»Diesem Land fehlt eine positive Ausstrahlung!«

Exklusiv. Wir haben mit Matthias Iken, Stadtplanungsexperte und Stv. Chefredakteur des »Hamburger Abendblatt« über Diplomatie und Ukraine-Krieg, AfD und die Medien sowie Großprojekte wie den Elbtower in der HafenCity gesprochen

Er ist seit 18 Jahren Begleiter und Intimkenner der Stadtentwicklung in Hamburg und hat eine positiv-kritische Sicht auf den jüngsten Stadtteil HafenCity: Matthias Iken, Stv. Chefredakteur des »Hamburger Abendblatt«. Wir haben mit ihm über aktuelle Themen wie den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, die Erfolge der AfD und die Nähe und Distanz von Journalisten zur Politik gesprochen. „Was diesem Land massiv fehlt, ist eine positive, zukunftszugewandte Erzählung – ein Ziel, für das es sich lohnt, einzustehen und womöglich auch den Gürtel enger zu schnallen. Das vermisse ich in Berlin derzeit sehr stark“, so Iken. Und auch zu Dauerthemen wie der neuen Oper („ein Glücksfall“) oder der Bauruine Elbtower zeigt er klare Kante: Hamburg soll „alles dafür tun, dass der Bau vollendet wird“. Lesen Sie mal das Gespräch mit einem Mann, der Haltung zeigt. 

Herr Iken, beginnen wir mal mit mir: Ich bin parteiloser, unabhängiger Journalist, habe den Wehrdienst verweigert und befürworte Diplomatie-Versuche zur Beendigung des Russland-Ukraine-Krieges. Für mich gehört Russland zu Europa und sollte kein Dauerkriegsgegner sein. Ohne Gespräche und Verhandlungen gibt es für mich keine Friedensoption. Stattdessen laufen nur milliardenschweren Militär-Aufrüstungsinvestitionen. Bin ich ein romantischer Pazifist? Matthias Iken: Ihre Position gehe ich in weiten Teilen mit. Ich weiß allerdings nicht, ob man das als romantisch bezeichnen muss, und halte es eher für realistisch. Wir leben derzeit in sehr unsicheren und gefährlichen Zeiten. Da ist eine Publizistik gut beraten, eher nachdenklich am Rande zu stehen, als mit fliegenden Fahnen in die Schlacht zu ziehen. 

Waren Sie bei der Bundeswehr? Nein, auch ich habe seinerzeit verweigert.  

Was waren Ihre Motive? Das geschah aus überzeugten christlichen Gründen – nicht bloß vorgeschoben, wie es manche zu der Zeit getan haben. Ich war damals schon ein Kritiker des ausufernden Rüstungswettlaufs. Bis heute bin ich der Meinung, dass es das höchste Ziel sein muss, kriegerische Konflikte im Vorfeld zu verhindern. Und sind sie erst einmal ausgebrochen, gilt es, sie möglichst schnell einzudämmen. Mir ist bewusst, wie schwierig das mit Russlands Präsident Wladimir Putin ist, der den Überfall auf die Ukraine angeordnet hat. Es ist jedoch keine Lösung, diesen Krieg mit immer weiteren Waffenlieferungen kontinuierlich anzuheizen. 

Warum wird nicht diplomatisch gesprochen und verhandelt? Es heißt zwar immer, mit Putin könne man nicht verhandeln. Das mag sein. Aber man kann nicht behaupten, dass Europa seit Kriegsausbruch ernsthaft versucht hätte, das Gespräch zu suchen. Abgesehen von Ungarns Viktor Orbán fällt mir niemand ein, der nach Ausbruch des Konflikts eine Reise nach Moskau unternommen hätte. 

Als Gesprächsbefürworter wird man schnell in die AfD- oder BSW-Ecke gestellt und als naiv eingeordnet. Muss man das in Kauf nehmen? Wahrscheinlich. Aber das sind Zuschreibungen anderer. Die sind mir ehrlich gesagt herzlich egal. 

