Navid Kermani: Protest & Drumsticks

Der Kölner Schriftsteller Navid Kermani eröffnete das 12. Harbour Front Literaturfestival (bis 18. Oktober) mit einer Protestrede gegen die Ausladung der Schriftstellerin Lisa Eckhart – und schöne Text-Sezierungen von Neil-Young-Songs

Eigentlich soll der Kölner Schriftsteller Navid Kermani am 9. September mit seiner Lesung aus „Das Buch der von Neil Young Getöten“ einfach das Harbour Front Literaturfestival im Kleinen Saal der Elbphilharmonie eröffnen. Doch gänzlich unerwartet fängt er an, zunächst eine Erklärung zum Fall Lisa Eckhart abzugeben s. (HCZ_09.20, S. 25: https://hafencityzeitung.com/wp-content/uploads/2020/09/HCZ_09_2020_September_01-32_RZ.pdf). Zur Erinnerung: Die österreichische Kabarettistin und Autorin wurde von der Festivalleitung aus Sorge vor gewalttätigen Protesten ausgeladen. Ursächlich dafür war ein „Mitternachtsspitzen“-Auftritt, der 2018 gesendet wurde, aber plötzlich viral gegangen war. Unter dem Verdacht, rassistisch und antisemitisch zu sein.

Foto oben: Navid Kermani eröffnet das 12. Harbour-Front-Literaturfestival: Die Tochter von Navid Kermani hält bis heute die Drumsticks in Ehren, die ihr Neil Youngs Schlagzeuger nach einem Auftritt in der italienischen Stadt Lucca schenkte. © Thomas Hampel

Lisa Eckharts Darbietung hat auch Navid Kermani missfallen, daran lässt er in seiner Rede nicht den geringsten Zweifel. Er sagt: „Ich halte Frau Eckharts Versuch ebenfalls für gescheitert, sich ausgerechnet im Gewand und Gestus einer Marlene Dietrich, die vor den Nazis geflohen ist, antisemitische und rassistische Stereotypen zu eigen zu machen, um sie zu entlarven.“ Allein, Lisa Eckhart sei nicht aufgrund ihrer kabarettistischen Fähigkeiten zum Harbour Front Festival eingeladen worden. Sie sei eingeladen worden, weil eine unabhängige Jury ihren Debütroman „Omama“ für literarisch so bemerkenswert gehalten habe, dass sie ihn für die Endrunde des Klaus-Michael-Kühne-Preises nominiert hätte. „Bis heute“, fährt er fort, „hat niemand den Roman für politisch untragbar oder menschenfeindlich befunden.“

Navid Kermani über Lisa Eckharts Roman „v“: „Bis heute hat niemand den Roman für politisch untragbar oder menschenfeindlich befunden.“ © Franziska Schrödinger
Navid Kermani über Lisa Eckharts Debütroman „Omama“ „Bis heute hat niemand den Roman für politisch untragbar oder menschenfeindlich befunden.“ © Franziska Schrödinger

Diese Worte richtet der 52-Jährige ganz explizit an zwei Schriftsteller, die sich massiv für Lisa Eckharts Ausladung stark gemacht haben und sich weigerten, mit ihr auf einer Bühne zu stehen. Öffentlich haben die beiden allerdings nie zu diesem Thema Stellung bezogen. Ihr Agieren im Dunkeln verübelt ihnen Navid Kermani genauso wie die Tatsache, dass sie den Menschen Lisa Eckhart für verächtlich erklärten und sich selbstgerecht anschickten, „eine Kollegin, die missfällt, anonym davonjagen zu lassen“.

Allein wegen seiner persischen Wurzeln widerstrebt Navid Kermani solch ein Verhalten. Er beschreibt den Iran als ein Land, in dem Andersdenkende, Anderslebende oder Andersgläubige ausgegrenzt, verhaftet, gefoltert oder sogar ermordet werden. Ein unhaltbarer Zustand, keine Frage. Umso mehr wertschätzt Navid Kermani die Demokratie – obwohl auch sie bisweilen ihre Tücken hat: „Ich weiß, dass Freiheit anstrengend ist.“ Ihm sei bewusst, dass Bernd Lucke die AfD mitbegründet habe, dennoch plädiere er dafür, dass seine Vorlesungen an der Universität notfalls mit polizeilichen Mitteln durchgesetzt würden. Schließlich ist Navid Kermani ein Verfechter der freien Meinungsäußerung.

Mit diesem Vortrag liefert der Autor wohl mehr Gesprächsstoff als mit seiner wirklich großartigen Lesung. Sie offenbart, dass er nicht nur ein Neil-Young-Fan ist, sondern ein beeindruckendes Fachwissen hat. Einzelne Song seziert er minutiös, dazu erklingt aus den Lautsprechern mal ein Gitarrenriff vor, mal ein Beat. Rasch wird klar: Für Navid Kermani ist Neil Youngs Musik beinahe eine Art Medizin. Er erzählt davon, wie er seiner Tochter, die im Säuglingsalter unter heftigen Dreimonatskoliken litt, immer wieder Young-Stücke vorspielte. Seine Klänge war das Einzige, was das Baby in dieser schwierigen Phase besänftigen konnte. Ganz selbstverständlich wuchs die Kleine selber zu einem Neil-Young-Fan heran. Sie besuchte mit ihrem Vater einige Konzerte und hält bis heute die Drumsticks in Ehren, die ihr Youngs Schlagzeuger nach einem Auftritt in der italienischen Stadt Lucca schenkte. Dagmar Leischow

INFO
Das Harbour Front Literaturfestival wurde 2008 von den Verlegern Nikolaus Hansen und Peter Lohmann gegründet. Zusammen mit Heinz Lehmann bildeten sie bis Ende 2018 die Festivalleitung. Seit 2019 besteht das Leitungsteam aus Petra Bamberger, Nikolaus Hansen und Heinz Lehmann. Die Kühne-Stiftung und die Kulturbehörde Hamburg fördern und ermöglichen das Harbour Front Literaturfestival von Beginn an. Seit 2009 sind mittlerweile über 200.000 Besucher zu 71 Orten im Hafen gekommen. Über 1000 Mitwirkende, davon mehr als 800 Autor*innen, über 120 Moderator*innen und mehr als 100 Schauspieler*innen – aus insgesamt über 42 Ländern haben den Hamburger Hafen zu einem Treffpunkt der Literatur gemacht. Das Harbour Front Literaturfestival holt die Welt der Literatur an den Hamburger Hafen.

INFO
Das Harbour Front Literaturfestival findet vom 9. September bis 18. Oktober statt. Weitere Informationen unter: www.harbourf ront-hamburg.com
HCZ-Tipps fürs Harbour Front Literaturfestival
• Jonas Eika: „Nach der Sonne“, 11. September, 20 Uhr, Cap San Diego
• Charly Hübner: Lesung aus Sinclair Lewis’ Roman „Das ist bei uns nicht möglich“, 13. September, 20 Uhr, Elbphilharmo- nie, Großer Saal
• Sebastian Fitzek: Soundtrack-Leseshow, 14. September, 19.30 Uhr, Elbphilharmonie, Großer Saal

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