»Ein Ort voller Leben und Zuversicht!«

Exklusiv. Die HafenCity Zeitung sprach mit Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant von ­Elbphilharmonie und Laeiszhalle, über Krisen, Konzertpreise und Plaza-Eintritt

Eigentlich ist er schon immer da – irgendwie, seit 2007, und bleibt bis 2029, dann wird er 22 Jahre in Hamburg gewirkt haben. Und eigentlich verströmt er für globale und lokale Künstler:innen wie für internationale Konzert-Musikfans und -Veranstalter als Generalintendant diese ganz eigene Wiener Mischung aus Klassik-Repertoire, gepflegten Pop-Experimenten und Künstler:innen-Zuneigung sowie die neugierige Suche nach neuen Musik-Performances und neuen Künstler:innen-Entdeckungen – in Hamburg und rund um den Globus. Eigentlich ist er, Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant von Elbphilharmonie und Laeiszhalle, der so charmant und mit so stillem Understatement auftritt, immer auf der Suche nach Veränderung, nach neuen Entdeckungen für sich, die Musikkunst und sein Publikum. 
Foto oben: Generalintendant Christoph Lieben-Seutter auf dem Besuchersofa in seinem Arbeitszimmer im zehnten Stock der Elbphilharmonie: „Dieser Ort hier hat mich vom ersten Tag an fasziniert, als ich vor dem noch nicht bebauten Kaispeicher A stand und spürte, wie unglaublich spannend und energiegeladen dieser Ort ist.“ © Catrin-Anja Eichinger

Ach, im Zweifel darf es auch gerne die Revolution in der Musik sein. Und wenn schon, dann gerne bei ihm und seinem Team und in seinen Häusern, denn nur erfolgreiches Wiederholungsmanagement von Konzertveranstaltungen schätzt er nicht. Christoph Lieben-Seutter sucht das Neue und Unentdeckte oder möchte als Ermöglicher und Ko-Produzent mit dazu beitragen. Er ist ein Musikkosmopolit, der seine Verortung immer auch in der Gesellschaft sieht. Auch deshalb freut er sich auf das Musikfest Hamburg 2023 im kommenden Frühjahr (siehe Seite 31), wenn dort unterchiedlichste Musikauffassungen und Künstler:innen sich mit dem Leben und der „Liebe“ (Motto) und künstlerischen Experimenten beschäftigen – und dem Publikum zum Prüfen präsentieren. 

Christoph Lieben-Seutter über den Großen Saal der Elbphilharmonie: „Dank den rund um das Podium angeordneten und steil ansteigenden Rängen sind die Konzertbesucher nicht nur nahe dran am Geschehen, sie nehmen immer auch gleich einige Hundert Mitbürger wahr, mit denen sie das gleiche Erlebnis teilen.“ © Catrin-Anja Eichinger
Christoph Lieben-Seutter über den Großen Saal der Elbphilharmonie: „Dank den rund um das Podium angeordneten und steil ansteigenden Rängen sind die Konzertbesucher nicht nur nahe dran am Geschehen, sie nehmen immer auch gleich einige Hundert Mitbürger wahr, mit denen sie das gleiche Erlebnis teilen.“ © Catrin-Anja Eichinger

L’art pour l’art ist nicht sein Ding. Musikkunst sollte auf sensible Ohren und kritischen Geist treffen und das Echo souverän aushalten können. Hauptsache, Kunst, Künstler:innen und Publikum und auch der Intendant selbst entwickeln sich weiter. Dann steht es für Lieben-Seutter gut um Musik, Kultur und Gesellschaft.