Machen wir einen Schwenk ins wirtschaftlich strauchelnde und schlecht gelaunte Deutschland. Ulrich Siegmund, der rechte AfD-Wahlsieger in Sachsen-Anhalt, hat vor allem als junger, immer entspannt lächelnder Schwiegersohn-Typus gewonnen – sagen Demoskopen. Er gilt als Anti-Merz-Figur zum mürrischen Bundeskanzler, dessen Mimik, Mundwinkel und Körperhaltung immer Mutlosigkeit statt selbstbewusstem Aufbruch signalisieren. Ist deutsche Zukunft mit guter Laune voranzubringen? Ohne mich auf die Person Siegmund festlegen zu wollen: Er hat zweifellos eine gewisse Wirkung. Das kann man als oberflächlich betrachten, aber er ist einer der wenigen, bei denen die Mundwinkel gen Norden zeigen. Was diesem Land massiv fehlt, ist eine positive, zukunftszugewandte Erzählung – ein Ziel, für das es sich lohnt, einzustehen und womöglich auch den Gürtel enger zu schnallen. Das vermisse ich in Berlin derzeit sehr stark. Siegmund konnte damit punkten, dass er Zuversicht ausstrahlte, unabhängig davon, ob diese am Ende echt oder nur aufgesetzt war. 

Hamburg ist anders und wählt anders als der Rest der Republik. Die AfD wird relativ klein gehalten, Zehntausende protestieren gegen die AfD, die Stadt und der Senat sowie private Investoren realisieren in schwierigen Wirtschaftszeiten Top-Kulturprojekte wie die Elbphilharmonie, die neue Oper, das neue UBS Digital Art Museum oder das neue Naturkundemuseum – und lässt zugleich als kleinkrämerisches Gartentor zur Welt im Gegensatz zu München Olympia links liegen. Ist Hamburg immun gegen Rechtsruck, Wirtschaftskrise und populäre Olympia-Begeisterung? Immun gegen Olympia-Begeisterung sind wir auf jeden Fall, das haben wir nun zweimal gezeigt. Beide Male ist der Senat am Votum der Hamburgerinnen und Hamburger gescheitert. Das Thema ist durch und sollte in den nächsten 30 Jahren nicht mehr angefasst werden, dafür fehlt schlicht die Begeisterung. Dass ich das für einen Fehler halte, habe ich oft genug kommentiert. Ob wir gegen einen Rechtsruck immun sind, wird sich zeigen. Man kann vom Engagement vieler Menschen gegen rechts beeindruckt sein. Allerdings halte ich den Dialog mit potenziellen AfD-Wählern für noch effizienter, als nur auf der Straße gegen Wahlergebnisse zu protestieren. Man muss versuchen, diese Menschen im persönlichen Gespräch zu überzeugen. Noch sind wir eine sehr linksliberal aufgestellte Stadt. Wenn sich die Rahmenbedingungen jedoch negativ verändern, muss das nicht so bleiben. Der Osten ist uns bei den AfD-Ergebnissen bislang vier bis fünf Jahre voraus. Ich weiß nicht, wo der Westen in vier Jahren steht. Nichts ist ausgeschlossen. 

Hamburg-Fan Matthias Iken zur Bauruine Elbtower mit 199 Meter Höhe: „Bevor man
teure Neubauten plant, bei denen die Kosten explodieren, sollte man dieses Projekt zu Ende führen. Realpolitisch gilt: Augen zu und durch, baut das Gebäude fertig. Wenn es steht, werden
die heutigen Vorbehalte verfliegen.“ © ONIRISM für David Chipperfield Architects

Was macht für Sie den Erfolg der AfD aus? Ich weigere mich zu glauben, dass 43,8 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt Rechtsextremisten sind. Das ist Unsinn. Die AfD dient derzeit als gezieltes Ventil, um der Politik in Berlin oder Magdeburg die eigene Unzufriedenheit zu demonstrieren. Sie fungiert als eine Art „Denkzettel-Partei“. Also sollten wir genau analysieren, woher die Unzufriedenheit rührt. In den letzten 15 Jahren wurden die Interessen der Bürgerinnen und Bürger schlicht zu wenig berücksichtigt. Das beginnt beim Versagen der Deutschen Bahn, das beispielhaft zeigt, was im Land nicht mehr funktioniert, reicht über bürokratische Auswüchse bis hin zu einer Politik, die sich auf eine kleine Blase konzentriert. Wenn die Menschen spüren, dass über ihre Köpfe hinweg regiert wird, reagieren sie allergisch. Die AfD zu wählen, mag keine Lösung sein, aber es ist ein Denkzettel. Machen wir weiter wie bisher, wird dieser Denkzettel angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung künftig nur noch größer ausfallen. 

