»Sprechende Kirschbäume!«

Stadtklima. Die Initiative »Abflastern« und die Schau »Zwischen Pflaster und Baumkrone« sowie die Kunstinstallation »Parlament der Bäume« sorgen für grüne Energie im Quartier

Julia Nordholz-Ton-Installation an einer Burlat-Kirsche im Lohsepark. © Jens Fischer

Wenn die ältesten Eichen in deutschen Urwäldern sprechen könnten, dann würden sie von den letzten Rittern berichten, von Zeiten mit Wölfen, ohne Wölfe und wieder mit ein paar Wölfen. Vom sauren Regen, von Trockenheit, Hitze und von verschwindenden Insektenpopulationen. Schnitt! Die Kirschbäume im Lohsepark sind nicht Hunderte von Jahren alt. Aber sie können tatsächlich sprechen und reflektieren, was sie in den vergangenen zehn Jahren erlebt haben. Zum Beispiel das: Die Blüte bringe die Besucher:innen des Parks zum Lächeln. Aber die Blüte sei schneller vorbei, „als ein Kind zählen“ könne. „Doch jedes Jahr kehren wir zurück. Vergänglichkeit ist kein Ende, sondern Wiederholung.“
Foto oben: Die Künstlerin Julia Nordholz (2. v. l.) und ihr Kreativteam lassen im Wortsinn im Lohsepark das »Parlament der Bäume« sprechen. © Jens Fischer

Philosophen offensichtlich. Wohl deshalb diskutieren sie auch die große Frage der eigenen Identität: „Vielleicht sind wir nur zwei Kirschen in einem großen Park.“ Oder auch: „Vielleicht sind wir nur zwei Zeilen in einem langen Gedicht.“ 

Beides ist richtig, denn die sprechenden Kirschbäume am Eingang des Lohseparks sind eine Installation der Künstlerin Julia Nordholz, die seit vergangenem Jahr an verschiedenen Orten in Hamburg den Bäumen eine Stimme gibt – zum Beispiel im Alten Botanischen Garten, an der Kaiser-Wilhelm-Straße und auch an den Marco-Polo-Terrassen. »Parlament der Bäume« heißt das Projekt. Für Nordholz sind Bäume nicht einfach nur große, Schatten und Sauerstoff spendende Pflanzen und Lebensraum für Vögel und Insekten, sondern auch ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte und der Stadtgesellschaft.

Die Installation im Lohsepark ist eine Art Außenstelle der Ausstellung »Zwischen Pflaster & Baumkrone – Grünes Hamburg in Europa« im Forum StadtLandKunst (siehe auch Seite 26). Die Schau gehört zum Programm des diesjährigen Hamburger Architekturs Sommers, und sie zeigt auf großen Tafeln anhand verschiedener Projekte, wie aus heißen, versiegelten und toten städtischen Flächen lebendiges Grün werden kann.

Da ist zum Beispiel der Wettbewerb ­»Abflastern« von der Behörde für Umweltschutz, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA), bei dem 2025 in einer digitalen Karte mehr als 2.000 Vorschläge für Flächen im öffentlichen Raum eingetragen wurden, die entsiegelt werden könnten. Die Entsiegelungs-Idee kommt ursprünglich aus den Niederlanden, dort hat sie den hübsch klingenden Namen »Tegelwippen« (auf Deutsch etwa: Platten entfernen).

Von Beton und Pflaster befreit wurden, wie auf der Ausstellungstafel nachzulesen, in ganz Hamburg aber nur 5.400 Quadratmeter, davon 4.206 in Altona (Platz 1 des Wettbewerbs). Auf Platz 3 ist Eimsbüttel mit nur noch 197 Quadratmetern. Da ist, ganz offensichtlich, noch viel Luft nach oben. Gesiegt hat beim bundesweiten »Abpflastern«-Wettbewerb Flensburg – mit 100.000 entfernten Steinen.

Längst hat die Entsiegelungs-Idee, wie die Ausstellung zeigt, zu weiteren Initiativen geführt, wie zum Beispiel »Jugend pflastert ab«. Schüler:innen der Waldorf-Schule in Nienstedten haben erreicht, dass auf privaten Grundstücken inzwischen viel mehr Quadratmeter entsiegelt worden sind als in Altonas gesamtem öffentlichen Raum.

Ein vielversprechendes Weg-mit-dem-Pflaster-Projekt für die HafenCity kommt von der HafenCity Universität (HCU): Antje Stokman, Professorin für Architektur und Landschaft, arbeitet mit ihrem Team, Forschenden und Studierenden an dem Plan, großflächig rund ums Universitätsgebäude Gehwegplatten durch Grün zu ersetzen. Denn nur ein geringer Teil der versiegelten Flächen wird tatsächlich für Wegeverbindungen benötigt. Welche das sind, konnte kostengünstig, aber überzeugend ermittelt werden: anhand der Spuren im Schnee in den kalten Winterwochen.

Der Schüler Toni Will hat die Initiative »Schulen pflastern ab« gegründet. © Jens Fischer

Einen Entsiegelungserfolg »Zwischen Pflaster und Baumkrone« hat das Netzwerk HafenCity e. V. in direkter Nachbarschaft zur HafenCity erzielt, in Hammerbrook. Wo einst an der Lippeltstraße auf stark verdichtetem Boden Gebrauchtwagen verkauft wurden, hat der Nachbarschaftsverein mit dem NABU Hamburg ein 1.100 Quadratmeter großes Biotop geschaffen, die »Drachenwiese«. Die Zahl der Mauerbienen beispielsweise hat sich innerhalb von anderthalb Jahren vervielfacht.

Und was hilft das? Jedes einzelne Projekt sorgt für Artenvielfalt und urbane Natur, und gerade die Summe unzähliger kleiner Maßnahmen vom Balkonkasten bis zur Baumscheibe oder Insektenhaus lassen nachhaltig neues Grün in der Großstadt blühen. Barcelona und Paris machen es in jüngster Zeit beispielhaft vor. Das ist die Botschaft von »Abflastern«, dem »Parlament der Bäume« oder »Zwischen Pflaster & Baumkrone – Grünes Hamburg in Europa«: Geht doch! Man muss nur wollen – und den kleinen Schweinehund mit großen Klimafolgen überwinden. Jens Fischer

INFO Die Ausstellung »Zwischen Pflaster & Baumkrone – Grünes Hamburg in Europa« im Forum StadtLandKunst im Rahmen des Hamburger Architektur Sommers läuft noch bis 19. Juli – Am Sandtorpark 12, 20457 HH

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