„Unser Immunsystem ist unsere Innenverteidigung“

Christoph Richter drückt den Notruf-Buzzer: für eine gesunde und lebenswerte Zukunft. Der Internist von Ärzte am Kaiserkai über das Coronavirus, Bayern München und das radikal neue Denken von Ökologie und Medizin

© Illustration: Tobias hahn | HafenCity Zeitung
© Illustration: Tobias hahn | HafenCity Zeitung

Wer ihm vertraut, kennt das. Wie geht es Ihnen, worum geht es? Man schildert sein Anliegen und schon hackt Hausarzt Christoph Richter von Ärzte am Kaiserkai die Fakten in die Tasten seines Computer-Keyboards. Das ist effizient und gewinnt Zeit fürs Gespräch – pragmatische Empathie. Und ratzfatz stehen immer auch die Ideen fürs Mithelfen beim Sich-selbst-gesünder-machen im Mittelpunkt. Das ist die Philosophie von Christoph Richter: Jede medizinische Therapie nutzen, die Sinn macht, aber möglichst nie ohne aktive kritische Beteiligung der Patient*innen. 
Wir treffen uns zum Neujahrs-Kickoff-Gespräch in Zeiten von Corona. Kein Mäkeln hier, kein Hätte-Hätte-Fahrradkette dort. Selbst ist der Arzt. „Ich habe während der Corona-Krise mich selbst und mein Immunsystem besser kennengelernt“, lacht der drahtige Internist. Lesen Sie mal, warum für den Arzt Christoph Richter es gesellschaftlich und ökologisch heute fünf nach Zwölf ist. Er fordert ein radikal neues Denken. 

Wie geht es Ihnen als Arzt in diesen Corona-Zeiten? Christoph Richter: Mir geht es gut, danke. Ich habe bislang keine Corona-Infektion gehabt und dafür aber auch vielfältig vorgesorgt. Ich fühle mich fit.
Foto oben: Für Christoph Richter tickt die Uhr: „Wir müssen jetzt das akute Corona-Problem lösen, aber wenn es uns nicht gelingt, den Klimawandel zu stoppen, werden die Folgen hundertmal größer sein als die des Coronavirus.“ © Frederike Brockmann

Inwiefern vorgesorgt? Das meint die Einhaltung aller wichtigen Maßnahmen wie Abstand halten, Mundschutz tragen, Händewaschen und Lüften. Hier in der Praxis kommen uns die großen Räume und eine gute Lüftung entgegen. Ansonsten viel Bewegung, gutes essen und vieles mehr.

Welche Schutzmaßnahmen haben Sie in Ihrer Praxis getroffen? Wir haben für alle Maßnahmen wie Blutentnahmen, Injektionen, Impfungen und für Akut-Fälle eine Termin-Sprechstunde eingeführt, so dass sich alles entzerrt hat und es nicht zu Wartezeiten und Staus in unserer Praxis kommt. 

Und wie erleben Sie Ihre Patienten in der Corona-Zeit? Unsere Patienten gehen mit der zweiten Welle schon sehr viel besser um als mit der ersten. Es ist alles entspannter, die Patienten und Patientinnen kennen die Spielregeln. Insofern sind die Abläufe reibungsloser und die Aufregung und Ängste weniger groß als während der ersten Welle. Die Frage, wie wir eine Infektion verhindern können, ist aber nur ein Punkt. In meinen Augen wird in der allgemeinen Diskussion völlig die Frage ausgeblendet, wie wir verhindern können, dass wir durch eine Corona-Infektion krank werden oder in welchem Maße wir krank werden. Entscheidend dafür ist unser Immunsystem, ein hochkomplexes System, steuerbar innerhalb von Sekunden und durch viele Allgemeinmaßnahmen zu stärken. 

CHRISTOPH RICHTER ist Hausarzt und Internist, studierte Medizin in Hamburg und arbeitete seit über 29 Jahren in Norderstedt und inzwischen 11 Jahre in der HafenCity mit „Ärzte am Kaiserkai“ als niedergelassener Arzt. Richter liebt Sport und Kultur, besonders Konzerte in der Elbphilharmonie („hoffentlich bald wieder!“), und seine zwei Lieblingsbücher sind „Arnes Nachlass“ von Siegfried Lenz und „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Aktuell ist er begeistert vom Buch „Wir können es besser“ von Clemens Arvay und „Unsere Welt neu denken“ von Maja Göpel über den Zusammenhang von Umwelt und Medizin sowie aktuelle Erkenntnisse zum Immunsystem; u.a. auch durch das kleine Ratgeberbuch „„Die 15 besten Tipps für ein starkes Immunsystem“ von Dr. med. Ulrich Strunz.

