»Die Kunst ist frei«

Jonathan Meese macht mal nicht in Malerei, sondern präsentiert mit „Mami“ Brigitte und DJ Hell das Album „Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst“ 

Jonathan, Sie sind als Dreijähriger von Tokio nach Ahrensburg gezogen. War das nicht ein harter Schnitt? Jonathan Meese: Ich habe Ahrensburg immer geliebt – obwohl ich erst mal Deutsch lernen musste. Anfangs haben wir im Schlehenstieg gewohnt, in einer Sackgasse. Dort konnte ich wunderbar spielen, weil in dieser Straße keine Autos waren. In der Schule war ich später allerdings nicht besonders gut, das hat Mami manchmal belastet.
Brigitte Meese: Du hättest besser sein können.
Jonathan: Ich war ein bisschen verträumt und verpeilt. Am liebsten war ich zu Hause. Ich habe gern gelesen und oft Musik oder Hörspiele gehört. Außerdem haben Mami und ich wahnsinnig viel Fernsehen geguckt – von „Denver Clan“ über „Hitparade“ bis zu „Derrick“. Ich liebe Fernsehen, weil ich dabei so gut abschalten kann.

„Als ich düsterer und soldatischer wurde, kriegte ich wieder Gegenwind. Das gehört dazu, das muss man aushalten.“

Waren Sie in der Schule im Kunstleistungskurs? Jonathan: Nein. Im Kunstunterricht war ich eher mittelmäßig. Ich habe Kunst in der elften Klasse abgewählt. Weder meine Kunstlehrer noch ich haben erkannt, dass ich für die Kunstwelt interessant sein könnte. Es gibt aber noch Skulpturen und Zeichnungen aus meiner Zeit auf dem Gymnasium, die betrachte ich im Nachhinein als Kunst. Sie sind richtig gut.

Multi-Media-Künstler und Musiker „Johnny“ Meese mit „Mami“ Brigitte: „,Motherdance’ ist natürlich eine sehr starke Liebeserklärung an meine Mutter, an alle Mütter. Auf der Meese-X-Hell-Platte sind auch viele andere Mutterkunstlieder, klar.“ © Dagmar Leischow
Multi-Media-Künstler und Musiker „Johnny“ Meese mit „Mami“ Brigitte: „,Motherdance’ ist natürlich eine sehr starke Liebeserklärung an meine Mutter, an alle Mütter. Auf der Meese-X-Hell-Platte sind auch viele andere Mutterkunstlieder, klar.“ © Dagmar Leischow

Nach dem Abitur haben Sie in einem Kindergarten in Bad Oldesloe Ihren Zivildienst gemacht. Jonathan: Für mich war es sehr spannend, mit Kindern zu arbeiten. Ich bin ja selber ein Kind.

Einige Leute bezeichnen Sie als Muttersöhnchen. Jonathan:Da bin ich doch in bester Gesellschaft. Warhol hatte auch ein tolles Verhältnis zu seinen Eltern. Man braucht die Familie. Ein Muttersöhnchen ist für mich etwas Positives. Ich respektiere Mami, sie respektiert mich.

Sie haben mit DJ Hell ein Album aufgenommen. Haben Sie das Stück „Motherdance“ Ihrer Mutter gewidmet? Jonathan:Dieses Lied ist natürlich eine sehr starke Liebeserklärung an meine Mutter, an alle Mütter. Auf der Meese-X-Hell-Platte sind auch viele andere Mutterkunstlieder, klar.

