Digitale Real-Kunst

Das 3. Virtual-Reality-Oberhafen-Festival VHRAM! findet wg. Corona vom 4. bis 7. Juni komplett digital statt – weltweit, mit VR-Brille.
Surfen Sie mit unserer VR-Reporterin Dagmar Leischow durchs Programm – und, immer lesenswert: die Antworten des Oberhafen- und VHRAM!-Fans und Kultursenators Carsten Brosda

Eigentlich hätten die Besucher beim dritten VRHAM! wieder in der Gleishalle im Oberhafenquartier sogenannte Experiences erkunden sollen. Doch wegen der Corona-Pandemie findet das erste deutsche Festival für Virtual-Reality-Kunst nun vom 4. bis 7. Juni digital statt, ein Ausstellungsbesuch ist online sogar bis zum 4. August möglich. „Wir haben uns lange Gedanken darüber gemacht, wie wir mit der aktuellen Situation umgehen sollen“, erzählt der künstlerische Leiter Ulrich Schrauth. Einfach nur Streams zur Verfügung zu stellen, so etwas wäre für ihn und sein Team nicht infrage gekommen: „Uns ist es wichtig, dass die Menschen das Festival gemeinsam erleben können.“

Foto oben: „Die gesamte Veranstaltung wird ein totales Experiment“, räumt VHRAM!-Festivalchef Ulrich Schrauth ein.

VHRAM!-Festivalchef Ulrich Schrauth im virtuellen Videotalk im Oberhafen: „In einem Rundgang durch die Gleishalle, die die Firma INVR.Space virtuell nachgebaut hat“., so VHRAM!-Chf Ulrich Schrauth, „fühlt sich so an, als würde man durch ein Museum schlendern.“ © VHRAM!
VHRAM!-Festivalchef Ulrich Schrauth im virtuellen Videotalk im Oberhafen:
„In einem Rundgang durch die Gleishalle, die die Firma INVR.Space virtuell nachgebaut hat“., so VHRAM!-Chf Ulrich Schrauth, „fühlt sich so an, als würde man
durch ein Museum schlendern.“ © VHRAM!

Wie das funktionieren soll? Mit einem Zugang zum VRHAM!-Partner Museum of Other Realities nebst der passenden Ausrüstung. Laptop, Tablet oder Smartphone allein reichen da nicht, der User braucht auf jeden Fall auch eine hochwertige VR-Brille, um die gesamte Erlebniswelt des Festivals immersiv („eintauchen“ in lebendige Welten von VR-Spielen oder Erlebniswelten} zu erleben. Zum Beispiel bei einem Rundgang durch die Gleishalle, die die Firma INVR.Space virtuell nachgebaut hat. „Das fühlt sich so an, als würde man durch ein Museum schlendern“, sagt Ulrich Schrauth.

Physisches VR-VHRAM!-Festival 2019 in den Gleishallen des Oberhafen-Quartiers: Dr. Carsten Brosda hält die Eröffnungsrede. © Wolfgang Timpe
Physisches VR-VHRAM!-Festival 2019 in den Gleishallen des Oberhafen-Quartiers:
Dr. Carsten Brosda hält die Eröffnungsrede. © Wolfgang Timpe

Das Festival VHRAM! bildet quasi das Tor zur künstlerischen virtuellen Welt.“

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien

Wer das nachempfinden will, aber noch kein entsprechendes Equipment besitzt, kann bei der Firma Grover eine VR-Brille mieten. Sie wird dem Besteller nach Hause geschickt. Alternativ besteht die Möglichkeit, eine mobile VR-Brille wie Oculus Go zu nutzen. Mit ihr können Interessierte über MagentaVR an vielen halb-immersiven 360°-Experiences teilnehmen. Doch auch ohne das nötige technische Rüstzeug bleibt keiner ganz außen vor. Die YouTube-Videos werden für alle zugänglich sein.

Die Experience „Daughters of Chibok“ erzählt von jener Nacht am 14. April 2014, in der die Terrorgruppe Boko Haram in der nigerianischen Gemeinde Chibok 276 Schülerinnen aus ihren Schlafsälen entführte. © VHRAM!
Die Experience „Daughters of Chibok“ erzählt von jener Nacht
am 14. April 2014, in der die Terrorgruppe Boko Haram in der nigerianischen Gemeinde Chibok 276 Schülerinnen aus ihren Schlafsälen entführte. © VHRAM!

