»Wir müssen neue Antworten finden«

Hamburgs Kultursenator Dr. Carsten Brosda über Corona-Leugner, Social-Media-Poser und Katastrophen für Schauspieler und Soloselbstständige
Plus, am Ende Satzanfänge, vervollständigt vom Kultursenator

Herr Brosda, in Ihrem gerade erschienen Buch „Ausnahme / Zustand“ schreiben Sie: „Die Corona-­Krise hat uns keine neuen Fragen gestellt, aber sie hat uns verdeutlich, wie wichtig es ist, dass wir uns um Antworten kümmern, die auf der Höhe der Zeit sind.“ Welches ist Ihre wichtigste Antwort auf die Corona-Krise? Ich hoffe, dass wir alle miteinander gelernt haben, dass die Art und Weise, in der wir bislang gesellschaftlichen Zusammenhalt organisiert haben, so nicht funktioniert, und dass wir daraus wiederum die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Wir sind über Jahrzehnte hinweg davon ausgegangen, dass es in erster Linie darauf ankommt, dass man sich um sich selbst kümmert. Und wenn sich alle um sich selbst kümmern, dann kommt schon das Beste für alle heraus. Das war die Logik vor Corona. Das war schon immer falsch, aber jetzt sind sich so langsam alle einig, dass das nicht funktioniert und wir uns fragen müssen, wie wir uns um die anderen und das Ganze kümmern können. 
Foto oben: Dr. Carsten Brosda, Präses der Behörde für Kultur und ­Medien, an seinem Schreibtisch im Hanseviertel: „Wir haben neu gelernt, wie wir aufeinander angewiesen sind und alleine eben nicht klarkommen können.“ © Thomas Hampel

VITA: Dr. Carsten Brosda ist Senator für Kultur und Medien in Hamburg sowie Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie und Vorsitzender der Medien- und Netzpolitischen Kommission des SPD-Parteivorstandes. Zudem ist er Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Im Rahmen der Corona-Hilfen für Künstler*innen, Kulturschaffende und Veranstaltungswirtschaft hat die Kulturbehörde seit dem ersten Lockdown im März 2020 inzwischen rund 90 Millionen Euro an Unterstützung organisiert.
Nach seinem Studium der Journalistik und Politikwissenschaft wurde Brosda mit seiner Arbeit über „Diskursiven Journalismus“ promoviert. Er war u. a. Leiter der Abteilung Kommunikation des SPD-Parteivorstandes und arbeitet seit 2011 in Hamburg, zunächst als Leiter des Amtes Medien, ab 2016 als Staatsrat für Kultur, Medien und Digitalisierung und seit Februar 2017 als Senator. Der 46-jährige gebürtige Gelsenkirchener ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Jüngste Publikation: „Ausnahme / Zustand – Notwendige Debatten nach Corona“ von Carsten Brosda; Verlag Hoffmann und Campe; 2020, 128 Seiten, Pappeinband; 15 €; ISBN: 978-3-455-01046-6

Wie denn? Das Masketragen ist dafür ein wunderbares Beispiel. Das tue ich nicht, um mich zu schützen, sondern um andere zu schützen. Indem ich das tue, gehe ich davon aus, dass andere das auch tun, um mich zu schützen. Wir haben neu gelernt, wie wir aufeinander angewiesen sind und alleine eben nicht klarkommen können. Daraus müssen wir konkrete Antworten entwickeln, was das quer durch unsere Gesellschaft heißt, dass es alleine nicht geht, sondern wir auf Bedingungen angewiesen sind, die wir nicht alle allein selbst in der Hand haben. Das ist eine fundamentale Erkenntnis, aus der heraus wir neue politische, gesellschaftliche und kulturelle Antworten finden müssen.  

Kultursenator Carsten Brosda zum John-Neumeier-Museum auf dem Strandkai, der seine heutige Privatsammlung einbringen will: „Ich bin guter Dinge, dass wir einen Ort in der HafenCity schaffen, an dem wir seine herausragende private Sammlung der Ballettgeschichte wie auch seines eigenen Oeuvres der Öffentlichkeit zugänglich machen können.“ © picture-alliance | Maurizio Gambarini
Kultursenator Carsten Brosda zum John-Neumeier-Museum auf dem Strandkai, der seine heutige Privatsammlung einbringen will: „Ich bin guter Dinge, dass wir einen Ort in der HafenCity schaffen, an dem wir seine herausragende private Sammlung der Ballettgeschichte wie auch seines eigenen Oeuvres der Öffentlichkeit zugänglich machen können.“ © picture-alliance | Maurizio Gambarini

