Weltenwanderer

Oberhafen. Thomas Hengelbrock, Premierendirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, probte mit einem 60-Personen-Ensemble im Off-Jazz-Tempel Halle 424 für den Großen Saal. Klassik-Diversity vom Feinsten

Die h-Moll-Messe ist Bachs Opus Magnum“, sagt Thomas Hengelbrock. „Ein Vermächtnis einer ganz großen Epoche.“ Dieses Meisterwerk, in dem Bach gegen Ende seines Lebens über 30 Jahre seiner eigenen Musikgeschichte kollektiert hat, wollte der Dirigent dem Publikum eigentlich vor Weihnachten mit dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble in der Elbphilharmonie nahebringen. Doch das Konzert musste wegen der Pandemie abgesagt werden. 

Foto oben: Engagiert, sympathisch, immer gut ­gelaunt: Der Dirigent Thomas Hengelbrock ist beim Publikum und seinen Musiker*innen gleichermaßen beliebt. © picture alliance/dpa | Roland Weihrauch

Beim Proben sind Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble unter der Leitung von Thomas Hengelbrock ganz schön eng zusammengerückt – natürlich unter Einhaltung strikter Corona-Test- und -Hygienemaßnahmen.  © Jürgen Carstensen
Beim Proben sind Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble unter der Leitung von Thomas Hengelbrock ganz schön eng zusammengerückt – natürlich unter Einhaltung strikter Corona-Test- und -Hygienemaßnahmen. © Jürgen Carstensen

Damit mochte sich Thomas Hengelbrock allerdings nicht abfinden. Er verspürte den Drang, mit seinen Musiker*innen und Sänger*innen das Bachstück zu proben, zu arbeiten, aufzuführen. Dieses Projekt sollte allen Beteiligten helfen, sich in dieser schwierigen Zeit aufrechtzuhalten. Also traten die Akteure ohne Zuschauer*innen am 6. Dezember im Großen Saal für einen Live-Mitschnitt auf, der immer noch auf der Website der Elbphilharmonie gestreamt werden kann.

Dieses Projekt sollte allen Beteiligten helfen, sich in dieser schwierigen Zeit aufrechtzuhalten.

Vorbereitet wurde dieser Event in der Halle 424 im Oberhafen, wo Thomas Hengelbrock nicht zum ersten Mal zu Gast war. „Er hat schon häufiger hier geprobt“, erzählt Jürgen Carstensen, Gründer und Betreiber der Halle 424. 

Er beschreibt den Maestro als einen netten, umgänglichen Menschen, der immer gute Laune hat: „Thomas Hengelbrock ist total entspannt. Er pflegt einen herzlichen Umgang mit den Musiker*innen und Sänger*innen.“ Ihn bei den Proben zu beobachten ist für Jürgen Carstensen jedes Mal ein Erlebnis. Eins überrascht ihn stets aufs Neue: „Thomas Hengelbrock lässt sein Ensemble sehr lange spielen, bevor er in den Noten zurückgeht und seine Korrekturen anbringt.“

Jürgen Carstensen will in der von ihm gegründeten und gemanagten Halle 424 im Oberhafenquartier Musiker*innen und Sponsoren ungezwungen zusammenbringen: „Orte, die so etwas leisten, fehlen in Hamburg einfach.“ © Halle 424
Jürgen Carstensen will in der von ihm gegründeten und gemanagten Halle 424 im Oberhafenquartier Musiker*innen und Sponsoren ungezwungen zusammenbringen: „Orte, die so etwas leisten, fehlen in Hamburg einfach.“ © Halle 424