»Natürlich ist es die geniale architektonische Grundidee der Elbphilharmonie, an einem fantastischen Ort, der für Hamburg geradezu symbolisch ist: mitten in der Stadt, auf der einen Seite der Hafen, auf der anderen Seite die Bürgerstadt. Und das direkt am Wasser, an der Elbe. Aber auch der Besuch im Haus ist ein Erlebnis, eine Reise durch architektonische Welten.«
Christoph Lieben-Seutter

Und dass sich nach der Pandemie die Elbphilharmonie-Säle inzwischen nicht mehr Monate und Jahre im Voraus komplett von allein füllen, findet er nach dem Dauererfolg bis zur Pandemie natürlich schade, aber zugleich freut er sich als Elbphilharmonie-Chef auch auf die Herausfoderung für sich und sein Team, aufs Jahr gesehen einen erfolgreichen Konzertmix zu inszenieren, der am Ende eins neu leisten muss: Das heute in der Breite kritischere, finanzsensiblere und zögerlichere Publlikum zu immer kurzfristigeren Konzertbesuchen bewegen zu können. Für ihn positive Unruhe: „Das Publikum ist im besten Sinne selektiver geworden.“ Lesen Sie mal, was der Generalintendant sonst noch zu Krisen, Konzertpreisen und Plaza-Eintritt zu sagen hat.

Herr Lieben-Seutter, Sie, Ihr Publikum und die Stadt haben im Januar 2022 fünf Jahre Elbphilharmonie begeistert gefeiert. Im Februar hat dann Putin die Ukraine überfallen. Wie geht es Ihnen heute? Also hier, wenn ich in meinem schönen Büro sitze, geht es mir meistens den Umständen entsprechend gut. Ich bin gerne hier. Aber klar, seit ein paar Monaten ist die Welt nicht so wie früher. Das heißt, man hat jetzt so eine Grundunruhe, die man früher weniger hatte. Und sie begleitet einen durch den Alltag, der allerdings in der Elbphilharmonie immer noch recht zufriedenstellend ist. 

Sind wir auf dem Weg zurück zum Kalten Krieg? Das kann ich nicht beurteilen. Aber der Kriegsausbruch hat, glaube ich, das Selbstverständnis zumindest meiner Generation, wenn nicht überhaupt der Bevölkerung, erschüttert. Gerade wenn man sein Leben lang in Zeiten verbracht hat, die von Zuversicht, positiver Entwicklung und Wachstum geprägt waren, macht das was mit den Menschen. Dazu kommen die Klima- und Umweltthemen, die akutes Handeln erfordern und auf eine Jugend treffen, die nicht mehr vertröstet werden will. Es ist traurig, dass wir Menschen dieselben alten Fehler immer wieder machen. Und dass das unsere Welt und die meiner und unserer Kinder nachhaltig beeinträchtigt, ist zum Greifen nah.

Intendant Christoph Lieben-Seutter an seinem Schreibtisch: „Gute Musik ist ein gutes Konzert, aus dem man ein bisschen anders herauskommt, als man hineingegangen ist.“ © Catrin-Anja Eichinger

Darf man es sich in seiner Rolle als Intendant „gönnen“, depressiv oder wütend zu sein, oder müssen Sie als Intendant eher ausgleichend wirken? Bis zu einem gewissen Maße natürlich. Aber ich fühle schon eine Verantwortung nicht nur gegenüber dem Publikum und den Künstlern, sondern auch gegenüber meinem Team und allen anderen Stakeholdern, eine positive und motivierende Einstellung zu haben – und auch bei bestimmten gesellschaftlichen Themen Position zu beziehen und Haltung zu zeigen.

Sie und Ihr Publikum ha­ben im Januar 2022 fünf Jahre Elbphilharmonie gefeiert. Wie fällt Ihre Konzerthaus-Bilanz jetzt aus? Absolut positiv. Nach fünf Jahren konnte man wirklich sagen, dass die Elbphilharmonie auch nach dem Abklingen der geradezu hysterischen Angangsbegeisterung auf vielen Ebenen ein großer Erfolg geworden ist. Das vergangene Jahr hat noch einmal bestätigt, dass das Publikum, das ja nach dem Lockdown nur bei reduzierten Kapazitäten in den Saal durfte, mittlerweile mehr oder weniger vollzählig zurückgekommen ist. Damit sind wir eine sehr privilegierte Kulturinstitution, denn die Menschen entscheiden sich kurzfristiger für Konzertbesuche und schauen auch mehr aufs Geld als früher. Die Elbphilharmonie ist jedoch ungebrochen eine große Attraktion, sowohl für Erstbesucher als auch für Wiederholungstäter und Stammgäste.

