Kolumne #106. HCZ-Kolumnist Jan Ehlert schreibt in seiner Kolumne »Literatur zur Lage« unter anderem vor der Folie der jüngsten Landtagswahlergebnisse über Heimat und Menschlichkeit, u.a. anhand des Buchs »Die Lücken« von Shida Bazyar

dort helfen, wo es nötig ist, ohne nach dem Woher oder Wohin zu fragen. Goethe und Schiller,
sie würden uns applaudieren.“ © Agnes Fitek
Voller Angst drückt sich Asrin auf die Sitzbank. Sie ist schwanger, die Wehen haben eingesetzt, und nun ist sie im Taxi, auf dem Weg ins Krankenhaus. In Deutschland, einem Land, dessen Sprache sie kaum beherrscht. Dass ihr fremd und kalt erscheint. Doch dann nimmt sich die beherzte Taxifahrerin ihrer an, bringt sie bis in den Kreißsaal, wo sie von freundlichen Ärztinnen erwartet wird. „Erst in diesem Moment, würde Asrin später denken, war ich sicher. Davor war ich einfach nur in Deutschland.“
Foto oben: Die Vereinten Nationen als Symbol für eine globale Heimat für jeden Menschen, „wenn nötig ohne nach dem Woher und Wohin zu fragen“. © picture alliance / Caro | Bastian
Asrins Geschichte ist eine von vielen, die Shida Bazyar in ihrem herausragenden Roman „Die Lücken“ erzählt. Das Buch steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Es ist ein Heimatroman, verortet in einem kleinen Dorf im Hunsrück, könnte aber überall spielen. Und Bazyars große Kunst ist es, dass sie den Begriff „Heimat“ hier neu definiert. Die Lücken sieht, die in unseren bisherigen Vorstellungen davon auftauchen. Lücken, die sie nun mit neuen Stimmen füllt.
»Zur Nation euch zu bilden, ihr hofftet es, Deutsche, vergebens /
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«
Friedrich Schiller
Dieser Roman ist auch deshalb so hervorragend, weil er ein poetisches und protestierendes Gegenbild setzt gegen all jene, die den Heimatbegriff in Deutschland wieder einmal nur bestimmten Menschen zugestehen wollen. Die „Heimat“ als Abgrenzung verstehen gegenüber allen, die nach ihren Vorstellungen nicht zu Deutschland dazugehören. Das Deutschland von Goethe und Schiller wird dabei gern als Vorbild zitiert. Dabei hatte schon Goethe für diese „hundert Tyrannen“, wie er sie nannte, nur Spott übrig: „Teutschland soll rein sich isolieren / einen Pest-Cordon um die Gränze führen / dass nicht einschleiche fort und fort / Kopf, Körper und Schwanz von fremdem Wort“ karikierte er sie und ihre Anliegen in seinem Gedicht „Purismus“. Und auch Schiller schaute lieber in die Welt als auf die Nation: „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden / Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf“ heißt es in seinem berühmten Distichon.
Man möchte mit Schiller mitseufzen, denn in dem, was sich politisch gerade bei den Landtagswahlen gezeigt hat, fällt es schwer, das Deutschland wiederzuerkennen, das sich mit seiner Weltoffenheit und seiner Menschlichkeit international Respekt erworben hat. Das aus den Trümmern der unmenschlichen Verbrechen des Holocaust auferstanden ist zu einem Land, das Menschen aus aller Welt Hoffnung und oft Heimat schenkte und damit den von Schiller formulierten optimistischen Wunsch doch noch erfüllte: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hofftet es, Deutsche, vergebens / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“
Dieser Aufruf gilt auch heute: Schauen wir nicht auf die Zugehörigkeit zu einer Nation, sondern bilden wir uns zu freieren Menschen aus. Menschen, die sich emanzipieren von Pathos und Parolen, von Vorurteilen und Vaterlandsstolz. Menschen, die wie die Taxifahrerin in Shida Bazyars Roman dort helfen, wo es nötig ist, ohne nach dem Woher oder Wohin zu fragen. Goethe und Schiller, sie würden uns applaudieren. Jan Ehlert
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Jan Ehlert ist Journalist und pendelt zwischen Hamburg und Hannover. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine Kolumne »Literatur zur Lage«. © Agnes Fitek