Das mag möglicherweise auch den Anwalt und Strafverteidiger Dr. Gerhard Strate verblüfft haben, der mit seiner Frau an einer Probe teilnehmen durfte, sich mit Thomas Hegelbrock unterhielt und dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble anschließend eine Spende zukommen ließ. Solche Begegnungen zwischen Musiker*innen und Publikum beziehungsweise Sponsoren hält Jürgen Carstensen für immens wichtig, besonders für Nachwuchstalente: „Leute, die Geld für Kunst und Kultur ausgeben, wünschen sich den direkten Kontakt zu den Künstler*innen.“ Deswegen sieht sich Jürgen Carstensen als Bindeglied zwischen Newcomern und Sponsoren, in der Halle 424 will er sie zusammenbringen: „Orte, die so etwas leisten, fehlen in Hamburg einfach.“

Nicht bloß deshalb kehren viele Musiker*innen regelmäßig in die Halle 424 zurück. „Sie paart Lässigkeit mit Qualität“, konstatiert Jürgen Carstensen. „Außerdem hat sie eine gute Akustik.“ Ein weiteres Plus ist, gerade während der Corona-Zeit, ihre Weitläufigkeit, auf 400 Quadratmetern kann man die AHA+L-Regeln recht einfach einhalten, zumindest theoretisch. Die rund 60 Mitglieder des Balthasar-Neumann-Chors und -Ensembles hätten den Mindestabstand bei den Proben eindeutig unterschritten, erinnert sich Jürgen Carstensen. Dafür wurden selbstverständlich entsprechende Vorkehrungen getroffen: Um überhaupt die Reise nach Hamburg antreten zu dürfen, mussten die Chor- und Ensemblemitglieder einen negativen Corona-Test vorlegen. Direkt nach der Ankunft stand ein weiterer Test für jeden Einzelnen an. Erst wenn dieser ebenfalls negativ ausfiel, konnten sich die Musiker*innen und Sänger*innen zu Fuß auf den Weg zur Probe machen. In der Halle 424 gab eine PCR-Test-Station, zusätzlich wurden Schnelltests angeboten. Die Tests führte ein Hamburger Labor kostenlos durch – als Kultursponsoring. Desinfektionsmittel standen jederzeit zur Verfügung, es wurde permanent gelüftet. 

„Thomas Hengelbrock ist total entspannt. Er pflegt einen herzlichen Umgang mit den Musiker*innen und Sänger*innen.“

Alle Musiker*innen und Sänger*innen sowie Thomas Hengelbrock mussten im selben Hotel absteigen und waren dort in Gruppenquarantäne – in speziellen Bereichen, zu denen keine anderen Gäste Zugang hatten. Dem eigens für sie abgestellten Reinigungspersonal war es lediglich gestattet, bei ihnen putzen, nicht irgendwo anders. Die offiziellen Fahrstühle waren für die Künstler*innen tabu. Den Frühstücksraum durften sie nur nutzen, wenn kein anderer Gast anwesend war: „Kontakt zu Außenstehenden war niemandem erlaubt.“

Dieses ausgeklügelte System – ausgetüftelt von der Managerin Christina Schonk in enger Absprache mit Thomas Hegelbrock – hat bestens funktioniert. Somit wollte der künstlerische Leiter des Balthasar-Neumann-Chors und -Ensembles am 27. Januar eigentlich erneut in der Halle 424 für einen Auftritt in der Elbphilharmonie proben. Dieser Plan fiel jedoch dem Lockdown zum Opfer. Bereits beim letzten Mal sei es, so Jürgen Carstensen, ein Drahtseilakt gewesen, die Duldung der Proben zu erwirken. Der Kulturbetrieb ist eben noch meilenweit von der Rückkehr zur Normalität entfernt.

„Leute, die Geld für Kunst und Kultur ausgeben, wünschen sich den direkten Kontakt zu den Künstler*innen.“

Das tut nicht nur den Mu-siker*innen in der Seele weh, sondern auch Jürgen Carstensen. Vor allem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble faszinieren ihn stets aufs Neue. Nicht zuletzt wegen ihrerBarockinstrumente. „Sie sind kleiner und leiser als die modernen Instrumente“, resümiert er. Wenn er sie hört, ist das im buchstäblichen Sinn Musik in seinen Ohren. Dagmar Leischow

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