Vom Buddeln und Auslaufen

Die Hunde-Anwohner*innen machen immer nachhaltiger auf sich aufmerksam. Eine Erstbilanz

Ein sonniger Tag. Noch dürfen die Leute in Vor-Corona-Zeiten raus, noch sind viele Spaziergänger im Lohsepark unterwegs. Melanie Goll geht mit ihren zwei Söhnen zum Spielplatz. Auf der Wiese toben Hunde herum, die Frauchen stehen mit Kaffeebechern in der Hand im Kreis und unterhalten sich. Eigentlich schön, findet die 36-jährige Melanie Goll: „Schließlich sind wir sind ja alle neu hier. Und es ist doch toll, wenn wir uns kennenlernen; ich über meine Kinder mit anderen Eltern, die über ihre Hunde, aber …“
Eines dieser „aber“ kommt jetzt aus der Frauen-Hunde-Gruppe heraus auf den Sohn von Melanie Goll zugesprungen. Ein knuddelig aussehendes Felltier, offenes Maul, spitze Zähne und feuchte lange Zunge genau in Augenhöhe des Sohnes. Der bekommt Angst und versteckt sich hinter seiner Mutter. Die bleibt gelassen, bittet die Hundehalterin ihr Tier zurückzurufen. Das geschieht auch. Ein Gespräch zwischen der Gruppe der Hundebesitzerinnen und der Mutter mit Baby im Kinderwagen und Kleinkind an der Hand beginnt. Die Hunde, von Mini-Mops bis Golden Retriever, sind jetzt angeleint.

Foto oben: Ary, drei Monate, © Privat

Schnell werden die Gemeinsamkeiten klar. Alle wohnen in der HafenCity, alle wollen friedlich zusammenleben. Alle wissen: Mit der Zahl der Bewohner steigt auch die Zahl der Hunde. Zwar gibt es keine spezifischen Zahlen für das Viertel, doch es reicht ein Blick auf die Gesamtstatistik: Zwischen 2012 und 2018 stieg die Zahl der Hamburger und Hamburgerinnen von 1.775.659 auf 1.891.810 um 6,5 Prozent, die Zahl der gemeldeten Hunde von 59.477 auf 89.551 und damit um 50,5 Prozent. Ein Hunde-Boom an Elbe und Alster.

Eine der Hundebesitzerinnen aus der Runde ergreift jetzt das Wort. Seit sieben Jahren wohne sie hier, habe schon lange einen Hund. Von Anfang habe sie sich an viele Stellen gewandt, mit der Bitte, doch auch für die Hunde einen adäquaten Auslaufplatz zu schaffen. Keine Resonanz. Stattdessen gebe es jetzt diese „elende Sandkiste“ direkt an den Gleisen am Anfang der Versmannstraße: „Das ist doch ein Witz, oder?“ Die junge Frau ist sauer. Was sei eigentlich mit dem vielen Müll hier, den Glasflaschen. Ekelig sei das. Doch geschimpft werde immer nur über die Hunde und ihre Halter.

Melanie Goll stimmt zu. Müll und Glasflaschen seien für sie als Mutter von Kleinkindern genauso unangenehm, doch jetzt gehe es ja um die Hunde. Sie will Gemeinsamkeiten finden und hat eine Idee: „Warum gibt es hier mitten im Park nicht eine schöne Auslauffläche, eingezäunt? Dann könnten die Hunde spielen und die Kinder zu gucken?“
Eine andere Mutter mit Kind, wohnhaft im Baakenhafen, ist weniger nachsichtig. Wer mitten in die Stadt ziehe und sich dann einen Hund kaufe: „Der spinnt doch!“ Und weiter: „Die Kinder treten andauernd in Hundehaufen, überall buddeln die Tiere Löcher in das wenige Grün und bei uns im Hausfahrstuhl stinkt es bei Regen ekelhaft nach nassem Hund.“ Hinzu kommt: „Wenn schon Hund in der Stadt, warum muss es dann häufig so ein Riesentier sein, die dann auch noch ohne Leine herumtoben?“
Zentrale Auslauflächen für Hunde wurden in der HafenCity nicht geplant. Fakt ist: Im Lohsepark herrscht Leinenzwang. Und das gilt auch für Halter mit einem Hundeführerschein. Angesprochen auf diesen Tatbestand reagiert der Besitzer eines freilaufenden Mischlingsrüden mit einem Wutanfall: „Ist mir doch egal. Wenn ich ein Ticket kriege, zahl’ ich das eben. Mein Hund braucht Auslauf.“

