»Die Impfung ist ein Wendepunkt«

Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher über Lehren aus dem Lockdown und die digitale ZukunftPlus Editorial des HCZ-Herausgebers Wolfgang Timpe: Corona sapiens!

Sicher war auch für Sie als Erster Bürgermeister im Jahr 2020 Corona die bislang größte Herausforderung im Amt. Was ist dadurch unter den Tisch gefallen, was Ihnen wichtig gewesen wäre? Urlaub und Reisen zum Beispiel, wie bei vielen anderen wohl auch. Was die Arbeit im Senat angeht, achte ich darauf, dass nichts unter den Tisch fällt. Die Pandemie-Bekämpfung hat Priorität. Gleichwohl haben wir in diesem Jahr die Ziele unseres Regierungsprogramms nicht aus dem Auge verloren und an den entscheidenden Themen weitergearbeitet: Wohnungsbau, Klimaschutz, Mobilität, Energiewende, Modernisierung der Industrie.
Foto oben: Hoffnung 2021: Erste Corona-Impfung in Hamburg. Am Sonntag nach Weihnachten wurden die ersten über 80-Jährigen gegen Corona geimpft. In Anwesenheit von Bürgermeister Peter Tschentscher und Sozialsenatorin Melanie Leonhard (r.) startete Dirk Heinrich (M.r.), ärztlicher Leiter des Impfzentrums Hamburg an den Messehallen, den Impfmarathon gegen die Pandemie. © picture alliance/dpa | Christian Charisius

Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher: „Die Pandemie-bekämpfung hat Priorität. Gleichwogl haben wir in diesem Jahr die Ziele unseres Regierungsprogramms nicht aus dem Auge verloren und an den entscheidenden Themen weitergearbeitet: Wohnungsbau, Klimaschutz, Mobilität, Energiewende, Modernisierung der Industrie.“ © Ronald Sawatzki / Senatskanzlei
Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher: „Die Pandemie-bekämpfung hat Priorität. Gleichwogl haben wir in diesem Jahr die Ziele unseres Regierungsprogramms nicht aus dem Auge verloren und an den entscheidenden Themen weitergearbeitet: Wohnungsbau, Klimaschutz, Mobilität, Energiewende, Modernisierung der Industrie.“ © Ronald Sawatzki / Senatskanzlei

Welche Erfahrungen haben Sie im ausgehenden Jahr reicher gemacht, was hat Sie nachhaltig überrascht? Ich bin sehr beeindruckt von der großen Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger in Hamburg, daran mitzuwirken, dass unsere Stadt der Pandemie standhält. Die große Mehrheit akzeptiert die Corona-Regeln und verhält sich in dieser ernsten Lage verantwortungsvoll. Als zweitgrößte Stadt Deutschlands sind wir bisher besser durch die Pandemie gekommen als andere vergleichbar große Städte und sogar besser als viele Flächenländer in Deutschland. 

Hat Sie persönlich das Corona-Jahr verändert? Vieles erscheint mir nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Die Corona-Pandemie führt uns vor Augen, wie attraktiv das Leben in Hamburg normalerweise ist. Die zahlreichen kulturellen Angebote, das vielfältige öffentliche Leben, die Gastronomie, der Sport – auf vieles müssen wir zurzeit verzichten. Aber ich bin sicher, Hamburg wird nach der Corona-Pandemie wieder so aussehen, wie wir es kennen: Lebendig, wirtschaftlich stark, mit einer vielfältigen Kulturlandschaft, Clubs, Restaurants, jeden Tag Veranstaltungen mit vielen persönlichen Begegnungen. Wir werden dies alles vielleicht sogar bewusster wahrnehmen und schätzen, weil wir es lange vermisst haben. 