Sind wir als Medien auch Teil dieser Politik-Bubble? Selbstverständlich gehören wir dazu. Wir müssen uns kritisch hinterfragen. Zwar gibt es „die Medien“ nicht als Monolith, wohl aber einen medialen Mainstream. Wenn wir zurückblicken auf die Flüchtlingskrise 2015, den Corona-Ausbruch 2020 oder den Überfall auf die Ukraine 2022, sehen wir, dass ein sehr großer Teil der Bevölkerung eine abweichende Perspektive auf die Dinge hatte. Diese anderen Blickwinkel – ob kritisch zur Massenmigration, zu den harten Corona-Maßnahmen oder zur Ausweitung der Militärhilfe für die Ukraine – kamen in den Medien kaum vor. Die AfD schöpft diesen Widerstand geschickt ab. Als Oppositionspartei hat sie es leicht, da sie nichts konkret beweisen muss. Diese Unzufriedenheit hat sie erfolgreich mobilisiert – und das nicht nur im rechten Spektrum. Auch bei Corona gab es viele linksliberale, ökologisch eingestellte Menschen, die den Maßnahmen sehr kritisch gegenüberstanden. 

Warum fällt es den Medien, den Journalisten, offenbar schwerer als früher, eine gesunde Distanz zu den Themen zu wahren? Warum konzentriert man sich zu wenig auf die Unzufriedenheit der Menschen? Journalisten sind auch nur Menschen – wie Politiker, Pflegekräfte oder Lehrkräfte wollen sie geschätzt werden, vor allem von ihresgleichen. Wer in den meist linksliberal geprägten Redaktionen ständig auf Opposition schaltet, erfährt schnell Liebesentzug. Wer wird heute Journalist? Das ist nicht zwingend der liberale Unternehmer, der eine Firma gründet. Dadurch entsteht in redaktionellen Kreisen eine wenig typische Abbildung der Gesellschaft, die sich in den entsprechenden Milieus noch verstärkt.

Ein Verleger des „Handelsblatts“ sagte einmal, seine Journalisten und Redakteure verdienten deshalb gut, damit sie unabhängig bleiben können. Ist da etwas dran? Absolut. Wenn wir anständigen Journalismus wollen, müssen wir die Kolleginnen und Kollegen auch angemessen bezahlen. Deshalb bin ich auch in der Gewerkschaft, weil man ohne gute Löhne auch keine guten Journalisten bekommt. 

Als Journalist ist man auch Bürger, Citoyen. Engagieren Sie sich parteipolitisch? Nein, auf keinen Fall. Ich beziehe überall dort Position, wo ich es für notwendig halte – selbstverständlich stets auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Ich bin keiner Partei und keiner festen politischen Weltanschauung verpflichtet. 

Und wie verhindert man als Journalist, ein „Mann ohne Eigenschaften“ zu werden, wie es bei Robert Musil heißt? Wer den Mut hat, in den Widerspruch zu gehen, der hat bereits Haltung und Eigenschaften bewiesen. 

