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Eigentlich wollte Campino in seinem Buch „Hope Street. Wie ich einmal englischer Meister wurde“ nur seine Leidenschaft für seinen Lieblingsverein FC Liverpool zum Ausdruck bringen. Doch dann floss auch seine Familiengeschichte in das literarische Erstlingswerk des Sängers der Toten Hosen ein

Kann Campino überhaupt länger als drei Minuten stillsitzen? Diese Frage stellt der Moderator Marco Seiffert zu Recht, bevor der Sänger der Toten Hosen bei der Abschlussveranstaltung des Harbour Front Literaturfestivals in der Elbphilharmonie aus seinem Buch „Hope Street. Wie ich einmal englischer Meister wurde“ liest. Schließlich wirbelt der 58-Jährige normalerweise bei den Auftritten seiner Band wie ein Derwisch über die Bühne.

Foto oben: Campino und die Toten Hosen: Meist singt er während seiner 90-minütigen Darbietung allerdings auf Englisch – mal stimmt er den Gerry-&-The-Pacemakers-Klassiker „Ferry cross the Mercy“ an, mal die FC-Liverpool-Stadionhymne „You’ll never walk alone“. © Gabo

Das geht an diesem Abend allein wegen der Hygieneregeln nicht. Selbst wenn Campino singt, darf er nicht von seinem Hocker aufspringen. Aber meistens sitzt er ja sowieso am Schreibtisch, um ein paar Kapitel aus seinem Buch vorzutragen, das nicht den geringsten Zweifel an seiner Leidenschaft für den FC Liverpool lässt. Seine Liebe zu diesem Fußballverein verdankt der Sohn einer Engländerin und eines Deutschen seiner Verwandtschaft mütterlicherseits. Folgerichtig wurde ihm beim Verfassen seines literarischen Erstlingswerks ziemlich schnell bewusst, dass seine Familiengeschichte nicht außen vor bleiben konnte.

Biografie-Schreiberpremiere und FC-Liverpool-Fan Campino der salonfähigen Punkband die Toten Hosen: „Mein Sohn kann nicht mein Freund sein.“ © Harbour Front Literaturfestival | Torsten Brumm
Biografie-Schreiberpremiere und FC-Liverpool-Fan Campino der salonfähigen Punkband die Toten Hosen: „Mein Sohn kann nicht mein Freund sein.“ © Harbour Front Literaturfestival | Torsten Brumm

So bringt er bei seiner Lesung den Zuschauern seine Eltern ebenfalls näher. Seine Mutter, die in Oxford studiert hatte, plagte oft Heimweh. Das versuchte sie im British Women’s Club zu stillen, wo es ihr jedoch zu steif zuging. Zumindest zu Anfang. Später übernahm sie den Vorsitz dieses Clubs. Ihre familiären Pflichten vernachlässigte sie dennoch nie. Vor der Schule schmierte sie für ihre sechs Kinder Brote. Sie kochte für ihren Mann, einen Richter, der ständig zwischen ihr und seiner Mutter hin und her gerissen war.

Auch die Kinder hatten es nicht immer leicht mit ihrem Vater. Der Oberstleutnant der Reserve konnte seinen Sprösslingen für eine verhauene Lateinarbeit ein richtiges Donnerwetter bescheren, auf der anderen Seite weinte er, wenn er im Fernsehen die Serie „Das Haus am Eaton Place“ guckte. Dass er durchaus nachdenklich-sensibel sein konnte, wird spätestens in dem Moment klar, als Campino einen Brief vorliest, den seinen Vater als Soldat im Zweiten Weltkrieg an seine Eltern schickte. Nicht nur deshalb hegte Campino mit der Zeit mehr Sympathie für seinen alten Herrn, als während seiner Jugend. Durch seine eigene Vaterschaft verstand er ihn einfach besser. Bisweilen ertappt er sich heute gar dabei, ganz ähnliche Erziehungsprinzipien wie sein Vater anzuwenden: „Ich erteile manchmal Befehle, wenn es mir reicht.“ Sein Fazit: „Mein Sohn kann nicht mein Freund sein.“

Da lag es fast schon auf der Hand, dass er für seinen Vater die Nummer „Draußen vor der Tür“ schrieb, die er nun mit dem Hosen-Gitarristen Kuddel vorträgt. Meist singt er während seiner 90-minütigen Darbietung allerdings auf Englisch –  mal stimmt er den Gerry-&-The-Pacemakers-Klassiker „Ferry cross the Mercy“ an, mal die FC-Liverpool-Stadionhymne „You’ll never walk alone“. Dieser Verein wird derzeit von Jürgen Klopp trainiert, den Campino natürlich schon zuhause besucht hat. Auch davon erzählt er durchaus humorvoll in seinem Buch. Etwa wenn er auf die Rolle von Klopps Frau Ulla zu sprechen kommt, die nach einem Sieg des FC Liverpool auf eine Mülltonne stieg, um ihrem Mann zuzujubeln. Danach wurde sie in der britischen Presse als „Ulla on the bin“ gefeiert.

So endet schließlich ein Abend, der sowohl die nachdenklichen als auch die lustigen Momente wunderbar ausgeleuchtet hat. Nach dieser großartigen Lesung inklusive Musik- und Interviewpassagen kann man Campino einfach nur sympathisch finden. Er wird völlig zu Recht mit Standing Ovations verabschiedet. Dagmar Leischow

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