Streicheleinheiten

Der britische Cellist Sheku Kanneh-Mason spielt Leidenschaft – mit Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie

Der britische Cellist Sheku Kanneh-Mason hat einen sehr prominenten Fan: Meghan Markle. Vor ihrer Hochzeit mit Prinz Harry rief die US-Schauspielerin den Musiker höchstpersönlich an. Sie bat ihn, bei ihrer Trauung aufzutreten. „Es war surreal, mit ihr zu telefonieren“, gesteht Sheku. „Dabei war sie unheimlich nett.“ Der 19. Mai 2018 war also nicht bloß für Prinz Harry und die amerikanische Schauspielerin Meghan Markle, die sich in der St. George’s Chapel von Windsor das Ja-Wort gaben, ein ganz besonderer Tag. Während ihrer Trauung trat auf ihren Wunsch hin der damals 19-jährige Cellist Sheku Kanneh-Mason auf. Er spielte drei Stücke – darunter Franz Schuberts „Ave Maria“, das sich die frisch Vermählten ausdrücklich gewünscht hatten.

Foto oben: Der 21-Jährige Cellist Sheku Kanneh-Mason, der vor vier Jahren als erster Schwarzer den BBC-Young-Musician-Preis gewann, lümmelt sich beim Interview in Jeans und T-Shirt auf dem Sofa: „Das Improvisieren lernte ich von den Jazzern, mit denen ich zusammengearbeitet habe.“ © John Davis

Nach „Ave Maria“ bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan war er ein Star.
Danach war der Brite weltweit bekannt, ein Star, schließlich hatten Millionen Menschen die Hochzeit des Jahres vor dem Fernseher mitverfolgt. Shekus Debütalbum „Inspiration“, das bereits einige Monate zuvor an der Spitze der britischen Klassik-Charts gestanden hatte und auch in die Pop-Charts eingestiegen war, schaffte nach diesem Medienspektakel sogar den Sprung in die US-Charts. „Plötzlich haben mich Fremde auf der Straße angesprochen“, erinnert sich der Musiker. „Ich hatte Tausende neue Instagram-Follower.“

Musikunterricht-Fan Sheku Kanneh-Mason tritt regelmäßig vor Schülern auf: „Ich möchte den Jugendlichen zeigen, wie man auf einem hohen Niveau musizieren kann.“ © Jake Turney
Musikunterricht-Fan Sheku Kanneh-Mason tritt regelmäßig vor Schülern auf: „Ich möchte den Jugendlichen zeigen, wie man auf einem hohen Niveau musizieren kann.“ © Jake Turney

Größenwahnsinnig ist Sheku deshalb aber nicht geworden, im Gegenteil: Als er wenige Wochen vor dem Lockdown im Londoner Büro seiner Plattenfirma Interviews gibt, um seine aktuelle CD „Elgar“ zu promoten, wirkt er eher schüchtern. Der 21-Jährige, der vor vier Jahren als erster Schwarzer den BBC-Young-Musician-Preis gewann, lümmelt sich in Jeans und T-Shirt auf dem Sofa. Jedes Wort wählt er mit Bedacht. Man merkt ihm an, dass er am liebsten einfach seine Musik für sich sprechen lassen würde. Dabei könnte allein seine Familiengeschichte den Stoff für eine Seifenoper liefern, ist Sheku doch  nicht der einzige Musiker. Sein Bruder und seine fünf Schwestern spielen alle ebenfalls mindestens ein Instrument. „Die Leute denken, wir seien Wunderkinder“, sagt Sheku. „Das glaube ich aber nicht. Einen Großteil unseres Erfolgs verdanken wir unseren Eltern.“

Die Mutter Dr. Kadiatu Kanneh, geboren in Sierra Leone und als junges Mädchen nach Wales übergesiedelt, unterrichtete früher an der Universität von Birmingham englische Literatur. Bis sie sich entschied, ihren Job wegen ihrer Sprösslinge aufzugeben. Der Vater Stuart Mason, dessen Eltern aus Antigua stammen, wurde in London geboren. Er arbeitet bei einer Agentur für Luxus-Bildungsreisen. 

Nach „Ave Maria“ bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan war er ein Star. Danach war der Brite weltweit bekannt, schließlich hatten Millionen Menschen die Hochzeit des Jahres vor dem Fernseher mitverfolgt. Shekus Debütalbum „Inspiration“, das bereits einige Monate zuvor an der Spitze der britischen Klassik-Charts gestanden hatte und auch in die Pop-Charts eingestiegen war, schaffte nach diesem Medienspektakel sogar den Sprung in die US-Charts. © John Davis
Nach „Ave Maria“ bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan war er ein Star. Danach war der Brite weltweit bekannt, schließlich hatten Millionen Menschen die Hochzeit des Jahres vor dem Fernseher mitverfolgt. Shekus Debütalbum „Inspiration“, das bereits einige Monate zuvor an der Spitze der britischen Klassik-Charts gestanden hatte und auch in die Pop-Charts eingestiegen war, schaffte nach diesem Medienspektakel sogar den Sprung in die US-Charts. © John Davis