Apropos Mut. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher bezweifelte jüngst in Ihrem „Abendblatt“, dass das Naturkundemuseum zum vereinbarten Festpreis von 595 Millionen Euro in den Elbtower einziehen kann und auch, ob das 100 Meter hohe Bauskelett überhaupt vollendet wird. Muss der Senat den Torso am Hamburger Stadteingang fertig bauen? Hamburg muss nicht selbst bauen, aber alles dafür tun, dass der Bau vollendet wird. Politisch ist das eine klassische Zwickmühle: Tut man nichts, verliert man; handelt man, verliert man wahrscheinlich auch. In diese Lage hat Olaf Scholz seinen Nachfolger Peter Tschentscher manövriert. Nun geht es darum, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Die beste Option bleibt die vor einem Jahr verhandelte Lösung: Die Stadt erwirbt Teile des Gebäudes zu einem festen Preis. Es ist die einzige reale Chance, den Turm fertigzustellen und dem Naturkundemuseum zeitnah ein neues Zuhause zu geben. Bevor man teure Neubauten plant, bei denen die Kosten explodieren, sollte man dieses Projekt zu Ende führen. Realpolitisch gilt: Augen zu und durch, baut das Gebäude fertig. Wenn es steht, werden die heutigen Vorbehalte verfliegen. 

Matthias Iken zum Elbtower: „Es ist die einzige reale Chance, den Turm fertigzustellen
und dem Naturkundemuseum zeitnah ein neues Zuhause zu geben. Bevor man teure Neubauten plant,
bei denen die Kosten explodieren, sollte man dieses Projekt zu Ende führen. Realpolitisch gilt:
Augen zu und durch, baut das Gebäude fertig. Wenn es steht, werden die heutigen
Vorbehalte verfliegen.“ © Catrin-Anja Eichinger

Wie bei der Elbphilharmonie? Der frühere Erste Bürgermeister Ole von Beust hat mir kürzlich erzählt, dass selbst ein Abriss des Kaispeichers A erwogen wurde. Damals war das Projekt absolut umstritten. Heute möchte kein Hamburger die Elbphilharmonie mehr missen. Ob der Elbtower eine ähnliche Strahlkraft entwickeln könnte, bleibt dahingestellt – ein Hochhaus bewegt die Gemüter anders als ein Kulturdenkmal. Dennoch ist es ein prägendes Bauwerk für die Stadtentwicklung. Eine Bauruine kann Hamburg an dieser Stelle keinesfalls gebrauchen. 

Der Hamburger Architekt Volkwin Marg vom Büro gmp betonte kürzlich, dass die Fertigstellung des Elbtowers keine Frage des Optimismus, sondern der Logik sei. Es wurden bereits 350 Millionen Euro verbaut. Wer auf dem vorhandenen Fundament und dem stabilen Rohbau nicht weiterbaut, dem sei nicht zu helfen. Hat er recht? Ja. Die verbauten 350 Millionen Euro bekommt man jetzt eher günstig. Nach einer Insolvenz lässt sich ein solches Projekt wirtschaftlich neu aufstellen. Wenn man als Stadt sparen muss, sollte man geplante Vorhaben ohne bisherigen Mitteleinsatz hinterfragen, etwa ein neues Hafenmuseum auf dem Grasbrook oder das Haus der digitalen Welt am Gerhart-Hauptmann-Platz, anstatt ein halbfertiges Großprojekt aufzugeben. 

Hamburgs Infrastruktur wirkt wie ein Dauerbaustellen-Labyrinth. Haben die Medien –auch das »Abendblatt« – zu viel Nachsicht mit dem Senat und der Verkehrsbehörde? Oder haben sich außer den Betroffenen bereits alle an den Stillstand gewöhnt? Die einen sagen so, die anderen so. Fragen Sie den Verkehrssenator, spricht er von einer Kampagne gegen seine Behörde. Fragen Sie betroffene Händler, werfen diese uns vor, viel zu wenig zu machen. Das liegt im Auge des Betrachters. Fakt ist: Hamburg hat wie viele andere Städte jahrelang zu wenig in den Erhalt investiert. Zu diesen nötigen Sanierungen kommen nun noch die Investitionen in die Energiewende – mit neuen Fernwärme- und Stromleitungen. Das führt dazu, dass die Stadt in weiten Teilen stillsteht. Dazu kommen die Probleme an den Elbbrücken und der A7-Deckel. Es ballt sich derzeit extrem, und wir werden wahrscheinlich noch drei bis vier Jahre tapfer sein müssen. Selbst bei einem Farbwechsel im Rathaus würden weiterhin Staus das Bild prägen. 

