»Es gibt wahnsinnig viel zu entdecken!«

Ausstellung. Die Hamburger Kunsthalle zeigt jetzt mit »SKULPTURAL. Die neuen Galerien« noch bis April 2027 erstmals ihre Skulpturen- und Münzsammlung – eine Entdeckungsreise

„Es ist eine wunderbare Ausstellung. Man erlebt die Räume noch einmal vollkommen neu, und ich finde es großartig, wie Münzen, Skulpturen und Gemälde zusammengezogen werden, um gemeinsam zu Themenbereichen neue Geschichten zu erzählen. Es gibt wahnsinnig viel zu entdecken“, zieht Kultursenator Dr. Carsten Brosda nach einem Presserundgang zur Ausstellung „Skulptural. Die neuen Galerien“ in den komplett neu konzipierten Räumen sein Resümee. Wieder einmal hat die ­Hamburger Kunsthalle es geschafft, künstlerisch, kuratorisch und emotional zu überraschen, denn das Thema hat auf den ersten Blick wenig Sex-Appeal: Münzen. Wer ist schon Numismatiker?! Doch wer sich auf die Skulptural-Schau einlässt, kann eine faszinierende Reise aus dem vorchristlichen Rom und Athen bis in die Gegenwart erleben.
Foto oben: Münz-Skulpturen-Schatzheber für die Hamburger Kunsthalle und die neue Ausstellung „Skulptural. Die neuen Galerien“ (v. l.): Kultursenator Dr. Carsten Brosda, Sammlungsleiterin und Kuratorin Dr. Annabelle Görgen-Lammers, Stifter Dorit und Alexander Otto sowie Kunsthallen-Direktor Prof. Dr. Alexander Klar.© Catrin-Anja Eichinger

Münzvitrine »Athenas Attribute« im Säulensaal des Café Liebermann. Mit der Lupe können kleine Münzreliefs zu
großen plastischen Porträts wachsen. © Catrin-Anja Eichinger

Mit Skulptural. Die neuen Galerien präsentiert die Hamburger Kunsthalle erstmals die gesamte Bandbreite ihrer Skulpturensammlung, ergänzt um ausgewählte Spitzenleihgaben, unter anderem vom Musée d’Orsay in Paris, und im Kontext aller Kunstgattungen. In einer medien- und epochen-übergreifenden Schau werden fast 1.000 große und kleine Skulpturen, Reliefs, Gemälde, Grafiken, Fotos, Raum- und Videoinstallationen aus 2.500 Jahren Bildgeschichte präsentiert. Auf einem abwechslungsreichen „Parcours“ durch die neuen Räume ergebn sich überraschende Gegenüberstellungen und Korrespondenzen – von der Antike bis zur Gegenwart, von der zweiten zur dritten Dimension, von Miniatur bis monumental. Ein Schwerpunkt liegt bei den neu entdeckten Beständen auf Münz-, Medaillen- und Reliefkunst aus Gold, Silber und Bronze. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden diese rund 6.000 Kleinstskulpturen an der Kunsthalle erstmals umfassend gesichtet, bestimmt, restauriert sowie digitalisiert und fortlaufend in ihren Kontexten erforscht. Eine Auswahl von rund 650 dieser Werke ist Teil der Schau.

Münzvitrine »Athenas Attribute« im Säulensaal des Café Liebermann. Mit der Lupe können kleine Münzreliefs zu großen plastischen Porträts wachsen. © Catrin-Anja Eichinger

Immer wieder stellt sich ein Staunen ein, welche Energie, Grazie und auch Wucht die Minitur­medaillen unter den Lupen, die an allen Münzvitrinen liegen, entfalten können – gerade im Zusammenspiel zum Beispiel mit den mächtigen Bronzeplastiken von Auguste Rodin oder der nur 34,5 Zentimeter hohen »Eule« von Pablo Picasso, deren listig dreinschauende Weisheit alle Eulen-Klugheits-Klischees lässig karikiert. Solche Blickintensitäten schaffen auch die kleinen Preziosen, die „scupltures en miniatures“, wie sie der erste Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark genannt hat.