»Und deswegen ist es so aufregend und herausfordernd, laufend dafür zu ar­bei­ten, dass die Zukunft spannend bleibt, dass es immer neue Ideen und neue Programme gibt. Wir müssen konstant unsere Neugier bewahren und dürfen nie in Routine verfallen. Nur so bleiben wir auch relevant.«
Christoph Lieben-Seutter

Wie erklären Sie sich diesen Erfolg, da zum Beispiel Theater und Kino zurzeit zum Teil deutlich weniger Besucher:innen haben? Hat die Elbphilharmonie eine Sonderstellung? Es ist eine glückliche Fügung aus verschiedenen Faktoren. Natürlich ist es zum einen die geniale architektonische Grundidee der Elbphilharmonie, an einem fantastischen Ort, der für Hamburg geradezu symbolisch ist: mitten in der Stadt, auf der einen Seite der Hafen, auf der anderen Seite die Bürgerstadt. Und das direkt am Wasser, an der Elbe. Aber auch der Besuch im Haus ist ein Erlebnis, eine Reise durch architektonische Welten, für die man sich ja auch Zeit nehmen muss. Man fährt mit der Tube langsam nach oben, kann auf der Zwischenplattform den ersten Hafenausblick wahrnehmen, bevor man auf die Plaza kommt. Weiter geht es durch das wunderbare Foyer des Großen Saales mit seiner unregelmäßigen Struktur, die immer neue Sichtbeziehungen erzeugt. Wenn die Besucher dann endlich in den Konzertsaal kommen, ins Allerheiligste sozusagen, sind sie in einer ganz anderen Weise bereit und aufnahmefähig, etwas Besonderes zu erleben.

VITA – Christoph Lieben-Seutter

ist Generalintendant der Konzerthäuser Elbphilharmonie und Laeiszhalle in Hamburg. Der Vertrag des 58-Jährigen wurde jüngst vorzeitig bis 2029 verlängert. Lieben-Seutter war Gründungs­intendant der Elbphilharmonie, führte das Haus in den ersten Jahren zu internationaler Anerkennung, die der Elbphilharmonie bis zum Beginn der Corona-Pandemie vollständig ausverkaufte Vorstellungen bescherte. Ferner gelang es ihm, durch einen klugen Mix höchstwertiger Klassikkonzert- und Weltorchester-Angebote mit anspruchsvollen Auftritten internationaler Stars aus Jazz, Pop und Weltmusik sowie auch der Präsentation experimenteller Neuer Musik ein diverses, auch jugendliches Publikum für das Konzerthaus, das neue Wahrzeichen Hamburgs, zu gewinnen. 
Zuvor führte er von 1996 bis 2007 als Intendant das Wiener Konzerthaus und das Festival Wien modern. Christoph Lieben-Seutter ist mit der Librettistin und Schauspielerin Theresita Colloredo verheiratet. Das Paar hat drei erwachsene Töchter.
 

Und das hält bis heute an? Ja. Diese Faszination spüren die Besucher ebenso wie auch die Künstler auf der Bühne. Auch deshalb kommt es ganz oft zu außergewöhnlichen musikalischen Erlebnissen. Obwohl die Menschen heute genauer schauen, was sie sich leisten wollen, gehört die Elbphilharmonie nach wie vor zu den Dingen, die man nicht versäumen darf. Nach den zwei Covidjahren war die Nachfrage zunächst noch etwas zögerlich, seit August sind die Säle wieder mehr oder weniger voll. Die Saison hat auch mit einem Feuerwerk internationaler Orchestergastspiele begonnen, das anderorts schon ein Festival für sich gewesen wäre. Das zeigt, dass die Elbphilharmonie auch mitten in der Krise ein Ort voller Leben und Zuversicht sein kann. 

