»Literatur zur Lage« #107: »Ich zweifle, also bin ich!«

Kolumne #106. HCZ-Kolumnist Jan Ehlert schreibt in seiner Kolumne »Literatur zur Lage« unter anderem über Anne Carson, Kanadas Literaturnobelpreisträgerin 2026 und die Kreativität des Zweifel in der Literatur

Der französische Philosoph René Descartes hatte ein Händchen für Instagram-fähige Sätze. „Cogito, ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“, schrieb er im 17. Jahrhundert. Ein Satz, der bis heute immer wieder zitiert wird und der vermutlich zu den berühmtesten Leitsätzen der Philosophie überhaupt zählt. Doch dieser Satz ist unvollständig, das offenbarte die kanadische Dichterin und frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin Anne ­Carson jüngst in einem Podcast. Sie habe Descartes endlich im Original gelesen und dort den Satz gefunden „Dubito, ergo cogito, ergo sum“ – „Ich zweifle, also denke ich, also bin ich“. 
Foto oben: Anne Carson, 76, Kanadas Literaturnobelpreisträgerin 2026. Fotografiert, als sie am 9. Oktober, einen Tag nach ihrer Nobelpreis-Verkündung, im Mjolnir-Fitnessstudio in Reykjavík, Island, trainiert – sie boxt. © picture alliance / EXPRESSEN | Olle Sporrong/Expressen/TT

Ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied, nicht nur für das Werk von Anne Carson, in dem der Zweifel schon immer an allererster Stelle stand. Um die alten Griechen und Römer zu verstehen, lernte sie Altgriechisch und Latein und übersetzte anschließend die großen Werke der Antike neu – und teilweise überraschend anders und aktuell. Das gilt ganz besonders für ihre Version der „Antigone“. 

Der Appell, dass vor dem Denken der Zweifel stehen und man nicht jeder Aussage Glauben schenken sollte, wird bereits seit Jahrhunderten von Schriftstellerinnen und Schriftstellern wiederholt und beschrieben. Der antike Satiriker Lukian bezeichnete bereits die gesamte „Odyssee“ von Homer als „Lügengeschichte“ und sagte über sein eigenes Werk: „Meine Leser brauchen dem, was ich erzähle, nicht den geringsten Glauben beizumessen.“ Bei Shakespeare tritt „Das Gerücht“ sogar als Person auf, erzählt von einem Sieg, der nicht stattgefunden hat: „Schlimmer als wahres Übel ist erklungen / Falsch süße Tröstung von Gerüchtes Zungen“, ruft es spöttisch. Die Folgen sind tragisch und tödlich. Und Erich Kästner lässt seinen „Fabian“ in einer Zeitungsredaktion miterleben, wie schnell ein paar Tote in Asien erfunden werden, weil eine Katastrophenmeldung für die Mischung im Blatt noch fehlt.

Was hätte Kästner wohl von der heutigen Flut von Fake News gehalten? Von Zeiten, in denen Präsidenten und Politiker großer Staaten schamlos lügen und viele Menschen glauben, sich nach zwei Twitter-Nachrichten schon eine Meinung gebildet zu haben? Umso wichtiger ist Anne Carsons Erinnerung an den Zweifel. Mit ihrer Anekdote ermahnt sie uns, zunächst einen Schritt zurückzutreten. Anzuzweifeln, ob das stimmt, was wir hören, und nach der Quelle zu fragen. Dazu gehört auch, ihr selbst nicht bedingungslos zu glauben: Was Descartes wirklich gesagt hat, das können Sie eben nur dann wissen, wenn Sie selbst nachschauen – im Original. Jan Ehlert

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Jan Ehlert ist Journalist und pendelt zwischen Hamburg und Hannover. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine ­Kolumne »Literatur zur Lage«. © Agnes Fitek

HCZ-Kolumnist Jan Ehlert: „Umso wichtiger ist Anne Carsons Erinnerung an den Zweifel. Mit ihrer Anekdote ermahnt sie uns, zunächst einen Schritt zurückzutreten. Anzuzweifeln, ob das stimmt, was wir hören, und nach der Quelle zu fragen.“ © Agnes Fitek

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