Die Impfung ist ein Wendepunkt im Kampf gegen das Coronavirus. Jede Impfung schützt vor einer ernsten Erkrankung und unser Gesundheitswesen vor der Überlastung.« Dr. Peter Tschentscher, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg

Die Impfungen gegen das Coronavirus haben noch in 2020 begonnen. Können die Menschen demnächst wieder unbeschwert reisen, Urlaub machen? Mit Sicherheit kann dies niemand vorhersagen. Ich hoffe aber, dass Reisen im kommenden Sommer wieder möglich ist, zumindest innerhalb Deutschlands. Die Impfung ist ein Wendepunkt im Kampf gegen das Coronavirus. Denn jede Impfung ist ein Schritt zur Überwindung der Pandemie. Jede Impfung schützt vor einer ernsten Erkrankung und unser Gesundheitswesen vor der Überlastung.

Sie sind Fan des Digital Art Museums, das Sie auf einer Dienstreise in Tokio kennengelernt haben, und das in der HafenCity im Baakenhafenquartier auf 5.000 m2 entstehen soll. Was gefällt Ihnen am Konzept, für das Sie sich für Hamburg eingesetzt haben? Im Zuge der Digitalisierung entsteht auch digitale Kunst, die auf unterschiedliche Weise erlebt und interaktiv entwickelt werden kann. Das „Digital Art Museum“ in Tokio, das ich 2019 auf einer Delegationsreise nach Asien besucht habe, ist ein Publikumsmagnet. In diesem Jahr eröffnet ein weiteres Haus in New York. Hamburg ist ein guter europäischer Standort für dieses Projekt, denn wir verfolgen eine umfassende Digitalisierungsstrategie, in die wir alle einbeziehen wollen. Mit einem „Digital Art Museum“, ebenso wie mit dem Digital Campus „Hammerbrooklyn“ und dem zukünftigen „Haus der digitalen Welt“ wollen wir den Bürgerinnen und Bürgern die Vielfalt der Digitalisierung zeigen und sie ermutigen, sich in die Gestaltung der digitalen Entwicklung unserer Stadt einzubringen. 
Die Fragen stellte Wolfgang Timpe

INFO Alle aktuellen Hamburg-Nachrchten zum Coronavirus unter: http://www.hamburg.de/coronavirus

Editorial des HCZ-Herausgebers Wolfgang Timpe: Corona sapiens!

© Erol Gurian
© Erol Gurian

Andererseits: Ich bin überrascht, wie im engsten persönlichen und beruflichen Umfeld viele Freund*innen und Kolleg*innen Lust am Aufbruch haben, gerade auch in extrem lockdowngebeutelten Branchen mit Solo-Selbstständigen und Kleinunternehmen. Da entwickelt der Gastronom Antonio Fabrizi „für den Februar“ die neue eigene Marke „Club 20457 Dry Gin“ zur neuen Profilierung seines Clubs bei Wiedereröffnung; oder Coach und Geschäftsführer Nils Kuprat von Prime Time Fitness eröffnet – ermutigt durch die treuen persönlichen Kundenkontakte im Shutdown – im Frühjahr seine neue Prime-Time-Fitness-Welt in Winterhude. Und der HafenCity-Internist Christoph Richter (siehe Gespräch ab S. 4) lässt uns durch Corona unser Immunsystem neu entdecken. Diese Freude am Neuen hat mein Leben reicher gemacht und lässt mich ermutigt ins Jahr 2021 gehen. 

Uff, es ist geschafft. Bleierne Erleichterung macht sich am Ende des Jahres 2020 breit, dem Coronavirus – irgendwie – getrotzt zu haben. Entspannung? Fehlanzeige! Einerseits: Wie viele Lockdowns kommen noch, welche Folgen müssen Menschen, Solo-Selbstständige und (Klein-)Unternehmer wirtschaftlich noch verkraften, welche Heilkräfte entfalten die neuen Corona-Impfstoffe? Keiner weiß es – so ganz genau. Hoffen, lautet der selbsterhaltende Überlebenswille. Corona sapiens. 

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es so lapidar. Dabei hat sie historisch die Menschen unvorstellbare Schicksale überleben lassen. Wenn Holocaust-Leugner oder Corona-Querdenker auf Großdemos zynische Parolen skandieren, arbeitet das Bessere und eine gelebte Demokratie gegen sie. Ja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Homo sapiens.
Wolfgang Timpe, lebt seit 2005 in der HafenCity. Kontakt: timpe@hafencityzeitung.com

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