Das Immunsystem ist steuerbar im Guten wie im Schlechten? Ganz genau. Wir haben ganz viele Faktoren, die auf unser Immunsystem einwirken: Bewegung, Ernährung, Stress, Spannung, Ängste. Bei einer Mangelernährung, wie ich sie zum Beispiel häufig bei älteren Menschen beobachte, können wichtige Bestandteile des Immunsystems gar nicht aktiviert werden.

Macht Ihnen das Sorgen? Ja. Es ist ein Thema, das häufig von Ärzten und Virologen sowie den Medien vernachlässigt wird. In den Fernseh-Talkshows kreist das Thema xMale um die Frage, ob wir die Schulen schließen müssen oder nicht. Nie geht es um die Frage, wie wir die Bevölkerung zur Stärkung des Immunsystems animieren können. Nicht zufällig hatten wir besonders viele schwere Corona-Fälle in Zentren wie New York, wo die Umweltbelastung sehr hoch ist. Ich sehe mit Sorge, dass die Umweltthemen durch Corona völlig in den Hintergrund gerückt sind. Wir müssen jetzt das akute Corona-Problem lösen, aber wenn es uns nicht gelingt, den Klimawandel zu stoppen, werden die Folgen hundertmal größer sein als die des Coronavirus. Und: Klimawandel, Umweltzerstörung und Globalisierung begünstigen und beschleunigen die Entstehung von weltweiten Pandemien.

WAS ICH BEMÄNGELE; ist die Einseitigkeit der Debatten. Als Fußballfan sage ich: Das ist so, als wenn Bayern München ohne Innenverteidigung spielt. Die landen dann auch auf der Intensivstation und nicht in der Champions League.« Christoph Richter, Internist bei Ärzte am Kaiserkai

Wie schätzen Sie die psychischen Folgen der Corona-Pandemie ein? Das ist ein großes Problem. Alleinlebende Menschen leiden unter Einsamkeit, in Familien spitzen sich bestimmte Krisensituationen durch Homeschooling und Homeoffice zu. Und wir haben die Menschen, die nicht auf ihre Selbstheilungskräfte vertrauen, sondern gebannt und voller Angst auf die täglich gemeldeten steigenden Corona-Zahlen schauen. 

Sie kritisieren in diesem Zusammenhang auch die Berichterstattung in den Medien. Schauen Sie sich zum Beispiel die große Hamburger Tageszeitung an. Da gibt es seitenlange Auflistungen von Zahlen, geordnet nach Stadtteilen und vieles mehr und richtigerweise auch immer wieder Hinweise auf die notwendigen Schutzmaßnahmen gegen Corona. Aber es müsste meiner Meinung nach in gleicher Weise darauf eingegangen werden, was jeder von uns selbst tun kann. Immer wenn wir in einer Gefahrensituation oder im Rahmen einer Erkrankung als Patient, als Bürger, als Mensch selbst tätig werden können, um uns zu stärken, nimmt es uns einen Teil der Angst. Wenn wir in gleicher Weise, wie wir jetzt täglich mit den AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske; die Red.) konfrontiert sind, an die tägliche Bewegung, an das tägliche Gemüse, an die täglichen Vitamine erinnert würden, würde das auch irgendwann zu einer Selbstverständlichkeit werden. 
Stattdessen gab es in besagter Tageszeitung einen halbseitigen Artikel darüber, dass die Einnahme von Vitamin D sowieso nichts nütze. Wissen Sie, wir messen täglich in der Praxis diese Werte und stellen bei 98 Prozent der Patienten einen eklatanten Mangel fest. Es gibt Dutzende von Studien, die die Wirksamkeit von Vitamin D zur Stärkung des Immunsystems und bei der Abwehr von Infektionskrankheiten belegen.

