Willkommenskultur

Die Flüchtlingsunterkunft der HafenCity schließt und löst sich bis Ende Juni auf. Sandra Munzinger zeichnet Stationen des 5-jährigen Engagements des gemeinnützigen Vereins Flüchtlingshilfe HafenCity e.V. nach

Die Gewaltmärsche der Geflüchteten nach Europa rüttelten die deutsche Gesellschaft auf. Jedem liegt noch das Credo „Wir schaffen das“ von Bundeskanzlerin Merkel in den Ohren. Es musste gehandelt werden, um den Ansturm Hilfe- und Schutzsuchender zu bewältigen. Auch in der Hansestadt sollte in jedem Stadtteil eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden. So entstand in der HafenCity eine große, aus Planungsgründen aber zeitlich begrenzte Wohnunterkunft für 720 Menschen in der Kirchenpauerstraße.
Foto oben: Spiel & Spaß am Mittwoch im Begegnungscafé in der Wohn­­unterkunft (WUK) mit Fank Mehlin (links) undBarbara Lange (hinten stehend) © Sandra Munzinger

Durch eine Informationsveranstaltung der HafenCity GmbH bildete sich im Frühjahr 2016 aus einem ersten Koordinationsteam der gemeinnützige Verein Flüchtlingshilfe HafenCity e.V.. Die Gegner der Flüchtlingsunterkünfte riefen den Untergang des Abendlandes und die Überfremdung aus. Am Anfang gab es auch durchaus zynische Kommentare zur Folgeunterkunft in der HafenCity. Wurde die ohnehin nur bis 2020 angelegte Anlage in den Medien doch gerne als „Flüchtlingsunterkunft mit Elphi-Blick“ kritisiert. Das konnte aber die Willkommenskultur derer nicht trüben, die den Geflüchteten helfen wollten, sich in unserer Kultur zurechtzu finden und sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. 

Auch die Jugendlichen durften mitschrauben. Fahrradwerkstatt gegenüber der Wohnunterkunft. © Jochen Blauel
Auch die Jugendlichen durften mitschrauben. Fahrradwerkstatt gegenüber der Wohnunterkunft. © Jochen Blauel

Mit viel Engagement und Einsatz kümmern sich seit dem ersten Einzug im Oktober 2016 Bewohner der HafenCity als ehrenamtliche Helfer des Vereins um die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die vorübergehend in der Wohnunterkunft am Baakenhafen leben. In all den Jahren haben sie mit zahlreichen Kursen unterstützt, gefördert und betreut sowie den Kindern ein Stück Normalität beim Spielen, Singen und Basteln gegeben.

Die 32-jährige Nargis Sadat kann sich noch genau erinnern, wie froh sie war, aus der Erstunterkunft herauszukommen. „Dort gab es strenge Ausgangssperren und keine Kochmöglichkeiten. In der Kirchenpauerstraße konnten wir uns frei bewegen und kochen.“ Gerade am Anfang war die Unterstützung der Ehrenamtlichen für sie essenziell. Solange sie keine offizielle Aufenthaltserlaubnis hatte, konnte sie keinen Deutschkurs belegen. Diese Zeit überbrückte sie mit den Deutsch-Angeboten und dem Begegnungscafé des Vereins – und knüpfte so wertvolle Kontakte, die bis heute halten. Ihren B2-Sprachschein hat sie schnell gemeistert, eine Umschulung zur Fachinformatikerin absolviert und seit diesem Jahr arbeitet Sadat in der IT-Branche.

Frühlingsfest 2017 auf dem Platz gegenüber der Wohnunterkunft mit den Domo-Zelten. Stockbrot an der Feuerschale. © Jochen Blauel
Frühlingsfest 2017 auf dem Platz gegenüber der Wohnunterkunft mit den Domo-Zelten. Stockbrot an der Feuerschale. © Jochen Blauel

Der Vorstand des Vereins hat sich bei ansässigen Unternehmen, Studenten der HafenCity Universität und Bewohnern des Quartiers stark gemacht und über die Jahre für Geld-, Sach- und Zeitspenden geworben. Sie fragten bei Firmen nach Praktikanten- oder Ausbildungsstellen und nutzten viele Veranstaltungen und Stadtfeste, um mit Aktionen und Ständen auf ihre Aktivitäten aufmerksam zu machen und Helfer zu finden. All die Jahre herrschte in der Unterkunft ein Kommen und Gehen bei den Bewohnern, sodass im Lernprozess, im Informationsfluss und im Unterstützungsbedarf ständig von vorne begonnen werden musste.