Was heißt das denn für den SPD-Politiker und den Citoyen, den Bürger Carsten Brosda? Das kann ich nicht trennen, da ich ja auch als Citoyen Mitglied in der SPD bin. Es hat etwas damit zu tun, wie wir soziale Sicherung organisieren, wie wir den Staat sehen. Sehen wir den Staat als etwas, das von außen in die Gesellschaft hineingreift und den Bürgern Freiheiten nimmt – was leider von vielen zu lange erzählt wurde? Oder ist Staat nicht eher das Instrument, das wir nutzen, um unsere eigene Freiheit zu sichern und zu entwickeln. Da neige ich, nicht nur weil ich für den Staat arbeite, der zweiten Interpretation zu. Staat ist ein Instrument der Gesellschaft zur Durchsetzung gemeinsamer Ziele. Das Wesentliche ist, das gilt für den Citoyen wie für den Politiker, dass wir es miteinander wieder besser hinbekommen müssen, gemeinsam darüber zu sprechen, wie wir leben wollen. Das kann uns niemand und auch keine wissenschaftliche Studie aufschreiben. Das ist vielmehr das Ergebnis von gesellschaftlichen Übereinkünften. Und das Gespräch darüber, wie wir leben wollen, kann eine unglaublich aufregende und spannende und anregende Geschichte sein, der wir uns in den vergangenen Jahren zu selten ausgesetzt haben. Diese grundsätzlichen Debatten gemeinsam zu führen und zu sagen, ja, so wollen wir leben, kann dann eine Ressource sein, um die gesellschaftliche Kraft zu entwickeln, um neue Dinge umsetzen zu können. 

»Sie haben das Gefühl, dass sie eine gesellschaft­liche Mehrheit sind, wenn ihr Beitrag 20-, 30mal gelikt wird, obwohl sie eine versprengte Minderheit bleiben.«

Kultursenator Dr. Carsten Brosda beim Gespräch mit der HafenCity Zeitung in seinem Büro der Behörde für Kultur und Medien im Hanseviertel. © Thomas Hampel
Kultursenator Dr. Carsten Brosda beim Gespräch mit der HafenCity Zeitung in seinem Büro der Behörde für Kultur und Medien im Hanseviertel. © Thomas Hampel

Sie beziehen sich in Ihrem Buch auch auf Heinrich Heine, der die Folgen der Cholera-Epidemie im Paris von 1832 beschreibt, als „Gerüchte mit Wissen“ verwechselt wurden und „Emotionen die Vernunft“ beiseite drängten. Was sagen Sie zur Querdenker-Demonstration in Leipzig Mitte November mit 20.000 Menschen ohne Abstand und Mundschutz? Das zeigt uns, dass das, was Heine damals geschrieben hat, heute immer noch gilt – und das noch in potenzierter Form, weil es zu Heines Zeiten noch keine Social Media gab. Ich halte es, freundlich formuliert, für fahrlässig und anti-aufklärerisch, was dort passiert. Ich verstehe, dass wir es alle miteinander nach so vielen Monaten der Einschränkungen und der Pandemie leid sind und uns wünschen, da endlich herauszukommen. Aber die Nonchalance, mit der Leute glauben, das etwas schon irgendwie wahr wird, nur weil sie es behaupten, ist einer aufgeklärten Gesellschaft nicht würdig. Wir müssen gucken und immer wieder sichergehen, dass es kleine Minderheiten sind. Die große, große Mehrheit in der deutschen Gesellschaft ist der Überzeugung, dass wir etwas gegen diese Pandemie tun müssen. Und diese große Mehrheit ist auch der Auffassung, dass wir weitgehend das Richtige gegen die Pandemie tun. Wir dürfen uns da nicht auf die schiefe Ebene schieben lassen. Ein Unterschied zu den Zeiten von Heinrich Heine ist, dass diejenigen, die sich auf das Gerücht verlassen – bei Heine ist es das Zuwispern in den Gassen des Paris von 1832 –, heute die technologischen Möglichkeiten haben, sich über soziale Foren zu finden und zu treffen, um ihre sozialen Verschwörungsideologien austauschen zu können. Und sie haben das Gefühl, dass sie eine gesellschaftliche Mehrheit sind, wenn ihr Beitrag 20-, 30mal gelikt wird, obwohl sie eine versprengte Minderheit bleiben. Da müssen wir als Gesellschaft standhaft sein und klarmachen, dass wir Kultur und Wissen produzieren, auf deren Grundlage wir handeln. Wir handeln nicht auf der Basis von „Ich mach‘ mir die Welt, wie ich sie mir gerne wünsche“, sondern wir handeln auf der Grundlage des Wissens, das wir in diesem Moment haben. Es bleibt irritierend, dass es im 21. Jahrhundert immer noch Menschen gibt, die glauben, dass sich die Welt verändert, wenn sie nur lange genug die Augen zumachen, die Luft anhalten und dann anfangen zu brüllen. Nein, das verändert die Welt nicht. Wie heißt es so schön bei Ferdinand Lassalle, dem Anführer der deutschen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert: „Alle große politische Aktion besteht im Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit.“ Und das was ist, steht nicht zur Disposition, sondern lässt sich überprüfen und ist nicht nur einfach eine Wahrnehmungsfrage. Diese Position müssen wir immer wieder markieren.