Hamburgs jüngster Stadtteil HafenCity gilt vielen nach wie vor als steril, teuer und wenig liebenswert. Ist das Quartier ein stadtplanerisches Meisterwerk oder ein Flop? Weder noch, aber eher Meisterwerk als Flop – wobei Meisterwerk zu hoch gegriffen ist. Was in der HafenCity zu wenig genutzt wurde und wird, ist das Wasser. Man steht zwar an den Kaimauern, bleibt am Ende aber weit weg vom Geschehen. Das liegt auch am extrem hohen Tidenhub. Dennoch hätte man das Element Wasser innovativer einbeziehen müssen. Insgesamt finde ich die Plätze, Straßen und Wegeführung jedoch attraktiv. Ich bin gerne dort. Ich kenne deutlich jüngere Stadtentwicklungsprojekte, die erheblich trister wirken. Eine Schulnote Zwei ist es in jedem Fall.

Stadtplanungsexperte Matthias Iken zur neuen Kühne-Oper: „Es ist ein
großartiger Deal. Die Alternative lautet eben nicht 340 Millionen Euro für eine Oper oder
für den sozialen Wohnungsbau, sondern 340 Millionen Euro für die Oper oder
null Euro für den Neubau.“ © BIG & Yanis Amasri Sierra, Madrid, Spain

Beim Elbtower oder dem Naturkundemuseum gibt es ständig neue Wasserstandsmeldungen. Schreiben Sie immer sofort, was Sie wissen, oder agieren Sie als Zeitung auch taktisch zum Wohle von Hamburgs Wachstum? Taktisch nein, das ist nicht unsere Aufgabe. Natürlich muss man manchmal Rechercheergebnisse sammeln, bevor eine Geschichte steht. Sobald etwas spruchreif ist, sehen wir es in unserer Verantwortung, die Öffentlichkeit zu informieren. Eigene Haltungen und Ziele gehören ausschließlich in einen Kommentar.  

Also wie „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein zum Journalisten-Handwerk sagte: „Schreiben, was ist“? Ja, absolut. Es gilt, zu sagen, was ist – und nicht, was sein sollte. Die Berufskrankheit vieler Kolleginnen und Kollegen ist es, Wünsche mit der Berichterstattung zu vermischen. 

Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen lokalpatriotischer Unterstützung von Großprojekten und der kritischen Distanz als journalistisches Medium? Ein gewisser Lokalpatriotismus steht Lokaljournalisten gut zu Gesicht, aber am Ende ist die kritische Distanz entscheidend. 

Der jüngst verstorbene Unternehmer und Mäzen Klaus-Michael Kühne stiftet der Stadt ein neues Opernhaus für rund 340 Millionen Euro, während Hamburg rund 250 Millionen Euro für die Erschließung und Gestaltung des Grundstücks auf dem Baakenhöft investiert. Ist die Kaufmannsstadt käuflich, oder ist das ein guter Deal? Es ist ein großartiger Deal. Die Alternative lautet eben nicht 340 Millionen Euro für eine Oper oder für den sozialen Wohnungsbau, sondern 340 Millionen Euro für die Oper oder null Euro für den Neubau. Die Kulturbehörde wird nicht müde zu betonen, wie marode die bestehende Oper ist. Wenn ein Mäzen dieses Geld bereitstellt, sollten Stadt und Bürgerschaftsopposition dankbar sein, statt kleinkrämerisch nach Haarspaltereien zu suchen. 

Sie verfolgen seit 18 Jahren die Stadtentwicklung und die Hamburger Politik und Wirtschaft. Das international gelobte UBS Digital Art Museum in der HafenCity eröffnet trotz schmerzlich gestiegener Baukosten nur mit überschaubarer Verspätung. Was können private Bauherren besser als die öffentliche Hand, wo Projekte meist doppelt so teuer werden und dreimal so lange dauern? In städtischen Unternehmen fehlen oft die nötigen Planungskapazitäten, weshalb Projekte aus dem Ruder laufen. Zudem reden bei öffentlichen Bauvorhaben schlicht zu viele Stellen mit. Hinzu kommt die Verlockung, zu Beginn mit niedrigen Summen zu kalkulieren, um politische Zustimmung zu sichern. Hätte Ole von Beust damals gesagt, die Elbphilharmonie koste 789 Millionen Euro, wäre sie nie gebaut worden. Am Ende geht es nicht um das eigene Geld des Entscheiders, sondern um Steuergelder. Private Bauherren agieren da meist realistischer und haben die Kosten schärfer im Blick. 

