Macht was daraus!

HCZ-Gastautor Prof. Jörg Müller-Lietzkow, Präsident der HafenCity Universität (HCU), wünscht sich mehr junges Leben für den Stadtteil 

Sehr häufig wird man als Wissenschaftler gefragt: „Wie sieht das Morgen aus, das müssten Sie doch am besten wissen?“ Und ja, gewisse Methoden erlauben eine Projektion für das Morgen, aber immer unter einem massiven Wahrscheinlichkeitsvorbehalt – wer hätte vor 15 Jahren zum Beispiel erwartet, dass alle Menschen Nackenstarre haben, da sie ständig den Kopf in Richtung eines kleinen Endgerätes neigen? Und je näher der abzuschätzende Zeitpunkt bei einer auf eine Sache bezogenen Frage liegt, desto einfacher oder präziser die Prognose. Umgekehrt, je komplexer der Gegenstand, desto wahrscheinlicher trifft die Prognose eher nur anteilig und vielfach auch gar nicht zu – die Irrtumswahrscheinlichkeit steigt. 

Foto oben: Prof. Jörg Müller-Lietzkow, Präsident der HafenCity Universität (HCU): „Wir haben das große Glück und die Freude, dies alles live vor Ort in der HafenCity Universität mitzuerleben – schöner wäre allerdings noch, wenn man ab und an die vielen klugen und hochqualifizierten Menschen an der HCU ein wenig mehr einbinden würde, denn an Wissen, Können und Lust an der Mitgestaltung der HafenCity herrscht kein Mangel.“ © Thomas Hampel

Mit anderen Worten, der Blick auf die „Zukunft 2020 HafenCity“ orientiert sich logischerweise zunächst an feststehenden und geplanten Vorhaben. Sicherlich werden die Entwicklungen rund um die Bahnhöfe Elbbrücken, die Fertigstellung der Wohneinheiten in den diversen Abschnitten von Baakenhafen und Elbbrückenquartier und auch der Fortschritt der Entwicklungen an der Überseeallee mit dem Überseequartier Süd von Unibail Rodamco Westfield das Bild der HafenCity weiter transformieren. 

HCU-Präsident Jörg Müller-Lietzkow sieht den Elbtower als Architektur-Highlight der HafenCity und des Stadteingangs Hamburg – und doch fehlt im ganz wesentlich das Wohnen und Leben: „Menschen suchen und besuchen Lebensquartiere, weil sie neben einer Großstadtarchitektur auch überraschende Landschaftsräume, Parks, Kulturangebote und – vor allem – Menschen kennenlernen möchten.“© SIGNA / Chipperfield
HCU-Präsident Jörg Müller-Lietzkow sieht den Elbtower als Architektur-Highlight der HafenCity und des Stadteingangs Hamburg – und doch fehlt im ganz wesentlich das Wohnen und Leben: „Menschen suchen und besuchen Lebensquartiere, weil sie neben einer Großstadtarchitektur auch überraschende Landschaftsräume, Parks, Kulturangebote und – vor allem – Menschen kennenlernen möchten.“ © SIGNA / Chipperfield

Am Abend sieht man viele dunkle Wohngebäude. Zufall oder gewollt?

Für mich aber spannender ist, was passiert unter sozio-kulturellen und ökologisch-ökonomischen Aspekten. Welche Gestaltungsoptionen für einen echten Stadtteil der Zukunft werden geplant und vor allem mit welcher Intention? Kann die HafenCity ein Versprechen einlösen, welches mal ihrem Gründungsgedanken eines innovativen Stadtteils entsprach? Kultur, Sport und Leben werden so verankert, dass im Jahr 2030 die HafenCity zum „Place to be in Hamburg“ aufsteigt? Fragt man mich als Empiriker, gilt natürlich, dass die Basis vieler Prognosen in der Wissenschaft dabei die Vergangenheit wäre – nur hat die HafenCity eine solche in ihrer Einmaligkeit? Logischerweise nicht.