»Nur wenn Land und Bund gemeinsam fördern, können wir die unfass­baren Katastrophen für Einzelne dämpfen.«

Kultursenator Dr. Carsten Brosda beim Gespräch mit der HafenCity Zeitung in seinem Büro der Behörde für Kultur und Medien im Hanseviertel. © Thomas Hampel
Kultursenator Dr. Carsten Brosda beim Gespräch mit der HafenCity Zeitung in seinem Büro der Behörde für Kultur und Medien im Hanseviertel. © Thomas Hampel

Gibt es einen Unterschied zwischen politisch-korrekten Umfragewerten und wirklich empfundener Einschränkung, die man sich nur nicht traut zu sagen? Ich glaube nicht, dass jemand in Umfragen den Corona-Maßnahmen zustimmt und abends auf eine Querdenkerdemo geht. Was es gibt und allzu menschlich ist, dass wir uns alle über Jahrzehnte hinweg Lebensroutinen zugelegt haben. Man steht dicht beieinander, man gibt sich die Hände und klopft sich mal auf die Schulter oder neigt jemandem den Kopf zu, um zu signalisieren: Ich höre dir zu. Das sind alles Dinge, die wir intuitiv drin haben. Das dürfen wir jetzt nicht mehr und müssen uns dazu immer wieder rational zwingen: nein, Abstand halten; nein, kein Händeschütteln; nein, keine Begrüßungsumarmung. Das wird immer wieder mal vergessen, weil es habituell so gelernt ist.

Als Kultursenator sind Sie Regierungsmitglied und auch ein rechtsstaatliches Symbol, das die individuelle Freiheit und die Freiheit von Kunst, Kultur und Glauben zuzusichern und zu fördern hat. Wie geht es Ihnen damit, dass Sie coronabedingt Berufsverbote aussprechen müssen – etwa für Künstler, Kulturveranstalter oder Veranstaltungsmanager? Schlafen Sie unruhig? Das mit dem Schlafen geht noch, wenn ich vorher meine Rituale wie Lesen oder Musik- hören gehabt habe. Aber das fühlt sich in der Tat so falsch an und ist doch so richtig. Natürlich widerstrebt es dem Kultursenator und auch der Gesellschaft, dass wir öffentliche Räume und Kulturorte schließen müssen. Wenn wir aber einmal darüber nachdenken, was erforderlich ist, um das Infektionsgeschehen einzudämmen und die Anlässe, das Haus zu verlassen reduzieren, dann muss man rational einsehen, dass das sinnvoll sein kann, so etwas zu tun. Allerdings muss genau so klar sein, dass das keinen Tag länger als notwendig so sein darf. Wir müssen deutlich erklären, warum wir was anordnen und auch deutlich machen, was wir dadurch in dem Moment verlieren. Und wir als Staat müssen auch die Perspektive zum Durchkommen in dieser Zeit organisieren und die ökonomische Absicherung sicherstellen. Das ist das Minimum. Bei dem diffusen  Ausbruchsgeschehen des Virus in diesem Herbst hatten wir keine andere Wahl zu den wieder beschlossenen Einschränkungen. Das schmerzt in einem Amt, in dem es eigentlich darum geht, Räume und Möglichkeiten zu erweitern. 

»Die HafenCity ist einfach ein spannender Ort, weil es so selten ist, einen Stadtteil komplett neu zu denken.«

Kultursenator Dr. Carsten Brosda beim Gespräch mit der HafenCity Zeitung in seinem Büro der Behörde für Kultur und Medien im Hanseviertel. © Thomas Hampel
Kultursenator Dr. Carsten Brosda beim Gespräch mit der HafenCity Zeitung in seinem Büro der Behörde für Kultur und Medien im Hanseviertel. © Thomas Hampel