In der Hochphase zwischen 2017 bis Ende 2019 gab es viele Aktivitäten, die der Verein dank der Unterstützung der Ehrenamtlichen und einiger ansässiger Firmen wie z.B. den Gebr. Heinemann oder der HPA, der Hamburg Port Authority, durchführen konnte. Er organisierte neben Sprachkursen Angebote für Kinder, unterstützte im Hinblick auf Spracherwerb und Alltagsorganisation sowie bei Fragen zu Ausbildung, Beruf und Wohnungssuche.

„Ich selber bin glücklich, dass ich durch die Vermittlung einer Helferin des Vereins eine Wohnung gefunden habe.“

Die Bewohner der Unterkunft sind wie ein Mikrokosmos. Komprimiert wohnen hier vom Analphabeten bis zum Universitätsprofessor auch noch untereinander feindlich gesinnte Bevölkerungsgruppen Tür an Tür zusammen. Sadat weiß davon zu berichten, gab es doch oft in den Wohngemeinschaften ihres Containerblocks heftige und lautstarke Streitereien zwischen Afrikanern und Pakistanern. „Es war so laut, dass ich nicht mehr lernen konnte. Ich bin dann oft rausgegangen.“ 

Richtfest des 2018 gegenüber der Wohnunterkunft errichteten Holzhauses zum Gärtnern, Grillen und Feiern. © Flüchtlingshilfe HafenCity
Richtfest des 2018 gegenüber der Wohnunterkunft errichteten Holzhauses zum Gärtnern, Grillen und Feiern. © Flüchtlingshilfe HafenCity

Auch die Belastung der Menschen war zu spüren. Viele Bewohner hatten Depressionen, waren seelisch verwundet und krank. Da sie auch keinen eigenen Rückzugsort hatten, konnten sie nicht zur Ruhe kommen, geschweige denn Deutsch lernen oder einen Job suchen. „Ich selber bin glücklich, dass ich durch die Vermittlung einer Helferin des Vereins eine kleine Wohnung gefunden habe“, erzählt Sadat.

Diese Herausforderungen zu meistern, ist auch ständige Aufgabe der Ehrenamtlichen des Vereins. Mit viel Einsatz und Durchhaltevermögen lehrten die Helfer – bis Corona kam – zweimal die Woche Deutsch. Damit auch die Mütter zum Lernen kommen konnten, wurden parallel dazu die Kinder betreut. Zusätzliche Aktivitäten veranstaltete der Verein in Kooperation mit dem Träger der Unterkunft und zahlreichen Initiativen. Es gab organisierte Ausflüge etwa in den Wildpark Schwarze Berge, die Teilnahme am HSH Nordbank Run 2017 und zahlreiche Feste vor Ort. Geflüchtete trafen sich regelmäßig mit Bewohnern und Helfern zum Begegnungs-Café im Ökumenischen Forum. Jeden Mittwoch stellte die Firma Gebr. Heinemann einige ihrer Mitarbeiter zur Unterstützung der Angebote frei. Sogar eigene Räumlichkeiten stellte die Firma in der Hongkongstraße zur Verfügung, damit darin ein Internetcafé und bis heute eine Mutter-Kind-Schule stattfinden kann.

Grillfest 2018 auf dem Platz gegenüber der Wohnunterkunft mit den Domo-Zelten. © Flüchtlingshilfe HafenCity
Grillfest 2018 auf dem Platz gegenüber der Wohnunterkunft mit den Domo-Zelten. © Flüchtlingshilfe HafenCity

„Für meine IT-Ausbildung war das Internetcafé und die Unterstützung von Bewohnern des Ökumenischen Forums sehr wichtig“, so Sadat, „denn in der Unterkunft gab es kein WLAN.“ Besonders gefallen hat ihr die zentrale Lage. Sprachkurs, Einkauf in St. Georg oder Rothenburgsort und der Weg zur Umschulung nach Hammerbrook lagen alle in der Nähe. 

Umgeben von einem Gartenprojekt mit Hochbeeten, einer Fahrradwerkstatt und einem Kunstprojekt errichtete der Verein 2018 gegenüber der Wohnunterkunft ein Holzhaus. Hier wurde gegärtnert, gekocht, gegrillt und gefeiert. Zudem gab es auch Gesundheitsprojekte nur für Frauen, bei denen sie psychologisch beraten und betreut wurden. Die Geflüchteten nahmen alle Angebote dankend an.