Am spannendsten sind aber die 18 Kunstwerke von Kreativen aus aller Welt. Ulrich Schrauth hat vor allem Joel ‘Kachi Bensons „Daughters of Chibok“ zutiefst berührt. Diese Experience erzählt von jener Nacht am 14. April  2014, in der die Terrorgruppe Boko Haram in der nigerianischen Gemeinde Chibok 276 Schülerinnen aus ihren Schlafsälen entführte. Während sich dieses Werk mit der globalen Frage nach Geschlechterrechten auseinandersetzt, spürt die südafrikanische Künstlerin Mary Sibande in „A Crescendo of Ecstasy“ der komplexen Beziehung zwischen Wirklichkeit, Fantasie und künstlerischer Imagination nach. Dabei kombiniert sie skulpturale Formen oder Figuren mit der virtuellen Realität.

Uns ist es wichtig, dass die Menschen das Festival gemeinsam erleben können.“

Ulrich Schrauth, künstlerische Leiter VHRAM!
Der mit 5.000 Euro dotierte VRHAMMY Award wird von einer hochkarätigen Jury vergeben: Liz Rosenthal, Programmleiterin der Wettbewerbssektion „Venice VR“ bei den Filmfestspielen Venedig, Kay Watson, Digital Curator an den Serpentine Galleries London, und Jessi Damiani, Chefredakteur von VRScout, wählen die beste internationale VR-Produktion aus. Szene aus „„Daughters of Chibok“ – © VHRAM!
Der mit 5.000 Euro dotierte VRHAMMY Award wird von einer
hochkarätigen Jury vergeben: Liz Rosenthal, Programmleiterin der Wettbewerbssektion „Venice VR“ bei den Filmfestspielen Venedig, Kay Watson, Digital Curator an
den Serpentine Galleries London, und Jessi Damiani, Chefredakteur von
VRScout, wählen die beste internationale VR-Produktion aus.
Szene aus „„Daughters of Chibok“ – © VHRAM!

Natürlich lässt VRHAM! auch die aktuelle Situation nicht außen vor. In einem Open Call wurden Künstler aufgerufen, sich mit der Auswirkung von Covid-19 zu beschäftigen. Sie reichten insgesamt 274 Arbeiten aus 16 Ländern ein. Ausgewählt wurden „Lithodendrum“ von Ida Kvetny sowie „New World“ von  den Amerikanern Kerenza Harris und Alessio Grancini. Farbenprächtig präsentiert sich die Experience der Dänin, die in „Lithodendrum“ Figuren in geschlossenen Abenteuerparks oder Einkaufszentren tanzen lässt. In „New World“ dagegen folgt der Betrachter den Hauptfiguren Astra und Yu auf ihrer Reise durch eine Welt im Chaos.

VHRAM!-Festivalchef Ulrich Schrauth im virtuellen Videotalk im Oberhafen: „In einem Rundgang durch die Gleishalle, die die Firma INVR.Space virtuell nachgebaut hat“., so VHRAM!-Chf Ulrich Schrauth, „fühlt sich so an, als würde man durch ein Museum schlendern.“ © VHRAM!
VHRAM!-Festivalchef Ulrich Schrauth im virtuellen Videotalk im Oberhafen:
„In einem Rundgang durch die Gleishalle, die die Firma INVR.Space virtuell nachgebaut hat“., so VHRAM!-Chf Ulrich Schrauth, „fühlt sich so an, als würde man
durch ein Museum schlendern.“ © VHRAM!

Vielleicht gewinnt ja eines dieser Werke den mit 5000 Euro dotierten VRHAMMY Award, der von einer hochkarätigen Jury vergeben wird. Liz Rosenthal, Programmleiterin der Wettbewerbssektion „Venice VR“ bei den Filmfestspielen Venedig, Kay Watson, Digital Curator an den Serpentine Galleries London, und Jessi Damiani, Chefredakteur von VRScout, wählen die beste internationale VR-Produktion aus. Zudem erhalten zwei künstlerische Teams eine digitale Residency. Während des Festivals geben sie online Einblick in den aktuellen Stand ihrer Arbeit, die von Mentoren begleitet wird.

Darüber hinaus sind digitale Panels, Keynotes, Partys plus ein Live-Programm mit CyberBallet geplant. „Die gesamte Veranstaltung wird ein totales Experiment“, räumt Ulrich Schrauth ein. Könnte es zukunftsweisend sein und dem realen Kulturerlebnis womöglich ein Ende setzen? „Sicher wird uns die digitale Form weiterhin begleiten“, erklärt Ulrich Schrauth. „Dennoch kann sie nicht die persönlichen Begegnungen bei einem Festival ersetzen.“ Allein deshalb wird das VRHAM!-Zentrum im Oberhafen auch in diesem Jahr zumindest für Ulrich Schrauth und einige seiner Mitarbeiter geöffnet sein. Die Abschlussveranstaltung, eine Kooperation mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Musiker Liam Byrne, findet dort live statt – allerdings ohne Publikum. Dagmar Leischow

Das VRHAM! findet vom 4. bis 7. Juni digital statt. Weitere Informationen unter www.vrham.de.