Sie haben als Behörde rund 90 Millionen Euro Fördergelder für Museen, Theater, Kulturveranstalter und soloselbstständige Künstler organisiert. Trotzdem fühlen sich Soloselbstständige und kleinste Kulturbetriebe in der Pandemie allein gelassen. Kann den Schwachen unter den Geschwächten stärker geholfen werden? Es muss ihnen weiter geholfen werden. Mit der November-Hilfe von 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats oder des Jahresdurchschnitts hat der Bund im aktuellen Shutdown eine gute Perspektive geschaffen. Und wir haben in Hamburg dieser Gruppe schon zweimal mit Mitteln aus dem Landeshaushalt geholfen. Mit der Corona-Soforthilfe für Soloselbstständige im Frühjahr und seit Sommer mit der Neustartprämie, die bis Ende des Jahres alle beantragen können, die in der Künstlersozialkasse sind oder Anspruch darauf haben. Das waren wichtige Instrumente. Sollten die Einschränkungen über den November hinausgehen, müssen auch die Hilfen des Bundes verlängert werden. Als Kulturbehörde in Hamburg sind wir da nahe dran. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten Herausragendes. Das ist der Vorteil eines Stadtstaats: Wir können unsere Hilfen sehr eng mit den Betroffenen entwickeln; wir haben mit RockCity Hamburg e.V. einen Gagenfonds und mit den Hamburger Clubs und der Musikwirtschaft eine Förderung für Outdoorkonzerte aufgelegt oder haben unsere verschiedenen Kulturfonds aufgestockt, um Produktionen wieder möglich zu machen und Künstler dadurch wieder in Arbeit zu bringen. Da ist eine Menge gelungen. Wir arbeiten weiter an immer neuen Lösungen.

Durch den Rost der Hilfsmaßnahmen fallen die Schauspieler. Da haben wir in Teilen ein ganz anderes Problem, das wir als Land nicht alleine lösen können. Schauspielerinnen und Schauspieler sind, wenn sie arbeiten, in der Regel sozialversicherungspflichtig beschäftigt, manchmal aber nur für ein paar Tage und dann wieder nicht, so dass sie oft keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld erwerben können und dann in die sogenannte Grundsicherung fallen. Das heißt, wenn wir wie jetzt für Soloselbstständige darüber hinaus was tun, erwischen wir teilweise die Schauspieler nicht, die eben keine Selbstständigen sind, sondern als „unständig Beschäftigte“ wie es im Sozialrechtsdeutsch heißt zurzeit nicht gefördert werden können. Das können wir aus Hamburg heraus nicht regeln, da muss der Bund im Sozial-recht neue Möglichkeiten schaffen. Darauf drängen wir sehr. Generell gilt: Nur wenn Land und Bund gemeinsam neben- und miteinander fördern, können wir die unfassbaren Katastrophen für Einzelne dämpfen, die nicht spielen, nicht produzieren, nicht arbeiten können. 

Kommen wir im Frühjahr 2021 mit einem Covid-19-Impfstoff zurück zum Händeschütteln wie auch zur klassischen Gewinnmaximierung? Oder haben wir uns unumkehrbar verändert und wenn ja, wohin? Es ist zu früh, um das zu prognostizieren. Es gibt in unserer Gesellschaft die Neigung, tief auszuatmen und zu glauben, puh, das haben wir geschafft. Um dann wieder in den Alltagstrott von vorher zurückzufallen. In manchen Bereichen ist die Rückkehr zur Normalität ja auch wünschenswert. Das darf uns aber nicht passieren mit Blick auf die Fragen, die uns Corona zu Solidarität und Zusammenarbeit, zur Rolle des Staates oder wie wir Wirtschaft organisieren, stellt. Wir haben die Chance, die Verunsicherung durch das Virus, zu einem Ausgangspunkt von Veränderungen zu machen, die wir brauchen. Das Virus hat uns zwar verändert, aber die Erfahrung damit hat uns gezeigt, wo wir uns verändern müssen. Wir müssen in der Gesellschaft auf die nächste Krise gestärkter reagieren können. Für unseren Bereich heißt das zum Beispiel: Wie bekommen Kulturinstitutionen, Künstlerinnen und Künstler grundsätzlich eine stabilere Absicherung – gerade, obwohl wir in den kommenden Jahren eher weniger Geld zur Verfügung haben werden. Dafür müssen wir uns wappnen. Wir haben doch erlebt, wie dramatisch der gesellschaftliche Verlust an Sinn und Aufklärung ist, wenn uns kulturelle Orte nicht zur Verfügung stehen. Aus dieser Erkenntnis müssen wir im Kulturbereich Kraft und Nachdruck gewinnen, dass wir diese Orte dauerhaft erhalten.   

