Bergmassive treffen Clubkultur und Minigolf

Jimmys Parkett. Der HCZ-Reporter Jimmy Blum studierte diesmal die schwarz-weißen Bergmassive »Ascension« im Levantehaus, hottete im neuen »glimmer«-Club im Oberhafen und testete »StoryGolf« am Fuße der Elbphilharmonie

Gipfelglück – wenn Berge Geschichten erzählen: Für einen Ausflug zu beeindruckenden Tausenderhügeln müssen wir derzeit weder Wanderschuhe schnüren noch in den Flieger steigen. Neben den Schnee-Alpen im Schmidt Theater (Bericht Seite 24) genügt aktuell ein Besuch im klassischen Levantehaus an der Mönckebergstraße. Dort zeigt der Fotograf und Bergsteiger Sascha Hoselmann noch bis zum 12. November seine Ausstellung »Ascension« (»Aufstieg«) mit 28 beeindruckenden Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Schweizer Alpen und dem Himalaja. Statt romantisch-kitschigen Gipfelpanoramen gibt es schroffe Felsen, gewaltige Eisflächen und faszinierende Lichtspiele. Manchmal muss man zweimal hinschauen, um zu entschlüsseln, was Licht, Grafik und Natur den Betrachtern erzählen. Gelungene Kunst behält immer auch ein Rätsel.
Foto oben: Schwarz-weißes Gipfelglück im Levantehaus mit der Ausstellung »Ascension« des Bergsteigers und Fotografen Sascha Hoselmann: „Bevor ich Kunst gemacht habe, stand das Bergsteigen bei mir im Fokus – die Exposition in extremer Natur, das reine und pure Erlebnis und die Frage: Was macht es mit mir?“ © Martina van Kann

Bei der Ausstellungseröffnung habe ich mit dem Künstler gesprochen. Seine Leidenschaft begann nicht mit der Kamera, sondern mit dem Bergsteigen. „Bevor ich Kunst gemacht habe, stand das Bergsteigen bei mir im Fokus – die Exposition in extremer Natur, das reine und pure Erlebnis und die Frage: Was macht es mit mir?“, erzählt Hoselmann. Genau diese Erfahrungen will er mit seinen Bildern festhalten und anderen Menschen zugänglich machen. Dafür steigt er in Höhen zwischen 2.500 und 6.500 Metern. Dort oben ist die Luft dünn und der Blick auf die Welt ein anderer. Übrigens lebt der Künstler ganz bodenständig in Schleswig-Holstein. Das Meer liebt er genauso wie die Berge.

Doch warum holt man sich ausgerechnet im flachen Hamburg das Hochgebirge ins Einkaufszentrum? Dietmar Hamm, Geschäftsführer der Kontorhaus­verwaltung Bach, Inhaberin verschiedener Kontorhäuser in der Innenstadt, u. a. auch desLevantehauses, hat darauf eine philosophische Antwort. „Das ganze Leben ist eigentlich wie ein Berg“, erklärt er mir. Mal gehe es steil bergauf, mal bergab, manchmal werde es glatt und glitschig. Und wer oben ankomme, „genießt das Glücksgefühl auf dem Gipfel“. Hamm sieht in den Fotografien auch „eine Einladung, über das eigene Leben nachzudenken“ und sich womöglich selbst darin wiederzufinden.

Mir gefällt dieser Gedanke. Schließlich erklimmen wir alle täglich unsere kleinen und großen Berge. Manche kämpfen sich durch den Alltag, andere streben nach dem nächsten Gipfel. Und manchmal hilft es, einfach stehen zu bleiben und die Perspektive zu wechseln. Genau das gelingt dem bergsteigenden Fotografen Hoselmann mit seinen Bildern. Zwischen Geschäften und Einkaufstüten eröffnet sich plötzlich eine Welt, in der wir Menschen ganz klein erscheinen. Ein schöner Kontrast zum täglichen Großstadttrubel.