Prof. Jörg Müller-Lietzkow
ist seit Juli 2019 Präsident der HafenCity Universität (HCU) und Professor

für Ökonomie und Digitalisierung. Zuvor war Müller-Lietzkow u.a. seit 2008 Professor für Medienökonomie und Medienmanagement am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn. © Thomas Hampel

Aber dennoch: Fragen Sie mich nach der Zukunft, kann man nur auf wenigen Daten basierend einen Blick wagen, die Wahrscheinlichkeit des Eintretens bestimmter Ereignisse hängt dann allerdings maßgeblich von vielen nicht abschätzbaren Faktoren ab. Also begibt man sich mangels Vergangenheitswerten auf die Suche nach Indikatoren. 

Nun, erkennbar ist, dass die Wohnraumplanung für Familien mit Kindern beziehungsweise der bezahlbare Wohnraum beschränkt ausfällt. Geht man am Abend heim, sieht man häufig sehr viele dunkle Wohngebäude. Zufall oder gewollt? Und auch hinsichtlich der Arbeitsräume muss man feststellen, dass „Luft nach oben“ vielleicht nicht die einzige Antwort sein sollte. 

Der Henning-Voscherau-Platz 1 als attraktive Flanier- und Begegnungspromenade am Wasser und markante Einzeladresse Hamburgs, der HCU: Dirk Kienscherf, SPD.Fraktionschef in der Hamburger Bürgerschaft; Falko Droßmann, Bezirkschef Hamburg-Mitte (SPD); Stephanie Egerland, Kanzlerin der HCU; Prof. Jörg Müller-Lietzkow, Präsident der HCU (v.l.n.r.). © Thomas Hampel
Der Henning-Voscherau-Platz 1 als attraktive Flanier- und Begegnungspromenade am Wasser und markante Einzeladresse Hamburgs, der HCU: Dirk Kienscherf, SPD.Fraktionschef in der Hamburger Bürgerschaft; Falko Droßmann, Bezirkschef Hamburg-Mitte (SPD); Stephanie Egerland, Kanzlerin der HCU; Prof. Jörg Müller-Lietzkow, Präsident der HCU (v.l.n.r.). © Thomas Hampel

Hört man vielen Bürgerinnen und Bürgern zu – zumindest denjenigen, die sich laut äußern –, dann müsste Hamburg gerade auch in der HafenCity durch und durch „grün“ sein, und das ist unpolitisch im Sinne von Natur in der Stadt gemeint! Bisher lässt sich dieser Trend allerdings kaum erkennen, denn eher werden großflächige Straßenzüge ausgebaut, das vielleicht größte Einkaufszentrum Europas ohne Zufahrtstraßen geplant und gebaut (ein Schelm, der das verantwortet), und auch ansonsten entsteht ein eher dichtes, stark betoniertes Stadtbild ohne eine auf Wachstum ausgerichtete Mobilitätsmixinfrastruktur. Viel Baum- und Wiesenbestand gibt es derzeit nicht, Radwege sind nur partiell verfügbar und auch in den existierenden Planungen dürfte hier gerne noch deutlich nachgesteuert werden. 

Durch Start-ups würden viel mehr junge Leute in die HafenCity gelotst.