Sind wir coronabedingt auf dem Weg in den Staatsozialismus mit gefördertem Antlitz? Auf keinen Fall, da habe ich ja nicht einmal als 20-Jähriger dran geglaubt (lacht). Im Ernst: Wir erleben etwas anderes. Die Ausrede, da kann man nichts machen, der Markt ist so stark, die stimmt nicht. Was wir gesellschaftlich wollen, können wir. Erkennen wir endlich, dass Märkte vernünftige Vereinbarungen sind, die effizient den Warenaustausch organisieren. Aber die Regeln, nach denen wir die Vereinbarungen treffen, bestimmen wir selbst! Der Markt, heißt es so schön bei dem Wirtschaftsphilosophen Karl Polanyi, brauche „eine gesellschaftliche, politische und kulturelle Rahmung“. Erst die mache den Markt möglich. Wir haben zu lange an den alten Adam Smith aus dem 18. Jahrhundert geglaubt, dass der Markt einfach wie ein Naturzustand da sei und sich selbst reguliere. Nein. Der Markt ist eine gesellschaftliche Vereinbarung. Darum geht es. Nicht darum, den Markt durch den Staat zu ersetzen. Der Staat hat sich nicht an jeder Stelle als der bessere Akteur in der Organisation wirtschaftlicher Beziehungen erwiesen. 

Motivator und Fördergeld-Einsammler Senator Carsten Brosda: „Wir müssen eine ganze Menge erklären und mit dafür sorgen, dass die Perspektive und das Durchhalte­vermögen für die dableiben, die durch den Lockdown hart getroffen sind.“ 

© Marcelo Hernandez
Motivator und Fördergeld-Einsammler Senator Carsten Brosda: „Wir müssen eine ganze Menge erklären und mit dafür sorgen, dass die Perspektive und das Durchhalte­vermögen für die dableiben, die durch den Lockdown hart getroffen sind.“ © Marcelo Hernandez

Erzeugen die Milliardenhilfen für Lufthansa & Co. und die einstelligen Millionensummen für Soloselbstständige und Kleinstbetriebe nicht Ungerechtigkeiten? Ich verstehe das. Wenn man die beiden Summen nebeneinander hält, scheint das ungerecht. Einen Unterschied gibt es: Die Summen für die Lufthansa sind Unternehmensbeteiligungen, die später über Dividenden oder den Verkauf der Anteile auch wieder zurückfließen können. Die Lufthansa-Beteiligung soll ja kein Dauerzustand sein. Das machen wir in Hamburg mit unserem Wirtschaftsstabilisierungsfonds ähnlich, indem wir stille Teilhaber werden, um Unternehmen in der Krise vorübergehend Geschäftstätigkeit und Liquidität zu sichern. Und bei den Soloselbstständigen reden wir über eine andere Logik, weil das Zuschüsse sind. Auch das ist nötig. Als Staat sichern wir damit eine Infrastruktur, die wir dringend brauchen, weil sie Sinn produziert und ein lebenswichtiger Teil unserer Gesellschaft ist. Aber Fakt bleibt: Das Geld ist weg. Außerdem würde sich der Soloselbstständige verständlich dagegen wehren, dass der Staat sich an ihm beteiligt (lacht). Insofern ist der Vergleich mit der Lufthansa leicht schief.

Sind Sie für eine Kulturabgabe von Milliardären und Millionären? Herbert Grönemeyer hat das ja gerade vorgeschlagen. Das ließe sich ja, wenn man es durchdenkt, nicht nur auf die Kultur beschränken. Der soziale Bereich würde u.a. ja auch dazugehören. Wir sind da in der Debatte, wie wir die ganzen Förderungen langfristig finanzieren, ganz am Anfang. Meine Vorgängerin Barbara Kisseler († 2016) hat einmal gesagt: „Wir lösen die Probleme in der Reihenfolge ihres Auftretens.“ Wir haben heute genug aktuelle Hilfs- und Förderthemen und wir können noch nicht ans Übermorgen denken. Ich habe da ehrlicherweise noch keine Meinung zu. 

Könnten sich neben dem Hilfsfonds „Kultur hält zusammen“ der Dorit & Alexander Otto Stiftung Hamburger „Pfeffersäcke“, die Privatwirtschaft, nicht stärker für die Demokratie-DNA Kultur engagieren? Können sie immer, tun sie auch schon in außerordentlichem Maße. In den Fonds „Kunst kennt keinen Shutdown“ der Hamburger Kulturstiftung haben zum Beispiel im Frühjahr 2020 viele Stiftungen und private Mäzene eingezahlt. Wir sind in Hamburg immer noch sehr beschenkt, dass wir viel nichtstaatliches Engagement haben, das dabei hilft, dass die kulturelle Infrastruktur bestehen bleibt. Und viele Förderer und Stiftungen signalisieren uns, dass sie sich nicht zurückziehen, obwohl es für sie im Moment ökonomisch auch gerade schwierig wird. Das Engagement werden wir in den kommenden Jahren unbedingt noch brauchen. 