In einem früheren Gespräch waren Sie mit den Corona-Maßnahmen der Hamburger Politik einverstanden. Ist das heute, im zweiten Lockdown, immer noch so? Ja, ich halte die Maßnahmen für angemessen, auch wenn wir Tage und Wochen über den Sinn und Unsinn einzelner Maßnahmen diskutieren könnten, wovon die Talkshows und Zeitungen voll sind. Was ich bemängele, ist die Einseitigkeit. Als Fußballfan sage ich: Das ist so, als wenn Bayern München ohne Innenverteidigung spielt. Die landen dann auch auf der Intensivstation und nicht in der Champions League. Unser Immunsystem ist unsere Innenverteidigung – nur mit dem Unterschied, dass über eine schlechte Innenverteidigung bei der nationalmannschaft (0:6!) tagelang diskutiert wird. Über unser Immunsystem, ein hochwirksames System, spricht keiner. 

Sprechen wir also drüber. Wie können wir unser Immunsystem stärken? Mit sehr vielen. Wir wissen, was zum Beispiel Waldbaden und Meditation für positive Effekte auf unser Immunsystem haben. Wir wissen, dass die Immunzellen zwei, drei Stunden in den Keller gehen, nachdem wir viel Zucker gegessen haben. Wir wissen, dass jemand, der sich jeden Tag 45 Minuten bewegt, 50 Prozent mehr immun-kompetente Zellen hat. Das wissen wir, die Ärzte, die sich damit beschäftigen, aber meist nicht die Patienten. Darüber müsste es eine tagtägliche Aufklärung geben, so, wie es heute selbstverständlich ist, eine Maske zu tragen.

Was ist denn Waldbaden, ein Spaziergang im Wald? Ein Spaziergang im Wald ist schon gut, Waldbaden ist aber noch mehr: ein langsames Schlendern, ein meditatives Spazierengehen, die Gerüche aufnehmen – einfach alle Sinne aktivieren. 

Müssen wir uns, muss die Gesellschaft sich verändern? Ja. Sowohl persönlich als auch gesellschaftspolitisch verharren wir noch zu sehr in der kurzfristigen Situation. Es müsste ein wirklicher Ruck durch die Gesellschaft gehen. Die Ernsthaftigkeit der Lage ist noch nicht verstanden worden. Wir hoffen auf den Impfstoff, aber die nächste Pandemie wird kommen. Wenn wir nicht zehn Jahre von einem Lockdown in den nächsten taumeln wollen, müssen wir gucken, welche Flanken wir stärken können.

Welche Flanken sind das? Erstens müssen wir Umwelt und Medizin gemeinsam denken. Gesundheitsökologen sagen: Covid-19 ist ein Umweltskandal. Und zweitens ist die Funktionsfähigkeit unseres Immunsystems entscheidend. Wenn uns auf diesen beiden gebieten kein Fortschritt gelingt, werden wir trotz großartiger Intensivmedizin – vor den Kollegen habe ich größten Respekt – mit solchen Epidemien auf Dauer nicht fertig werden.

Das war politisch gesehen ein deutlich grünes Statement. Sind Sie Grüner? Was diese Frage angeht gehören natürlich meine größten Sympathien der grünen Bewegung, der grünen Partei. Ohne sie wären wir mit dem Umweltbewusstsein nicht so weit gekommen. Ich halte es aber für unbedingt erforderlich, dass wir eine große Öko-Koalition zustande kriegen, weil wir Maßnahmen werden treffen müssen, die erst einmal sehr unpopulär sind. Das kann nur in einem großen Konsens geschehen. Denn leider ist es wohl immer noch so, dass Parteien sonst vom Wähler für unpopuläre Maßnahmen abgestraft werden.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kritisiert, dass wir zu wenig über die Corona-Toten reden. Die Toten sind die Spitze des Eisbergs, es sind schreckliche Zahlen. Jeder Querdenker und Corona-Leugner sollte mal drei Stunden auf einer Intensivstation zwangsverpflichtet werden. In meinen Augen wird dieser Minderheit, die sie zum Glück ist, viel zu viel Raum gegeben. Die meisten Querdenker haben kein Interesse an einem wissenschaftlichen Diskurs, sondern agieren aus einer staatsfeindlichen Opposition heraus – auf dem Rücken der Oandemie-Opfer. Ich finde übrigens auch das Gejammer über den bundesdeutschen Flickenteppich falsch. Ich bin froh, dass wir aufgrund der föderalen Struktur in der Lage sind, auf regionale Besonderheiten zu reagieren. Jede Öffnung eines Konzerthauses, einer Schule oder eines Restaurants ist wirtschaftlich und psychologisch ein Gewinn. 

