lebendiger und vielfältiger geworden. Das ist ein Hauptgewinn.

Die Elbphilharmonie gehört zu Hamburgs Glücksfällen. Sie darf und soll man von der Alster aus sehen. Den erst der HafenCity nicht. Da soll das klass Kirchturm-Hamburg prägend sein. @ Maxim Schulz
Die Elbphilharmonie gehört zu Hamburgs Glücksfällen. Sie darf und soll man von der Alster aus sehen. Den erst der HafenCity nicht. Da soll das klass Kirchturm-Hamburg prägend sein. @ Maxim Schulz

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Sie haben in Ihrer Amtszeit enormen Wert darauf gelegt, dass besonders in der HafenCity die sogenannten Blickachsen gewahrt bleiben. Warum? Wir haben ein historisches Erbe in dieser Stadt, dass aus unserer Stadtkulisse und unseren Kirchtürmen besteht. Die zu erhalten und die Blicke auf sie zu erhalten, war mir immer ganz wichtig – u.a. von der Alsterseite her. Ferner wusste ich, dass wir durch die Größe der HafenCity von der Südseite her das Bild Hamburgs verändern werden. Deswegen sind die Höhen der HafenCity-Gebäude alle so limitiert, dass man sie von der Alster aus nicht sehen kann. Die einzige Ausnahme, die wir uns gegönnt haben ist die Elbphilharmonie. Dieses besondere Bauwerk sollte von allen Seiten her wahrnehmbar sein, weil sie die Inkarnation des baukulturellen Willens unserer Generation für diese Stadt ist.   

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Den Elbtower mit seinen 245 Meter Höhe nicht vergessen? Beim Elbtower ist die Situation insofern vollkommen anders als bei den Gebäuden in der zentralen HafenCity, weil er so weit weg von der zentralen Stadt ist, dass er in Wahrheit von der Alster und insbesondere von der Harvestehuder Seite aus gesehen hinter St. Georg erscheint und nicht hinter der Altstadt. Deswegen bildet er keine Konkurrenz zur historischen Stadtkulisse mit unseren Kirchtürmen.  

Blick vom Elbpark, Rothenburgsort auf den Elbtower. © SIGNAChipperfield
Blick vom Elbpark, Rothenburgsort auf den Elbtower. © SIGNAChipperfield

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Apropos Elbphilharmonie. Hatten Sie mal beim einjährigen Baustopp befürchtet, sie könnte eine Ruine bleiben? Nein, nie wirklich.  Im Unterschied zu anderen Städten ist an Hamburg das Positive, das man, wenn man man erst einmal angefangen hat, Dinge auch zu Ende bringt. Auch, wenn es zwischendurch sehr große Schwierigkeiten gibt. 

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Wir würden Sie Besucher:innen vom Mars den Stadtteil HafenCity erklären? Ist es überhaupt Hamburg? Natürlich ist es ein neues Stück Hamburg, aber es nimmt viele Elemente aus der Tradition Hamburgs mit auf. Die HafenCity ist eine aus der Geschichte Hamburgs heraus entwickelte Stadterweiterung. 

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Welche Elemente? Das man in der HafenCity unterschiedliche Quartiere hat, was wir so auch in der Innenstadt vorfinden. Wir haben das Kontorhaus- oder Portugiesenviertel oder die Binnenalster, die besonders verschiedene Quartiere sind. Zum anderen haben wir in der HafenCity die Blickachsen, die unterschiedliche Blicke auf die Stadt und die städtebaulichen Zusammenhänge fördern. Mit der Speicherstadt haben wir das Glück gehabt, dass sie ein gutes Bindeglied zwischen Innen- und Altstadt und der HafenCity ist. Und mit dem Magdeburger Hafen haben wir versucht, die Bipolarität, das weiße und das rote (Backstein-)Hamburg sowie die stille Alster und die rauhe Elbe, zum Ausdruck zu bringen, indem zur weißen Alster ein roter Magdeburger Hafen in rechteckiger Form sich ausbildet. Ach, oder die Alsterkaden sich in den Elbarkaden am Magdeburger Hafen wiederfinden. Alles schon in einer neuen Architektursprache, aber aus den Themen der Geschichte Hamburgs hergeleitet. 

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Wie kann man Stadt so weit im voraus denken, planen? Das ist mein Beruf (lacht). Es gehört zum Städtebauer und -planer, dass man Ideen hat  und sie versucht umzusetzen. Man muss dafür natürlich gezielt Architekten und Bauherren ansprechen und davon überzeugen, sodass die Umsetzung unseren städtebaulichen Ideen nahe­kommen muss. Ein schwieriger und am Ende zugleich erfolgreicher Weg. Das hat zuerst ein kreatives Moment in der Ideenwelt und später dan ein sehr pragmatisch handlungsorientiertes Element – auch, um es wirtschaftlich hinzubekommen. Eine Stadtgesellschaft ist nicht einfach. Es gibt viele berechtigte Meinungen, die man zusammenführen muss. Das ist ein Teil der Aufgabe eines Oberbaufdirektors. 

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Sie galten als strenger Stadtbau-Fürst? Ja, mit der Rolle des Oberbaudirektors ist die Ernsthaftigkeit und Verantwortung verbunden, die Dinge in die richtige Richtung zu führen. Wir hätten auch die HafenCitys ganz anders bauen können. Wollte ich aber nicht. Wichtig ist, dass man nicht alle fünf Jahre den Kurs ändert, damit etwas entsteht, was im großen Kontext wirkt. Dazu gehört auch, dass man klar sagt, was falsch ist an bestimmten Orten. 
Die Fragen stellte Wolfgang Timpe

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