Und das Beste daran? Für diesen Gipfelsturm braucht niemand Sauerstoffflaschen, Steigeisen oder eine teure Outdoorjacke. Nur ein wenig Zeit und Lust auf einen Perspektivwechsel.
»Ascension«-Ausstellung mit Fotografien des Bergsteigers Sascha Hosemann im Levantehaus, Mönckebergstraße 7,  20095 Hamburg; levantehaus.de und saschahoselmann.com

Clubkultur im Oberhafen mit glimmer. Ein Treffpunkt für alle, die es nicht
bürgerlich gepflegt, sondern authentischer und unangepasster mögen. Halt deutlich jünger.
Das kann die HafenCity gut gebrauchen. © Jimmy Blum

Unsere HafenCity glimmert jetzt. Wer in Hamburgs jüngstem Stadtteil wohnt und nachts noch feiern wollte, hatte es nicht immer so leicht. Die Buslinie 111, einst die bequeme Verbindung zur Reeperbahn rund um die Uhr, macht inzwischen kurz vor Mitternacht Feierabend, fährt nur noch halb so oft, oder man wird auch schon mal wegen Touri-Überfüllung nicht mitgenommen. Ausgerechnet dann, wenn das Nachtleben erst richtig beginnt! Wer länger tanzen und Clubkultur genießen wollte, musste sich für den Heimweg etwas anderes überlegen. 

Doch jetzt gibt es ein neues Licht im HafenCity-Clubbusiness für alle Nachtschwärmer: glimmer. Anfang Oktober eröffneten im ­Oberhafenquartier im ehemaligen Lokschuppen die Macher des glimmer, Anton Burmester, Johann Kipping und Luke Mehrhoff, ihren ersten festen Clubstandort. Die drei sind in Hamburg als Kollektiv hinter der mobilen Party- und Eventreihe ­»Synthetic Love« aktiv, die bislang keinen festen physischen Club-Standort hatte und an wechselnden Locations stattfand. Und nun ist glimmer nur einen lässigen Spaziergang von der HafenCity entfernt. Statt nachts auf den Bus zu warten, geht es jetzt zu Fuß auf die Tanzfläche oder zum Kaltgetränk – und nach der Party hoffentlich noch auf eigenen Beinen nach Hause. Und was hat die HafenCity, äh, ganz Hamburg und Umland davon? Dass sich das Oberhafenquartier weiter als wilder kultureller Ort entwickelt, der immer stärker zu einer lebendigen Gegenwelt und Off-Kultur wird. Ein Treffpunkt für alle, die es nicht bürgerlich gepflegt, sondern authentischer und unangepasster mögen. Halt deutlich jünger. Das kann die HafenCity gut gebrauchen. Sozusagen Clubkultur à la „MS Stubnitz“ an Land. 
»glimmer«, Stockmeyerstraße 43, 20457 Hamburg, clubglimmer.de

StoryGolf-Gründer Iryna und Martin Thater: „Geschichte bespielen“. © Storygolf

Minigolf kennt jeder. Doch hast du schon einmal einen Ball durch mehr als 1.000 Jahre Hamburger Stadtgeschichte gespielt? Genau das soll ab Dezember in der HafenCity möglich sein. Am Kaiserkai 60, direkt gegenüber der Elbphilharmonie, entsteht mit ­StoryGolf ein Museum, in dem du nicht nur schauen, sondern selbst spielen kannst.

Auf rund 300 Quadratmetern erwarten dich zwölf fantasievoll gestaltete Minigolfbahnen. Von der Hammaburg über Störtebeker und den Großen Brand bis zur Sturmflut von 1962. Auch die Reeperbahn und das Hamburger Kicker-Stadtderby kommen ins Spiel. Das Ambiente erinnert an eine begehbare Filmkulisse. Dreidimensionale Innenausstattungen, historische Originalstücke, Licht, Sound und digitale Effekte machen Geschichte zum Erlebnis. Sogar die erzielten Minigolf-Punkte werden automatisch gezählt.