Machen Ihnen als Senator nicht die Schulden der Stadt Hamburg wie die des Bundes Sorgen? Das wird funktionieren, weil wir anders als früher nicht einfach einen Schuldenberg anhäufen, nur die Zinsen zahlen und uns nicht für die Tilgung interessieren. Da gibt es inzwischen in Hamburg wie im Bund Vorgaben, dass wir recht zügig auch mit der Tilgung beginnen müssen. Ohne die jetzigen Hilfsmaßnahmen würden wir die Wirtschaft zu einem Absturz bringen, mit dem die mittel- und langfristigen Kosten deutlich höher wären. So besteht die Chance auf eine relativ schnelle Erholung und darauf, dass wir durch die Überschüsse die Schulden dann auch zurückführen können.  

Kultur im Tagesgeschäft. Das Oberhafen-Quartier in der HafenCity mit seiner einzigartigen Industriearchitektur und -atmosphäre erlebt gerade große Unruhe. Mietverträge werden über 2021/2022 hinaus nicht verlängert, kulturelle Kleinstbetriebe bekommen wegen zu kurz laufender Mietverträge teilweise keine Kredite oder müssen teure, ökologisch nachhaltige Heizungssysteme anschaffen. Ist der Oberhafen ein Off-Kultur-Quartier auf Abruf? Das sehe ich ausdrücklich nicht so. Der Oberhafen ist für Hamburg ein wichtiges Areal mitten in der Stadt. Er spielt als innerstädtischer Ort so nah an der HafenCity wie auch der sich neu entwickelnden Nachbarschaftsquartiere Hammerbrook und Billebogen eine zentrale Rolle, der genau so eine roughe Ecke ist, die mir in der neugebauten HafenCity an der einen oder anderen Stelle noch fehlt. Deshalb wollen wir alle miteinander, dass der Oberhafen Zukunft hat und sind darüber auch zusammen mit der Finanz- und Wirtschaftsbehörde und auch mit der Nutzergemeinschaft Oberhafen im engen Austausch.  

Die HafenCity Hamburg GmbH verlangt als Vermieter neben den Kulturangeboten aber auch die Erwirtschaftung der eher günstigen Mieten und erfolgreiche Konzepte. Was tun Sie für das Quartier? Über die Kreativgesellschaft sind wir ja einer der Partner für die Entwicklung des Oberhafenquartiers. Für uns ist klar, dass wir an dieser Stelle ein Kreativquartier in der Stadt brauchen und auch über die Entwicklung der großen Gleishallen sind wir im Gespräch. Auch, weil inzwischen Bundesgelder zur Ertüchtigung der Hallen fließen sollen. Wer einmal in der Gleishalle stand, begreift intuitiv, was für ein besonderer Ort das ist. Wenn man sich dann jedoch mit Ingenieuren unterhält, wird klar, dass es nicht trivial ist, das zu erhalten und vor allem etwas stattfinden zu lassen. Der Oberhafen wird lange existieren, auch weil ein solches Kreativquartier nicht nur an der Peripherie der Stadt liegen kann, sondern wir es auch in zentraler Lage brauchen. Wir begleiten und unterstützen die weitere Entwicklung des Oberhafens als ein attraktives, öffentlich zugängliches und belebtes Quartier. Klar ist: Hamburg braucht solche Bruchkanten in der inneren Stadt! 

Was ist Ihr Eindruck von den Kulturaktivitäten in der HafenCity? In den vergangenen Jahren ist die Bereitschaft in der HafenCity deutlich gewachsen, Kultur zum Bestandteil der Entwicklung des Stadtteils zu machen. Man entwickelt zunächst in einem Masterplan Architekturkonzepte und Ansiedlung von Gewerbetreibenden und je mehr Menschen dort hinziehen, steigt die Bereitschaft, sich für die Kultur zu engagieren. Wir haben das Hamburger Kronjuwel Elbphilharmonie und am Lohsepark das Dokumentationszentrum Hannoverscher Bahnhof als öffentlichen geschichtskulturellen Ort und man plant verstärkt die Erdgeschossnutzungen in Neubauten durch Kulturbespielung zu öffnen und zu attraktivieren, damit eine lebendige Urbanität an solchen Orten entstehen kann. Das stärkt eine alltagskulturelle Plausibilität für die HafenCity. Es ist einfach ein spannender Ort, weil es so selten ist, einen Stadtteil komplett neu zu denken und nicht die Limitierungen der gebauten Substanz zu haben. Die HafenCity Hamburg GmbH ist da ein Partner, mit dem man Dinge realisieren kann. 