Privat finanzierte Objekte, vor allem Kühne-Bau-Projekte, zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie dank exakt kalkulierter Preis- und Finanzplanung vor dem Start – oft mit unverrückbaren Festpreisen bei den Dienstleistern – selten teurer werden. Müssen öffentliche Bauherren bei Verträgen und Preisen schlicht disziplinierter werden? Das wäre hilfreich. Kommunen neigen dazu, sich im Prozess Sonderwünsche zu genehmigen, statt Abstriche zu machen. Ein privater Bauherr wählt kurz vor der Fertigstellung bei knappem Budget eben zum Beispiel günstigere Armaturen, er entscheidet im Sinne des Gesamtergebnisses der Kosten. Öffentliche Bauherren pochen oft starr auf einmal gefasste Beschlüsse, was die Kosten nach oben treibt. 

Man erlebt immer öfter einen Glaubenskrieg zwischen Auto- und Radfahrern. Schüren Sie mit Ihrer digitalen, schlagzeilenoptimierten Berichterstattung die Entrüstung für höhere Klickzahlen im Netz? Unser Ziel ist nicht das Anheizen von Konflikten. Allerdings ist der Umgang auf den Straßen spürbar rauer geworden – was sicher auch an den zehrenden Staus liegt. 

Trotzdem, Ihre Redaktion, wie viele andere auch, arbeitet nach dem Prinzip „digital first“, und irgendwann folgt die seriösere Zeitungsberichterstattung. Treibt die Klick- und Reichweitenhysterie auf Social Media den Journalismus in die Glaubwürdigkeitsfalle? Digitale Berichterstattung neigt dazu, lauter, schriller und boulevardesker zu sein. Diese Entwicklung betrifft die gesamte Medienlandschaft. Das liegt weniger an den Journalisten als am Nutzungsverhalten der Leser, die offenbar nach Dramatik verlangen, um Beiträge anzuklicken. 

Dabei können Verlage vom Anzeigenumsatz im Netz nach wie vor nicht auskömmlich leben. Ein inhaltliches und kaufmännisches Paradox? Wir werden Digitalkonzerne wie Google oder Meta, Facebook und Instagram oder TikTok vom chinesischen Dance­Byte-Unternehmen sicher nicht dazu bringen, Inhalte fair zu vergüten. Zeitung war früher auch der klassische Marktplatz für Kleinanzeigen und Immobilien. Diese Funktion ist weggefallen. Die reine Nachricht verliert in einer digitalen Welt an Wert, wenn sie überall kostenlos abrufbar ist. Wir müssen Nischen besetzen und Menschen überzeugen, für qualitätsvollen Journalismus zu bezahlen. 

Wie lange wird es die gedruckte Zeitung noch geben? Gedruckte Tageszeitungen sehe ich noch etwa ein Jahrzehnt lang, gedruckte Zeitungen allgemein noch 100 Jahre. Eine täglich gedruckte Zeitung verliert durch den Generationswechsel an Zugkraft. Das Prinzip des gedruckten Magazins – Einordnen, Gewichten, optisch Aufbereiten – wird jedoch langfristig Bestand haben. Wir sehen auf dem Buchmarkt, dass das gedruckte Wort im Gegensatz zur Musikindustrie keineswegs verschwunden ist. Das gilt auch für den Journalismus. 