Der Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit hat in unserer jüngsten Ausgabe gesagt, die Elbphilharmonie hätte nicht geschlossen werden müssen. Sehen Sie das auch so? Ja, das könnte so sein, wobei darum eine endlose Debatte kreist. Hinterher wissen wir immer alles besser. Es ist ja ein Phänomen, wie positiv sich bislang die Zahlen in Hamburg entwickelt haben. Umso mehr müssen wir schauen, wie wir die Folgen der Corona-Maßnahmen so niedrig wie möglich halten können.

Wie hat Sie die Corona-Krise persönlich verändert oder sind Sie noch der alte? Nein. Ich bin sehr viel nachdenklicher geworden, aber ich bin immer noch optimistisch, wie wir die akute Krise bekämpfen. Jetzt kommt ein Impfstoff, dem ich positiv entgegensehe. Ich bin aber auch durch vieles aufgerüttelt, wie groß die Aufgabe ist, vor der wir in den nächsten Jahren stehen. Das Zusammenspiel von Medizin, Ökologie und Wirtschaft – es sind mannigfaltige Probleme, die auf uns zukommen werden. Und bei den kleinkarierten Streitereien, die ich in Talkshows und Zeitungen verfolge, sehe ich nicht, dass wir uns den großen Fragen zuwenden.

Was wäre Ihnen 2020 wichtig gewesen, was Corona verdrängt hat? Das Thema Nummer eins ist und bleibt der Klimawandel. Das muss das absolute Topthema sein, darauf muss sich alles konzentrieren. Und dafür ist das Jahr 2020 ein verlorenes Jahr gewesen. Das schönste Ereignis in 2020 war natürlich die Abwahl von Donald Trump, das ist ein Hoffnungszeichen. Ich habe in der „Zeit“ einen fiktiven Bericht gelesen mit einer Vision für das Jahr 2040: „Europa ist klimaneutral und der neue Bundeskanzler Friedrich Merz, der chinesische Staatspräsident und US-Präsident Joe Biden haben sich auf eine CO2-Steuer geeinigt …“. Der Bericht zeigt, welche massiven Maßnahmen ergriffen werden müssen, damit wir klimaneutral werden. Mich erfüllt es mit Sorge, ob es uns gelingt. Wissen Sie, in meiner Jugend habe ich erlebt, wie Willy Brandt für die Versöhnung mit dem Osten gekämpft (!) hat – gegen alle Widerstände aus dem konservativen Lagen. Und am Ende hat er Recht behalten. Von dieser Vehemenz und Unbeirrbarkeit werden wir viel brauchen, wenn wir den Klimawandel schaffen wollen. 

Glauben Sie, dass das Impfen die Wende bringt? Es ist ein großes Hoffnungszeichen, aber nur die akute Pandemie betreffend. Wir werden einen Effekt der Impfungen frühestens im Sommer sehen, aber früher oder später können wir es mit der nächsten Pandemie zu tun haben. Also: Jetzt beginnen, die Innenverteidigung zu stärken, hilft uns in jeder Pandemie. 

Sie haben drei Wünsche frei für 2021: Was wünschen Sie sich – persönlich, als Arzt und als Bundesbürger? Persönlich wünsche ich mir, dass ich gesund bleibe. Ich wünsche wmir Kultur, Begegnungen und ein großes, wunderschönes Wiederbegegnungsfest. Als Arzt wünsche ich mir natürlich, dass wir es schaffen, die Zahlen der Erkrankungen und der Todesfälle zu begrenzen. Und dass das Bewusstsein dafür geweitet wird, dass wir unseren Körper stärken müssen, um mit den Infektionen besser umgehen zu können. Als Bundesbürger wünsche ich mir, dass wir zu einer Diskussion um die großen Zusammenhänge kommen und mutige Politiker haben, aber auch Wähler, die diese mutigen Politiker zu den notwendigen Schritten verleiten, die sicherlich in den nächsten Jahren zwingend erforderlich sind. Und: Lassen Sie sich impfen!
Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

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