Was erwarten Sie vom Ballettmuseum von John Neumeier auf dem Strandkai? Ich bin guter Dinge, dass wir einen Ort in der HafenCity schaffen, an dem wir seine herausragende private Sammlung der Ballettgeschichte wie auch seines eigenen Oeuvres der Öffentlichkeit zugänglich machen können. Das wird eine attraktive und interessante Nutzung sein. Wir sind da noch in Gesprächen mit John Neumeier, nicht über das ob, sondern über das wie. Das muss sorgsam geplant werden. Und dann werden wir der Öffentlichkeit Näheres zum Konzept bekanntgeben. 

Wird es mit der Erdgeschossausstellungsfläche im neuen Gruner + Jahr-Gebäude am Lohsepark oder dem Ballettmuseum plus Elbphilharmonie und Dokumentationszentrum nicht ein wenig zu klassisch mit der Kultur? Braucht die HafenCity mehr ruppige Projekte wie das Kulturschiff MS Stubnitz? Erstens haben wir die MS Stubnitz, zweitens das Oberhafenquartier und drittens mal abwarten, wie ruppig das an den verschiedenen Orten wird, wenn diese bespielt werden. Ich bin guter Dinge, dass in der HafenCity ein guter Mix entstehen wird, der die ganze Bandbreite von Kultur abdecken kann.  

Das Schauspielhaus streamt erfolgreich am Sonntagnachmittag Theateraufführungen vor leeren Rängen, als Nachmittagsmatinee sozusagen. Verändert Corona wirklich jeden Lebensbereich? Da bin ich mir nicht so sicher. Als wir ab 1. Juli wieder in die Theatersäle konnten, haben wir festgestellt, wie toll es ist, so etwas wieder in echt zu erleben. Wenn ich eine gestreamte Aufführung gucke, ist das auch spannend. Mir fehlt da aber was und es wird mir immer wieder bewusst, dass ich das direkte Theatererlebnis brauche und die Vorfreude auf das Echte wieder wächst. Was am Streamen gut ist, ist, dass man sich stärker mit dem digitalen Raum auseinandersetzt und dadurch ein Publikum erreicht, das man sonst nicht erreicht. Und man setzt sich intensiver damit auseinander, wie künstlerische Strategien im digitalen Zeitalter aussehen können. Am Ende geht es künstlerisch nicht darum, eine Inszenierung abzufilmen, sondern im Digitalen einen neuen Raum für neue künstlerische Optionen zu öffnen. Da gerät in den Kultureinrichtungen gerade viel in Bewegung.  

Der Kultursenator bleibt eher analog, wird kein Avatar? Ein Avatar würde mir helfen, die Terminverpflichtungen besser zu bewältigen und mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Im Moment bin ich schon oft digital, indem ich Grußworte oder Panelteilnahmen mit Videositzungen vor dem Rechner sitzend absolviere. So muss ich nicht für eine halbstündige Rede wie etwa zuletzt in Heidelberg zweimal quer durch die Republik unterwegs sein. Ich bin mal gespannt, was davon im geschäftlichen Bereich die Pandemie überleben wird.  

Was machen Sie mit Ihrer persönlich gewonnenen Zeit? Persönlich habe ich nicht so viel gewonnen. Ich nehme zwangsläufig weniger an Kulturveranstaltungen teil, dafür habe ich mehr Gespräche darüber, wie man die Hilfsstrukturen so aufbaut, dass möglichst alle erreicht werden. Und wir müssen eine ganze Menge erklären und mit dafür sorgen, dass die Perspektive und das Durchhaltevermögen für die dableiben, die durch den Lockdown hart getroffen sind.  

In Ihrer Freizeit legen Sie als DJ Country-Musik auf. Was machen Sie im Lockdown mit dieser Leidenschaft? Ich lebe sie an meiner Familie aus. 

Muss man die bedauern? Nö.

Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

Motivator und Fördergeld-Einsammler  Senator Carsten Brosda: „Wir müssen eine ganze Menge erklären und mit dafür sorgen, dass die Perspektive und das Durchhalte­vermögen für die dableiben, die durch  den Lockdown hart getroffen sind.“ 
© Tomas Hampel
Bürger und Kultursenator Carsten Brosda: „Mein Laster ist, nicht ins Bett zu gehen, weil ich mich zu lange an Musik und Literatur oder einem guten Film festbeiße.“  © Tomas Hampel

Satzanfänge, vervollständigt von Kultursenator Dr. Carsten Brosda

1. Wenn im kommenden Frühjahr der Impfstoff gegen das Covid-19-Virus erfolgreich ist, werde ich … erst einmal wieder in einen Club gehen. Zum Beispiel in den Mojo Club oder Nochtspeicher, das hängt dann vom Programm ab – am liebsten Country.

2.Ich schalte vom Berufsalltag am besten ab, indem ich … momentan am späten Abend noch eine Folge „The West Wing – im Zentrum der Macht“ schaue.

3. In der HafenCity wohne ich nicht, weil … Zufälle ergeben haben, dass wir in der Nähe des Klostersterns wohnen.

4. Dass der demokratisch abgewählte US-Präsident Donald Trump das Ergebnis nicht anerkennt und die Übergabe der Amtsgeschäfte verweigert, … ist gleichermaßen erwartbar wie unglaublich. Das ist eine gefährliche Missachtung gegenüber demokratischen Institutionen. Und ich hoffe sehr, dass Trump von selbst das Weiße Haus räumt und er nicht als unbefugter Eindringling aus dem Weißen Haus entfernt werden muss.

5. Vor dem Einschlafen brauche ich … fünf Minuten bis zu einer halben Stunde Zeit zum Lesen. 

6. Als Behördenchef sollte man nie … aus der Fassung geraten.

7. Meine jüngsten Kinobesuche waren … der Rainer-Werner-Fassbinder-Film „Enfant Terrible“ von Oskar Roehler zur Eröffnung des Filmfests
Hamburg 2020 im September und der Abschlussfilm des Festivals „Nomadland“ mit Frances McDormand, die Haus und Hof aufgeben muss und als Nomadin durch die USA zieht.

8. Der zuletzt gehörte Podcast ging um das Thema … Kultur und Religion. Das war mein eigener Podcast „Mit Wenn und Aber“ mit Bischöfin Kirsten Fehrs.

9. Der perfekte Kulturort in der HafenCity … ist ehrlicherweise an der Kaikante stehen und aufs Wasser gucken.

10. Zurzeit lese ich das Buch …  „White Working Class“ von Joan C. Williams, über „Class Cluelessness“, um ein bisschen besser zu verstehen, warum immer noch so viele Donald Trump gewählt haben.

11. Spaß erlebe ich bei … gemeinsamen Aktivitäten mit anderen Menschen. 

12. Als Kulturfan fehlen mir in der HafenCity … ein bisschen die „roughen“, ruppigen Ecken.

13. Ich nutze das Fahrrad, …   wenn das Wetter mitspielt.

14. Mein Laster ist, … nicht ins Bett zu gehen, weil ich mich zu lange an Musik und Literatur oder einem guten Film festbeiße. 

15. Nicht verzichten möchte ich auf …   Kultur in jeder Darreichungsform. 

16. Meine liebste Freizeitbeschäftigung ist, … mit meiner Familie Zeit zu verbringen.

17. Ein Vorbild ist für mich ist … Hans Peter Rose, der ehemalige Kulturdezernent meiner Heimatstadt Gelsenkirchen. Er war 25 Jahre   lang von 1975 bis 2000 in Gelsenkirchen als Dezernent für Kultur zuständig und hat wie ein Löwe für die Kultur gekämpft, auch als es der Stadt nicht gut ging. Er hat u.a. dafür gesorgt, dass damals das Theater geöffnet und Kultur ein Teil des Lebens in der Stadt geblieben ist.

18. Meine wichtigsten Informationsquellen sind … die vielen Tageszeitungen, die ich morgens auf meinem iPad lese.

19. Ich bin analog, weil … es gerade in der Kultur immer noch etwas anderes ist, ob man gemeinsam mit Menschen erlebt, wie Menschen Kunst machen oder nur über einen digitalen Prozess erlebt. Das Kunstwerk hat eine eigene Aura. 

20. Die schönste Kulturüberraschung 2020 war, … die Wiederveröffentlichung von Tom Pettys Album  „Wildflowers“. Aber eigentlich gab es dieses Jahr vor allem viele unschöne Kulturüberraschungen, die dazu geführt haben, dass wir das Erleben von Kultur leider verpassen mussten. 2020 ist ein Jahr der unerfüllten Erwartungen.

21. Das wichtigste Ereignis, auf das ich mich in 2021 freue, ist … wenn der Impfstoff da ist und wir nicht nur in der Kultur wieder halbwegs normal miteinander umgehen können. 

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