Ihre Mutter war diejenige, die Ihnen zu Ihrem 22. Geburtstag einen Block und Pastellkreide schenkte. Wie kamen Sie auf die Idee, sich Mal-Utensilien zu wünschen? Jonathan: Wir liefen an meinem Geburtstag durch die Hamburger Mönckebergstraße. Mami fragte: „Was willst du denn haben?“ Ich sagte einfach so: „Einen Block und Papier.“
Brigitte: Dabei hattest du vorher überhaupt keine künstlerischen Ambitionen.
Jonathan: Trotzdem hat mir Mami bei Karstadt einen richtig großen Block für 50 Mark und Pastellkreiden gekauft. Ich fing noch am selben Tag an zu zeichnen. Später erstand ich Leinwände und Staffeleien. Ich malte mit Öl. Der Terpentingeruch war nicht so angenehm.
Brigitte: Johnny konnte nicht mehr in seinem Zimmer schlafen. Wir mussten ihm ein Feldbett im Wohnzimmer aufstellen.
Jonathan: Dann bekam ich ein Atelier im Hafenklang am Hamburger Fischmarkt. Ich besuchte eine Kunstmappenvorbereitungsschule in Blankenese und wurde im darauffolgenden Jahr tatsächlich an der Hochschule für bildende Künste Hamburg angenommen. Als die Zusage kam, haben Mami und ich in unserem winzigen Flur getanzt.

Jonathan „Johnny“ Meese wurde am 23. Januar 1970 in Tokio geboren und wuchs in Ahrensburg auf. Von 1995 bis 1998 studierte er an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei Franz Erhard Walter und brach sein Studium ohne Abschluss ab. Bei der Berlin Biennale 1998 machte er erstmals die Kunstwelt auf sich aufmerksam. 2006 widmeten ihm die Deichtorhallen die Werkschau „Mama Johnny“. Heute hat er ein Atelier in Berlin, er stellt weltweit aus. In seinen Bildern, Performances und Aktionen thematisiert er immer wieder die Rolle Deutschlands und deutsche Mythen. Meese hat die „Diktatur der Kunst“ ausgerufen. Als Meese X Hell veröffentlichte er jetzt mit seiner Mutter Brigitte, 91, und DJ Hell das Album „Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst“.

Sie verließen die Kunsthochschule ohne Abschluss und wurden schnell berühmt. Wie sind Sie damit umgegangen, dass Sie oft hart attackiert wurden? Jonathan: Schon bevor ich nach Berlin ging, wurde ich massiv angegriffen. Da habe ich gemerkt: Kunst ist etwas, das wirklich spaltet.
Brigitte: Während Johnny noch auf der Akademie war, hatte er eine Ausstellung in Kehdingen. Er sollte in einer Mühle eine Installation aufbauen. Doch die Mitglieder des Kunstvereins mobbten ihn.
Jonathan: Mehrere Wochen lang kamen überhaupt keine Besucher. Weil gesagt wurde, das sei keine Kunst, das dürfe man sich nicht angucken. Dabei hatte ich nichts Böses getan. In meinen Werken gab es noch gar nicht diese Anspielungen auf das Eiserne Kreuz.
Brigitte: In dieser Situation war ich zum ersten Mal richtig stolz auf Johnny. Andere hätten aufgegeben, er hat einfach weitergemacht.
Jonathan: Bei der Berlin Biennale erlebte ich dann das absolute Gegenteil – ich bekam nur Zuspruch. Das war mir zu viel. Zu viel Kritik ist schwierig, zu viel Lob auch. Als ich schließlich düsterer und soldatischer wurde, kriegte ich wieder Gegenwind. Das gehört dazu, das muss man aushalten können.

Für den größten Wirbel sorgte der Meese-Gruß, der Sie vor Gericht brachte. Jonathan: Für mich war dieser Meese-Gruß, der Hitler-Gruß, eine Art Befreiungsschlag. Ich wollte ihn in der Kunst entkontaminieren. Dass sich darüber jemand aufregen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte, es wäre klar: Meese macht Kunst. Auf jeden Fall habe ich nie daran gezweifelt, dass ich den Prozess gewinnen würde. Ich wurde ja freigesprochen. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn einige Leute meine Kunst nicht gut finden. Aber Kunst darf nicht zensiert werden, niemals!
Brigitte: Selbst im Grundgesetz steht: Die Kunst ist frei. 
Das Gespräch führte Dagmar Leischow

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