Haben Sie eine Erklärung dafür? Neben der Attraktion des Gebäudes ist es auch die Form des Großen Saales, die dafür sorgt, dass Konzerte als Gemeinschaftserlebnisse wirken. Dank den rund um das Podium angeordneten und steil ansteigenden Rängen sind die Konzertbesucher nicht nur nahe dran am Geschehen, sie nehmen immer auch gleich einige Hundert Mitbürger wahr, mit denen sie das gleiche Erlebnis teilen. So ist ein Konzert auch ein soziales Ereignis, das unserer Seele irgendwie guttut. Das hat sich so richtig 2021 gezeigt, als die Menschen in den ersten Konzerten nach sieben Monaten Lockdown Tränen in den Augen hatten, weil sie endlich wieder da sein konnten. Dazu kommt die intensive, klare Akustik, die für eine besonders hohe Konzentration und Aufmerksamkeit im Saal sorgen kann.

»Nicht den Humor verlieren! Es ist eine große Stärke von uns Menschen, dass wir gerade in schwierigen Zeiten resilient werden können. Und da hilft es immer wieder, auch einmal zu lachen.«
Christoph Lieben-Seutter

Wie erleben Sie es, dass das Publikum individueller angesprochen werden möchte als vor der Pandemie? Das Publikum ist im besten Sinne selektiver geworden. In den ersten Jahren war jedes Konzert ausverkauft, unabhängig von Besetzung, Programm und Kartenpreisen. Das ist vordergründig für jeden Veranstalter traumhaft, aber nicht unbedingt nachhaltig. Wir haben diese Zeit genutzt, um das Programm zu profilieren – einerseits die großen Namen der Klassik und das Standardrepertoire auf höchstem Niveau, andererseits auch Raritäten und viele aufregende, aber hierzulande noch nicht bekannte Künstler zu präsentieren und die Saison durch eine Reihe von Festivals und Themenschwerpunkten zu strukturieren. Jetzt merken wir sehr wohl, dass Ticketpreise aber auch Wochentage bei der Kaufentscheidung eine Rolle spielen, ungewöhnliches Repertoire aber noch immer gerne genommen wird. 
Die Elbphilharmonie hat einen tollen Ruf beim Publikum, Unbekanntes und spannend Neues zu bieten. Dies gilt auch jenseits der Klassik, wo etwa Themen wie Afrofuturismus oder das „Sufi Festival“ ein begeistertes und sehr diverses Publikum finden.

Aufregung verursachte jüngst die Idee der Stadt, für den Besuch der Plaza bis zu fünf Euro Eintritt zu nehmen. Was sagen Sie dazu? Das ist keine neue Idee, sondern vielmehr das ursprüngliche Betriebskonzept. Die Plaza-Gebühr ist seit 2016 in den Beschlusslagen des Senats und in der Bürgerschaft vorgesehen – und sollte nur in der ersten Saison ausgesetzt werden, um allen Hamburgern einen Gratisbesuch zu ermöglichen. Aus diesem einem Jahr wurden sechs, die Betriebsgesellschaft der Elbphilharmonie ist allerdings nicht mehr in der Lage, sich selbst zu tragen, wie im Betriebskonzept vorgesehen. In den ersten Jahren hat das gut funktioniert, dann kamen die Einschränkungen durch die Pandemie und insbesondere die Lockdowns, die wir nur dank großzügiger Unterstützung durch die Stadt Hamburg und den Bund durchstehen konnten. 

Was hoffentlich nicht wieder notwendig wird. In Wahrheit ist das eine politische Entscheidung. In den langfristigen Businessplänen war die Plaza-Gebühr dafür vorgesehen, zukünftige Kostensteigerungen aufzufangen. Genau an der Stelle sind wir jetzt, weshalb die Diskussion darum virulent ist.