Was die meisten der dort lebenden Menschen eint, ist, dass sie so schnell wie möglich die Sprache lernen, ein eigenes Zuhause, eine Ausbildung oder einen Job sowie ein selbständiges Leben finden wollen. Doch die Ungewissheit geht weiter, denn die Unterkunft muss wie geplant den heranrückenden Bauvorhaben jetzt weichen. Ende Mai werden die ersten Containerkomplexe abgebaut und bis Ende Juni werden alle Bewohner auf andere Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg verteilt. Nur ganz wenige Familien konnten bisher eine eigene Wohnung finden und beziehen.

„Ich habe großes Glück gehabt und bin so dankbar, so viele hilfsbereite Menschen kennengelernt zu haben. Ich wünsche mir für meine Freundinnen, dass auch sie eine kleine Wohnung und einen Job finden werden, denn das ist sehr schwer“, sagt Sadat zum Abschluss. Sie selbst hat noch den Traum, 2023 einen Führerschein zu machen, sobald Corona es wieder zulässt und sie genug Geld dafür verdient hat.

Stolz kann der Verein von vielen Erfolgen berichten: von zahlreichen bestandenen Deutschprüfungen, den Hausaufgabenhilfen, glücklichen Kinderherzen, den Vermittlungen in Berufe oder eigene Wohnungen; dem Finden eines Zwillingskinderwagens, oder den zahlreichen Fahrradreparaturen. Auch die Stadt würdigte das ehrenamtliche Engagement des Vereins Flüchtlingshilfe HafenCity e.V. 2018 offiziell mit dem „Bürgerpreis für Integration des Bezirks Hamburg-Mitte“. Sandra Munzinger*
*Sandra Munzinger (49) ist 2. Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins der Flüchtlingshilfe HafenCity e.V.

Info

Bis zum Abbau der Flüchtlings-unterkunft der HafenCity wird der Verein aktiv bleiben. Einige langjährige Helfer kümmern sich schon jetzt auch privat um einige Schützlinge und werden das weiterhin machen. Was die Bewohner der Unterkunft im Baakenhafen noch weiterhin dringend brauchen, sind Menschen, die mit ihnen in engem Austausch stehen, ihnen bei Formularen und ganz wichtig – jetzt wo sie Deutsch einigermaßen können – bei der Jobsuche helfen! Und sie auch dabei unterstützen, erst einmal herauszufinden, was der- oder diejenige überhaupt kann oder werden will, um dann bei Bewerbungsschreiben und den Bewerbungsgesprächen zu helfen. Ebenfalls wichtig ist die praktische Unterstützung bei der Wohnungssuche, sie zu begleiten bei Wohnungsbesichtigungen oder als Pate und Vermittler gegenüber Vermietern aufzutreten – die leider immer noch sehr oft Vorurteile gegenüber Geflüchteten hegen. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: simon-noll@fluechtlingshilfe-hafencity.de

6 Fragen an … Christine Simon-Noll

Christine Simon-Noll, 1. Vorsitzende des Vereins Flüchtlingshilfe HafenCity e.V., über Flüchtlingshilfe HafenCity e.V.. erfolgreiche Integration und ehrenamtliches Arbeiten

Christine Simon-Noll, 1. Vorsitzende Flüchtlingshilfe HafenCity e.V. © Privat
Christine Simon-Noll, 1. Vorsitzende Flüchtlingshilfe HafenCity e.V. © Privat

1 Frau Simon-Noll, was war 2016 der erste Impuls, sich für eine Flüchtlingsunterkunft in der HafenCity zu engagieren? Die große Informationsveranstaltung vom Netzwerk HafenCity und der HafenCity Hamburg GmbH in der HafenCity Universität mit vielen 100 Teilnehmer:innen, auf der man die Begeisterung spürte, sich für die Geflüchteten  in der HafenCity zu engagieren. Es war eine sehr positive Stimmung. Viele Anwohner wollten gleich wissen, was sie tun können und wie Hilfe und Unterstützung möglich wäre. Das war sehr schön und hat mich persönlich sehr berührt. Wir wurden damals als Stadtteil noch nicht richtig ernst genommen und man glaubte, dass hier, im neuen Stadtteil HafenCity, kein gesellschaftliches Engagement möglich sei. Das Gegenteil war der Fall. Daran bestand in der HafenCity nie ein Zweifel. Wir wollten helfen und uns engagieren und das gilt auch heute noch! Es entstanden bald einige Arbeitsgruppen für die verschiedensten Themen. Nachdem wir unseren Verein, die Flüchtlingshilfe HafenCity e.V. gegründet hatten, ging es richtig und tatkräftig weiter. Wir haben ein Begrüßungs-Café organisiert und die Geflüchteten herzlichst willkommen geheißen (mit selbstgebackenem Kuchen, Obst und anderen Leckereien). 