Zum Wohlfühlen im antiken Medaillenkosmos tragen die modern-analogen Glas-Münzvitrinen mit ihren Lupen sowie die digitalen Infoscreens an den Münzvitrinen bei und: ihre Umgebung. Die Gestaltung der neuen Räume wie auch das groß angelegte Münzenforschungsprojekt der Kunsthalle wurden durch die millionenschwere Förderung der Dorit & Alexander Otto Stiftung möglich. „Seit meiner Kindheit begeistere ich mich für die Numismatik“, so Unternehmer und Stifter Alexander Otto. 

Digitale Touchscreens informieren an den Münzvitrinen die Besucher mit Nummern­navigation über Historisch-Künstlerisches und Numismatiker über Fachliches. © Catrin-Anja Eichinger

Umso mehr freue sich Otto, „mit unserer Stiftung dazu beizutragen, mit den Münzen und Medaillen einen lange verborgenen Schatz der Kunsthalle wieder sichtbar zu machen und ihre Restaurierung und wissenschaftliche Erforschung zu ermöglichen“. Und Kultursenator Carsten Brosda betont die Ausstrahlung der neuen Räume, die Inhalte und Museumsumfeld neu erschließen kann: „Durch das kluge Ausstellungskonzept öffnet sich auch ein ganz neues Erlebnis von Sammlung und Gebäudeensemble, das die Geschichte des Museums gänzlich neu erfahrbar macht.“

Beim Rundgang mit der Kuratorin, Sammlungs- und Forschungsleiterin Dr. Annabelle Görgen-Lammers wird ihre Begeisterung für kleinste Details und historische Korrespondenten in 2.500 Jahren Kultur- und Kunstgeschichte lebendig. „Selten kann man noch Sammlungsschätze entdecken und grundlegend erforschen: 6.000 Objekte, die von Anfang an nach rein künstlerischen Kriterien als Grundlage und integraler Teil der Skulpturenabteilung gesammelt wurden!“ Es sei für sie „ein Herzensanliegen, die Funde und ersten Erkenntnisse zu ihren historischen wie aktuellen Kontexten auf möglichst anregende, heutige Weise zugänglich zu machen“. Das gelingt.

»Die Eule«, Pablo Picasso, 12.12.1952; gebrannter Ton, bemalt, 34 x 25 x 34,5 cm. Hamburger Kunsthalle, erworben 1956. © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Foto: © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

Man ist nach dem Rundgang überrascht, welche Erzählungen die rund 650 Münzkunst-Medaillen, die sculptures en miniature, mit einzelnen Bildern und Kleinst- und Großskulpturen bieten. Da kommuniziert die mächtige Göttinnen-Skulptur ­Athena im Café Liebermann mit dem Münzentisch „Athenas Attribute“, im vorletzten Saal treffen Rodin- auf Picasso-Skulpturen, und den Abschluss in der Rotunde bildet der lässig weibliche zeitgenössische Wunschbrunnen der Französin Laure Prouvost. Da bewegen sich Münzbänder neben Birnen mit knallroten Brustwarzen an einer stilisierten Beton-Palme sowie mit bunt-lüsternen Murano­glas-Fischen samt knallroten Mäulern im Brunnenbecken; und leise plätschert das Wasser und verbreitet bei stillen Besuchern eine meditative Atmosphäre. Von Athenas 1.600 v. Chr. bis zu Rodins Emo-Skulpturen und Prouvosts Wunschbrunnen von 2026 werden Zeitläufte erzählt, die überraschen und faszinieren. Noch bis 11. April 2027 in der Hamburger Kunsthalle: Skulptural. Die neuen Galerien. Für Kunst-Neugierige, die Unerwartetes und neue Perspektiven schätzen, ein Muss. Wolfgang Timpe

Info Weitere Informationen zur Ausstellung „Sculptural. Die neuen Galerien“ finden Sie unter: hamburger-kunsthalle.de

»Der Brust wünschende Brunnen aus Großmutters Labor« in der Rotunde der Kunsthalle bildet den Abschluss des Münz-Skulpturen-Rundgangs. | »The Breast Wishing Fountain From Grandma’s Lab«, Laure Prouvost; 2026, Beton, Terrazzo, Muranoglas, 150 x 150 x 230 cm; Dauerleihgabe der Dr. Heinz H. O. Schröder Stiftung, erworben 2026. © Courtesy of the Artist and Gallery carlier | gebauer / VG Bild-Kunst; © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Christoph Irrgang

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