Kunst-Stipendien: Sprungstellen

In der digitalen Ausstellung „Nominees“ im Kunsthaus Hamburg -präsentieren 21 Künstler ihre Arbeiten für ein Stipendium. Die Preisträger wurden jetzt bekanntgegeben

Simon Hehemann befestigt ganz konzentriert Kugeln an Drähten und Fäden. Sie gehören zu seiner schwarzweißen Installation „Windy Room“, die in der Ausstellung der „Nominees“ im Kunsthaus Hamburg mit den Werken 20 weiterer Bewerber*innen für das Arbeitsstipendium für Bildende Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg gezeigt werden. Eine Jury wird zehn Stipendien vergeben. Wer eins erhält, bekommt ein Jahr lang monatlich 1.500 Euro. Diese finanzielle Unterstützung soll dazu beitragen, dass die Kreativen einigermaßen befreit von ökonomischen Zwängen ihre künstlerische Arbeit weiterentwickeln können. In einem virtuellen Rundgang (https://kunsthaushamburg.de/virtueller-ausstellungsrundgang-nominees/) kann man alle eingereichten Arbeiten kennenlernen.
Foto oben (Ausschnitt): Jessica Halm hat mit „Heathcliff”, benannt nach dem männlichen Helden aus Emily Brontes Roman „Wuthering Heights”, eine begehbare Installation erschaffen. Alle herabhängenden Flächen sind an seidenen Schlaufen befestigt. Die dynamische Asymmetrie der Faltwände regt zu ganz unterschiedlichen Betrachtungsweisen an. © Nominees, Installationsansicht, Kunsthaus Hamburg 2021, Foto: Hayo

Die Stipendien 2021 gehen an die Künstler*innen: Elisa Barrera, Laura Franzmann, Jessica Halm, Simon Hehemann, Soyon Jung, Elisabeth Moch, Jáno Möckel, Elena Victoria Pastor, Korab Visoka und Emma Wilson.

Mit seiner Installation „No fear of sleep“ greift Jáno Möckel das Thema verdrängte Schulden auf. Darum hat er Briefe, durch die Logos von Firmen und Kreditinstituten hindurchscheinen, um eine Traversenbank arrangiert. © Nominees, Installationsansicht, Kunsthaus Hamburg 2021, Foto: Hayo Heye
Mit seiner Installation „No fear of sleep“ greift Jáno Möckel das Thema verdrängte Schulden auf. Darum hat er Briefe, durch die Logos von Firmen und Kreditinstituten hindurchscheinen, um eine Traversenbank arrangiert. © Nominees, Installationsansicht, Kunsthaus Hamburg 2021, Foto: Hayo Heye

Ein Rundgang durch die Nominees-Präsentation ist derzeit nur digital möglich, immerhin in 360°-Perspektive. So kann man zum Beispiel den „Windy Room“, der – besonders wenn die Ventilatoren eingeschaltet werden – an ein surrealistisches Mobile erinnert, von allen Seiten betrachten. Genau wie die zwei schwarzen Metalltore, durch die man in die Ausstellungshalle gelangt. „There and there“ hat Lulu MacDonald sie genannt. Auf der linken Seite sieht man das Antlitz ihrer Mutter, auf der rechten Seite die Britin selbst – beide Frauen küssen sich, wenn die Tore geschlossen sind. Da liegt der Bezug zur Pandemie auf der Hand. Mal müssen wir uns von unseren Mitmenschen trennen und sind alleine, mal dürfen wir uns wiedervereinigen.

Clara Lena Langenbach hat dagegen für ihre Installation „It’s funny ’cause it’s true“ eine Wohnsituation erschaffen, in der sich Objekte ihrem eigentlichen Verwendungszweck entziehen. Ein über einen Alustuhl geworfener Schal mit Schlangenmuster entpuppt sich als Latexabdruck eines Autoreifens. 

Wer ein Stipendium erhält, bekommt ein Jahr lang monat­­lich 1.500 Euro. 

Die Koreanerin Soyon Jung setzt auf Radierungen, um utopische Gesellschaftsbilder zu erschaffen. „Man muss sich unbedingt auch Soyon Jungs  Video ansehen“, sagt die Kuratorin Anna Nowak. Tatsächlich ist es faszinierend. Innenminister Horst Seehofer und ein afghanischer Geflüchteter, der nach acht Jahren in Deutschland abgeschoben wurde und kurz darauf Selbstmord beging, schweben als transparente Figuren durch eine Landschaft, dazu erklingt asiatische Musik, während eine sanfte Stimme kapitalistische Mantras wie „I find good opportunities, I am successful“, auf Deutsch: „Ich finde gute Möglichkeiten, ich bin erfolgreich“, rezitiert.

Die Italienerin Elisa Barrera hat für ihre Installation „Dazzling nights“ unter anderem eine riesige Wandzeichnung angefertigt. Sie setzt architektonische Elemente von Diskotheken an der Adriaküste neu zusammen. So verweist die Künstlerin auf die Sehnsucht nach Gemeinschaft in der Clubszene. Ohne dieses Vorwissen könnte man in ihrem Werk allerdings auch eine Kathedrale mit Kirchenbänken, Kanzel und Empore ausmachen. Letztlich gilt eben doch: Kunst liegt im Auge des Betrachters. Dagmar Leischow

INFO Die Ausstellung „Nominees“ läuft bis zum 21. Februar im Kunsthaus Hamburg. Weitere Informationen unter http://www.kunsthaushamburg.de

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