Im Bezirksamt Mitte gibt es seit 2000 (damals wurde ein Junge in Wilhelmsburg von zwei Kampfhunden zu Tode gebissen) den „Hundekontrolldienst“, sprich Vollziehungsbeamte in Uniform. Hin und wieder sieht man sie im Auto am Lohsepark vorbeifahren, manchmal auch sprechen sie Verwarnungen aus, doch noch scheint die HafenCity kein Hotspot für sie zu sein. Offiziell dürfen sich ihre Mitarbeiter gegenüber der Presse nicht äußern. Nur so viel: Nehmt bitte mehr Rücksicht aufeinander, jeder gegen jeden bringe niemanden weiter. Und das gelte auch für die Nach-Corona-Zeiten. Ähnliches kommt aus der HafenCity Hamburg GmbHder HafenCity Hamburg GmbH: Man habe die Auslauffläche geschaffen, mehr sei jetzt nicht drin.
Nora Fischer, 42 Jahre alt, wohnt seit zwei Jahren am Lohsepark. Gerade hat sie sich mit ihrem Mann einen Mini Australian Shepherd gekauft, eine Rasse in city-kompatibler Größe: ausgewachsen um die 35 cm hoch. Den Welpen lässt sie hier nicht von der Leine. Sie wundert sich über Leute, die ihre großen Hunde im Park frei herumtoben lassen: Dafür, so findet sie, laufen hier zu viele kleine Kinder rum und im Sommer sei es auf der Wiese schon oft drängend voll.
Die neue, offizielle Auslauffläche an der Versmannstraße ist für sie eine gute Alternative: „Für uns Menschen sieht der Sand vielleicht etwas trostlos aus, unser Hund findet genau das großartig.“ Dorothea Heintze

Ary im HCZ-Wuff-Interview. Foto © Privat

3 Fragen an…
Ary

1
Ary, Du wohnst seit drei Wochen in der ­HafenCity. Was gefällt Dir? Was nicht? Ich finde, das Viertel ist super. Hier gibt es viele nette Menschen. Doof find’ ich Regen. Dann muss ich immer mit Handtuch und Bürste vorm Haus geputzt werden, damit wir das Treppenhaus nicht schmutzig machen.

2
Ist das nicht ziemlich blöd, so als Hund mitten in der City? So richtig viel Grün gibt es hier ja nicht. Es ist schon oft echt voll im Park, wenn die Sonne scheint. Aber es gibt viele spannende Dinge, wie Enten auf dem Wasser. Und wir machen auch oft Ausflüge Richtung Entenwerder, da kann ich frei rumtoben. Wissen Sie, warum es im Lohsepark keine Kaninchen gibt? Die vermisse ich echt. Dafür ist uns neulich eine fette Ratte vor der Schnauze entlang gerannt. Leider darf ich sie nicht jagen, sagt Nora.

3
Ärgerst Du dich manchmal über Kinder, die Dich immer ohne Fragen gleich streicheln wollen? Es gibt Kinder, die rennen einfach auf mich los, das mag ich nicht. Besser ist es, wenn die vorher meine Leute fragen, dann kann ich mich drauf einstellen. Und dann ist das herrlich. Ich werde nämlich wahnsinnig gern gestreichelt.
Das Tier-Interview
notierte Dorothea Heintze

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