Hinsichtlich der Wirtschaftsentwicklung stellt sich die Frage: Ist die HafenCity vielleicht auch gut geeignet für junge Unternehmen, gar für Start-ups? Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, aber zumindest aus meiner Sicht wäre dies eine gute Investition, wenn Start-Ups mit dem Quartiersgedanken verbunden wären. Sprich: Dass die Menschen auch da leben können, wo sie arbeiten. Doch sehr hohe Mietkosten werden wohl beides eher nicht in den Vordergrund rücken. Dabei wäre dies doppelt klug investiertes Geld: Einerseits entsteht neue Wirtschaftskraft und andererseits würde es viele jüngere Menschen in die HafenCity lotsen (geht man mal davon aus, dass Start-ups primär von jüngeren gegründet werden), die dort neben ihren Unternehmungen bestimmt auch Lebensgemeinschaften und Familien gründen. Das belebt im Umkehrschluss den lokalen Handel und die Gastronomie, bedeutet Kindergärten, Schulen und hoffentlich auch draußen spielende Kinder. Sprich: das Leben im Quartier! Vielleicht sollte man eben nicht immer den Blick in die USA wenden und sich daran laben, wie toll das Silicon Valley oder New York City sind, wenn man eine viel größere und spannendere Chance direkt vor der Haustür hat, die man auch noch familienfreundlich gestalten kann? 

Warum ziehen denn Menschen u.a. in die Stadt oder besuchen eine Metropole?

So wird auch der neue 244 Meter hohe Elbtower, Abschlussgebäude der HafenCity und Begrüßungskomplex an dem Stadteingang Elbbrücken, architektonisch ein Highlight. Doch warum wird es im Elbtower geplanterweise nur Büros, ein Hotel sowie Einzelhandel- und Gastronomie-Angebote geben – und keinen Wohnraum?

Warum hat man, Lärm- und Emissionslage an diesem vielbefahrenen Auto- und Bahn-Gebiet hin oder her, keinen innovativ entwickelten Wohnraum angedacht und mit eingeplant, der diese besondere Lage klug bewältigt? Warum ziehen denn Menschen u.a. in die Stadt oder besuchen eine Metropole? Auch weil sie andere Lebensquartiere suchen, weil sie neben einer Großstadtarchitektur auch überraschende Landschaftsräume, Parks, Kulturangebote und – vor allem – Menschen kennenlernen möchten. Abends im Dunkeln schlummernde Bürozentren verhelfen dem Stadtteil nicht zu einer pulsierenden Lebendigkeit. 

Kommen wir zu einem dritten Bereich, der Frage, wie entwickelt sich die öffentliche Infrastruktur in einem solchen Stadtteil? In der HafenCity bestehen noch gute Chancen die Zukunftsstadt zu bauen, ohne dabei in die Reißbrettlogik zu verfallen. Dazu gehören neben den institutionellen Gebäuden auch eine hochmoderne und zukunftsfähige Dateninfrastruktur – also Glasfaser in jeder Wohneinheit, in öffentlichen Gebäuden und an Sportanlagen sowie in künstlerischen und kulturellen Begegnungsstätten. Auch hier könnte man an der ein oder anderen Stelle das Gefühl haben, dass noch Potenzial bestünde. 

Gefragt also nach dem Blick auf das Morgen, könnte man allein auf Indikatorenbasis den Eindruck gewinnen, dass noch einiges an Fragen unbeantwortet bleibt. Im Umkehrschluss aber gilt auch, ob man eine solche Lebensumgebung in der HafenCity schaffen will. Und klar, hier hat der Empiriker in mir vielleicht bei seiner Indikatorenwahl einen kleinen Bias, eine Voreingenommenheit erkennen lassen. 

An Können und Lust an Mitgestaltung der Hafen­City herrscht kein Mangel.

Wir haben das große Glück und die Freude, dies alles live vor Ort in der HafenCity Universität mitzuerleben – schöner wäre allerdings noch, wenn man ab und an die vielen klugen und hochqualifizierten Menschen an der HCU ein wenig mehr einbinden würde, denn an Wissen, Können und Lust an der Mitgestaltung der HafenCity herrscht kein Mangel. Ich denke, dass über „Indikatoren“ skizzierte Bild zeigt schon, dass für 2030 bei aller Unsicherheit der Prognose, die bestmöglichen Chancen bestehen, die HafenCity zu dem besonderen Quartier aufzuwerten, welches Hamburg verdient hat. Lassen Sie uns damit gemeinsam schon 2020 beginnen und gute Weichen stellen. Jörg Müller-Lietzkow

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