»Ich kam mit 5 Mark in der Tasche nach Hamburg!«

Lebenswerk. Vincenzo Andronaco kam als 18-jähriger Sizilianer nach Hamburg. Heute beschäftigt sein Unternehmen rund 400 Menschen und bringt italienische Lebensart in die HafenCity. Jetzt erhielt der Unternehmer eine der höchsten Auszeichnungen Italiens

Es gibt Geschichten, die kann sich kein Drehbuchautor besser ausdenken. Ein junger Sizilianer verlässt 1970 sein Heimatdorf und reist nach Hamburg. Nicht wegen einer vielversprechenden Geschäftsidee, nicht wegen eines lukrativen Arbeitsplatzes. Der Grund gab er 2016 im Interview mit der »Zeit« an: „wegen der Mädchen“. Ein Freund hatte ihm von Hamburg vorgeschwärmt, von Diskotheken und hübschen Frauen. Zwei Wochen später saß Vincenzo Andronaco im Zug Richtung Norden. Mehr als ein halbes Jahrhundert später steht derselbe Mann im Quirinalspalast in Rom und erhält aus den Händen des italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella eine der höchsten Wirtschaftsauszeichnungen seines Heimatlandes. Aus dem jungen Italiener wurde ein erfolgreicher Unternehmer. Und aus Hamburg seine zweite Heimat.
Foto oben: Der aus Sizilien stammende Hamburger Unternehmer Vicenzo Andronaco erhielt vom italienischen Staatspräsidenten für sein Lebenswerk den »Cavaliere del Laxoro«, die Auszeichung als »Ritter der Arbeit«. © Catrin-Anja Eichinger

Am 21. Oktober 2026 zeichnete Mattarella den heute 74-jährigen Hamburger Unternehmer mit dem Titel »Cavaliere del Lavoro« aus. Die Auszeichnung, übersetzt: »Ritter der Arbeit«, erhalten jährlich höchstens 25 Unternehmerpersönlichkeiten für ihre besonderen Verdienste um die italienische Wirtschaft. Andronaco ist erst der zweite italienische Unternehmer, der diese Ehrung für sein wirtschaftliches Wirken in Deutschland erhält.

„Als ich vor mehr als 50 Jahren mit fünf Mark in der Tasche nach Deutschland kam, hätte ich mir niemals träumen lassen, eines Tages vom italienischen Staatspräsidenten ausgezeichnet zu werden“, erklärte Andronaco nach der Ehrung. Er empfinde große Freude, Stolz und Dankbarkeit. Besonders wichtig sei ihm, dass auch seine Mitarbeiter, Geschäftspartner und langjährigen Wegbegleiter Anteil an dieser Auszeichnung haben.

Der einzigartige Erfolg mit italienischer Lebensart und authentischen italienischen Produkten
des Großhändlers Vincenzo Andronaco in Hamburg. © Kennedy Production

Seine Geschichte begann am 18. Januar 1970. Um 7.10 Uhr erreichte der damals 18-Jährige den Hamburger Hauptbahnhof. An diese Ankunft erinnert sich Andronaco noch heute genau. In seiner sizilianischen Heimat nahe Messina herrschten angenehme 20 Grad. In Hamburg erwarteten ihn nach seiner Erinnerung minus 20 Grad und Schnee. Er trug Mokassins, ein Poloshirt und ein leichtes Sakko. Auf einen norddeutschen Winter hatte ihn niemand vorbereitet.

Zunächst verdiente er sein Geld in einer Aluminiumfabrik, später auf Baustellen. Doch Andronaco wollte mehr. Er wollte ein eigenes Unternehmen aufbauen und seine Eltern stolz machen. 1983 eröffnete er am Barmbeker Bahnhof einen gerade 1×4 Quadratmeter großen Obst und Gemüsestand. Dort verkaufte er neben Äpfeln und Beeren auch Produkte, die viele Hamburger damals kaum kannten. Auberginen, Mangold oder grüner Spargel gehörten dazu. Seine italienischen Wurzeln und sein Gespür für Lebensmittel entwickelten sich zum Fundament seines späteren Erfolgs.

Vincenzo Andronaco vor einem seiner Auslieferungs-Lkws vom Großmarkt anno 1991. © Kennedy Production

Später wechselte Andronaco auf den Hamburger Großmarkt. Dort begann er zunächst mit 25 Quadratmetern Verkaufsfläche und baute seinen Handel Schritt für Schritt aus. Er belieferte zunehmend italienische Restaurants und entdeckte eine Marktlücke. Viele Gastronomen suchten authentische Zutaten aus Italien, die in Deutschland nur schwer erhältlich waren. Andronaco knüpfte Kontakte zu Produzenten, importierte Spezialitäten und erweiterte sein Sortiment. Im Jahr 2000 wagte er den nächsten großen Schritt und eröffnete seinen Großmarkt in Billbrook.