2 Was ist Ihre persönliche Bilanz nach fünf Jahren Flüchtlingshilfe HafenCity und einem Jahr Corona? Nur mit all den treuen, ehrenamtlichen Helfer:innen konnten wir viele kleine Mosaiksteine zur Integration bewegen. So haben einige unserer jungen Geflüchteten, nach sehr großer Hilfe und Unterstützung,  einen Ausbildungsplatz in einer Pflegeeinrichtung und eine eigene Wohnung bekommen. Der Weg dahin war nicht einfach und leicht, doch nur mit dem großen Engagement und persönlichen Einsatz einiger Helfer:innen aus unserem Verein, war dies letztendlich möglich. Zum Beispiel wurde ein junger Mann Rettungssanitäter, ein weiterer ist in der Ausbildung zum Sozialpädagogischen Assistenten. Eine junge Frau arbeitet nach einer umfangreichen und schwierigen Umschulung nun in der IT-Branche. Viele Schüler:innen wurden für die verschiedensten Abschlussprüfungen in den Schulen vorbereitet und begleitet. Dies sind positive Beispiele, die uns alle sehr freuen. 

3 Welche Hilfe hat die nachhaltigste Wirkung bei den Flüchtlingen in der Wohnunterkunft im Baakenhafen erzielt? Die Einzelbetreuung oder Patenschaft hat sich für die Integration als der erfolgreichste Weg herauskristallisiert. Leider hatten wir nicht genügend Helferinnen und Helfer, um allen Geflüchteten gerecht zu werden. Das ist traurig, aber die Realität. Die meisten ehrenamtlichen Engagierten unseres Vereins gehören der Altersgruppe 60 plus an. Es ist von unschätzbaren Wert, welche Leistung von ihnen erbracht wurden. Während der verschiedenen „harten Lookdowns“ mussten wir unsere Angebote stoppen, wir hielten über Whatsapp Kontakt. 

4 Wie haben sich die Corona-Pandemie und die Lockdowns ausgewirkt? In der Wohnunterkunft gab es zum Beispiel leider kein WLAN bis zum Ende des Jahres 2020. Ein Armutszeugnis! Wie sollte da Homeschooling funktionieren? Die Schüler:innen hatten große Schwierigkeiten im Lockdown. Seit Dezember 2020 gibt es endlich WLAN, allerdings nur im Gemeinschaftsraum der Unterkunft. So können wir jetzt auch dort ins Internet und gemeinsam mit den Geflüchteten recherchieren. Mittlerweile sind wir wieder vor Ort aktiv nach den AHA-Regeln. Die Einzelbetreung ist möglich und wir lernen nochmals mehr Geflüchtete persönlich kennen sowie ihre Geschichte, ihren Leidensweg. Das ist meist sehr traurig! Zur Zeit ist die Wohnungssuche unsere Hauptbeschäftigung – leider überhaupt nicht erfolgreich. Viele, ganz viele hätten gerne endlich ihre „eigenen vier Wände“ auch wenn sie noch so klein wären. Es ist nicht immer einfach, mit anderen Menschen in einem Zimmer  zu wohnen und in einer Wohnung mit weiteren fremden Personen zu leben.

5 Wie hat die Hamburger Politik über die vielen Jahre hinweg ausreichend geholfen? All die Jahre hat zweimal im Jahr ein „Runder Tisch“ mit den verschiedensten Teilnehmern aus dem Bezirk Hamburg-Mitte stattgefunden. Eine gute und wichtige Unterstützung. Des weiteren habe ich einen sehr guten Kontakt zur Verwaltung der sozialen Einrichtung Fördern & Wohnen in der Wohnunterkunft. Das ganze Team hatte immer ein offenes Ohr für Wünsche und Anregungen gehabt. Eine tolle und effektive Zusammenarbeit – immer im Sinne der Hilfe für die Geflüchteten in der Wohnunterkunft Kirchenpauerstraße.

6 Ist für Sie denn die Integration gelungen? Teilweise ist uns Integration gelungen. Mit mehr Patenschaften und Unterstützung und auch viel mehr Sozialarbeitern vor Ort in der Wohnunterkunft wären wir sicher weitergekommen und mehr Geflüchtete wären wirklich in unsere Gesellschaft integriert. Aber ist dies überhaupt politisch gewünscht?
Wir, die Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe HafenCity e.V., sind bis zur Schließung der Wohnunterkunft in der Kirchenpauerstraße 30 aktiv und kümmern uns weiter um die Sorgen und Nöte der Menschen. Wir haben immer ein offenes Ohr für unsere neuen Nachbarn.

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