VR-Kunst kann neu hinterfragen

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, über Kunst und virtuelle und echte Realität

Kultursenator Dr. Carsten Brosda: „Die Technologie bietet uns die Möglichkeit, für einen Moment aus der echten Welt auszusteigen, neue Blickwinkel einzunehmen und gesellschaftliche Themen zu reflektieren. VR-Kunst steht aktuell an der Schwelle, eine eigene Kunstform zu werden.“ © Bertold Fabricius
Kultursenator Dr. Carsten Brosda: „Die Technologie bietet uns die Möglichkeit,
für einen Moment aus der echten Welt auszusteigen, neue Blickwinkel
einzunehmen und gesellschaftliche Themen zu reflektieren. VR-Kunst steht aktuell an der Schwelle, eine eigene Kunstform zu werden.“ © Bertold Fabricius

Aufgrund der Pandemie verlagern immer mehr Kulturinstitutionen ihre Angebote ins Netz. Ist das ein Konzept für die Zukunft?
Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: Mit wie viel Kreativität und Engagement viele Künstlerinnen, Künstler und Kultureinrichtungen Formate entwickelt haben, um ihre Kunst online zugänglich zu machen, hat mich sehr beeindruckt. Was da in kurzer Zeit entstanden ist, inhaltlich und technisch, ist großartig und wird sicher nachwirken. Aber es wurde auch deutlich, dass das kein dauerhafter Ersatz für Live-Erlebnisse vor Ort sein kann, denn der Kern von Kunst und Kultur ist es ja, Begegnungen und Austausch zu ermöglichen. Wo das gerade nicht möglich ist, sind digitale Formate ein sehr guter Weg. Das Team von VRHAM! hat in den vergangenen Wochen intensiv an der Frage gearbeitet, wie die gegenwärtige  Situation in eine Chance für das Festival und die Besucher und Besucherinnen, Partnerinnen und Partner umgewandelt werden könnte. Es hat ein Konzept entwickelt, das dem Publikum den Zugang ermöglicht und gleichzeitig der kulturellen Produktion ein Schaufenster bietet, sich trotz allgemeiner Einschränkungen zu präsentieren und diese zugleich zu reflektieren. Die diesjährige virtuelle Edition bietet die Chance, das Festivalformat einem breiteren, internationalen Publikum zugänglich zu machen – das ist in jedem Fall ein zukunftsfähiger Effekt.

Der Anwendungsbereich von VR ist inzwischen vielfältig, aber selten nur Spielerei. Auch in der Kunst erweitert VR die Ausdrucksmöglichkeiten.“

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien

Ab wann wird aus Virtual Reality Kunst und nicht bloß Spielerei? Mit neuen Technologien wie Virtual Reality verschmelzen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion immer stärker, verändert sich unsere Wahrnehmung von Bildern und unser Verhältnis zur Wirklichkeit grundlegend. Ob zur Visualisierung in Architektur und Mode, zur Simulation in der Luftfahrtindustrie oder in Form von künstlerischen Arbeiten: Der Anwendungsbereich von VR ist inzwischen vielfältig, aber selten nur Spielerei. Auch in der Kunst erweitert VR die Ausdrucksmöglichkeiten.

Welche Bedeutung messen Sie VR-Kunst bei? Die Technologie bietet uns die Möglichkeit, für einen Moment aus der echten Welt auszusteigen, neue Blickwinkel einzunehmen und gesellschaftliche Themen zu reflektieren. VR-Kunst steht aktuell an der Schwelle, eine eigene Kunstform zu werden. Immer mehr Künstlerinnen und Küstler bedienen sich ihrer ganz selbstverständlich als Tool, neben anderen Medien. Als einziges Festival für VR-Kunst in Deutschland zeigt dabei VRHAM!, auf welche unterschiedlichen Weisen Virtual Reality in der Kunst auch genreübergreifend zum Einsatz kommen kann, es bildet quasi das Tor zur künstlerischen virtuellen Welt.

Wie haben Sie Ihre erste VR-Erfahrung erlebt? Ich erinnere mich an Orientierungslosigkeit und schwammige Bilder, das Auge muss sich ja zunächst einmal umstellen und an den virtuellen Raum anpassen. Sehr eindrücklich war für mich die Arbeit «Home After War» aus dem letztjährigen Festivalprogramm von VRHAM!, die den Betrachter mitnimmt in den kriegsversehrten Irak und mich einen intensiven Perspektivwechsel hat erleben lassen, der für viele Menschen auf dieser Welt leider Wirklichkeit und keine virtuelle Realität ist. In solchen Momenten entfaltet VR-Kunst ihre Kraft – körperlich wie mental – und lässt einen vieles hinterfragen und kritisch reflektieren.
Die Fragen stellte Dagmar Leischow

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