Der Start verlief keineswegs reibungslos. Die Kosten waren hoch, die Kundschaft blieb zunächst aus. Zeitweise stand das Unternehmen wirtschaftlich unter erheblichem Druck. Doch Andronaco hielt an seiner Idee fest. Seine Lieferanten unterstützten ihn, zufriedene Kunden empfahlen den Markt weiter. Ab 2002 ging es wirtschaftlich aufwärts. Heute arbeitet sein Unternehmen nach eigenen Angaben mit rund 300 italienischen Produzenten zusammen. Das jährliche Einkaufsvolumen liegt bei rund 50 Millionen Euro. Neun Standorte und etwa 400 Beschäftigte nennt das Unternehmen seine Business-Kennziffern.

Einer der Erfolge von Vincenzo Andronaco in Deutschland ist das mit Liebe
und Leidenschaft gelebte Verhältnis zu seinen über 300 italienischen Lieferanten – hier bei
einem apulischen Winzer. © Kennedy Production

Auch die HafenCity gehört seit mehr als elf Jahren zu dieser Erfolgsgeschichte. Im Juli 2015 eröffnete Andronaco seine Filiale am Sandtorkai 44, direkt am Überseeboulevard. Dort hatte zuvor das Restaurant La Baracca seine Gäste empfangen. Andronaco brachte ein neues Konzept in das Quartier. Auf rund 900 Quadratmetern verband er einen italienischen Supermarkt mit einem großzügigen Bistro, einer Pizzeria, einer Kaffeebar und einer eigenen Gelateria.

Besonders eindrucksvoll war schon damals der eigens aus Italien angelieferte Pizzaofen mit einem Gewicht von rund drei Tonnen. Eine große Terrasse ergänzt das gastronomische Angebot. Im Supermarkt finden Kunden italienische Weine, Pasta, Käse, Wurstwaren, Olivenöl und zahlreiche Spezialitäten, die Andronaco über Jahrzehnte bei seinen Produzenten entdeckt hat.

Keine Auslieferung italienischer Genusskultur von Andronaco ohne seine
Großmarkt-Lkws mit Früchten und Gemüse. © Kennedy Production

Der Standort entwickelte sich zu einer festen Adresse im Überseequartier. Wer mittags Pizza, Pasta oder Pesce essen, nachmittags einen Espresso trinken oder abends italienische Lebensmittel für zuhause einkaufen möchte, findet hier alles unter einem Dach. Die HafenCity Filiale zeigt besonders deutlich, was Andronaco mit seinem Unternehmen erreichen wollte. Er verkauft nicht nur Lebensmittel, er bringt ein Stück italienischen Alltag nach Hamburg.

Dabei hat sich die italienische Esskultur in Deutschland seit seinen Anfängen grundlegend verändert. Als Andronaco seinen ersten Stand eröffnete, kannten viele Kunden weder bestimmte Gemüsesorten noch die Vielfalt italienischer Pasta. Heute gehören diese Produkte selbstverständlich zum deutschen Speiseplan. Andronaco hat diese Entwicklung über Jahrzehnte begleitet und mitgeprägt.

Authentische Produkte von rund 300 italienischen Lieferanten prägen der jahrzehntelangen Erfolg des sizilianischen Unternehmers Vincenzo Andronaco in Hamburg. © Kennedy Production.

Trotz seines wirtschaftlichen Erfolgs hat der gebürtige Sizilianer seine Heimat nie vergessen. Seine Beziehungen zu italienischen Herstellern reichen weit über gewöhnliche Geschäftsverbindungen hinaus. Gerade kleinere Familienbetriebe erhielten durch sein Unternehmen Zugang zum deutschen Markt. Für diese wirtschaftliche Brücke zwischen beiden Ländern ehrte ihn nun der italienische Staatspräsident.

Und was ist aus dem jungen Mann geworden, der einst wegen der Mädchen nach Hamburg kam? Ein Unternehmer, der aus vier Quadratmetern Verkaufsfläche ein Unternehmen mit Hunderten Beschäftigten aufgebaut hat. Ein Italiener, der in Hamburg zu Hause ist und seiner Herkunft treu bleibt. Bei der Verleihung in Rom brachte er seine Verbundenheit mit beiden Ländern auf den Punkt. „Hamburg ist längst meine zweite Heimat geworden, aber Italien wird immer ein Teil von mir bleiben.“

Für die HafenCity bleibt er vor allem der Mann, der am Überseeboulevard seit 2015 dafür sorgt, dass ein kleiner Ausflug nach Italien auch ohne Flugticket möglich ist. Jimmy Blum

www.andronaco.de

Die Gastronomie- und Großhandelskaufmanns-Karriere begann für Vincenzo Andronaco 1983 mit der Eröffnung eines Obst- und Gemüsestandes am Barmbeker Bahnhof. © Kennedy Production.

Nachrichten von der Hamburger Stadtküste

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