Mit nur einem Einkommen war es natürlich nie leicht, über die Runden zu kommen. Trotzdem förderten die Eltern das außergewöhnliche musikalische Talent ihres Nachwuchses so gut wie möglich. Sie machten Schulden, drehten im Winter die Heizung runter und verzichteten auf manche Reparatur in ihrem Haus in Nottingham, damit sie den Musikunterricht ihrer Kinder bezahlen konnten. Die älteren Geschwister gaben nicht nur Spielzeug oder Kleidung an die jüngeren weiter, sondern auch ihre Instrumente. Dann hieß es: üben, üben, üben. „Unsere Eltern haben uns stets zum Musikmachen ermuntert“, erzählt Sheku. „Von ihnen haben wir gelernt, dass man hart und diszipliniert arbeiten muss, um vorwärtszukommen.“

Das klingt nach einem eisernen Drill und überhaupt keiner Freizeit. Sheku widerspricht: „Ich habe durchaus andere Dinge ausprobiert. Neben der Musik war Sport meine Leidenschaft, vor allem Fußball.“ Ist Fußballspielen für einen Cellisten nicht zu gefährlich? „Ach, man kann sich doch überall die Hände verletzten – sei es bei einem Treppensturz oder beim Gemüseschneiden“, stellt Sheku klar. „Ich halte nichts davon, übervorsichtig durchs Leben zu gehen.“

Sheku Kanneh-Mason: „Ach, man kann sich doch überall die Hände verletzten – sei es bei einem Treppensturz oder beim Gemüseschneiden. Ich halte nichts davon, übervorsichtig durchs Leben zu gehen.“ © Jake Turney
Sheku Kanneh-Mason: „Ach, man kann sich doch überall die Hände verletzten – sei es bei einem Treppensturz oder beim Gemüseschneiden. Ich halte nichts davon, übervorsichtig durchs Leben zu gehen.“ © Jake Turney

Gleichwohl fließt der größte Teil seiner Zeit in die Musik. Mit sechs begann er, Cello zu spielen. Als Neunjähriger bekam er ein Stipendium für das Nachwuchsprogramm der Londoner Royal Academy of Music, die übrigens all seine Geschwister besuchten. Mit ihnen nahm Sheku 2015 als The Kanneh-Masons an der Fernsehshow „Britain’s got Talent“ teil. Am 6. November veröffentlichen The Kanneh-Masons ihr erstes gemeinsames Familienalbum „Carnival of the Animals“, eingespielt wurde es in den Londoner Abbey Road Studios.

Für die jüngeren Schwestern Konya, Jeneba, Aminata und Mariatu war diese Aufnahme die allererste, Sheku, Isata und Braimah sind dagegen um einiges erfahrener. Sie treten regelmäßig als Kanneh-Mason-Trio auf – mal in Großbritannien, mal in den USA. Neben Sheku treibt auch die Pianistin Isata ihre Solokarriere voran, der Geiger Braimah, mit dem Sheku sich in London eine Wohnung teilt, macht gern Ausflüge in die Popwelt. Er unterstützte zum Beispiel die Band Clean Bandit bei dem Song „Rockabye“, der ein Nummer-eins-Hit wurde.

Solch ein Projekt hätte für Sheku nicht unbedingt oberste Priorität. „Pop ist nicht so meine Welt“, gesteht er. „Ich ziehe Reggae oder Jazz vor.“ Wenn er täglich vier bis fünf Stunden übt, legt er gern mit einer Improvisation los: „Das Improvisieren lernte ich von den Jazzern, mit denen ich zusammengearbeitet habe.“ Meist kooperiert er allerdings mit klassischen Musikern. Wie bei seinen beiden Auftritten im Oktober mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester und dem Dirigenten Alan Gilbert im Großen Saal der Elbphilharmonie.

Eine Reise nach Hamburg ist für den Briten hoffentlich realisierbar. Wann er jedoch wieder einmal nach Antigua reisen wird, steht wegen der Pandemie noch in den Sternen. Dabei würde Sheku so gern sehen, welche Fortschritte das dortige Jugendorchester gemacht hat: „Die Mädchen und Jungen haben so viel Enthusiasmus – obwohl sie zuvor wenig Berührung mit klassischer Musik hatten.“ Selbst in seiner Heimat Großbritannien hat längst nicht jedes Kind Zugang zur Klassik. „Leider ist Musikunterricht sehr teuer“, sagt er. „Darum können sich das nicht alle leisten.“ 

Für Sheku steht fest: Es muss mehr in die musikalische Bildung investiert werden. Sie darf nicht bloß denen zugänglich sein, die eine teure Privatschule besuchen. Musikunterricht sollte an den staatlichen Schulen ebenso eine Selbstverständlichkeit sein. Deshalb hat Sheku 3.000 Pfund gespendet, als die Cellostunden an seiner alten Schule in Nottingham eingespart werden sollten. Er tritt regelmäßig vor Schülern auf – nicht ohne Hintergedanken: „Ich möchte den Jugendlichen zeigen, wie man auf einem hohen Niveau musizieren kann.“ Dagmar Leischow

INFO
Sheku Kanneh-Mason gastiert Mo., 12. Oktober, 18.30 und 21 Uhr, mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester und Alan Gilbert im Großen Saal. Auf dem Programm stehen Saeverud, Saint-Saens, Schumann. Restkarten eventuell an der Abendkasse. http://www.elbphilharmonie.de

Tipps HafenCity Zeitung für den Oktober

• Patricia Kopatchinskaja: Dies Irae, 1. Oktober, 18.30 und 21 Uhr, Großer Saal
• Nils Petter Molvaer: Buoyancy, 5. Oktober, 18.30 und 21 Uhr, Großer Saal
• Boulangerie: Beethoven x Junge Komponisten, 12. Oktober, 18.45 Uhr, Kleiner Saal

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