Die Plaza ist zu einem bürgernahen libertären Symbol geworden. Das wieder abzuschaffen bringt Unruhe. Natürlich finde ich es auch gut, dass die Elbphilharmonie Plaza frei zu besuchen ist. Auf der anderen Seite sind wir mit enormen Kostensteigerungen konfrontiert, etwa bei Personal und Energie. Wenn der Plaza-Eintritt nicht wie vorgesehen zur Verfügung steht, muss die Stadt das Defizit mit Millionen ausgleichen und da kann man sich fragen, warum alle Hamburger Steuerzahler und nicht nur die Besucher der Plaza zur Kasse gebeten werden sollen. Es kommen keine einfachen Jahre auf uns zu und ich persönlich finde, dass es einige Aufgaben der öffentlichen Hand gibt, die wichtiger sind als die Gewährleistung eines freien Plaza-Besuchs. Zumal rund 80 Prozent der Plazabesucher von auswärts kommen und viele bereit sind, etwas zu bezahlen. Wenn sie sich mal an den Schalter stellen, wo die Tickets ausgegeben werden, zückt gefühlt jeder Zweite seine Geldbörse.

Sie haben vorzeitig Ihren Vertrag bis 2029 verlängert. Sie werden dann 22 Jahre lang Chef der der beiden Häuser sein. Warum bleiben Sie? Gibt es neue Schwerpunkte? Es gibt laufend neue Schwerpunkte. Die Pandemie hat uns ja auch gelehrt, ein bisschen kurzfristiger zu planen, was auch Vorteile hat, weil man noch schneller auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren kann. So ergibt sich dann die Gelegenheit, Künstlerinnen und Künstler mit wenigen Wochen Vorlauf zu engagieren, beispielsweise zu Beginn des Ukrainekriegs, als wir Benefizkonzerte organisieren konnten. Dieser Freiraum ist für die Elbphilharmonie, die vor der Pandemie über viele Monate ausgebucht war, neu und mir sehr willkommen. 

Was wollen Sie denn noch bei der Elbphilharmonie weiterentwickeln? Abgesehen von vielen noch nicht umgesetzten Programmideen wünsche ich mir, dass wir im Publikum einen breiteren Querschnitt der Gesellschaft abbilden. Zu viele denken immer noch: „Elbphilharmonie, die ist nicht für mich, sondern nur für Leute, die viel Zeit und Geld haben.“ Aber das ist nicht so. Wir haben ein riesiges Angebot speziell für Familien, Kinder und Schulklassen, mit dem wir Musikvermittlung in verschiedene Stadtteile tragen. Gerade auf diesem Gebiet sehe ich noch ein großes Potenzial, weil man sich ja auch den Kopf zerbrechen muss: Wie entwickelt sich die Gesellschaft? Wie setzt sich die Bevölkerung in fünf oder in zehn Jahren zusammen? Wie relevant wird ein Kulturbetrieb dann sein? Das sind Fragen, die uns im Team die kommenden Jahre beschäftigen werden.

Sind die Menschen sensibler geworden, was die Ticketpreise angeht? Nicht generell. Im Spitzensegment besteht wenig Preissensibilität. Konzertbesucher, die Anne-Sophie Mutter, Cecilia Bartoli oder die Wiener Philharmoniker erleben wollen, zahlen schon mal über 200 Euro und vertragen auch, wenn die Karten nochmal teurer werden. Für das alltägliche gute Konzert in der mittleren Preisklasse jedoch scheinen 100 Euro für die beste Kategorie eine ziemliche Wegscheide zu sein. 100 Euro für ein Konzertticket ist auch wirklich viel Geld. Deshalb haben wir von Anfang an bei den eigenen Veranstaltungen und auch beim NDR Elbphilharmonie Orchester das Konzept verfolgt, dass es auch in teuren Konzerten immer auch sehr preiswerte Karten gibt. Selbst wenn bei den Wiener Philharmonikern die Preise bis 220 Euro gehen, kostet die günstigste Kategorie nur 15 Euro. So hat jede Geldbörse eine Chance, dabei zu sein.

