Literatur zur Lage

Jan Ehlert wohnt und lebt in der HafenCity. Seine Passion sind Bücher: Lesen, darüber sprechen und darüber schreiben sind seine Leidenschaft
Es ist geschafft: Wir haben eine neue Regierung. Wenn man sich erinnert, wie mühsam das Zustandekommen war, dann könnte man fast verstehen, warum sich in anderen Ländern derzeit so viele Staatsoberhäupter auf Lebenszeit wählen lassen möchten, in China, Russland oder in der Türkei. Man könnte sich so viel ersparen.
Doch Vorsicht sei geboten. Schon der Barockdichter Andreas Gryphius, dem wir so wunderbare Figuren wie Daradiridatumtarides und Horribilicribrifax verdanken, warnte in einem seiner berühmtesten Gedichte: „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein: Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein, auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.“ Fast 400 Jahre ist dieses Sonett alt, das Gryphius mitten im 30-jährigen Krieg schrieb – und auch wenn es heute kaum noch spielende Schäferskinder gibt: So manche Macht, die damals für ewig gehalten wurde, wurde tatsächlich längst eingerissen.
Geblieben sind dagegen die Mahnungen in der Literatur, wohin zu lange Regentschaften führen können. Der gar nicht hoch genug zu lobende Kenner menschlicher Sehnsüchte, John Williams, erzählt in seinem Briefroman „Augustus“, wie der Großneffe Julius Caesars sich zwar 50 Jahre an der Macht hält, aber dennoch allein und unglücklich stirbt. In Robert Musils Mammutroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ plant eine stagnierende Gesellschaft das 70. Thronjubiläum ihres Herrschers, ohne Vision für die Zeit danach.
Und in Gabriel García Márquez‘ nobelpreisgekröntem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ wird die Familie Buendía am Ende trotz Zaubertricks, Lügen und roher Gewalt vom Wind der Zeit davongeweht. Und zwar für immer, weil, so Márquez „die zu hundert Jahren Einsamkeit verurteilten Sippen keine zweite Chance auf Erden bekamen.“ Wobei auch diese hundert Jahre nichts gegen die 232 Jahre des Diktators Zacarias sind, den Márquez in „Der Herbst des Patriarchen“ regieren und exekutieren lässt. Oder die mehr als 400 Jahre eines Graf Dracula. Doch auch sie, um es noch einmal mit Gryphius zu sagen, sind „morgen Asch und Bein“.
Dass jede Tradition ein Ende haben muss, das lehrt nicht nur die Literatur, sondern in Hamburg derzeit leider auch der Fußball. Der ewige Erstligist HSV hat sich bislang zwar immer wieder wundersam gerettet. Das ist auch in diesem Jahr noch möglich und zu hoffen. Aber vielleicht gilt auch hier Hölderlins Ratschlag aus seinem Hyperion: „Lasst vergehen, was vergeht. Es stirbt, um lebendiger zu werden.“]]>