Hinter der Idee stehen Iryna und Martin Thater. Das Unternehmerpaar hat drei Kinder und eine besondere Verbindung zur HafenCity. Hier lebten sie bereits mit ihrem ersten Kind und wohnen auch heute im Stadtteil. Die Räume am Kaiserkai standen lange leer. Der Vermieter hatte zuvor zahlreiche andere Konzepte abgelehnt. Umso glücklicher sind die beiden, dass sie hier nun ihre Tore öffnen dürfen. „Ein Museum, in dem man Geschichte nicht nur betrachtet, sondern tatsächlich bespielt“, erklärt Martin Thater. Ich finde, das ist eine spannende Bereicherung für die HafenCity. Ein Museum, in dem du Geschichte nicht nur begreifen, sondern auch einlochen kannst. Und vielleicht gelingt ja euch bei Sturmflut sogar ein Hole-in-one.
»StoryGolf«, Am Kaiserkai 60, 20457 Hamburg, storygolf.de

Burlesque-Künstlerin Setty Mois bei der Gala »Secret Tease« in der Halle 424. © Sway Books

Wer glaubt, dass im Oberhafenquartier nur Künstler arbeiten und Kreative Kaffee trinken, hat etwas verpasst. Am 15. Oktober wurde es in der Halle 424 ziemlich heiß. Bei der sechsten Ausgabe von »Secret Tease« (etwa: »Geheime Verführung«) flogen die Federn, glitzerten die Pailletten und fielen die Hüllen. Ich war dabei und kann sagen, Burlesque ist weit mehr als kunstvolles Ausziehen. Hier treffen Erotik, Humor und jede Menge Selbstbewusstsein auf­einander. Und das mit ordentlich Stil!

Nach fünf kleineren Ausgaben feierte die Show erstmals als große Gala-Premiere im Konzertloft Halle 424 im Oberhafen. Künstlerinnen aus mehreren Ländern zeigten, wie verführerisch Unterhaltung sein kann. Dazu gab es Livemusik, unter anderem eine Hommage an Frank Sinatra von Perfectly Frank. Durch den Abend führten Burlesque-Künstlerin Setty Mois und ­Carlos Kella.

Kella ist im Oberhafen längst kein Unbekannter mehr. Der Fotograf und Verleger hat hier seit Jahren sein kreatives Zuhause. Mit seinem Verlag Sway Books veröffentlicht er außergewöhnliche Bildbände und Kalender rund um Pin-up-Kunst, Burlesque und amerikanische Oldtimer. Sein Kalender „Girls & Legendary US-Cars“ ist längst Kult. Schöne Kurven gibt es bei Kella eben mit und ohne Motor.

Wer also neben dem zuvor vorgestellten glimmer-Club prickelndes Nachtleben in der HafenCity sucht, muss auch für Bulesque & Co. nicht mehr auf die Reeperbahn. Das fußläufig entfernte Oberhafenquartier zeigt, dass Erotik, Unterhaltung und Nachtleben auch stilvoll, charmant und mit einem Augenzwinkern funktionieren. 

In »Secret Tease« geht es nicht um möglichst viel nackte Haut, sondern um die Kunst, sie gekonnt in Szene zu setzen. Mein Fazit nach diesem Abend? Mehr davon! Schließlich darf es in unserer Nachbarschaft ruhig öfter etwas verrucht zugehen. Und ein bisschen mehr Glamour steht der HafenCity ausgesprochen gut.
»Secret Tease« in Halle 424, Stockmeyerstraße 43, 20457 Hamburg, sway-books.de

Alles Gute, euer Jimmy

Jimmy Blum ist Unternehmer und lebt in der HafenCity und in Nocera, Umbrien. 

Nachrichten von der Hamburger Stadtküste

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