Das Thema wird uns weiter beschäftigen. Überall, wo wir hinblicken, begegnet uns das Thema, dass wir die Gürtel enger schnallen müssen und dass es vor allem auch an Personal fehlt, was auch eine demoskopische Entwicklung ist, die sich durch die aktuellen Krisen-Parameter beschleunigt hat. Es kann also durchaus sein, dass wir künftig einfach weniger Menschen sein werden und daher bestimmte kulturelle Angebote auf Dauer neu strukturieren müssen. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs und ganz egal, in welchem Business man unterwegs ist: Niemand kann einfach so weitermachen wie bisher.

Was ruft der Weltbürger, der Musik-Kosmopolit, der Sie qua Beruf sind, den Menschen in diesen harten Zeiten zu? Nicht den Humor verlieren! Es ist eine große Stärke von uns Menschen, dass wir gerade in schwierigen Zeiten resilient werden können. Und da hilft es immer wieder, auch einmal zu lachen.

Was gibt Ihnen den täglichen Kick, hier ins Intendantenbüro im zehnten Stock zu kommen? Das sind der Platz und das Gebäude. Dieser Ort hier hat mich vom ersten Tag an fasziniert, als ich vor dem noch nicht umgebauten Kaispeicher A stand und spürte, wie unglaublich spannend und energiegeladen dieser Ort ist. Und so ist es bis heute. Wenn ich ins Haus komme oder es spät abends verlasse, erlebe ich jedes Mal positive Energie, weil dies ein fantastischer Ort ist und die Elbphilharmonie eines der wichtigsten Konzerthäuser der Welt geworden ist, das ich zum Glück leiten darf. Und dazu gehört auch, dass wir, nachdem wir mal zu dritt begonnen haben, hier inzwischen ein Team von über 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind. Es ist eine erweiterte Art von Familie, mit der man und über die man sich freut und die man nicht so leicht im Stich lässt.

Sie werden am Ende Ihres aktuellen Vertrages 65 Jahre jung sein. Wollen Sie mit der Elbphilharmonie „alt“ werden? Nein (schmunzelt). Aber dann kann es nach 22 Jahren Hamburg und zwölf Jahren Konzerthausleitung von Elbphilharmonie und Laeiszhalle auch mal gut sein. Man muss auch irgendwann mal Platz machen für die nächste Generation.

Sie sind Österreicher. Was fehlt dem Musikbürger aus Wien in Hamburg? Musikalisch fehlt mir nichts mehr. Das Einzige, was hier im Norden fehlt, sind ein paar Berge am Horizont – wenigstens ein Wienerwald. Das ist meine einzige Beschwerde über Hamburg (lacht).

Welchen Traum möchten Sie sich beruflich wie auch privat noch erfüllen? Also allein die Chance, dass ich hier in sieben Jahren ein noch immer vibrierendes, lebendiges und relevantes Haus übergeben könnte, wäre ein super Traum. Es ist nämlich gar nicht so leicht, weiter erfolgreich zu sein, wenn man schon fast alles erreicht hat, was man sich vorgenommen hat. Und das hatten wir mit der Elbphilharmonie schon sehr bald nach der Eröffnung. Danach konnte es eigentlich nur bergab gehen – auf den ersten Blick. Und deswegen ist es so aufregend und herausfordernd, laufend dafür zu arbeiten, dass die Zukunft spannend bleibt, dass es immer neue Ideen und neue Programme gibt. Wir müssen konstant unsere Neugier bewahren und dürfen nie in Routine verfallen. Nur so bleiben wir auch relevant.ur so bleiben wir auch relevant.

Wie schalten Sie ab? Am ehesten in der Natur und in den Bergen – und durchaus auch im Konzert und beim Musikhören. Das Tolle ist ja, dass das meine Pflicht und mein Vergnügen, also meine Therapie ist.

Was ist gute Musik? Gute Musik ist ein gutes Konzert, aus dem man ein bisschen anders herauskommt, als man hineingegangen ist.
Das Gespräch führte Wolfgang Timpe