Die Hamburger FDP bewegt sich wie im Bund an der Wahrnehmungsgrenze, in der Mecklenburg-Vorpommern-Wahl lag sie gerade hinter der Tierschutzpartei. Die Opposition wird in Hamburg vor allem von CDU und Linken gestaltet. Fehlt der Freien und Hansestadt eine liberale Stimme? Ich bin dafür, dass möglichst viele politische Stimmen hörbar sind. Deutschland leidet generell an einem Mangel an Wirtschaftsliberalismus. Insofern wäre eine starke liberale Stimme wünschenswert, auch wenn es die FDP derzeit schwer hat. Die FDP hat durch ihr Handeln in der Bundesregierung viele ihrer Wähler vor den Kopf gestoßen. Dieser Vertrauensverlust ist schwer aufzuholen. Das Parteiensystem ist jedoch derart im Umbruch, dass Prognosen schwierig sind. Sollte die Union schwächeln, hätte die FDP wieder bessere Chancen, über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen. 

Im kommenden Jahr beginnt in der HafenCity der Ausbau der U4 von der Elbbrücken-Station über die Elbe und den Moldauhafen auf den Grasbrook, gefolgt von der Investoren- und Bauherrensuche für die Vermarktung der Flächen. Was erwarten Sie vom neuen Stadtteil? Er wird kaum besser werden als die HafenCity. Schon dort wurde am Ende dichter und höher gebaut als ursprünglich geplant. Diese Verdichtung droht auch auf dem Grasbrook. Zudem braucht das Areal Anziehungspunkte, die Menschen dorthin locken. Der Reiz des völlig Neuen ist verflogen – es wirkt eher wie eine Verlängerung. 

So skeptisch? Ja, eine gesunde berufliche Skepsis.  

Sind Sie als Chefredaktion zum Beispiel noch nah genug an den Sorgen der Menschen im Hamburger Süden wie Wilhelmsburg oder Harburg dran, oder spiegeln Sie primär die Sichtweise der bürgerlichen Elbvororte, Eppendorf, Harvestehude oder den Walddörfern wider? Diese Gefahr besteht immer. Deshalb besuche ich monatlich eine Gaststätte in wechselnden Stadtteilen, um direkt mit den Menschen zu sprechen. Kürzlich war ich in Hausbruch – dort blickt man völlig anders auf das Rathaus als etwa in den Elbvororten. Raus aus dem Home­of­fice und der eigenen Blase zu gehen, ist durch nichts zu ersetzen. Man muss im Gespräch bleiben, darf sich aber nicht mit allen gemeinmachen. Fehler müssen laut kritisiert werden, doch man muss auch den Mut haben, gelungene Politik zu loben. Reine Fundamentalkritik fördert nur die Politikverdrossenheit. Journalisten sollten sich nicht als Besserwisser aufspielen, denn viele Themen sind zu komplex.

Wie schalten Sie persönlich eigentlich von der Dauerpräsenz Hamburger Themen ab? Im Urlaub hilft es, das Smartphone schlicht auszuschalten. Hamburg ist aber keine Belastung, von der man genesen müsste. 

Wo urlauben Sie gerne? Auf Amrum. Die Insel bietet mehr Weite, viel Sand und ist deutlich ruhiger als Sylt.  

Welches Buch hat Sie zuletzt begeistert? „Eva schläft“ von Francesca Melandri. Eine italienische Autorin beleuchtet darin feinfühlig die Geschichte Südtirols von 1919 bis 1992 und verbindet sie mit einer persönlichen Familiengeschichte, ohne rein die regionale Perspektive einzunehmen. Ein sehr lesenswertes Buch. 

Sie haben drei Kinder im Alter von 13 bis 20 Jahren. Wie blicken Sie auf die Zukunft der jungen Generation in Zeiten starker politischer Umbrüche? Das müssten Sie meine Kinder direkt fragen. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass radikale Ränder in diesem Land niemals eine absolute Mehrheit erlangen werden.

Was macht Sie zuversichtlich? Hoffnungslosigkeit ist keine Alternative und löst keine Zukunftsaufgaben. Ohne Zweckoptimismus geht es nicht.

Wie schaffen Sie das, woher nehmen Sie die Energie? Morgens aufstehen und sich freuen, dass man einen schönen Job hat, der immer noch besser ist als arbeiten. 

Das Gespräch führte Wolfgang Timpe 

Nachrichten von der Hamburger Stadtküste

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